Mal eben nach Brasilien

Der Strandabschnitt Brasilien bei Schönberg an der Ostsee.

Für zwei Tage auf dem Rad hatte ich mir viel vorgenommen. Von Lübeck nach Berlin, und dann hinaus in die weite Welt, Brasilien und Kalifornien. Nun, das alles sind Orte in der Schleswig-Holsteinischen Schweiz und der Ostsee. Warum als in die Ferne schweifen, wenn das Gute nebenan liegt? Nun ja, beinahe jedenfalls. (Text/Fotos: Markus Tischler)

Der Anfang vom Anfang. Bahnhof Lübeck, ein kleiner Weg, der parallel zu den Gleisen verläuft, danach Industriegebiet, Hauptstraße, selten schön sowas, aber bis Bad Schwartau sind es nur wenige Kilometer. Dann die Mozartstraße, kleine Siedlung, die Stadt verschwindet hinter mir, die Straße vor mir in der Landschaft, Vogelgezwitscher. Erster Stopp: die Bismarcksäule auf dem Pariner Berg. Es geht hinauf, erst auf einem Feldweg, dann wieder auf einer Straße. Rechts taucht ein großes Haus und eine Einfahrt auf. Das Hinweisschild zum Parkplatz ist nicht zu übersehen, ich radele trotzdem erst einmal daran vorbei. Warum, das weiß ich hinterher auch nicht mehr. Ich stehe dann aber doch vor dem 12,82 Meter hohen Bauwerk aus dem Jahr 1902. Stille um mich herum, auf einer Weide grasen Schottische Hochlandrinder. Im Inneren der Säule windet sich eine Wendeltreppe nach oben, auf den letzten Metern wird es eng, kaum Platz, für eine Person, denke ich. Auf der Aussichtsplattform: Blick in alle Himmelsrichtungen. Im Nordosten verschmelzen das Blau des Himmels mit der Ostsee.

Eigentlich habe ich keinen Plan, welche Strecke ich fahren will. Ich habe nur Ziele, aber ich wähle nicht immer den direkten Weg. Ich könnte über Curau immer nur geradeaus Richtung Ahrensbök radeln, aber ich verlasse die Hauptstraße. Erst nach Westen, Dissau und Dakendorf locken, dann nach Norden. Der Wind streicht über Rapsfelder. Richtungswechsel nach Osten, rüber über die Hauptstraße nach Schwochel. Ein Schild an der Straße weist darauf hin,

Farbenpracht: blühender Raps (Foto: Markus Tischler)

dass es auf den nächsten 3,3 Kilometer kurvig wird. Ein Frosch hüpft vor mir über den Asphalt, vier oder fünf Sprünge noch, dann ist er in Sicherheit. Ich mache kurz darauf Pause in Ahrensbök, Latte Macchiato und Kartoffelsalat, eine derartige Kombination würde ich daheim nie wagen, aber ich bin auf Weltreise, wenn auch nur auf einer kleinen. Wieder zurück auf die Hauptstraße und ein Stück zurück nach Süden, Abzweig Lebatz, hier nimmt das Land die Straße wieder in sich auf. Felder, Hecken, verschlafene Siedlungen. Wie lange könnte ich es hier als Großstadtmensch aushalten? Wann wird aus Ruhe und Abgeschiedenheit zu viel Einsamkeit?

Ein Jahr zuvor war ich in den Neuengland-Staaten unterwegs, Indian Summer. Ich muss daran denken, als ich den Antik-Hof in Gnissau sehe. Antique-Läden in Maine, New Hampshire und Vermont, wo vor den Häusern herumlag oder stand, was vielleicht nicht wirklich antik, aber oft schrottreif gewesen ist. Oder deutliche Gebrauchsspuren aufwies. Nichts davon ist im Antik-Hof zu sehen. Kunstvolle Tische, Stühle, Kommoden, Uhren, Schränke sind im Innenraum zu bewundern. Inhaberin Roswitha Zopp, die zugleich Restauratorin ist, erzählt, dass sie erst vor kurzem eine Kirchenbank aus dem Jahre 1643 verkauft habe und verweist auf die Qualitätsunterschiede des oft einige Jahrhunderte alten Inventars im großen Ausstellungsraum und dem Mobiliar von heute. „Alte Möbel“, sagt sie, „lassen sich immer wieder restaurieren.“

Eine halbe Stunde später erreiche ich Berlin. Es ist irgendwas um 16 Uhr herum, eigentlich der Beginn der Rushhour. Das Berlin in Schleswig-Holstein aber döst in der Sonne vor sich hin. Am Potsdamer Platz bin ich der einzige Besucher, der sich den Stein anschaut, auf dem die Entfernung zur Hauptstadt angezeigt wird, 357 Kilometer sind es. Der Kurfürstendamm entpuppt sich als Wohnstraße, in der man wegen möglicherweise spielender Kinder nicht schneller als 30 Km/h fahren soll. Es gibt auch eine Heerstraße. Verblüffend aber ist, dass das Berlin, in dem ich gerade unterwegs bin, zum ersten Mal im Jahr 1215 urkundlich erwähnt worden ist und deshalb als das älteste Berlin der Welt gilt.

Und von diesem Berlin will ich nun hinaus in die weite Welt. Oder besser: zum Dorf Weitewelt. Kein Scherz, gibt es wirklich. Woher der Ort seinen Namen hat, kann ich nicht in Erfahrung bringen. Aber vielleicht haben die Menschen das ja damals so empfunden: Drei Kilometer Fußmarsch, und man ist draußen in der weiten Welt. Oder lag es an dem weiten Blick über die Felder hier?

Endstation Eutiner Schloss, früher Abend, das Portal steht stramm vor einem tiefblauen Himmel. Ich bin doch müde geworden auf den letzten Kilometern. Die Sonne, die vielen kleinen Hügel, am Ende dann auch noch der Gegenwind. Und morgen, wenn ich nach Brasilien will, muss ich über den höchsten Berg in Schleswig-Holstein, aber ich will schließlich auch etwas sehen von der Welt, die da vor mir liegt.

Am 167,4 Meter hohen Bungsberg ist es wie an der Bismarcksäule. Ich bin mit mir allein. Jedenfalls auf dem Aussichtsturm. Richtung Norden erkenne ich eine Kirchturmspitze, dort liegt der Ort Hansühn und die Christuskirche soll die höchstgelegene Kirche in Schleswig-Holstein sein. Steht jedenfalls so in meiner Karte. In einem Prospekt, welches ich wenig später in der Kirche in der Hand halte, rühmt man sich allerdings nur damit, dass es sich um die höchste Kirchturmspitze (145 Meter) handele. Was wiederum kein großes Kunststück ist, schließlich räumt der Verfasser des Infotextes ein, dass die Kirche ja auch auf einem Hügel stehe und der Kirchturmfuß erst bei 101 Metern Höhe beginnt. Das erinnert mich an Frankreich, an den Col de la Bonette. Da hat man irgendwann eine vielleicht einen Kilometer lange Straße um den Gipfel gebaut, um anschließend sagen zu können: Seht her, das ist der höchste Pass in den Alpen.

Zwischen beidem, dem Bungsberg und dem Kirchturm, bremse ich noch für einen Blick auf Straußeneier, die auf einem Hof in Langenhangen verkauft werden. Und wo ich schon einmal da bin, opfere ich mich auch nur für ein Foto an dem Marterpfahl im Garten. Wilder Westen zwischen Rapsfeldern. Weil ich wissen will, woher die Straußeneier und der Marterpfahl kommen, klingele ich an der Haustür von Angelika Schlüter. Im Haus stehen Schalen mit weiteren Straußeneiern herum. „Ich hatte einmal fünf Nandus. Nun gibt es nur noch einen.“ Und der Marterpfahl? „Hat mir mein Sohn geschenkt. Den hat er selbst gemacht, als er zwölf Jahre alt gewesen ist.“

Ich muss erst nach Hohwacht, um in der Schleswig-Holsteinischen Schweiz die ersten Serpentinen zu meistern. Leider klappt das nicht so recht. Sechs enge Kurven, viel Sand, auf dem kurzen Anstieg hinauf zum Hohwachter Ausguck und zur Steilküste kapituliere ich vor einem Weg, den Radfahrer benutzen dürfen, dessen Kurven aber für Fußgänger ausgelegt sind. Kurz vor Satjendorf kann ich dann nicht anders, als einfach stehen zu bleiben. Schließlich steht da an einem Wegweiser nebst Radfahrersymbol „Mach mal Pause“. Warum man hier jetzt aber Pause machen soll, ist mir nicht klar. Vielleicht gab es ja mal so etwas wie einen Imbisswagen, deren Besitzer irgendwann weitergezogen sind und das Schild vergessen haben.

Bis Brasilien ist es nun nicht mehr weit. In Hohenfelde führt eine Straße zum Strand, der Asphalt verschwindet, ein Feldweg führt entlang der Küste und umrundet zwei Naturschutzgebiete. Dann wieder Asphalt, eine kilometerlange Rennstrecke liegt vor mir. Rechts sind hinter den Dünen Strandkörbe zu sehen, manchmal auch Menschen, die im Wasser stehen. Ein Surfer ist unterwegs, weht ja auch ein frischer Wind. Von hinten, da rollt es sich gut, anders als bei jenen, die mir entgegenkommen und in deren Gesichtern entweder pure Verzweiflung, großer Mist oder sonst was geschrieben steht, was man so empfindet, wenn man Mühe hat, auf seinem Drahtesel Jogger zu überholen.

Und dann also Brasilien. Ein Durchgang zwischen den Dünen zum Strand. Eine große Brasilienfahne, Holzfiguren und das Ortsschild. Nur keine Bar, aber ich will auch gar nicht lange verweilen, ich will weiter nach Kalifornien, dann kann ich behaupten: Ich war mit dem Rad in Brasilien und in Kalifornien. Und das binnen eines Tages! Könnte auch sagen: binnen einer halben Stunde. Aber dann würde der Schwindel sofort auffliegen. Ich hätte es auch richtig übertreiben können. Bolivien soll es hier auch noch irgendwo geben. Und auch Bali hätte ich einen Besuch abstatten können, aber das liegt in südlicher Richtung. Und weniger ist manchmal mehr. Auch im Radurlaub. Von der weiten Welt habe ich in zwei Tagen auch so viel gesehen.

 

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