Mit Goethes Blick durch Umbrien

Asissi Minerva Tempel
Asissi Minerva Tempel

Wir trafen Dario Tomellini in der Kellerei Cacciadiavoli. Teufelsjäger heißt das auf Deutsch. Und wer weiß, dass Tomellini Titolare eines Projektes mit dem anspruchsvollen Namen „Goethes zweite Reise nach Italien“ ist, könnte auf den Einfall kommen, die Begegnung und ihr Ort könnten etwas mit Goethes Faust zu tun haben. Nein, natürlich nicht. Die Wirklichkeit ist profan. Die Kellerei liegt in der Nähe von Montefalco in Umbrien, und dort in der Nähe befindet sich die Mühle, die Dario und seine deutsche Frau Barbara bewohnen, neben einigen Pferden und ungezählten Hunden und Katzen. Teufel sind fern und nicht zu jagen.

Museum von Montefalco
Museum von Montefalco

Als sich aufgrund einer Pressereise zu einer touristischen Messe in Città di Castello, dem “Salone del Turismo Rurale und Eco Natura”, die im Rahmen des 50. Jubiläums der „Fiera nazionale del cavallo“, die Gelegenheit bot, Umbrien zu besuchen, lag es nahe, den Goethefreund Tomellini zu besuchen. Und noch näher lag es, diese Region in der Mitte Italiens, die man auch das grüne Herz Italiens nennt, mal nicht nach den Kriterien von Trivago und Tripadvisor zu erforschen und sich womöglich eine eigene Hitliste der 10 sehenswertesten Ziele zu erstellen, sondern sich ihr mit den Augen Goethes zu nähern, zumal es für das geplante Projekt, eine mehrteilige Fernsehserie schon ein Drehbuch für Umbrien gibt, das erste. Dort gibt es einen Dialog zweier Protagonisten: 1.:”Ich suche das Besondere.” 2.: “Ich auch, deswegen setze ich das Internet ein.” 1.: “Das Besondere wollen Sie im Netz finden?” 2.: “Wo sonst?” 1.: “Im Netz fischt man bloß, was oben schwimmt. Mich interessiert das, was man nicht sieht.” 2.: “Was meinen Sie damit?” 1.: “Das, was sich nicht aufdrängt, das, was die Essenz darstellt.”
Diese Essenz zu zeigen, entsprach wohl auch den Intensionen der Messeverantwortlichen. Fabio Paparelli, Vice Presidente della Giunta Regionale, der Regionalregierung Umbriens, dürfte der Goethesche Blick nicht unwillkommen sein, um seine Region in ein neues Licht zu setzen, ungetrübt von Erdbeben-Staub und anderen Misslichkeiten. Wobei natürlich die Goethesche Betrachtung diskutiert, definiert und dann noch in moderne Zeiten übertragen werden muss.

Sagen wir, verkürzend, es ist der Blick, der über den Glanz und das Pompöse hinweggeht, der die sozialen, historischen und humanen Bezüge nicht aus dem Auge verliert. Das ins touristische Auge Stechende, das kann man dann getrost Tripadvisor und Trivago überlassen.
Aber eine solche Reise verlangt etwas mehr Vorbereitung, aber es lohnt sich. Uns wurde dies freundlicherweise weitgehend von den Einladenden und dem Organisator Riccardo Busso abgenommen.

In der Kapelle San Giovanni Battista Perugia
In der Kapelle San Giovanni Battista Perugia

Die Kellerei Cacciadiavoli ist ein gutes Beispiel für den „anderen Blick“ auf ein untouristisches Italien. Sie produziert als Familienbetrieb jährlich 200 000 Flaschen jährlich. Einst gehörte sie einem Fürsten, der sich seines Reichtums entledigen wollte. Ein Freund machte weiter. Heute sind es das Ehepaar Pambuffetti, die – nach meinem Geschmack – vor allem einen hervorragenden Grechetto keltern. „Der Jahrgang 2015, mit 13 Prozent für einen Weißen kein Leichtgewicht, war auch hervorragend“, sagt fast entschuldigend ihre Mitarbeiterin Francesca, die uns fachkundig durch die Kellerei führte, bevor sie eine Flasche Sagrantino entkorkte, der als einer der besten Rotweine Italien gilt.
Auch das Städtchen Montefalco liegt außerhalb des üblichen touristischen Fokus`. Das bot uns die Chance, ungestört das mittelalterliche Zentrum zu durchlaufen und sich dann in dem modernen Museum, eingerichtet in der Kirche St. Francesco, den alten Wandgemälden des Benozzo Gozzoli und den modernen umbrischen Malern zu widmen, die kaum ein Fremder kennt.
Unbekannt zu sein gilt auch für Spello, eine Kleinstadt aus römischer Zeit, genannt die Hauptstadt der Blumen. Unbekannt bei deutschen Portalen ist es eine Sehenswürdigkeit für jeden, der einen Blick für das Unverfälschte hat.

Perugia, Hauptstadt Umbriens, ist ein klassisches Reiseziel. Hier führte Goethe kluge Gespräche über die katholische und protestantische Konfession mit seinem “Hauptmann”, und schrieb dann in sein Tagebuch: “Ich verließ Perugia an einem herrlichen Morgen und fühlte die Seligkeit, wieder allein zu sein. Die Lage der Stadt ist schön, der Anblick des Sees höchst erfreulich. Ich habe mir die Bilder wohl eingedrückt.” Gemeint war der Lago Trasimeno. Wir hatten keinen Hauptmann, sondern unseren Guida namens Ruggero, der stets traurig wirkte wie ein Geschichtsprofessor, dem kein Student zuhört, der uns aber Orte aufschloss, an denen wir bei früheren Reisen vorüber gelaufen waren. Er machte seine Führung sehr geschickt, indem er stets kleine Fragen stellte, „wollen Sie das besser verstehen?“, die keiner beantwortete, aber die ihm unsere Aufmerksamkeit sicherten. So kamen wir zu dem Pozzo dei Etruschi, einem hydraultechnischen Meisterwerk aus dem 3. vorchristlichen Jahrhundert. “Die römischen Eroberer haben viel vernichtet,” erzählt Ruggero, “beginnend mit dem Gebrauch der Sprache. Ein gewaltiges Tor blieb übrig und der Pozzo, Beweis für die zivilisatorische Rangstellung dieses uns so fremden Volkes, das die Wasserversorgung seiner Bürger beherrschte.” Unser Guida brachte uns ins Collegio della Mercanzia, einen mit Holzvertäfelungen aus dem 15. Jahrhundert ausgekleideten Raum, die ehemalige Zunftstube der Kaufleute, die mit ihren 40 gewählten “Priori” in dieser Zeit die Geschicke dieser stolzen und unabhängigen Stadt bestimmten, die Räume der Geldwechsler, die Salla dell` Udenzia und in die Salla dei Notari. “Wo die Bürger und nicht Fürsten oder Bischöfe den Ton angeben, hat auch das Recht eine Chance.” Wer wollte Ruggero widersprechen? Es waren Päpste, die im Salzkrieg die stolze Stadt in den Staub warfen und um ihre Stellung zu sichern die einst größten Festung Europas bauten. Heute ist dort eine Rolltreppe untergebracht, doch Ruggero interessiert nicht dessen Förderleistung, sondern die Geschichten der Familie Farnese und ihre Auseinandersetzungen mit dem Kaiser Karl V. und den Päpsten.

“Der Weg ging erst hinab, dann in einem frohen, an beiden Seiten in der Ferne von Hügeln eingefassten Tale hin, endlich sah ich Assisi liegen”, schreibt Goethe. “Die ungeheuren Substruktionen der babylonisch übereinander getürmten Kirchen, wo der heilige Franziskus ruht, ließ ich links mit Abneigung, denn ich dachte mir, dass darin die Köpfe so wie mein Hauptmannskopf gestempelt würden.” Wir ließen sie nicht links liegen, weil wir nicht der Dichterfürst sind, und wir gern das anschauten, was von uns erwartet wurde. Aber danach folgten wir Goethe, ohne wie er “einen hübschen Jungen” fragen zu müssen und gingen zu der Kirche Maria della Minerva, einem von Papst Paul III umgebauten und dann mit einem barocken Innenraum versehenen römischen Tempel. “Das erste vollständige Denkmal der alten Zeit, das ich erblickte. Ein bescheidener Tempel, wie er sich für eine so kleine Stadt schickte, und doch so vollkommen, so schön gedacht, dass er überall glänzen würde”, schwärmt Goethe. Er wurde damals von vier Typen schräg angemacht, weil nicht ehrerbietig in der Kirche des Heiligen Franziskus war. Das konnte uns nun nicht passieren.

Città di Castello
Città di Castello

In Città di Castello war Goethe nicht, er wäre aber überrascht gewesen über die vielen und jungen Menschen, die dieser alten Stadt Leben einhauchten, als wir durch die Gassen liefen, um den Palazzo Comunale mit seinem Stadtturm aus dem 14. Jahrhundert, den Dom Santi Florido e Manzio und den Palazzo del Podestà zu besuchen. Auch diese Stadt liegt unverdientermaßen nicht auf den großen Trekkingstrecken des Tourismus. Wenn du nicht eine Universität in deinen Stadtmauern hast wie Perugia oder einen weltweitbekannten Heiligen wie Asissi mit dem Heiligen Franziskus wird es schwer zu überleben. Und als eine Taxifahrerin erzählte, alle würden nach Deutschland gehen, sie aber nicht, weil es ihr zu teuer wäre, sie plane den Abschied auf eine Kanaren-Insel, da wurden wir traurig und dachten an unseren alten Dichter Goethe: “Wer sich den Gesetzen nicht fügen will, muss die Gegend verlassen, wo sie gelten.”

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