Halle, was bleibt vom Händelrausch?

„Wir sind überwältigt von der vielfältigen positiven Resonanz. Die Händel-Festspiele 2026 haben eindrucksvoll gezeigt, wie lebendig Händels Musik heute sein kann – und wie anschlussfähig die Themen sind, die bereits Händel und seine Zeitgenossen beschäftigten. Der große Zuspruch des Publikums bestärkt uns darin, diesen Weg konsequent weiterzugehen.“, sagte Festspiel-Intendant Florian Amort in seinem Schlusswort zu den Händel-Festspielen, die am 14. Juni zu Ende gegangen sind.


Ein Freudenfest
Ja, die Händelfestspiele in diesem Jahr waren wieder grandios, eine Messe für alle Besucher. Händelfest, ein Freudenfest für alle Hallenser und ihre Freunde. Und so sind die Händel-Festspiele Halle 2026 mit einer Auslastung von 89 Prozent zu Ende gegangen. Damit übertrifft Sachsen-Anhalts größtes Musikfestival den Vorjahreswert von 75 Prozent. Insgesamt besuchten gut 52.000 Besucher die mehr als 80 Veranstaltungen vom 5. bis 14. Juni in Halle und der Region. Mit rund 1.300 Mitwirkenden aus aller Welt unterstrichen die Festspiele ihren internationalen Rang. Und die Gäste waren international und erster Güte, unter ihnen Bruno de Sá, Reginald Mobley, Magdalena Kožená, Max Emanuel Cenčić, Valer Sabadus und René Jacobs. Renommierte Ensembles wie das Kammerorchester Basel, Concerto Köln und Divino Sospiro gastieren in Halle. Und Händels wohl bekanntestes Oratorium Messiah erklang als Abschlusskonzert am 14. Juni in der Marktkirche, Händels Taufkirche.
Gleichzeitig erweiterten drei neuen Programmsparten – Händel NOW, Händel NEXT und Händel LAB – das künstlerische Spektrum spürbar und eröffneten zusätzliche Zugänge für unterschiedliche Publikumsgruppen. Während Händel NOW von Kinoabenden bis Open-Air-Konzerten Musik in die ganze Stadt brachte, richtete sich Händel NEXT gezielt an Kinder, Jugendliche und Familien. Händel LAB schuf Raum für Experimente und Diskurse. Große Resonanz erfuhren dabei Projekte wie die Fashion Show Barock & Proud, die Playmobil-Oper Rodelindas Sohn, die elektroakustische Performance Young Handel Dreaming sowie zahlreiche weitere spartenübergreifende Projekte.
Einen weiteren Höhepunkt bildete das neu konzipierte Open-Air-Format BRIDGES 2026 am Abschlusswochenende in der Galgenbergschlucht. 3.000 Besucher erlebten ein Programm zwischen Barockmusik, Punk, elektronischer Musik und orchestralen Klangwelten.


Und jetzt?
“Tu fedel, tu costante?” fragte die Sopranistin Silvia Frigate in einer Kantate am 12. Juni in einem Saal der Franckeschen Stiftungen. Und ob Halle, die internationalen Künstler und sein Publikum treu und beständig bleiben, das fragt man sich angesichts der Herausforderungen.
Zwei Probleme wurden sichtbar und begleiten zum nächsten Festival.
“Vielen Dank, … Ihre Buchung in Halle an der Saale ist bestätigt. Die Unterkunft … erwartet Sie.” Da wartete jedoch niemand, meine Buchung war storniert worden. Nachgefragt beim Buchungsportal: “Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht sagen, warum Ihre Buchung storniert wurde.” Ich habe eine Vermutung: Um die Unterkunft neu anzubieten, mit erhöhtem Preis. Nicht nur ich, Halle hat ein Hotelproblem, viele weichen nach Leipzig aus, das mit der S-Bahn erreichbar ist, klagt Stadtmarketing-Chef Mark Lange. Er fordert mehr Hotelbetten in Halle, denn die Zahl der Ankünfte sei um 5,9 Prozent gestiegen. Doch gingen gleichzeitig die Übernachtungen um 1,9 Prozent auf 421.606 zurück. Der Grund für diese Schere liegt im veränderten Reiseverhalten. Blieben die Gäste im Vorjahr im Schnitt noch 1,8 Tage, sind es aktuell nur noch 1,6 Tage. Während Halle nur über rund 3.000 Hotelbetten verfügt, kann Erfurt auf 4.800 und Magdeburg auf 5.600 Betten zurückgreifen. Die größte Konkurrenz ist Leipzig mit 22.000 Betten.
Doch ein Problem ist selbstverschuldet. Halle hat mit “Stadtmarketing.de” ein Buchungsportal, das gut funktioniert. Aber es wird mit diesem Namen erstens nicht gesucht und zweitens ist es schwer zu finden. Wer im Internet nach einer Unterkunft sucht, findet es nicht, dafür die üblichen internationalen Anbieter. Da sollte Mark Lange dran gehen: Marketing fürs Stadtmarketing, und für die seriösen Anbietern und mit Buchungen und Preisen, die costante und fidel sind.
Solange das nicht funktioniert, ist es kein Wunder, das während der Händel-Festspiele die Hotelpreise in Halle aufgrund der hohen Nachfrage stark ansteigen. Aber dass eine bestätigte Buchung einfach storniert wurde, war doch stark. Um Preiswucher zu vermeiden, sollte man in umliegenden Städte auszuweichen, empfiehlt das eigene Tourismusamt. Aber die Oper Rinaldo endete kurz vor Mitternacht. Da will man im Anschluss keine Reise mehr antreten. Und in der Stadt gab es kein freies Bett mehr – zu keinem Preis.


Das schwierige politische Umfeld
Das ist das eine Problem. Das andere ist das politische Umfeld. In Bayreuth hatte man versucht, zu Wagners 150. Geburtstag kritische Stimmen von einer Teilnahme an der Feier zu verbannen. Nun ist Händel nicht Wagner, aber wenn in Halle und Sachsen-Anhalt eine Regierung an die Macht kommt, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird und der Händel, der auch in Italien und England zu Hause war, nicht völkisch genug ist. Was dann?
Wenn in Sachsen Anhalt die AFD gewinnt, fallen dann 2027 die Händelfestspiele aus? Auf welche Künstler muss verzichtet werden, die dann fernbleiben? Die Händel-Festspiele sind ein traditionsreiches Festival, das von verschiedenen öffentlichen und institutionellen Trägern unterstützt wird und seit Jahrzehnten stattfindet. Ein Wahlsieg der Rechtsextremen in Sachsen-Anhalt würde für sich genommen weder das Festival rechtlich noch organisatorisch beenden. Allerdings gibt es jetzt schon eine politische Debatte über die Kulturpolitik. Die AfD des Landes hat in ihrem Programm eine andere Ausrichtung der Kulturförderung angekündigt und von einer „patriotischen Kulturpolitik“ gesprochen. Das hat bei zahlreichen Kulturinstitutionen und Stiftungen im Land Sorgen ausgelöst, die Auswirkungen auf Förderentscheidungen und die Freiheit kultureller Einrichtungen befürchten.
Kultur ist keine Dekoration der Demokratie. Kultur ist ihr Stresstest. Wer Kultur nur als Standortfaktor, Tourismuswerbung oder höfische Kulisse begreift, hat ihren Sinn nicht verstanden. Theater, Oper, Literatur, freie Szene, Festivals, Museen – sie sind keine verzichtbaren Subventionsempfänger. Sie sind Orte des Widerspruchs. Und genau deshalb geraten sie ins Visier autoritärer Fantasien. Wer Kultur auf Heimat, Identität und nationale Erbauung reduzieren will, führt keinen harmlosen Traditionsdiskurs. Er betreibt politische Hinrichtung. Ein freier Kulturbetrieb ist nicht dazu da, Macht zu illustrieren. Er soll sie befragen. Er soll stören. Er soll verwirren. Er soll provozieren. Und wenn nötig: Widerstand sein. Nicht nur Händels Freunde, alle sind gefordert, sich gegen jede Kulturpolitik zu positionieren, die Kunst nach Gesinnung sortieren will. Gegen jede Förderlogik, die Konformität belohnt. Gegen jede Rhetorik, die Künstler als „Volkserzieher“, Institutionen als „linke Netzwerke“ und kritische Kunst als Bedrohung markiert. Der Angriff auf die Freiheit beginnt nie mit dem Verbot. Er beginnt mit dem Satz: Wofür braucht es das eigentlich? Er beginnt mit gekürzten Etats. Mit politischen Einflussnahmen auf Intendanten. Mit Misstrauen gegen offene Räume. Mit dem Wunsch nach fügsamer Kunst. Wer heute sagt, Kultur solle „weniger politisch“ sein, meint oft: weniger widerspenstig. Doch Kunst, die nicht widerspricht, ist Dekoration. In Sachsen-Anhalt, dem Land von Händel, Bauhaus und revolutionären Ideen, wäre es ein historischer Verrat, Kultur auf Heimatkitsch schrumpfen zu lassen. Händel war kein Provinzpatriot. Das Bauhaus war kein Folkloreverein. Große Kunst war immer Grenzüberschreitung. Wer sie einhegen will, hat sie schon verloren.
In Halle, der Geburtsstadt von Georg Friedrich Händel, stehen die Händel-Festspiele seit jeher für Weltoffenheit, kulturelles Erbe und internationalen Austausch. Gerade in Zeiten politischer Spannungen gewinnen solche kulturellen Ereignisse besondere Bedeutung. Mit Blick auf die Landtagswahlen stellt sich die Frage, welche Rolle Kultur in gesellschaftlichen Debatten spielen kann.
Händels Musik überschritt Grenzen – geografische, sprachliche und konfessionelle. Dieses Erbe wirkt in Halle bis heute nach. Die Festspiele sind nicht nur ein Musikfestival, sondern auch ein Symbol für eine offene Gesellschaft. Vor dem Hintergrund politischer Polarisierung erinnern sie daran, dass Kultur verbinden kann, wo Politik oft trennt.
Also lassen wir die Stadt auch in der Zwischenzeit, der Zeit bis zu den nächsten Händelfestspielen nicht allein. Halle im Sommer wird lauschig, lebendig und voller Kultur, mitten im Herzen. Über das Festival hinaus wirkt das diesjährige Motto weiter: Die Sonderausstellung „Mannsbilder. Too hot to Händel?“ ist noch bis Oktober 2027 im Händel-Haus zu sehen. Vom 6. bis 16. August 2026 lädt die Open-Air-Reihe „Im Sommer nach 8“ an elf Veranstaltungstagen zu Musik, Literatur, Kulinarik und entspannter Lounge-Atmosphäre ein. Der Eintritt beträgt 8 Euro. Das Programm zeigt sich vielfältig: von Indie über Hip-Hop, Oper, Folk und Weltmusik bis hin zu Kabarett und Lesungen.


Vom 3. bis 13. Juni 2027

Wenn es doch bis zum Wahltag dauern würde.
Die nächsten Händel-Festspiele Halle finden vom 3. bis 13. Juni 2027 statt. Unter dem Motto „Einsamkeit. Am I myself alone?“ greifen die Festspiele erneut ein gesellschaftlich aktuelles Thema auf und beschäftigen sich mit vielfältigen Erscheinungsformen von Einsamkeit in Vergangenheit und Gegenwart. Zugleich fragen sie nach Möglichkeiten, über die Kraft der Musik Menschen in Verbindung zu bringen. Jeder einzelne ist angesprochen. “Tu fedel, tu costante?”

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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