ITB-Nachlese (2) Wo ist Südtirol?

Laurin glüht - vermutlich vor Entsetzen

Jedes Jahr zur Internationalen Tourismusbörse in Berlin wird von mir auch ein Besuch am Stand Südtirols eingeplant. Zum Reden über Bekanntes, zum Informieren über Neues. Diesen Stand findet man nicht im italienischen ENIT-Bereich, aber immer knapp daneben. So spart man sich das Suchen, aber der gewollte Abstand ist gewahrt. Doch dieses Jahr war alles anders.

Bilf ganz oben: Laurin glüht – vermutlich vor Entsetzen

Wenn nicht aller Deutschen, dann jedenfalls der Bayern liebste Urlaubsregion, die zu erreichen ein durchaus akzeptiertes Durchqueren des südöstlichen Nachbarn Österreich erfordert, war auf der ITB nicht zu finden. Nicht nur zwischen den Ständen und im Internet wurde verzweifelt gefragt: Wo ist Südtirol? An allen Halleneingängen der ITB gab es große Übersichtspläne, so auch an der Halle 1.2, wo Italien und seine Regionen zu besuchen waren. Dort fanden sich weder Südtirol, noch South Tyrol, noch Alto Adige, noch Bozen. Zwischen den Hallen gab es Tafeln, die anzeigten, welche Länder und Regionen wo zu finden waren. Kein Eintrag. Schließlich Infostände, wo tatsächlich lebendige Menschen Auskunft gaben, eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Einer von ihnen suchte und suchte – nur für mich. Vergebens, dann griff er zum Telefon. Das Ergebnis: Südtirol ist zum ersten Mal nicht auf der ITB. Punkt. Es ist im ‚Arena Berlin‘ auf dem Berlin Travel Festival. Und die Arena ist in Kreuzberg, fast am anderen Ende der Stadt. Da hat sich ja das Südtiroler Marketing wieder etwas wirklich Geiles einfallen lassen, was die Kampagne „Südtirol liegt in Italien“ und die Verwendung des bunten Logos einer lateinamerikanischen Lebensmittelkampagne – nur quergestellt – glatt in den Schatten stellte.

Wer um Himmels willen geht denn in die Arena nach Kreuzberg, wenn er sich über Bozen, den Schlern oder die Seiser Alm informieren will? Die nette Auskunft teilte mir dann weiter mit, es gäbe alle halbe Stunde einen Shuttle-Service dort hin, um halb und um voll, vom Südeingang der ITB aus. Ansonsten sei der Veranstalter nicht die Messe Berlin, sondern eine private Gesellschaft. Und – ich könnte mir aber Antonietta De Santis anhören, die sei bei IDM Südtirol im Bereich Digital tätig. IDM? Das ist die Nachfolgegesellschaft der SMG, der Südtiroler Marketing Gesellschaft. IDM steht für Innovation, Development und Marketing. Dort arbeitet Frau De Santis an der suedtirol.info Seite, der Storytelling-Plattform „wasunsbewegt.com“ und der App Südtirol Guide. Und auf der ITB stellte sie Open Data Hub vor. Und das wiederum ist der Zugangspunkt, sorry, „access point“ zu den relevanten Daten. Wenn man, natürlich, das ist Voraussetzung, weiß, was für die „SMART Green Region South Tyrol“ relevant ist. Um das zu erfahren, durfte man den Termin am 7. März 2019 um 16:30 Uhr in der Halle 6.1, eTravel Stage, nicht versäumen. De Santis` Referent Florian Bauhuber, Geschäftsführer von ‚Tourismuszukunft‘, nannte die künstliche Intelligenz „einen Schlüsselfaktor für touristische Akteure“ und wollte mit seinem Vortrag am Beispiel Südtirols „visualisieren“, wie das umgesetzt werden könne. Manchmal sollte man einfach auf natürliche Intelligenz senden. Immerhin erfuhrt man zur neuen Agentur: „IDM stärkt mit gezieltem Tourismusmarketing Südtirol als Marke und betreibt Agrarmarketing für die Qualitätsprodukte Südtirols. IDM trägt mit seiner Arbeit dazu bei, Südtirol zu einem der attraktivsten Lebensräume Europas zu machen.“ Da möchte man rufen: „Das ist es doch bereits! Es soll es bitte bleiben!“

Ja, auf einer weiteren Pressekonferenz konnte man die durch Werber-Speech und Promotion-Schrott verschüttete Spur nach Südtirol aufnehmen, am 6. März bereits um 14:30 stellte sich „Vitalpin – Die neue Bewegung in den Alpen“ vor. Es will eine „Interessensgemeinschaft von Unternehmen und Organisationen der alpinen Tourismuswirtschaft aus Österreich, Südtirol, der Schweiz und Deutschland“ sein. „Der Tourismus braucht ein neues Aufeinanderzugehen. Wir setzen den ersten Schritt“, sagte dort Hannes Parth, der Obmann von Vitalpin und versprach „zukunftsweisende Tourismuskonzepte“, mit denen „die Bedeutung des Tourismus als Lebensgrundlage für die Menschen in den Alpen nachdrücklich aufgezeigt werden“ solle. Alles richtig, aber ohne den Reisenden, der sich auf der ITB informieren will, wird es nicht gehen.

Und der will auch kein „Travel different“, wie in Kreuzberg in der Arena auf dem „Berlin Travel Festival“ propagiert wurde. Südtirol ist kein „flourishing market for young creatives“, es ist kein Markt, sondern ein Stück vom Paradies für Jedermann und jeden Alters. Ist das so schwer zu verstehen? Bernd Neff von der veranstaltenden ‚I LOVE TRAVEL GmbH‘ kündigte direkt nach der Südtirol-Pressekonferenz eine Veranstaltung  ‘Shop Shift – A Trend Lab for Creative Minds’ an, für Tech-Geeks und Reisefreaks. Dazu zählte ich mich nicht und verschwand.

Ach ja, von einem Vertreter der IDM erfuhr ich doch noch etwas zur geänderten Marketing-Strategie Südtirols. Das Berlin Travel Festival sei eine optimale Plattform, um die „Destination Südtirol noch effizienter und gezielter“ zu vermarkten. Das „innovative und hochwertig gestaltete Konzept „spricht noch gezielter die für Südtirol relevante Zielgruppe der Nanos an“. Oh, heiliger König Laurin, was sind denn Nanos? Etwa deine Zwerge? Oder will man die Besucherzahl in den Nano-Bereich marketieren? Ich traute mich nicht zu fragen. Jedenfalls, so erfuhr ich, sei die IDM der Meinung, dass sich Aufwand und Nutzen einer ITB-Beteiligung nicht rechnen. Dafür sei man bei der Tourismusinitiative ‚Vitalpin‘ dabei. Diesen Verein kannte ich inzwischen, er will sich nicht an die Gäste beziehungsweise Urlauber richten, sondern an die Einheimischen. „Wir wollen uns vermehrt um die Säulen der Wirtschaft in unseren Ländern kümmern, und das sind die Einheimischen“, betonte Theresa Haid, Geschäftsführerin von „Vitalpin“. Nun gut, wenn sie das so sieht. Wer braucht schon Touristen, wenn er Einheimische hat?

Zum Glück verließ ich die ITB nicht völlig gefrustet. Der Trescher Verlag und der Michael Müller Verlag, denen die Kosten für ihre Stände nicht zu hoch waren, hatten ihre Südtirol-Führer mitgebracht.

 

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