Île d’Oléron

Die Flut ist zuverlässig

Brücke ins Paradies…

Beim Anblick der 2862 m langen, eleganten Oléron-Brücke und des von der Flut umarmten Fort Louvois in der Abendsonne bin ich auf Anhieb begeistert und nach einwöchiger Rundfahrt  zutiefst überzeugt, dass die 174 qm kleine Île d’Oléron (Poitou-Charentes) an der französischen Atlantikküste ein Minikontinent mit Maxiqualitäten ist. Ende September ist erfreulich wenig Verkehr, ab La Rochelle südwärts (wovon man Juli-August nicht ausgehen kann) und alles ist prädestiniert für geruhsame Erholung mit bestem Essen in reinster Natur. Die meisten Inselübernachtungen finden auf den (über 80) Campingplätzen statt, nicht selten mit deutschen Kontaktpersonen. Schade, dass in der Nachsaison, wie in Frankreich üblich, viele Campingplätze, Restaurants und Hotels geschlossen, öffentliche Verkehrsmittel spärlich unterwegs und viele Märkte und Fischerfeste bereits im Winterschlaf sind.

Leben im Rhythmus der Gezeiten

Fort Louvois, bei Ebbe zu Fuß erreichbarDer erste Eindruck ist surreal. Bei Flut, die von Wasser umschlossene Festung Fort Louvois aus dem 17. Jh. und undefinierbare Elemente rechts unterhalb der Oléron-Brücke. Bei Ebbe das langsam zurückweichende Meer, das dem Blick gestattet, der Sache auf den Grund zu gehen: Vom Hafen Bourcefranc aus ist die Festung über 400 m Kopfsteinpflaster allmählich trockenen Fußes erreichbar und von dort aus bietet sich beste Rundum-Sicht. U.a. auf ausgedehnte Austernbänke, die jetzt von Arbeitern auf Traktoren, Lieferwägen und zu Fuß bevölkert werden. Eile ist geboten, denn in circa 4 Stunden gewinnt die Flut wieder die Oberhand… Was wäre naheliegender, als sich nach diesem archaischen Schauspiel im Hafenrestaurant Austern zu gönnen. Mit Blick auf das erneut vom Meer umschlungene Fort Louvois und dabei über Werden und Vergehen nachzudenken? Der Gezeitenkalender ist omnipräsent weil Ebbe und Flut von existenzieller Bedeutung sind: Nicht nur, dass die Austernzucht von großer, wirtschaftlicher Bedeutung ist (Viele Salinen mussten ihr weichen). Auch beim “Zufußfischen” von der Flut überrascht zu werden mag den Kick bringen – aber vielleicht den letzten.

Natur pur allerorten

Künstlerkolonie auf der Austernstraße alias Route des HuitresCirca 15% der Insel ist von Wald bedeckt und Reiten eine schöne Option. Stahlrösser als Alternative können vielerorts ausgeliehen werden, um auf über 100 km ausgeschilderte Rad- und Wanderwegen die Landschaft zu genießen. Nach meiner ersten Nacht am Atlantik, in Camping Airotel Les Gros Joncs & SPA (22.3.-11.11.) bin ich barfuß in 5 Minuten am weißen Sandstrand, dessen Meereszugang im Ebbe-Zustand scharfkantig wirkt und auch bei Flut kein Schwimmvergnügen verspricht. Lieber 10 Minuten zum Badestrand von Les Sables Vignier laufen oder im Pool baden: Viele Campingplätze überbrücken Ebbephasen mit großen Poollandschaften. Gros Joncs wurde u.a. für Behindertentauglichkeit ausgezeichnet. Tourismus und Behinderung ist erfreulicherweise in Charente-Maritime generell ein wichtiges Thema. Fast nebenan liegt das sympathische Camping Le Suroit (29.3.-27.9.) geführt von den D/F-sprachigen Geschwistern Valerie und Patrick Seyffart deren ostfriesischer Vater der Liebe wegen hier gestrandet ist. Alles wirkt einladend, auch die Hundedusche, die avisiert, dass Vierbeiner willkommen sind. Das Platzrestaurant Le Coq soll hervorragend sein: Als Inselgourmettipp (Hauptsaison/Mittwochs) gilt sein Festival der Meeresfrüchte

Strände, Wein und Ökoware

LeSuroitDie Kommune Saint-Georges d’Oléron spannt sich mit unterschiedlicher Vegetation auf 4.700 ha von Ost nach West und bietet 16 km Küste. 9 Strände davon tragen derzeit die blaue Flagge für Sauberkeit. Dank kurzer Wege kann man frühmorgens die Windverhältnisse checken und dann die Strandwahl treffen: familiengerecht bis sportlich/halsbrecherisch. Lieblingsstrand vieler Urlauber ist La Grande Plage, vor der Forêt de Saint-Trojan. Hunde sind hier bei Strafandrohung tabu, aber es gibt viele Strände, wo sie willkommen sind. Am “Großen Strand” kann man zwar auch bei Ebbe baden, da es aber Priele (Baînes) und hohe Wellen gibt (beides am Atlantik nicht zu unterschätzen) ist leichtsinniges Hinausschwimmen und -laufen lebensgefährlich! Das bei Ebbe wie ein Kunstwerk herausragende Wrack eines gestrandeten Schiffes erinnert mich an die berühmte Aliénor d’Aquitaine die lange Zeit auf der Insel “interniert” war und im Jahr 1200 hier die Rôles d’Oléron erlassen hat. MeeresfrüchteDieser französische Seerechtskodex hielt erstmals Rechte und Pflichten der See- und Handelsleute schriftlich fest. Wenn nämlich seinerzeit die Inselvorräte knapp wurden soll an der Côte Sauvage (wilde Küste) Schiffen schon mal beim Schiffbruch nachgeholfen worden sein. Die Ladung wurde dann  gebunkert und die Besatzung gnadenlos entsorgt. Ich bin nicht sicher, ob das Inselbier: Bier der Schiffbrüchigen, sich hier eine gewisse Inspiration geholt hat…

Als besondere Wein-Spezialität gilt eichenfassgereifter, süß-fruchtiger Pineau, der mir auch zu den Schalentieren vorzüglich schmeckt, die inselweit direkt beim Züchter, an einfachen Tischen mit bester Aussicht angeboten werden. In München habe ich nie Lust auf Austern, auf der Insel dauernd. Fleischverzehrer und Vegetarier kommen ebenfalls nicht zu kurz: Öko-Rind, -Lamm, -Salamis, feinste Gemüse, Gewürze, viele Käsesorten. Die zahlreichen Wochenmärkte sind gut bestückt.

Speisen auf Reisen

LaPigouilleRestaurant La Pigouille steht heute auf meinem Plan. Für die 5- km-Fahrt leihe ich mir auf Camping Gros Joncs eine “kleine Königin” aus, wie die Franzosen den Drahtesel gern nennen. (hier eine Straßenkarte)

Das von außen unscheinbare Restaurant in La Cotinière lädt mit schlichter Markt-Atmosphäre zum unerwarteten Festessen. Ein breites Angebot aus Meer und Land, Zubereitung, Präsentation und Preis-Leistungsverhältnis sind eine Genuss. Die Tische stehen so nahe beieinander, dass man leicht mit den Nachbarn ins Gespräch kommt. Meine unmittelbaren sind ein Paar mittleren Alters aus der Dordogne. Nach kürzester Zeit weiß ich, durch von Glas zu Glas Landwein erhitzter werdende Diskussion, dass der einzige Sohn mit einer Engländerin verheiratet ist und dass die Engländer das Allerletzte überhaupt sind: “Null Kultur, Freundlichkeit oder irgend etwas Positives. Barbaren seien sie…” Oups. Der eher mit Bildungsbürgern besetzte 4-er-Tisch hinter mir klinkt sich ein und relativiert das Ganze ein bisschen. Letztendlich landen wir zu siebt beim vereinten Europa, das allerdings auch alsbald als Reizthema entpuppt…

Nach einem trefflichen Abendmahl mit bester Unterhaltung quer durchs Lokal fühle ich mich, leicht angeheitert, beim glucksenden Quietschen authentischer Fischerboote am Hafen von La Cotinière, in eine Zeit versetzt, da noch nichts vom “Leerfischen der Meere” zu hören war und mir die Welt – Dank erholsamen Mangels an Information – gemütlicher vorkam. Der Rosé beflügelt die Pedale und alsbald falle ich auf dem Campingplatz in einen tiefen, erholsamen Schlaf und träume von Engländern, genauer gesagt von der genialen Komikertruppe Mounty Python

Ans “Ende der Welt” und darüber hinaus

Leuchtturm von Chassiron - hoch im NordenAm nördlichsten Punkt der Insel, Pointe de Chassiron, erhebt sich der gleichnamige Leuchtturm. Nach Bezwingen von 224 Stufen bietet sich eine stattliche Aussicht auf die Île de Ré, die Île d’Aix und Fort Boyard, die alle vom nahen Saint Denis aus per Boot angefahren werden. Fort Boyard (68 m l,31 m breit, 20 m hoch) war früher Militärgefängnis und ist seit 1990 Kulisse einer international erfolgreichen TV-Spielshow. Der malerische Sandstrand La Boirie liegt unweit von Camping Municipal (Saint Denis) am dessen Strand eines der “Blockhäuser” gespenstisch aus dem Sand ragt. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg war die Île d’Oléron Teil des Atlantikwalls und hat noch einige dieser denkwürdigen Mahnmale zu bieten die keine Flut der Welt zu verschlingen vermag.…………

Unterwegs Richtung Süden

Camping Indigo DuleronWeißgetünchte Häuschen und bunte Stockrosen bereichern vielerorts optisch die Umgebung. Auf dem Markplatz von Domino (Saint Georges) mit properen Markthäuschen erstehe ich köstlichen Ziegenkäse. Das Baguette ist wohl von der Hauptsaison übrig geblieben und bringt den Käse fast um, was ich mit Rotwein neutralisieren hätte können. Aber Frankreich hat die 0-Promille-Regelung.

Das lebendige, hübsche Saint Pierre d’Oléron, Hauptstadt und Verwaltungszentrum der Insel, bietet u.a. gute Einkaufsmöglichkeiten. Via Vogelparadies: Le Marais aux Oiseaux, zwischen den Kommunen Saint Pierre und Dolus, wo vieles mir Unbekannte aufflattert, erreiche ich Camping Indigo Les Chênes Verts (27.5.-29.9.). In das hügelige Eichenwald-Gelände direkt an der Küste sind Zelte für bis zu 6 Personen perfekt integriert. Ein guter Ort für Naturpur-Camper.

Austern von der Straße schlürfen

Freundliche Gastgeber. Im Bilde Marie und Michel Kean von Camping l'OstréaIch erkunde die Austernstraße auf der Île d’Oléron, wo ich mir die frisch zubereitete, inseltypische Miesmuschel-Spezialität Églade, im Bord-a-Bord, Boyardville genehmige. Kunstvoll drapiert, mit Piniennadeln abgebrannt, zu Brot mit gesalzener Butter und Charente-Weißwein genossen: Der Hammer! Auch wenn man mit vor Ruß schwarzen Fingern vom Tisch aufsteht…

Am liebsten würde ich immer weiter essen, aber ich werde in Kürze von den sympathischen Inhabern von Camping l’Ostréa (Dolus d’Oléron, 29.3.-30.9./110 Plätze) Marie und Michel Kean erwartet. Einige Gäste aus Deutschland kommen seit Jahren immer wieder. Die Animationssprache ist Französisch und Englisch: Spielplatz und überdachter Swimmingpool sind groß, Kinderwaschbecken angepasst klein, damit das Waschen zum Vergnügen wird. Mini-Supermarkt und Snack-Angebot. Am Grillplatz wurde extra für die Gäste ein reichhaltiges Kräuterbeet angelegt.
kleineAustern
Um die Austernzucht richtig zu verstehen empfiehlt sich ein ausgiebiger Besuch der Austernstadt, der Cité de l’Huître in Marennes auf dem nahen Festland. Hier erfährt man hautnah alles rund um die Auster: von der Zucht bis zur Kunst des Öffnens und am Ende präsentiert Küchenchef Fabrice Roral die Meeresfrucht auch einmal auf die heiße, überbackene Art. Direktorin Aline Pauwels, die selbst jahrelang Austernzüchterin war, was man dem grazilen Persönchen kaum zutraut, ist auch mit einem Ostréiculteur verheiratet. Ihren Kindern legt sie aber nicht unbedingt nahe, diese Berufstradition fortzusetzen: zu anstrengend und von den Arbeitszeiten her zu sozialunverträglich ist das Metier. Gut nachvollziehbar.

Auf der französischen Weihnachstafel sind Austern ein festes Bestandteil, auf das man auch hinspart. Bei internationalen Feinschmeckern stehen sie sowieso hoch im Kurs. Auf der Île d’Oléron und die Festlandküste entlang kann man die (nicht von allen geliebten Gesellen) vielerorts mit Meerblick schlürfen. Die besten Austern wachsen an der Ostküste der Insel und die Aufzucht des Beckens von Marennes-Oléron deckt den Hauptanteil des französischen Austernbedarfs. Sie sind als einzige in ganz Frankreich mit “Label Rouge” ausgezeichnet. Während der 5 Jahre, die eine Qualitätsauster vom Ansiedeln auf Zuchtstäben bis zur kulinarischen Reifeprüfung auf dem Teller braucht, wird die Perle der Meere (die hier allerding keine Perlen enthält) wie eine Prinzessin auf der Erbse gehegt und gepflegt. Kein Wunder, dass sie sich nicht leicht öffnen lassen will.  In der Cité des Huitres werden u.a. Profiwettbewerbe veranstaltet, um die besten Austernöffner zu prämieren.

Le Château d’Oléron

In Chateau d'Oléron befindet sich der größte Austernhafen der InselIn meinem letzten Domizil Camping La Brande (5.4.-11.11.) genieße ich, nach Bezug des gemütlichen Châlet Fauvette, den türkischen Hamam und besuche dann Le Château d’Oléron.

Fred Lemoine vom "La Croix du Sud"

Am Fuße der Festungsruine des Städtchens liegt der größte Austernhafen der Insel. Im La Croix du Süd bringt Fred Lemoine Hausgemachtes zu akzeptablen Preisen auf den Tisch.

IdO_SalinenDer obere Hafenbereich verwandelt sich zunehmend in eine farbenfrohe Künstlerkolonie, die zum Flanieren und Konsumieren einlädt. Dieses bunte Bild (und einen dicken Austern-Bauch) nehme ich mit auf die Heimreise.

Am Freitag muss ich die kleine artige und gleichzeitig so großartige Welt der Île d’Oléron verlassen, nicht ohne nach Überquerung der Brücke nochmal anzuhalten und zu versuchen den grandiosen Anblick in den grauen Zellen nachhaltig zu speichern (hat geklappt!).

Der Weg ist das Ziel

Als Gern-Zug-Fahrerin bin ich mit dem TGV gereist: München-Paris 6 Std., 3 Stunden Aufenthalt, Bahnhofswechsel von Gare de l’Est nach Bahnhof Mont Parnass und genug Zeit für ein gemütliches Mittagessen in meiner Lieblingsgroßstadt. Bis La Rochelle Stillebenweitere 3 Stunden Zeit zum Lesen und Landschaft anschauen. Gegen 19h Abholung Leihwagen von Hertz (3 Minuten vom wunderschönen Bahnhof entfernt) und ca. 90 km / 100 Minuten in Les Sables Vignier im Nordwesten der Île d’Oléron. Erfreulich wenig Verkehr hat die Anfahrt versüßt (Juli-August soll verkehrstechnisch verheerend sein). Ab Anfang September ist deutlich spürbar Nachsaison. Schade nur, dass dann manche Märkte, Fischerfeste etc. nicht mehr stattfinden, öffentliche Verkehrsmittel spärlich unterwegs und viele Campingplätze, Restaurants und Hotels bereits geschlossen sind. Aber im Punkto Ruhe- und Einsamkeitsgewinn: der Hit!

 

Information:
ATOUT FRANCE – Französische Zentrale für Tourismus
Postfach 100128, 
D-60001 Frankfurt a.M

Literaturtip:
Michael Müller Verlag 2014 / individuell reisen: Marcus X. Schmid, Südwestfrankreich

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