Irland 2009. Der Celtic Tiger hat im Jahr zuvor die Biege gemacht, und die Finanzkrise wird die kleine Atlantikinsel bald als erstes Land unter den EU-Rettungsschirm zwingen. Deshalb verzagen und den Kopf hängen lassen? Nicht der Dubliner Barney Phair. Der gründet das Künstlerkollektiv „The Icon Factory“ im Temple Bar Viertel und kreiert innerhalb von drei Monaten Irlands größte Open Air Kunstinstallation „The Icon Walk“. Damit will er seine Mitbürger an das reiche kulturelle Erbe Irlands erinnern und daran, dass es aus diesem Grund eben keinen solchen gibt, deprimiert zu sein.

Die Kunstinstallation, eine Mischung aus Pop Art, subversiven Botschaften und moderner Ikonografie, befindet sich rund um die Icon Factory am Aston Place in den versteckten Gassen Bedford Lane, Price’s Lane und Adair Lane. Die Porträts, die von Dutzenden lokaler Künstler gemalt wurden, dekorieren die Wände mit den Gesichtern und Geschichten der Kulturikonen des Landes aus Literatur, Film, Theater, Musik und Sport. Entstanden ist ein vielseitiger Mix in prächtigem Technicolor. Eine Wand ist den Konterfeis der Dramatiker (The Playwrights) und ihren „Weisheiten“ gewidmet. Brendan Behan verkündet, dass er keinerlei Respekt vor irgendetwas hat, das in Zusammenhang mit der Gesellschaft steht außer dem, was die Straßen sicherer, das Bier stärker, das Essen billiger und alte Frauen und Männer im Winter wärmer und im Sommer glücklicher macht. Genau daneben weist Oscar Wilde darauf hin, dass eine Idee, die nicht gefährlich ist, es nicht verdient, überhaupt Idee genannt zu werden, und James Joyce lässt den Betrachter wissen, dass, wenn er stirbt, Dublin in seinem Herzen eingraviert sein wird.

Eine andere Wand ist dem irischen Film und seinen Schauspielern gewidmet, darunter: „The Quiet Man“ mit der gebürtigen Dublinerin und späterem Hollywood Star Maureen O’Hara und John Wayne, kein Ire; „The Dead“, die Verfilmung der gleichnamigen James-Joyce-Erzählung, ein Meisterwerk des US- Regisseurs John Huston, der irische Vorfahren hatte, später seine amerikanische Staatsbürgerschaft aufgab und die irische annahm sowie „The Informer“, ein Frühwerk des Hollywood-Regisseurs John Ford, Sohn irischer Eltern. Ein Metallzaun, der einer Palette bunter Malstifte ähnelt, preist den irischen Humor, ganz besonders die Dubliner Variante: „Dublin has it’s own brand of cruel humor“. Auch die Mode aus mehreren Jahrzehnten ist vertreten. Das Bild der 1920er Jahre zeigt die hübsche Revolutionärin und Schauspielerin Maude Gonne, die W.B. Yeats in seinen Gedichten verewigte.

Die 1950er Jahre verkörpert die Dubliner Mode-Designerin Sybil Connolly, von der man sagt, sie habe die irische Mode auf die Weltkarte gesetzt. Zu ihren Kundinnen zählten Liz Taylor, Jackie Kennedy und Julie Addrews. An einer Ziegelsteinmauer prangen „Oddballs, Crackpots and Assorted Genius“ (Sonderlinge, Spinner und allerlei Genies) wie der Friedensnobelpreisträger John Hume, Radiostar Gay Byrne „Gaybo – The Housewife’s Joice“, diverse Showbands, Eamon Dunphy und andere Persönlichkeiten, deren Namen man außerhalb Irlands nicht kennt. Man kann sich in den engen Gässchen und den Bildern verlieren. Der Icon Walk in der ehemaligen heruntergekommenen Gegend hinter der Fleet Street hat sich zum Highlight jeder Walking Tour in Dublin entwickelt. Walk of Fame in Hollywood? Der Icon Walk ist um einiges besser, weil er Geschichten erzählt.

Und er ist einer meiner „111 Gründe, Dublin zu lieben“, die im Oktober 2019 bei Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen sind.

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