ITB-Nachlese (1) Zypern – eine Empfehlung

Wellness an Paphos` Küste

Ein Preisausschreiben zu gewinnen, ist eine schöne Sache, aber was ist der Gewinn eines Preisausschreibens, an dem man gar nicht teilgenommen hat? Vermutlich ein Beschiss. Kompass-Holidays meinte, ich hätte 2017 teilgenommen und sollte nun die Zeit bestimmen, wann ich denn auf die „Sonnen-Insel“ Zypern fahren wollte. Ich musste nicht lange nachdenken, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass ich in das seit 1974 von türkischen Truppen besetzte Nordzypern gelockt werden sollte, mit Umstieg in Istanbul.
Wer das Buch „bitter lemons“ von Lawrence Durrell gelesen, wer die Invasion der Türken, wer die bis auf den heutigen Tag währenden Versuche der Briten, sich Teile und Rechte an Land und im Wasser dieser wunderbaren Insel herauszubeißen, miterlebt hat, der ist sensibel, wenn es um Zypern geht. Und als Herr G. Ocken, Geschäftsführer der Kompass-Holidays aus Bremen mir mitteilte, „sofern Sie dem türkischen Regime kritisch gegenüber stehen, können wir Ihnen die Reise nicht empfehlen“, war mir klar, dass ich auf diesen Gewinn gerne verzichte. „Wenn ich nicht dienstlich auf Recherche gehe, fahre ich nicht in Länder oder Gebiete, die weder die Menschenrechte achten, noch die Gewaltenteilung kennen noch demokratisch sind. Das ist mein bescheidener Beitrag zu einer humanen Welt“, teilte ich Herrn Ocken mit und empfahl ihm, wenigstens einen Warnhinweis für die Gewinner mitzuliefern, dass es sich um „eine Propagandareise für das türkische Regime in Nicosia“ handele.
Jedenfalls wollte ich wissen, wie das Auswärtige Amt in Berlin Reisen in die nur von Ankara anerkannte „Türkische Republik Nordzypern“ beurteilt. Die Antwort: „Die international anerkannte Republik Zypern übt die tatsächliche Kontrolle nur im Südteil der Insel aus, nicht hingegen im Nordteil….UN-Einheiten kontrollieren die Pufferzone zwischen dem Norden und dem Süden, die militärisches Sperrgebiet und zudem teilweise vermint ist. Es wird zu Vorsicht bei Annäherung an die Pufferzone geraten, und davor gewarnt, die seeseitige Verlängerung der Demarkationslinie … zu überqueren. Nicht unbedingt als solche ausgewiesene militärische Einrichtungen auf der ganzen Insel und das dort geltende Fotografierverbot sollten unbedingt respektiert werden, Beschilderungen sind nicht immer gut sichtbar. … Aufgrund der faktischen Teilung kann die deutsche Botschaft in Nikosia konsularischen Schutz im Nordteil der Insel nur eingeschränkt leisten.“ Was dieses „eingeschränkt“ bedeutet, darüber schweigt sich der Hinweis aus.
Nun gibt es immer zwei Welten, die tatsächlich erlebte und die in Regeln und Gesetzen kodifizierte. In der tatsächlichen ist es kein Problem, in Nicosia oder an einem der anderen Übertrittspunkte in den besetzten Teil zu kommen, auch dort scheint die Sonne, ist das Meer blau, der Strand voller Sand und Hotelbetten, wo man nur will. Aber dann sind da auch die toten Hotels von Varosha in Famagusta, die geplünderten Kirchen und Klöster, Moscheen, die früher Kathedralen waren, die beschlagnahmten Grundstücke und die 1587 „missing people“, die infolge der Invasion getöteten und verscharrten Menschen, über die offiziell jede Auskunft verweigert wird.
Nicht so überraschend wie der Gewinn einer Reise auf die Sonnen-Insel war es, auf der ITB 2019 einen Stand Nordzyperns vorzufinden. Man würde wohl auch mit Abu Ghraib ins Geschäft kommen. Dort fand sich auch Herr Fikri Ataoglu, Minister für Tourismus und Umwelt der Türkischen Republik Nordzypern ein und schwärmte davon, dass viele Anbieter 2019 Reisen in sein Herrschaftsgebiet ins Programm genommen hätten. RSD etwa eine Reise nach Nicosia, „Europas letzte geteilte Hauptstadt“. Wenn das kein Verkaufsargument, kein USP ist!

Horst Zsifkovits, Geschäftsführer von RSD, versprach Fikri Ataoglu weiterhin seine Unterstützung. Applaus der wenigen Zuhörer. In Nicosia kann, wer mag, ein T-Shirt mit der Aufschrift “Letzte geteilte Hauptstadt der Welt” kaufen, einen Cocktail namens Checkpoint Charlie trinken und sich seiner eigenen Geschichtskenntnisse rühmen. Gefakte Lacoste-Hemden und Uhren gibt es auch. Peinliche Touristen-Wirklichkeit.
Die Republik Zypern, EU-Mitglied, war in der Halle 1.1 auf der ITB zu besuchen. Botschafter Andreas Hadjichrysanthou hat den Ausstellern am Mittwoch, dem 6. März 2019, seine Aufwartung gemacht, natürlich nicht denen des besetzten Gebietes. Einer von den zyprischen Ausstellern, Panicos Attas, Manager der Leptos Calypso Hotels, bedauerte, dass es aktuell keine Direktflüge von München nach Paphos mehr gebe, was einen Standortnachteil auf dem süddeutschen Markt bedeute. Ich konnte ihn kaum beruhigen mit der Festlegung, trotzdem in die Kulturhauptstadt Europas des Jahres 2017 fahren zu wollen, um zu überprüfen, was aus der Stadt geworden ist, die nachhaltig auf die „europäische, kulturelle Landkarte“ gesetzt wurde, wie Bürgermeister Phedonas Phedonos anerkennend festgestellt hatte. In den besetzten Norden fahre ich nicht. Wie Herr Ocken zu Recht sagt, „nicht zu empfehlen“. Ich bleibe in Aphrodites Nähe.

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