Island – aus dem Norden das Licht

Die isländischen Trolle sind Riesen
Wie in Games of Thrones, Islands Südspitze

Früher, die Älteren werden sich erinnern, waren wir stolz auf unsere Meridionalisierung. Wir aßen Pizza, tranken Cappuccino, fuhren nach Rimini, und als die Wiedervereinigung kam (warum konnte es nicht die Toskana sein?), fürchteten wir, diese Symbiose mit dem Süden könnte durch den Osten beeinträchtigt werden. Doch heute, in Zeiten von Gestalten wie Salvini, Bolsonaro und Erdoğan orientieren wir uns gerne gen Norden, wenn doch jemand wie die Schwedin Greta Thunberg mit ihrem ernsten Gesicht die Verkörperung der Lösung all unserer Probleme gibt. Und dann treibt hoch oben, kurz vor Grönland, eine Insel so unberührbar nordisch durch den Atlantik wie Jörmungandr, die Midgard-Schlange, wo das Polarlicht die Natur und das mystische Empfinden des Menschen verbindet, wo selbst dort geborene Pferde, einmal die Hufe auf fremden Boden gesetzt, nicht wieder ins Land dürfen. Sie könnten ja aus dem Ausland Seuchen mitgebracht und das Laufen im Tölt verlernt haben. Dorthin, nach Island, wo man selbst Obstschalen nicht wegwerfen darf und Zigarettenkippen in speziellen Behältern aufsammeln, Steine dagegen liegen lassen muss, in dieses Land, das sich nie mit räuberischer Gewalt hat vergrößern wollen, sondern nur, wenn aus dem Boden Lava brach und fürderhin bricht, dahin wollten wir reisen, gestärkt durch Gebete für gutes Wetter und Nächte, in denen das Licht des Nordens sich uns zu erkennen gibt. Eine App, namens Aurora, die hilfreich auf bevorstehendes Polarlicht hinweist, war mit am Start.
Reykjavík heißt die Hauptstadt, alle Bewohner sind nicht nur Sohn oder Tochter, sie heißen auch so – mit ihrem Nachnamen, Dóttir oder Son, angehängt an den Vornamen des Vaters, ist dieser unbekannt, ist man Herrmann-Son oder – Dóttir. Herrmann ist der Krieger. Will jemand einen unbekannten Namen in das isländische Verzeichnis einfügen, braucht er die Genehmigung der Behörde. Viel Spaß beim Suchen im Telefonbuch. Zum Glück gibt es nur 350 000 Einwohner, fast alle davon in Reykjavík. Darunter waren der Entdecker Amerikas Leif Eriksson, Schriftsteller wie der Nobelpreisträger Halldór Laxness, sind heute Liedermacher wie Björk Guðmundsdóttir. Diese teilt sich in den zahlreichen Kneipen die Aufmerksamkeit mit der amerikanischen Band Supertramp, deren Lieder sie dort immer noch eines nach dem anderen spielen.
Das Wissen um die Abgeschiedenheit Islands von allem anderen, von Kriegen und Revolutionen, von Flüchtlingsproblemen, Überbevölkerung und Bandenkriminalität, macht das Land so besonders, die Zeit vergeht langsamer, das Licht der Sonne, wenn es durch die Wolken bricht, ist gleißender, die Leute sind ruhiger, freundlicher. All das in einer außerirdischen Landschaft, die so wirkt, als könnte sie sich nicht entscheiden, welche göttlichen Kolorierung sie annehmen möchte, selbst Regen und Schnee haben hier Farben, es gibt einfach zu viele Momente und Elemente, die abgebildet werden wollen. Wer Reykjavík verlässt, der findet zwischen Flechten und Moos, Gletschern und Meeresbuchten, Bergen, Hochebenen und schweigenden Kratern die Entrücktheit von dieser Welt, die so viele anderswo vergebens suchen.
Wir nutzen den Umstand, dass es inzwischen bei einigen Anbietern, etwa Geo-Aktiv und Island-Reisen, spezielle Nordlicht-Reisen gibt. Und haben bei Rotel-Tours gebucht, einem Unternehmen, das vom isländischen Wetterdienst die Auskunft bekam, dass wir morgen Nacht mit Aussicht auf Blickkontakt mit dem Außerirdischen, dem himmlischen Lichtphänomen, eine Expedition in die lichtfreie Umgebung von Reykjavík machen können.

Bis dahin zeigt uns die Reiseleiterin Christina die Sehenswürdigkeiten ihrer Stadt, die seit meinem letzten Besuch für mich nicht wiederzuerkennen ist. Sie ist modern, jung, von 2 Millionen Touristen im Jahr besucht und hat sich mit der Konzert- und Ausstellungshalle, „Harpa“, ein weiteres Wahrzeichen gesetzt. Bevor wir heute Nacht auf eigene Faust auf Solarlicht-Ausschau gehen, lauschen wir in der „Harfe“ dem Isländer Bjarni Frimann Bjarnason am Klavier und dem Bariton Andrey Zhilikhovsky aus Moldawien, die Lieder von Tschaikowski und Rachmaninow darbieten und den Applaus des Publikums genießen, das wie ein Mann „bravo“ ruft. Vorher hatten wir die Reykjavík-Card genutzt, um die vor der Stadt liegende Insel Viðey zu besuchen. Sie war einst der Sitz eines Klosters der Augustiner, bis der letzte katholischen Bischof Jón Arason hingerichtet wurde. 1755 wurde das Gutshaus Viðeyarstofa, das erste Steinhaus Islands, als Amtssitz des königlichen Schatzmeisters errichtet, heute ist es eine freundliche Gaststätte. Eine Wanderung über die Insel an kleinen Sümpfen und Küstenabschnitten vorbei macht Appetit darauf, das ganze große Island abzulaufen. Dazu braucht man indes ein Mehrfaches der von uns für die Nordlichtfahrt veranschlagten Zeit.
Hatten wir gedacht, nach dem klassischen Duo mit Polarlicht den Abend krönen zu können, wurden wir enttäuscht. Zwar ging die App Aurora auf 25 Prozent Wahrscheinlichkeit hoch, aber grün blinkten nur Positionslampen im Hafen. Nun setzen wir auf Morgen. Immerhin verschafften uns einige Japaner, die ihre Stative voller Hoffnung auf Selfies mit dem Außerirdischen aufgebaut hatten, die Gewissheit, dass ihr Aufenthalt nicht in jedem Fall einem transpolaren Stop over auf dem Weg zurück in die Heimat geschuldet ist. Vielmehr ist es wohl so, wie uns berichtet wurde, dass sie glauben, unter dem Nordlicht gezeugte Kinder würden besonders klug und schön. Man kann allen Japanern nur sehr viel Nordlicht wünschen, aber an diesem Abend wurde jedenfalls nichts draus.
Heute nun ist der Tag der Nordlicht-Expedition gekommen. Startpunkt um 21:00 Uhr mit dem Bus ab Hotel. Aber zuvor geht es morgens zur blauen Lagune. Mit dem Namensgeber im Süden hat sie nur ein ähnlich blaues Wasser gemein, das aber aus 2000 Meter Tiefe kommt und allerlei gesundmachende oder die Gesundheit erhaltende Mineralien mit nach oben zwischen ein ausgedehntes Lavafeld bringt.
Bis 21:00 Uhr haben wir also noch Zeit, wir unterstützen massiv das heimische Textil- und Keramik-Handwerk; und die Gastronomie, die einfach hervorragend ist und doch nicht so die Privatinsolvenz befördert wie befürchtet. Die Frische des Fischs und die Sorgfalt seiner Zubereitung machen den Unterschied. Und weil die Zeit auf Island nur langsam verstreicht, bewundern wir noch im weichen Licht vom roof top Café Petersen svitan aus den Gletscher Snaefellsjökull am westlichen Ende des Landes. Dann geht es endlos los.
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Ist es nicht schön, dass man nicht alles planen, kalkulieren und mit einem Risiko-Management verplausibilisieren kann? Wir stehen auf einer Hochebene, kein störendes Licht der Großstadt in der Nähe, über uns die Sterne – aber kein Nordlicht.
Morgen ist auch noch ein Tag, bzw. eine Nacht.
Doch nein, Christina will es wissen. Sie kennt da noch eine Aurora-boreale Geheimstelle unweit der Küste und tatsächlich, am Rande eines nordischen Sternenhimmels, der für sich schon die nächtliche Tour gelohnt hätte, taucht etwas Großes auf, eine blasse Wolke wie ein himmlischer Oktopus. Nein, es verdeckt die Sterne nicht, wie es eine Wolke täte, es wird – die Linse der Kamera bestätigt die Vermutung – einen leichten Hauch grünlicher, nimmt die Form eines Wals an. Und bleibt am Himmel hängen, bis wir genug gesehen haben.

Christina ist euphorisch. Sie meint, dass vielleicht Morgen der Drache, der Polarfuchs, Heringsschwärme, Walross-Schädel oder Grönlands gestorbene Kinder sich aufraffen, uns dieses Schauspiel in kräftigeren Farben zu bieten. In Island hat eine schwangere Frau, die ins Nordlicht blickt, weniger Schmerzen bei Geburt. Blickt sie jedoch dann bei der Geburt selbst ins Licht, schielt das Kind. Auf was auch immer die geheimnisvollen Lichtspiele am Himmel zurückzuführen sind und was sie bedeuten, vielleicht sind es ja diese Mythen, die uns bereits als Erzählung so kräftig und dadurch attraktiv erscheinen, dass wir auf Reisen gehen, um ihnen nahezukommen, nachdem die Mythen, um die ein römischer Rosenkranz gewunden worden ist, nach einer endlos erscheinender Zahl voller menschen- oder schöpfungsfeindlichen Skandalen kraft- und beziehungslos erscheinen.

Es ist so gekommen, Christinas Hoffnungen, die auch unsere waren, wurden am nächsten Tag in Hverageröi in einem Maße erfüllt, wie wir es uns nicht ausmalen konnten.
Es passiert ja immer erst nachts. Daher fuhren wir zunächst zum Gullfoss-Wasserfall im Pingvellir Nationalpark, der die Schmelze vom Langjökull Gletscher über mehrere Stufen in die Tiefe stürzen lässt. Es ist eine unbändige Kraft, die ein Geschäftsmann mit einem Kraftwerk zu Strom und Geld machen wollte. Seine Tochter, Sigriöur Tómasdóttir, die Urmutter aller Greta Thunbergs, hinderte ihn daran. Sie drohte, sich den Fall hinabzustürzen, wenn ihr Vater versuchen sollte, „ihrem Freund“ Fesseln anzulegen. Dann fuhren wir zu den Geysiren. Der alte, der Namensgeber, ruht. Aber sein jüngerer Bruder Stokkur jagt die glühend heiße Fontäne in die Höhe. Nicht regelmäßig, sondern isländisch spontan. Wer die Minuten zählt, mag ermüden, wer die Augen auf hat, um sich überraschen lassen, der wird die Faszination einsumsandere Mal erleben. Der „Goldene Kreis“ bot uns noch einen Besuch an der ersten Versammlungsstätte der isländischen Demokratie, der ersten, die Mann, Frau und Sklave vor dem Gesetz gleichstellte, und dieser „þing“ liegt an der Bruchstelle der amerikanischen und der eurasischen Kontinentalplatte. Ja, eine kleine, die isländische, liegt dazwischen. An Eindrücken war auch dieser Tag so prall gefüllt, dass wir erschöpft, aber dankbar die nächste Unterkunft ansteuerten.
Aber der Tag ging weiter. Das Hotel Eldhestar in Hverageröi bot uns einen Nordlicht -Weckruf an. Aber er war nicht nötig. Als hätte ein Aussichtsposten auf einem Auswandererschiff Land gesehen, schallte der Ruf „Nordlicht“ durch den Speisesaal. Und dann begann ein Spektakel ohne Beispiel, Fahnen, wogende Tücher, schlanke Wesen, tanzende Elfen tauchten auf, verwandelten den Himmel zu ihrer Bühne, verschwanden, um anderen Erscheinungen Platz zu machen. Wenn es dazu einer Musik bedurft hätte, ich hätte mir Wagners Walkürenritt gewünscht. Was mir auch dadurch gerechtfertigt erscheint, als das Nordlicht ja Sonnenstrahlen sind, die von den Schildern gestorbener Helden reflektiert werden, die nach Walhalla gebracht werden. Die Farben waren heller als auf den zahlreichen Fotos, die wir machten, wo sie gelegentlich giftgrün erscheinen, in der späten Nacht ins Rötliche changierend.
Reykjavík, der „golden circle“, das Nordlicht sogar an zwei Abenden gesehen, es kommt der letzte Tag, satt an Eindrücken will man es langsam angehen lassen, aber der „begehbare“ Wasserfall Seljalandfoss, das Heimatmuseum von Skógar, der Vulkan Eyjafjallajökull, dessen Ausbruch 2010 den europäischen Flugverkehr zu Boden zwang, und schließlich der Reynisfjara, der schwarze Lavastrand bei Vik an der Südspitze der Insel, für den alleine sich die Reise gelohnt hätte, bescheren neue Glücksmomente. Und um zu bestätigen, dass man mit Aurora boreales nicht kalkulieren kann, dass der Glückliche sie geschenkt bekommt, macht sich das Nordlicht – obwohl der Himmel sternenklar ist – in dieser, unserer letzten Nacht auf Island, rar. Vielleicht nehmen die Elfen auch Rücksicht darauf, dass wir in diesen wenigen Tagen schon mehr gesehen haben, als Menschenaugen trinken können.

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