Karawanken – Berge für Individualisten

Die landschaftlich sehr reizvolle Gipfelkette in den Südlichen Kalkalpen ist ein lohnendes Ziel für alle, die fernab vom alpinen Massentourismus ursprüngliche Berg- und Wanderabenteuer suchen.

Karawanken? Da war doch was: Staumeldungen im Radio über den Karawankentunnel, der irgendwo gen Süden führen muss. Mehr Assoziationen rufen die zehn Buchstaben bei den wenigsten hervor. Schade eigentlich. Oder vielleicht auch gut so. Denn das 120 Kilometer lange Grenzgebirge zwischen Österreichs Bundesland Kärnten und seinen südlichen Nachbarn Slowenien und Italien ist ausgesprochen schön. Das Kettengebirge mit seinen 15 Hauptgipfeln über 2000 Metern bietet Outdoorsportlern unglaublich viele Möglichkeiten in einer landschaftlich extrem reizvollen Natur, die bisher vom alpinen Massentourismus weitgehend verschont blieb.

Fotorechte: Petra RappDie Anfahrt über Klagenfurt, vorbei in Lambichl an der zur Gedenkstätte mutierten Unfallstelle von Kärntens früherem Landeshauptmann Jörg Haider, weiter in Richtung Ferlach/Loiblpass lässt noch nicht allzu viel von der bizarren Schönheit der Karawanken erahnen. Noch sind nur grüne Vorgipfel zu sehen. Auch im kleinen Ort Kirschentheuer am See in der Nähe von Ferlach. Dort betreibt Heinz Tischler mit seiner Familie eine größere Pension und erweist sich für seine bergsportbegeisterten Hausgäste als echter Glücksfall.

Heinz Tischler_Foto RappDer 64jährige hat schon viel erlebt in seinem sportlichen Leben, war selbst auf zwei 7000ern, hat zig 6000er bestiegen und große Teile Alaskas im Winter mit Huskies durchquert. Auch in den Bergen Boliviens war er öfter unterwegs. Die Karawanken kennt er wie kaum ein anderer. Er ist hier aufgewachsen und es ist ihm eine echte Herzensangelegenheit, seine Gäste nach wie vor zwei-, dreimal in der Woche zu seinen Lieblingsecken hinauf zu führen. Die Mela Koschuta ist eine davon. Sein „Klein-Patagonien“, wie er diese imposante Landschaft im Osten des Koschuta-Massivs liebevoll nennt.

Fotorechte: Petra RappDie Tour von Zell über den Geotrail zur Dicken Koschuta ist eine seiner Lieblingstouren. Außer zwei Jägern samt streng diszipliniertem Dackel ist kein Mensch unterwegs auf dem Weg hinauf durch den schönen Buchenwald zum Schaidasattel. Was hier noch wie eine schöne, aber nicht ungewöhnliche Wanderung anfängt, entwickelt sich nach rund einer Stunde Gehzeit schlagartig zum Außergewöhnlichen, als sich rechts vom Weg plötzlich abstrakt weiße Felsabgründe auftun, die kontraststark zum saftigen Grün des Spätsommers in der Sonne strahlen. Staunend steht die Gruppe am Eingang des Geotrails. „Geologie mit eigenen Sinnen wahrnehmen!“- der Leitspruch an der Eingangstafel bringt es auf den Punkt. Die Landschaft ist allein optisch schon atemberaubend, von einem Nebeneinander karbonatischer Gesteine, die schroffe Formen und hochaufragende Bergstöcke bilden, sowie schiefrigen Gesteinen mit sanfteren Formen geprägt.

Fotorechte: Petra RappDer Name Mela bedeutet Zerriebenes und bezeichnet treffend diese Felsverkarstungen. Der Trail führt mitten hindurch durch diese besondere Spielwiese alpiner Erdgeschichte mit ihren ständigen Gesteinswechseln. Mal geht er über wasserundurchlässige Tonschiefer-Mergelagen, mal durch große Schuttfelder aus losen Dolomit- und Kalkbruchstücken, dann hinauf zu den „Kärnter Dolomiten“ und über den Grat, wo sich ein großartiger Blick auf die südlichen Steiner Alpen auftut. Keine Ahnung, wie oft Heinz diesen Blick auf seine Heimatberge schon genossen hat, aber dass er es immer noch tut, sieht man ihm auch heute an.

Fotorechte: Petra RappOben am Adlersattel auf 1672 Metern markiert ein dicker Grenzstein die Staatsgrenze zu Slowenien. Heinz und seine Gruppe sind noch nicht ausgelastet und steigen am grünen Rücken weiter hinauf zum Gipfel der Dicken Koschuta (2059 m), wo ein schöner Ausblick auf die schroff abfallende Nordseite der Koschuta-Gipfel mit Koschutnik-Turm (2136 m ), Breitwand (2124 m) und Lärchenberg (2081 m) sowie viele hungrige Bergdohlen warten. Andere Wanderer? Trotz strahlendem Wetter und spätsommerlichen Temperaturen auch hier niemand anzutreffen. „Du bist in den Karawanken meist immer allein unterwegs und hast unglaublich viele Möglichkeiten. Das ist der große Vorteil hier“, erzählt Heinz. Die Schroffheit der Berge, ihre Ursprünglichkeit, die vielen herrlichen Klettersteige und eine noch sehr zugängliche, gastfreundliche Bevölkerung – für ihn reizvolle Argumente für einen Aufenthalt hier, die er seinen Gästen immer wieder verdeutlicht. „Unser Problem hier in der Koschuta: Wir haben zu wenig Hütten. Das Koschutahaus ist die einzige Hütte und die macht im Oktober zu, auch die Hütten auf slowenischer Seite schließen im Oktober.“

Fotorechte: Petra RappAnders auf der Klagenfurter Hütte (1660 m) weiter westlich jenseits des Loiblpasses. Eingebettet in zerklüftete Bergwände auf der Matschacher Alm ist die Alpenvereinshütte fast das ganze Jahr über das Wanderziel schlechthin in den Karawanken und in der warmen Jahreszeit Ausgangspunkt für viele Gipfelbesteigungen oder Fernwanderungen. Zur Hütte gelangt man in einer eineinhalbstündigen Wanderung über das Bärental. Auf dem Weg zur Hütte oder als nette Abendtour bietet sich eine Besteigung des nahen Kosiak (2024 m) an, auf Deutsch Geißkopf. Komisch, nur die wenigsten benutzen hier auf österreichischer Seite die deutschen Gipfelnamen. Der im Norden steil abfallende und im Süden mit Gras bewachsene Gipfel samt seinem mächtigen Gipfelkreuz aus Stahl ist von der Klagenfurter Hütte aus auf einem markierten Rundweg begehbar und offeriert einen schönen Blick auf die beeindruckenden Nordwände der Karawanken.

In der mit einer vollbiologischen Kläranlage und einer Fotovoltaikanlage ausgestatteten Klagenfurter Hütte ist abends nicht mehr viel los. Die Tagesgäste und die Schulklassen, die heute an ihrem Wandertag hier herauf marschiert sind, sind wieder abgezogen. Ein paar einheimische Bergläufer, die mit Stirnlampe zur Abendbrotzeit heraufgelaufen sind, gesellen sich bis zur Hüttenruhe zum Hüttenwirt und den wenigen Übernachtungsgästen.

Fotorechte: Petra RappDie Nacht im Dreibettzimmer war bis auf den Bach, der draußen vor dem Fenster die ganze Nacht laut geplätschert hat, sehr ruhig. Um sechs Uhr morgens ist Aufstehen angesagt, um zum Sonnenaufgang schon möglichst weit oben zu sein am Hochstuhl, dem mit 2236 Metern höchsten Karawankengipfel. Über den genauen Zeitpunkt, wann die Sonne hier in diesen Tagen wirklich aufgeht, sind sich der Hüttenwirt sowie die Einheimischen gestern nicht einig gewesen. Frühstück gibt es leider erst ab 7 Uhr. Das heißt, ohne Frühstück und vor allem ohne Kaffee losgehen. Es ist schon relativ hell, die Stirnlampen sind überflüssig. War also doch schon ein bisschen spät für den Sonnenaufgang hoch oben. Egal, ist auch so schön. Wer hinauf zum Gipfel nicht die sehr sportliche Variante über den Hochstuhl-Klettersteig, dessen Einstieg sich circa 20 Minuten weiter unterhalb der Klagenfurter Hütte befindet, nehmen will, kann direkt hier von der Hütte über einen kleinen Waldsteig losgehen. Ein langer Schotterweg führt hinauf zur ersten Scharte in Richtung Bielschitzer Sattel, wo Kärnten aufhört und Slowenien beginnt, was durch einen kleinen Grenzstein sichtbar gemacht worden ist. Es folgen eine Querung durch Latschenfelder und ein kurzer, steiler Abstieg auf die hintere Seite der Bergwand mit erstem Blick auf die slowenischen Gipfel. Inversionswetter. Unten ist alles in dichten Wolken. Aber hier oben kündigt sich ein weiterer strahlender Spätsommertag an. Der Weg ist abwechslungsreich, führt weiter über ein Kar mit langen Schotterfeldern hinauf zum Kleinstuhl und dann auf dem grünen Rücken zum relativ unspektakulären Hochstuhl-Gipfel, wo außer vielen Hinterlassenschaften der Gemsen, die anscheinend hier gerne übernachten, nicht viel zu sehen ist.

Fotorechte: Petra RappVom Gipfel aus leuchtet von einem südlichen Vorgipfel das Dach einer Hütte hervor und weckt die Hoffnung auf einen morgendlichen Kaffee vor dem Abstieg. Der kurze Weg hinüber zur exponierten Prešernova Koča Hütte (2193 m) lohnt allein schon wegen der genialen Aussicht von der Terrasse in Richtung Süden und dem authentisch slowenischen Flair. Der Kaffee? Nun gut, Geschmackssache. Wer auf südländischen Kaffeesatz steht… Aber wirken tut er zumindest und überbrückt aufkommende Müdigkeit beim langen Weg wieder hinunter zur Klagenfurter Hütte, wo abgebaute Kalorien mit deftiger Kärntner Hüttenkost wieder nachgefüllt werden.

Fotorechte: Petra RappNach so vielen Höhenmetern in den Beinen, ist eine kleine Regenerationspause angesagt. Gipfelpause heißt aber nicht, auf elementare Naturerlebnisse zu verzichten. Die Potocnik-Höhle, das Meerauge und vor allem die Tscheppaschlucht zum Tschaukofall sind hier in der Region Rosental lohnenswerte Ziele. Und ein bisschen Wandern mit ein paar Treppen und Steigen tut dem Laktatabbau bekanntlich gut. Treppen und Steige gibt es nämlich einige in dieser wildromantischen Schlucht in der Nähe von Unterloibl, die als eines von Österreichs schönsten Naturdenkmälern gilt. Über vier Kilometer zieht sich die Tscheppaschlucht hinauf ins Loibltal. Barfußparcour, Naturlehrpfad und Co. – im unteren Drittel kommen wissbegierige Touristen voll auf ihre Kosten. Je höher man kommt, umso weniger sind Erklärungen und Unterhaltung notwendig. Das Element Wasser zeigt hier im Fels seine ganze Kraft und Faszination in sehr unterschiedlichen Varianten. Ein abwechslungsreicher Weg, der oben beim Tschaukofall, wo mehr als 500 Liter Wasser pro Sekunde herabstürzen, beeindruckend endet. So allein, wie auf den meisten Karawankengipfeln ist man in der Schlucht vor allem im Hochsommer meist nicht. Doch auch hier ist alles noch in einem beschaulichen, angenehmen Rahmen.

Heinz Tischler erzählt bei der Abreise noch von den unzähligen weiteren alpinen Möglichkeiten in den Karawanken – und auch von sehr schönen Skitouren. „Doch im Winter ist hier noch viel weniger los und fast nur private Unterkünfte zu bekommen.“ Klingt gut!

Text und Fotos: Petra Rapp

INFORMATION KARAWANKEN

Lage: Die Karawanken sind das Grenzgebirge zwischen Österreich (Bundesland Kärnten) und seinen südlichen Nachbarn Slowenien (Gorenjska) und Italien.

 Charakter: Die Berggruppe hat eine Länge von insgesamt 120 Kilometern. Allein in der Hauptkette finden sich 15 Gipfel über 2000 Metern Höhe mit unzähligen, meist zweisprachig Deutsch und Slowenisch ausgeschilderten Wandermöglichkeiten. Die Südseite zeigt sich eher flach und grün, die Nordseite oft sehr schroff.

Anspruch: Das Tourenspektrum ist so vielfältig wie die Natur in den Karawanken. Von der einfachen Wanderung bis hin zu anspruchsvollen Wegstrecken über schmale Steige, schottrige Kare oder lange Klettersteige, für die Schwindelfreiheit erforderlich ist.

Anreise: Mit dem Auto von Norden über Salzburg und die A10 Tauernautobahn bis nach Villach und über die A 11 Karawankenautobahn bis nach St. Jakob im Rosental. Von Osten über Wien und Graz auf der A2 Südautobahn bis nach Klagenfurt und von dort weiter über die B 91 Loiblpass Straße über Maria Rain ins Rosental. Von Süden über Laibach und die A11 Karawankenautobahn oder über Udine und die A2 Südautobahn bis nach Villach und weiter ins Rosental.

Unterkunft: Zimmer und andere Unterkünfte gibt es in Hotels, Pensionen, Bauernhöfen, Gasthöfen oder von Privatvermietern.

Information: Carnica-Region Rosental, www.carnica-rosental.at

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