Mailand hinter dem Gürtel

Mailand und die Angst vor dem Coronavirus

Der Flug EJU 2557 von Mailand-Malpensa nach München ist verspätet, statt 19:10 jetzt 19:43. Es ist Sonntag, der 23. Februar 2020. Unruhe macht sich breit im Abflugbereich. Es werden Alternativen ventiliert. Man könnte, um der zu erwartenden Sperrung des Flughafens zu entgehen, mit dem Zug fahren. Ob der Zug ab 20:45 ab Milano- Centrale noch zu erreichen ist? Er braucht 11Stunden, 34 Minuten, mit einmal Umsteigen. Den um 23:25 würde man mit Sicherheit kriegen, der braucht 15 Stunden, man wäre erst um halb 3 in München. Ein Wahnsinn. Was zu diesem Zeitpunkt keiner weiß: Der Brenner ist dicht, weil zwei Reisende Fiebersymptome auswiesen. Bleibt ein Leihwagen.

Doch dann wird doch „geboardet“. Aber nur, um weiter zu warten. „Paper work“ wäre zu tun, erklärt der Steward, aber vorne wird zwischen der Crew und einem gelbgewesteten Mann ernsthaft verhandelt. Die Passagiere sind in ihren Sitzen gefangen, Quarantäne. Gerüchte werden aus den Handys aufgeschnappt, dann verbreitet, sie gehen viral. In Zeiten des Coronavirus. Morgen, am Montag, würde auch Mailand abgeriegelt, kein öffentlicher Nahverkehr mehr. So raunte es durch die Sitzreihen. Dann wären wir verraten, müssten wir in der lombardischen Hauptstadt bleiben. Gefangen für wie viele Tage oder Wochen? Aus der Unruhe entsteht Panik. Spät, sehr spät, hebt der Flieger von Easy Jet ab, gefolgt von weiteren Flugzeugen, die wohl alle auf das gleiche Kommando, die gleiche Freigabe gewartet haben.
Es waren schöne Tage in Mailand, das Wetter erlaubte bei 16-18 Grad frühlingshafte Bekleidung. Es waren die Tage der Modewoche, der Moda Donna. Wenn schon Mailand mehr durch die Eleganz seiner Bewohner glänzt als durch die seiner Gebäude, wurde dies an diesen Tagen noch gesteigert. Denn jede Mailänderin und jeder Mailänder wollte den Eindruck vermitteln, als käme er direkt von einem der Laufstege, als hätte er gerade eine prächtige Sfilata hinter sich. Vom 18. – 24. Februar 2020 dauerte die Milano Moda Donna , auf der die bedeutendsten Modedesigner ihre Stoffmarken für die kommende Saison setzen. Gucci, Armani, Roberto Cavalli, Dolce und Gabbana, Jil Sander, Versace, Fendi und auch junge Designer präsentieren sich und ihre Kollektionen. Am Samstag noch Ferragamo, Missoni und andere. Glanz und Stolz.

Am Sonntag dann: Alles in Schwarz, Giorgio Armani inszeniert eine gespenstische Schau, die nur über Videoschirme verfolgt werden kann. Doch was ist ein Laufsteg ohne Publikum? „Die Entscheidung wurde zum Wohl meiner Gäste getroffen, um sie nicht einer großen Menschenmenge auszusetzen,” teilt der 85jährige Designer mit. Und noch bevor der Flug EJU 2557 die Lombardei verlässt, telegrafiert die Modekammer, der Veranstalter der Messe, dass die beiden letzten, für den Montag angesetzten Shows der Fashion Week ausschließlich online zu sehen sein sollen.

Am Samstag war noch alles anders. Zwar war der Ansturm auf den Dom und sein Dach bereits geringer als gewöhnlich, war der Weg vom Dom zur Börse über die Via Negri und zum Castello Sforzesco nicht so bedrängt, wie man es kennt, doch reckte sich der Mittelfinger auf der Piazza degli Affari frech und selbstbewusst wie immer in den Mailänder Himmel. Und wurde die Show von Bottega Veneta in gewohnter Raffinesse vorgeführt, „Poetische Sinnlichkeit durchdringt jedes Kollektionsteil”. Aber im Süden der Stadt , bei Codogno, und im nahen Veneto wurde schon 50 000 Menschen ein unfreiwilliger Hausarrest verordnet.

Dann gab es bald kein Halten mehr. Am Sonntag schlossen der Dom, die Scala, die Schulen, die Universitäten. In den Supermärkten dagegen war Hochbetrieb, die Regale leerten, die Meldungen überschlugen sich, stündlich fast stiegen die Todeszahlen, die Ansteckungen schnellten in die Höhe. Der Corriere della Sera publizierte „SOS-Meldungen“, Codogno, Veneto, Casalpusterlegno, der Paziente Zero wurde gesucht, der Unglückliche, der das Virus aus China mit nach Hause gebracht hatte. Es ist vermutlich ein Rückkehrer aus China, ein Manager, der von Schanghai zum Heimatbesuch nach Italien kam. Um die Stadt Mailand wurde eine „cintura“, ein Gürtel, gelegt, der das Virus draußen halten sollte, nur für Lebensmittel blieben Korridore geöffnet. Schreckensberichte über die Auswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft und den Tourismus machten die Runde. Bis zu 40 Prozent der Vorbestellungen wurden angeblich bereits storniert. Der Tourismus ist ein Schwergewicht mit 90 Milliarden Euro Umsatz, 5% des italienischen Brutto-Inlandsprodukts. „Wir haben es geschafft, uns umzubringen“, klagt Bernabò Bocca, der Präsident von Federalberghi, des Hotelverbandes.
Am Samstagabend noch saßen wir am Naviglio Grande, dem großen Kanal von Mailand, den nur im Sommer Schiffe befahren. Der Aperol Spritz floss in Strömen, beide Ufer, vor allem das Ripa di Porta Ticinese wurden zum Laufsteg der mailändischen Jugend. Viel Bein unter Kunstfellen und langen beigen Mänteln war angesagt. Als wollte man – wie einst mit dem Tanz der Sarabande der Pest – mit einer Sfilata der Furchtlosen dem Coronavirus die Stirn bieten. So wie das Tribunale di Milano mit einem Zweimeter-Abstand zwischen den Parteien die Ansteckung überlisten will. Einen Stillstand der Rechtspflege soll es nicht geben. Doktor Balanzone und Brighella, Masken aus der Pestzeit, warten auf ihre Auferstehung. Am Sonntag füllten sich sie Straßen und Geschäfte bereits mit weißen Mundschutzen, die indes zum Telefonieren oder Eisessen abgenommen wurden. „Coronavirus, wenn die Angst zu Krankheit wird“, spotteten einige Medien. In Venedig wird der Karneval abgesagt. Ministerpräsident Giuseppe Conte erklärt, eine Aussetzung des freien Personenverkehrs in Europa wäre „vollkommen übertrieben“ und würde die italienische Wirtschaft schwer treffen. Man wolle nicht das ganze Land in ein geschlossenes Lazarett verwandeln.

In München beim Landeanflug stellen wir uns zwei Varianten vor: Fiebermessen, wie schon in Mailand nach der Landung, oder direkte Verfrachtung in die Quarantäne. Zum Glück ließ man uns einfach laufen.

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