Es war ein Schrei  der Erlösung. Ein Halleluja, oder um im Sprachgebrauch der Händel- Festspiel- und Geburtsstadt zu bleiben, ein Halle-Luja. Die Premiere von Orlando war vorüber, der Schlussvorhang gefallen, der Jubel in der ausverkauften Oper der sachsenanhaltinischen Landeshauptstadt wollte kein Ende nehmen, da trat Clemens Birnbaum, Intendant der Händel-Festspiele und Direktor der Stiftung Händel-Haus mit den Akteuren vor seine beglückten Gäste. „Es ist so schön, wieder mit Ihnen zusammen zu sein“, sagte er. Und wer in einer der vorderen Reihen saß, konnte Tränen in seinen Augen sehen. Nach Jahren der künstlerischen Dürre und Entsagung, endlich wieder Oper. Und endlich wieder reisen die Liebhaber der Stadt an der Saale und ihres kulturellen Angebots von Nah und Fern herbei. Hier sprüht der Geist, bricht sich in einer eigenen Sprache Bahn, dem Hallisch. „Was schmust der Luppert?“ fragt, wer die Uhrzeit wissen will. Und im Geschäft künden neuzeitliche Sprach-Spaß-Vögel als „Brotagonisten“ von einer „Versemmlung“. Nein, das pandemische Elend ist angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine noch nicht vorbei. Doch der Wille zu einem normalen Leben in und mit der Kultur ist zurückgekehrt. Vor 100 Jahren begannen mit Orlando, dieser „Zauberoper“,  die ersten Händel-Festspiele. Und  Orlando macht zum Leid der Ukraine in der Inszenierung von Walter Sutcliffe und dem Bühnenbild von Karola Karolczak eine Aussage, ohne den Krieg zu erwähnen, die verstanden wird: Wer geliebt werden will und dazu Gewalt einsetzt, der geht im eigenen Wahn unter. 1733 fand die Uraufführung im Londoner King`s Theatre statt, die Macht dieser Aussage ist geblieben. Man kann nur nehmen, ohne Schaden an der eigenen Seele zu  nehmen, was einem freiwillig gegeben wird.

Vom  7. Mai bis 12. Juni 2022 feiern die Händel-Festspiele ihr Jubiläum. Das Fest lebt an authentischen Orten, der Messias im Dom von Halle ein himmlisches Gebet, Siroe Re di Persia im Carl-Maria-von-Weber-Theater in Bernburg,  Ariodante im renovierten Goethetheater in Bad Lauchstädt, die Menschen trampelten fast den neuen Boden kaputt im Bemühen, ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen. Mehr als 80 Programmpunkte, verteilt auf Plätze in Stadt und Region verbreiten Glanz in dieser Zeit, die, bitte, nicht mehr düster sein will.

Doch was bleibt, wenn der letzte Jazz-Klang in der Galgenbergschlucht verklungen ist? Womit strahlt dann der „barockmusikalische Leuchtturm“, wie Clemens Birnbaum die Festspiele nennt? Was kann den Reisenden faszinieren außer der Sprache und ihren virtuosen Metamorphosen? Das Programm des Händel-Hauses zieht sich durch das ganze Jahr. Und sie sind nur ein Teil der Musikfeste Sachsen-Anhal , die bis in den November gehen mit „Händel im Herbst, dem Wittenberger Renaissance Musikfestival und dem „SinusTonMagdeburg“.  Der Wille und die Bereitschaft, sich gegen jede Form von Düsternis zu wehren, strahlen über das Festival hinaus. Die Jahresausstellung „Die Macht der Emotionen“ im historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen  greift das Händel-Gefühl genial auf.(Bis 5. Februar 2023). Im Stadtarchiv wird noch bis 30. Juni das Lebenswerk der Malerin und Grafikerin Hedwig Huschke gezeigt. „Das Sichtbare in der Kunst ist nur die Hülle, hinter der das Geheimnis allen Lebens waltet“, sagte sie. Und werden ihre Werke abgehängt, kommt anderes, doch alles, Musik und Malerei, Text und  Geist, ist durchdrungen von Händel und den Lehren, die Orlando begreifen musste: Die Liebe ist so schön und zu wichtig, sie der Gewalt unterzuordnen.

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

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