Karneval der Matoci

Trentiner Faschingstraditionen im Fleims- und dem Fassatal

von Udo Haafke (Text und Bild)

„Mit 7 Jahren war ich zum ersten Mal dabei.“ Graziano Lozzer, ehemaliger Bürgermeister von Valfloriana am westlichen Ende des Val di Fiemme, des Fleimstals, und heutiges MKarneval der Matoci Fasching Südtirol Trentinoitglied der Regionalregierung im Trentino, strahlt übers ganze Gesicht, während er mit tatkräftiger Unterstützung seiner Ehefrau sein buntes Matoci-Kostüm mit dem farbenprächtigen, breitrandigen Hut anlegt. „Zum Schluss kommt die Maske. Weil die alte schon etwas ramponiert war, habe ich eine neue schnitzen lassen. Die Nase ist etwas breiter, aber sonst sieht sie ganz genauso aus.“ Sein Lächeln verschwindet unvermittelt hinter der hölzernen Larve und urplötzlich vollzieht sich eine wundersame Wandlung. Mit hoher verstellter Stimme beginnt er provokante Reden zu schwingen und vorzugsweise die umstehenden weiblichen Wesen anzusprechen.Karneval der Matoci Fasching Südtirol Trentino

Eine Kuhglocke gehört zum traditionellen Outfit eines Matoci. Diese vor den Bauch gefunden bedarf es einer etwas merkwürdig wirkenden Geh- und Lauftechnik, um das Geläut in Schwingungen zu versetzen. Doch Graziano, in seiner Freizeit umjubelter Laienschauspieler, ist Profi. Derart ausstaffiert läuft er nun lärmend und gestikulierend talwärts bis zum Dorf, wo die anderen Faschingsfiguren bereits ungeduldig auf sein Erscheinen warten. Der Matoci ist die Leitfigur des hiesigen Karnevals, der “mascherada“, die alljährlich am Samstag vor Rosenmontag zelebriert wird und mühelos die komplette Dorfgemeinschaft zusammenbringt, die diesen besonderen Tag im lokalen Jahreslauf gebührend zu feiern versteht.

Insgesamt gehören neben dem Matoci fünf weitere typische Figuren zum regionalen Fasching im Fleimstal. Der Harlekin “Arlechini“, “Bei“ und “Bele“, die Hübschen und die Schönen, die “Sposi“, das Hochzeitspaar, Mann und Frau in vertauschten Rollen, und die Figurengruppe “Paiaci“, die Kasper, außerdem sind einige Musiker, die “Sonadori“ mit dem Akkordeon dabei, die für gute Laune sorgen und alpenländische Klassiker wie den Schneewalzer intonieren. Haben sich alle versammelt beginnen die fKarneval der Matoci Fasching Südtirol Trentinoarbenfroh kostümierten Harlekins, die statt einer Maske einen hohen, konisch zulaufenden Hut tragen, mit ihrer Choreografie, die eine langsame Vorwärtsbewegung erzeugen. Obwohl alles leicht und mühelos aussieht, sind alle Harlekins hochkonzentriert und blicken während ihres Tüchertanzes beinahe ernst in die Runde, um unbedingt keine Fehler zu machen.

Der Umzug, der nach der Tradition einen Hochzeitszug symbolisiert, stellt eine Art Hindernislauf für den Matoci und sein fröhliches Gefolge dar, denn in jedem der 13 Weiler der Gemeinde Valfloriana wartet eine Aufgabe auf ihn, die er möglichst unterhaltsam zu lösen hat. So ist schon nach einigen Metern die erste Station erreicht: eine hölzerne Bank mitten auf der Straße. Graziano macht es sich gemütlich, schwingt vergnügliche Reden und diskutiert in einer lebhaften Fragerunde ebenso inbrünstig wie lautstark mit den Zuschauern des Umzugs. Wenn er diesen “Contrest“ bestanden hat, muss er noch seine gefälschten Dokumente vorweisen, um schließlich weitergehen zu können.Karneval der Matoci Fasching Südtirol Trentino

Am improvisierten Getränkestand kann unterdessen ein jeder seinen Durst stillen, dazu gibt es Krapfen und kleine Kuchen. Die Kostümierungen sind jedes Jahr gleich, man wechselt seine Figur nicht und bleibt dieser ein Leben lang treu. Aber seit wann es diese Tradition gibt, darüber weiß tatsächlich niemand so genau Bescheid, sie reicht jedoch sicher sehr weit zurück. Sie wurde in den 1980er Jahren wiederbelebt, nachdem das Faschingstreiben für mindestens 50 Jahre nicht weiter gepflegt worden war. Mit den Masken und der grellen Farbigkeit möchte man auf rituelle Weise die Dämonen und Geister des Winters austreiben, während man gleichzeitig, getarnt durch die Maske, Dinge sagt, die man sich sonst nicht zu trauen wagt. Die Paiaci indes bleiben stumm. Sie weisen mit ihrer Staffage pantomimisch auf Begebenheiten des letzten Jahres hin und sollen für zusätzliche Kurzweil sorgen.

Karneval der Matoci Fasching Südtirol TrentinoBei der Kirche von Montalbiano folgt die nächste Unterbrechung für die Schar der Karnevalisten. Hier herrscht ausgelassenes Treiben rund um die Verpflegungsstände an denen der Glühwein im rustikalen Kessel dampft, an denen KoteKarneval der Matoci Fasching Südtirol Trentinolettes, Mettwurst in Scheiben auf dem Grill garen und die Polenta mit einer riesigen Kelle gerührt wird. Die Maskenträger haben sich ihrer Larven vorübergehend entledigt und genießen das rustikale kulinarische Angebot. Insbesondere das Trinken fällt nun wieder etwas leichter. Und Graziano führt bereits den Matoci Nachwuchs ein. Der Junge an seiner Hand dürfte ihn an seine eigenen Anfangstage im Karneval erinnern und ein weiterer Drei-Käsehoch, ähnlich gekleidet, beobachtet beide mit höchster Aufmerksamkeit.

Zum Einbruch der Dämmerung ziehen die Masken in Casatta ein, dem letzten Ort auf ihrer fröhlich karnevalistischen Reise. Zum Abschluss folgt noch ein großer Maskenball im dortigen Theatersaal, der problemlos bis zum Morgengrauen des Sonntag andauert. Dann beginnen in Val di Fassa oberhalb des Fleimstals die finalen Vorbereitungen für den großen ladinischen Faschingsumzug “Mascherèdes“ in Campitello di Fassa, el Carnascèr de Ciampedel. Auch hier dreht sich alles um die typischen traditionellen Figuren “Bufons“, “Laché“ und “Marascons“, die die charakteristischen, aus Zirbelkiefer handgeschnitzten Holzmasken tragen, oft jedoch nicht im Gesicht sondern am ausgestreckten Arm. “Ausrutscher“, sie symbolisieren altes Handwerk, “Facères da bel e da Burt“, die Schönen und die Hässlichen, sowie Hexen und Zauberer unterstützen sie ausgelassen auf dem kurzen Weg vom Oberdorf bis zum Dorfplatz

Karneval der Matoci Fasching Südtirol Trentino                     Karneval der Matoci Fasching Südtirol Trentino

Recht rüde geht es dabei zuweilen zu, Publikum wird angerempelt, verbal provoziert und manch einer zum Gaudium der Umstehenden auf die mitgeführten Wagen gezerrt zwecks symbolischen Haarschnitts oder auch nur für einen starken Schluck eines undefinierbaren Drinks. Das Ganze wirkt wie eine freche, improvisierte Schauspielinszenierung, mit edlen wie grotesken Masken und üppigen Kostümierungen. Auch die ladinische Sprache wird in den Liedern und manchen, lautstarken Gesprächen gepflegt. Am Ende der Mascherèdes fährt die “Molin da la Veies“, die Jungfrauenmühle, die hässliche Figuren wieder in blühende Schönheiten verwandelt und damit rituell den Frühling beginnen lässt.

Karneval der Matoci Fasching Südtirol Trentino

Information

Region Trentino, Trentino Marketing, Via Romagnosi, 11, I-38122 Trento, www.visittrentino.it/de/
Region Fleimstal, APT Val di Fiemme, Via Fratelli Bronzetti, 60, I-38033 Cavalese TN, www.visitfiemme.it
Region Fassatal, APT Val di Fassa, Strèda Roma, 36, I-38032 Canazei, www.fassa.com

Termin:
Carnevale dei Matoci in Valfloriana am 25. Februar 2017, Karnevalszug Mascherèdes in Campitello die Fassa am 26. Februar 2017.

Anreise:
Am schnellsten geht es mit dem Flugzeug von Frankfurt nach Venedig (Air Berlin, www.airberlin.com, Preis ab EUR 189) und Weiterfahrt mit dem Mietwagen oder Busshuttle nach Val di Fiemme (ca. 3 Std. Fahrt am Samstag und Sonntag mit dem FlySkiShuttle, EUR 35 p.P., www.flyskishuttle.com). Alternativ mit der Deutschen Bahn von Heidelberg nach Bozen oder Trento (Preis ab EUR 58 für das Rückfahrticket), Anschluss dann mit Mietwagen oder Bus (ca. 1 Std., EUR 4,40 einfache Fahrt p.P.).

Karneval der Matoci Fasching Südtirol TrentinoUnterkunft:
Zentral im Zentrum von Cavalese liegt an der Piazza Cesare Battisti, 11 das sehr gemütliche 4-Sterne Hotel Excelsior (www.excelsiorcavalese.com) mit seinem ausgezeichneten Restaurant. Hier begann 1997 die Erfolgsgeschichte der Brauerei Birra di Fiemme. Preis pro Person bei Halbpension je nach Zimmerausstattung ab EUR 60, zzgl. EUR 2 Kurtaxe. Darin eingeschlossen ist, wie bei anderen Beherbergungsbetrieben auch, die FiemmE-motion Card, die zahlreiche kostenlose Leistungen beinhaltet wie den ÖPNV, Liftkarten und freier Eintritt in Museen und Galerien.
Eine ebenfalls sehr schöne Alternative ist das Hotel La Stüa (www.hotellastua.com) in der Via Baldieroni, 2, in Cavalese, das neben einem guten Restaurant über einen eigenen Parkplatz sowie einen Wellnessbereich verfügt. Preise ab EUR 140 bei Halbpension.

Essen und Trinken:
Kulinarisch ist das Fleimstal eine echte Offenbarung. Dazu trägt das Programm Tradizione & Gusto bei, dem sich zahlreiche gastronomische Betriebe angeschlossen haben, die sich nahezu ausschließlich auf Produkte aus der Region konzentrieren. Eines der Highlights auf der Karte des Ristorante Miòla (www.ristorantemiola.com) in Predazzo ist das Menü bestehend aus Radicchio-Salat, verfeinert mit Tomino-Käse, Gnocchi in Kaninchensoße und zum Dessert Halbgefrorenes von der Latschenkiefer, Yoghurt aus frischem Ziegenkäse sowie delikates Zimteis, das Ganze zum Preis von EUR 26,20. Dazu schmeckt ein Lupinenbier aus der Brauerei in Daiano. Mit etwas Glück bekommt man kostenlos authentisches Lokalkolorit dargeboten, wenn im örtlichen Dialekt vielstimmig und mit Klavierbegleitung ein Knödelrezept zum Besten gegeben wird.
Im Restaurant des Hotels Zaluna in Bellamonte wird ein 3-Gänge-Menü zu Preisen ab EUR 26 serviert.

Aktivitäten:
Val di FIemme ist weit über seine Grenzen hinaus als Wintersportregion bekannt. Entsprechend verfügt es über beste Angebote für Freunde von Alpinskivergnügungen wie für Langläufer, auch Schneeschuhwanderungen und Hundeschlittentouren sind möglich. Kulturell Interessierte sollten unbedingt einen Blick in den Palast der Magnificia Comunità di Fiemme werfen, der seit dem späten 13. Jahrhundert Sitz der Regionalregierung war und in den historischen Räumlichkeiten ein Museum zur Kulturgeschichte der Region beherbergt (www.mcfiemme.eu). Im nahen Trient sollte man unbedingt dem modernen MuSe – Museum für Wissenschaft einen Besuch abstatten. Der Stararchitekt Renzo Piano hat hier architektonisch über mehrere Etagen einen Bergzug imitiert, der sich interaktiv mit der fragilen Natur und Geologie der Region sowie der Evolutionsgeschichte auseinandersetzt (www.muse.it).

Die Recherche erfolgte auf Einladung von VisitTrentino.

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