Idaho – Cowboyalltag im “Pfannenstiel”

Der Bundesstaat Idaho der USA ist weniger bekannt. Aber er erstreckt sich von der kanadischen Grenze im Norden bis zum Yellowstone National Park im Südosten. Der schmale nördliche Teil gleicht im Format einem Pfannenstiel und ähnelt mit seinen Landschaften der benachbarten kanadischen Provinz Britisch Columbia. Gerade in diesem Teil Idahos gibt es viel Spannendes zu entdecken.

Aufgeregtes Muhen empfängt die Ausreißer. Manche haben es eilig sich der vertrauten Herde wieder anzuschließen, andere trödeln bis sie von den herumflitzenden Hunden angetrieben in einen gemächlichen Trott verfallen. Pferd und Reiter sorgen dafür, dass keines der Tiere zurückbleibt. Ein nicht geschlossenes Weidegatter im „Cattle-Country“ kann sich fatal auswirken. In diesem Fall ging es gut. Janice entdeckte beim morgendlichen Ausritt die Jungrinder grasend im Wald.  „Wie wär´s mit einem Round-up?“ Für uns Möchtegern-Cowboys ist es die Gelegenheit aktiv am Ranchleben teilzunehmen.

Weide vor der Western Pleasure Guest Ranch

Was wir landläufig unter Western-Romantik verstehen war schon immer, und ist auch heute noch ein Leben voll harter Arbeit und Verantwortung. Einen guten Einblick in diesen Alltag bekommt man auf der Western Pleasure Ranch in Nord-Idaho, USA, nahe Sandpoint, der größten Stadt im Bonner County im Panhandle. Während wir beim Frühstück genüsslich Pfannkuchen mit Huckleberries, einer Art wildwachsender Blaubeeren verzehren, sind Wrangler schon unterwegs Pferde von der Weide zu holen. Eine Staubwolke kündigt ihr Kommen an. Die Temperamentvolleren streben in weit ausholendem Galopp dem Corral zu, wo der beliebte Hafer wartet.

Heute ist ein besonderer Tag. Der „Shoer“ macht Station. Seine Werkstatt befindet sich in einem Van älterer Bauart. Damit ist der Hufschmid von Ranch zu Ranch unterwegs. In diesem Landstrich müssen immer irgendwo Hufeisen erneuert werden.

Dann ist es soweit. Die Pferde sind für den „Trailride“ gesattelt. Verträglich reihen sich Quarter Horse, Apaloosa und andere Rassen hintereinander ein. Der Reitpfad führt über Wiesen, durch eine Fluss und dichten Wald. Hin und wieder erheben sich kleine Hügel. In der Stille ist nur das Schnauben der Pferde zu hören oder es raschelt im Gebüsch, wenn ein Weißwedelhirsch im Dickicht das Weite sucht. Verkohlte Stämme sind Zeugen einer Rodung, die schon viele Jahre zurückliegt. Junger Wald bahnt sich den Weg durch umgefallenes und vermoderndes Holz. Vielfältige Tier- und Pflanzenwelt erweckt die kahlen Stellen zu neuem Leben.

Blick über Sandpoint zum Pend Orville Lake

Sandpoint –lebhafte Kleinstadt am Seeufer

„Habt ihr den Adler gesehen?“ Linda deutet zur Insel, wo sich auf der Spitze eines abgestorbenen Baumes der große Vogel niedergelassen hat. „Adlerpaare bleiben ein Leben lang zusammen“, fährt sie in ihren Erklärungen fort. Wir sind auf Idahos größtem See, dem in der letzten Eiszeit geformten Lake Pend Oreille unterwegs. „Ohrschmuckanhänger“ nannten die dort ansässigen Stämme der Kalispell-Indianer das 105 Kilometer lange und 351 Meter tiefe Gewässer. Die „Shawnodese“ ist im klassischen Stil eines alten Flussbootes gebaut und kann 30 Passagiere befördern. Gerade im Sommer genießen viele Wassersportler den See.

Lebhaft geht es auch in Sandpoint zu. Boutiquen verkaufen Kunsthandwerk, Marken-Sportartikel, aber auch elegante Bekleidung. „Downtown“ ist überschaubar und zu Fuß lassen sich alle Sehenswürdigkeiten erkunden. Am Ende landet man in einem der gemütlichen Lokale, zum Beispiel bei Mick Duff. Er und sein Bruder betreiben eine „Micro-Brewery“ mitten in der Stadt. Die jugendlichen Besitzer stecken voll neuer Ideen. So ist es nicht verwunderlich, dass ohne Vorbestellung schwerlich ein freier Platz zu finden ist.

Vom Stadtpark erklingt Gitarrenmusik. Einmal in der Woche ist Markt. Farmfrische Lebensmittel und Selbst-Gestricktes werden feilgeboten, dazu musikalische Unterhaltung.  Irgendwie fühlt man sich hier gleich zuhause.

In einem originellen alten Laden in Idaho

Coeur d´Alene im Kootenai County ist mit ca. 44.000 Bewohnern die größte Stadt im so genannten Idaho Panhandle und liegt am gleichnamigen See. Die herausragenden Türme des Coeur d´Alene Resorts bestimmen das Stadtbild. Gleich daneben sonnt sich Groß und Klein am öffentlichen Strand. Auch die Anlegestelle für Schiffsrundfahrten befindet sich in der Nähe. Vom hoteleigenen Yachthafen befördert ein Motorboot Golfer zum nur wenige Minuten entfernten Rasen. Besonders reizvoll für Profis ist das Ziel auf einer Grasinsel, deren Entfernung täglich neu justiert wird.

Urige Kneippen wie in einem Wildwestfilm

Unterwegs bei Knochenbrechern und Witwenmachern

Wir sitzen entspannt in einem Zodiacboot, unterwegs auf dem Clearwater River in der Nähe von Syringa. Während Tim uns gekonnt zwischen Felsbrocken und Niedrigwasser hindurchmanövriert, genießen wir die wilde Landschaft und vor allem die Ruhe. „Nein um diese Zeit gibt es leider keine Bone-Crusher oder Widow-Maker, riskante Stromschnellen die übersetzt Knochenbrecher oder Witwenmacher heißen“, stellt Tim mit Bedauern fest. Wir dagegen sind beruhigt.  Der Fluss fließt träge entlang der Felsen. „Ihr hättet mal im Frühjahr da sein müssen. Das hat richtig Spaß gemacht!“ Tims Augen strahlen bei der Erinnerung an die wilden Fahrten, wenn Schmelzwasser den Fluss zum Brodeln bringt. Während des Sommers ist Tim Guide auf der River Dance Lodge in Leavenworth. Pläne für den Winter hat er noch nicht. Die gemütlichen Blockhäuser der Lodge sind idealer Ausgangspunkt die Flüsse Clearwater oder Lochsa samt Hinterland zu erkunden.

Ein nasses Abenteuer

Mitte August sind die Felder abgeerntet

Glück – auf dem Rücken der Pferde oder auf dem Tanzboden

„Take one“, fordert uns John auf. Er ist Wrangler auf der Red Horse Mountain Ranch bei Harrison. Mit „einem“ werden wir wohl nicht weit kommen. Etwas ratlos stehen wir vor der Galerie mit Reitstiefeln. Tatsächlich findet sich zwischen all den Paaren für gestandene Cowboys auch eines in Normalgröße: Das Leder sieht strapaziert aus und ist wunderbar weich. Sie sitzen, wie ein Paar Hausschuhe. Im tack-room, wo Sättel und Zaumzeug aufbewahrt werden, findet sich dann auch noch der passende Hut. Chocolate heißt eines der Pferde, das uns durch die Wildnis führen soll. Schokoladenfarbig ist das frisch gestriegelte Fell, Mähne und Schweif schwarz. Ein vorsichtiges Streicheln der weichen Nüstern und mitgebrachte Apfelstückchen unterstützen das gegenseitige Kennenlernen. John kontrolliert bei jedem Reiter, ob der Sattelgurt straff sitzt, und die Steigbügel in der Länge passen. Er ist kein Mann vieler Worte, sein Leben scheint sich nur um Pferde zu drehen. Die kleine Gruppe setzt sich in Bewegung durch die Wälder östlich des Coeur d’Alene Lake. An diesem warmen Morgen ist jeder dankbar für den Schatten spendenden Wald. Geruhsam geht es hinauf auf die Höhe. Der wiegende Gang und die Wärme wirken fast einschläfernd. Doch plötzlich knackt es im Gebüsch. Hier sucht jemand das Weite, der es sich zuvor an den Beerensträuchern hat gut gehen lassen. Ein Bär flüchtet durch das Dickicht und ist auch bald vom dichten Blattwerk verschluckt. Wahrscheinlich war er genauso erschrocken wie wir. Ein paar Meter weiter stoßen wir auf bärige Hinterlassenschaft mit unverdauten Beeren. Selten kommt es zu einer Konfrontation mit einem Bären beim Wandern oder Reiten. Meist sind die Menschen laut genug, dazu riechen sie unerträglich, sodass der Bär schnell den Rückzug antritt. Gefährlich wird es nur beim Zusammentreffen mit einer Bärenmutter und ihren Jungen im Frühsommer, wenn sie Löwenzahnstängel fressen. Dann ist umsichtiges Handeln angesagt.

An einem kleinen, idyllisch gelegenen See rasten wir. Es tut gut die steif gewordenen Glieder zu strecken. Gierig trinken die Pferde. Wir genießen mitgebrachte Sandwiches und Kaffee, den es hier zu jeder Tages- und Nachtzeit gibt.  Dann geht es in zügigem Tempo zurück.

Laut tönt Musik aus der Scheune. Heute Abend ist Square Dance angesagt. Eine ernste Angelegenheit. Tanzschritte sagt ein Sprecher an, zu denen Tanzende teilweise komplizierte Figuren ausführen. Dabei wechseln ständig die Partner. Als Ungeübte haben wir damit gewisse Probleme. John, der wortkarge Begleiter der Reittour wirbelt nur so über den Holzboden. Schwungvoll dreht er sich und seine Mittänzerin zu den Takten der Cowboy-Songs. Es sieht so aus, als ob es für ihn doch noch ein Leben jenseits des Pferdestalles gibt. Morgen früh wird er wieder zeitig draußen sein, um nach seinen Schützlingen zu schauen.

Es ist schon spät am Nachmittag als wir am nächsten Tag vor der Abreise einen Abstecher zum Round-Lake State Park machen. Am Picknickplatz wird gegrillt. Im Wald sucht eine Familie nach Pilzen und vorne auf dem Steg baumeln Angelruten im Wasser. Auf dem See ist ein Kanu unterwegs. Gesprächsfetzen trägt der Wind übers Wasser. Schweren Herzens kehren wir dieser Abendidylle den Rücken.

 Unterkünfte bzw. Reisestationen:

 In der Nähe von Sandpoint für Ranchferien  www.westernpleasureranch.com; für die Fahrten auf dem Lake Pend Oreille bei Sandpoint: www.lakependoreillecruises.com; die Kleinstadt Sandpoint unter www.visitsandpoint.info; als Ausgangspunkt für Rafttouren die River Dance Lodge: www.riverdancelodge.com; www.redhorsemountainranch.com

 Allgemeine Auskünfte: www.visitidaho.org

Text Monika Hamberger, Fotos Rainer Hamberger

 

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