Im Schatten der Akropolis

Angestrahlte Akropolis
Sonnenuntergang am Kap Sounion
Street art auf Ruinen
In der Athener Altstadt
Frauenchor der Athen-Lions
Zaun vor Baulücke

„Na und, selbst schuld.“ Der Portier des Hotel Apollo blieb ungerührt. Er nahm unsere Daten auf, gab uns den Schlüssel. Alles wie üblich und professionell. Aber, wenn ich es ihm schon erzähle, hätte er wenigstens mal aus Sympathie oder Mitleid eine Frage stellen können. „Wie viel Geld wurde Ihnen geraubt?“ Oder „können Sie den Aufenthalt jetzt noch fortsetzen?“ Oder „wie kann ich Ihnen helfen?“ Nichts. Ja, gut, meine Schuld. Aber ich hatte keine Chance. In der Metro zwischen den Stationen Syntagma-Platz und Metaxourgio schufen fünf Ganoven eine druckvolle Enge, zogen mir den Koffer aus der Hand, angeblich um einen sicheren Platz für ihn zu finden, dann – ohne dass ich es merkte – das Portemonnaie aus der Hose.
Gut mein Fehler. Das Portemonnaie gaben sie mir freundlich wieder. Es waren Profis. Wollte ich sie schlagen oder Hilfe rufen, hätte ich mir vielleicht ein Messer gefangen. Der Portier hatte Recht. Athen, jedenfalls sein krimineller Teil bekam meinen Obolus, ich merkte – mal wieder – dass diese Stadt, Sehnsuchtsziel meiner altsprachlichen Gymnasialausbildung, anstrengend und angestrengt ist. Die Hitze mag ein Grund sein, stets tagsüber mehr als 30 Grad sind schon eine Herausforderung, die man nicht mit einem Reservehemd und einer Wasserflasche übersteht. Der Verkehr ist eine Zumutung. Nicht alleine, dass ständiger Stau herrscht, die Motorräder verstopfen die letzten Freiräume und machen das Überqueren der Straßen ebenso wie das Spurwechseln zu riskanten Manövern. Oben Mensch und unten Maschine, gleichen die greek Rider modernen Zentauren. Natürlich tragen sie keinen Helm, ein Zentaur hat keine Angst vor Feinden oder dem Aufprall auf dem Asphalt.
Pferde waren die Flügel der Menschen, heute sind es ihre Motorräder mögen sie denken, wenn sie durch verfallende Viertel rasen wie durch Galaxien. Als Fußgänger muss man indes nicht nur auf sie aufpassen, sondern darauf, nicht in plötzliche Öffnungen im Trottoir zu stürzen, wo vermutlich der Hades unten auf einen wartet. In der ganzen Athener Altstadt findet man Lücken im Boden und in der Bebauung, das Haus eingestürzt, die Ruinen von einer gnädigen Natur überwuchert, zur Straße hin ein Zaun, den Street Art schmückt, wenn er Glück hat.
Es gibt Arme und Reiche wie überall, nur ist nicht überall der Kontrast so krass wie hier. Während in Italien beide miteinander auskommen, tu rubi, io lavoro, ich stehle, du arbeitest, gemeinsamer Gegner ist der Staat, haben wir gesehen, wie in der Iasonos-Straße eine alte Frau mit dem Teaser weggescheucht wurde. Die Alten haben nichts und nichts zu sagen, die Armen auch nichts, die HIV-Krüppel ziehen unbeteiligt an ihrem eigenen Schicksal und dem ihrer Umwelt ihres Weges, auch die Bettler und Selfie-Stick-Verkäufer sind nicht so aggressiv wie anderswo, von Resignation sind sie alle gezeichnet. Als wäre ihnen alles egal. Hierin gleichen sie den einst stattlichen Häusern, vor denen dunkle Tücher wehen, als sollten sie wie bei einer alten Frau das Elend verhüllen.
Aber auch die Reichen verdienen Mitleid. Unsere Freunde in der Odos Pindarou im wohlhabenden Viertel Kolonaki, direkt unterhalb des Lykavittos, haben nicht nur das Namensschild sondern auch die Klingel von der Haustüre entfernt. Der Kokon ihres Reichtums ist ihr Gefängnis geworden.
Die Existenz ist auch für sie schwierig. Entspannt erscheint nur die akademische Jugend, die in den Tavernen chillt und für die Berlin der Sehnsuchtsort ist. Sie lacht lauter als Panagiotis Kalantzopoulos oder Sokratis Malamas singen dürfen, die auch schon auf Anschlag laut gestellt sind, sie redet und kann noch eine Kommunikation, in der nicht alles dem Handy überantwortet worden ist. Diese jungen Männer und Frauen erscheinen einem in ihrem Lebensgefühl am nächsten, sie sind wie wir, jedenfalls wie wir gerne sein würden, während die alten Männer versuchen, die Würde und Attitüde eines Mikis Theodorakis herzustellen und dem Beobachter gegenüber zu wahren und die alten Frauen sich wie Irene Papas stylen.
In der Straße Paramithias 14, unweit der Straße Achilleos in einem Viertel, das kein Reiseführer kennt, trafen wir junge Leute in der Bar The Beauty kills the Beast. Es ist eine Oase im Verfall, und wir haben gefragt, ob nicht umgekehrt das Biest die Schönheit tötet. Ob der erste Eindruck wirklich täuscht, dass die Tempel der Akropolis ein gespenstisches Gerippe sind, das im Licht seiner Anstrahlung noch fadenscheiniger wirkt. Vielleicht aber wollen sie es genau so, die Athener, das Offene in der Stadt, auch wenn es durch die Leere der Trümmer und des zur Seite geräumten Schutts geschaffen wurde. Wer sagt, dass es ihnen, so wie es ist, nicht lieber ist? Dass sie den Chic eines Aker Brygge in Oslo oder eine Hafenstadt in Hamburg nicht brauchen? Dass sie ihn sich auch nicht leisten können.
Was haben sie dann für eine Vision für Athen? Nein, nichts, die Frage erscheint schon seltsam, fremd aus einer anderen Welt. Sie hätten ja nicht einmal eine für sich selbst, für ihr persönliches Schicksal. Die Olympiade 2004 war ein Kraftakt, brachte immerhin eine funktionierende Metro. Aber darüber hinaus reichte die Vorstellung nicht, eine zukunftsprägende Vision war es nicht. Oslo, als Beispiel einer modernen Stadt genannt, kennen sie nicht, mit München assoziieren die Jugendlichen im The Beaty kills the Beast den Fußballverein. Berlin, ja, das könnten sie sich für sich vorstellen.
Die Fragen fallen auf uns zurück. Warum haben wir keine Gnade mit Athen, den Athenern und ihrer Lebensweise? Die humanistische Erziehung im Gymnasium nimmt den für das Hellenische ein, der sie genossen hat. Aber als allgemeines Lebensgefühl wärmt es keine Herzen mehr. Wir gehen in das moderne und vorzeigbare Akropolis-Museum. Viele Schulklassen sind hier, hören von Göttern und Heroen, auch wenn die Kleinen wenig verstehen. Muse, erzähl mir vom Manne, dem wandlungsreichen. Wer ist die Muse, wer Homer, wer Odysseus? Aber wem soll man den Stolz auf Griechenland einpflanzen, wem die Heldensagen erzählen, wenn nicht ihnen, den Kindern?
Die Akropolis ist voll, Touristen aus aller Herren Länder versuchen sich vor und die Tempel hinter ihren Handys in Positur zu bringen. Am Eingang, unweit vom Herodes-Attikus-Theater, der Hinweis, dass hier Europa, die Demokratie, die Wissenschaft und die Kultur entstanden sind. Ja, macht was draus, möchte man sagen. Erbe ist Verpflichtung. Aber warum hat man kein Mitleid für die Lage, in der sich die Stadt derzeit befindet? Wo ist der Philhellinismus heute? Vor 200 Jahren begeisterten sich die europäische Jugend und die Aristokratie, Lord Byron zog freudig in den Befreiungskampf gegen die Osmanen, wegen des griechischen Ypsilon heißt Bayern heute nicht mehr Baiern. Und 2018? Der Druck der Schulden lastet auf der Stadt und dem Land wie seinerzeit die Besatzung der Türken. Aber keiner hilft, um bloß anderen Ländern kein Beispiel zu bieten, um Schnorren nicht zu belohnen. Wegen der Vernunft. Aber wegen des Herzens?
Italien ist das heutige Land der Zuneigung, Sprachbrocken haben sich über Espresso und Cappuccino weit hinaus fest ins Deutsche eingenistet, südliche Lebensart säuft der Zeitgeist in Berlin, Hamburg und München wie Prosecco. Man hat Mitleid mit Palermo, nicht aber mit Athen, weil ein romantisierendes Muster fehlt, das helfen könnte zu verstehen.
Besuch in der Athener Trilogie, bestehend aus Nationalbibliothek, Universität, Akademie. Die drei Gebäude sind Inbegriff des Klassizismus, folgten einer Anregung König Otto I, der aus München kam, und der architektonischen Sprache eines Dänen. Heute wirken die drei Gebäude auf den Betrachter irgendwie unecht, kitschig geradezu. Das „echte“ Griechentum steht oben auf dem Berg, der Akropolis, auch wenn es nur aus Trümmern besteht. Oder bildet sich ab wie der Poseidon-Tempel von Kap Sounion gegen die untergehende Sonne, den man bitte sofort verlassen muss, wenn Helios seinen Wagen über den letzten Hügel am Horizont gezogen hat.
Wollte man doch wenigstens die sechste Karyatide des Erechteions zurückgeben, die zusammen mit einem Großteil der Parthenon-Skulpturen im Londoner British Museum als Elgin Marbles in Gefangenschaft ist, seitdem sie vor 200 Jahren von Lord Elgin abtransportiert wurde. Wieder geht es um das Prinzip und nicht ums Herz. Denn das Londoner Exponaten-Bollwerk würde leergeräumt werden müssen, wenn alle Rückgabewünsche befolgt würden.
Vielleicht sind deswegen alle hier in Athen so traurig, weil das Schicksal so unerbittlich dramatisch ist. Da wir abends nicht bei Rembetika-Musik den Verlust Kleinasiens und der Karyatide beweinen wollten, besuchten wir die Athen Lions im Rahmen des Athen-Epidaurus Festivals 2018. Die Löwen, Band und klassischer Frauen-Chor, spielten auf in einem ehemaligen Fabrikgelände in der 260 Peiraios Straße, im Tavros- Stadtbezirk unmittelbar hinter der Kunsthochschule. Es war zwar weit draußen, fast schon in Piräus, aber vielleicht muss man dem Schatten der Akropolis entfliehen, um eine Idee vom Athen von Morgen zu bekommen.

Geschrieben von
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