Gratwanderung mit Hochgefühl

Den Gipfel des Großvenedigers erreicht man über diesen Grat. Auf den letzten Metern sollte man auf jeden Fall schwindelfrei sein. Bild: Bauroth

Alpinismus ist kein Sport, kein Wettkampf, sondern eine Philosophie, eine Lebensform. – Warum mir gerade jetzt die Worte des italienischen Bergsteigers Casare Maestri in den Sinn kommen, weiß ich nicht. Vielleicht liegt es an der morgendlichen Idylle. An der klaren Luft auf 2558 Metern. Am sternenklaren Himmel, unter dem die Gletscher leuchten. Es ist halb fünf Uhr morgens. Das Thermometer zeigt gemütliche 8 Grad Celsius an. „Sa’ mas?!“ Christoph Krahbichler treibt an. Es muss losgehen. Ziel: der Großvenediger. Mit 3657 Metern ist der vergletscherte Hauptgipfel der Venedigergruppe zwischen Osttirol und dem Salzburger Land einer der höchsten Gipfel im Nationalpark Hohe Tauern in Österreich. „Gut gefrühstückt?“, fragt Christoph seine Gruppe; drei Frauen und vier Männer. „Die Steigeisen bitte ganz oben hinein in den Rucksack.“

Der Abend senkt sich über die Berge und die Kürsinger-Hütte. Hier übernachten Bergsteiger, die vom Salzburger Land aus auf den Großvenediger möchten. Die Hütte liegt auf 2558 Metern. Bild: Bauroth
Der Abend senkt sich über die Berge und die Kürsinger-Hütte. Hier übernachten Bergsteiger, die vom Salzburger Land aus auf den Großvenediger möchten. Die Hütte liegt auf 2558 Metern. Bild: Bauroth

Christoph gehört zum Team der Bergführer von Neukirchen am Großvenediger. Die 2500-Seelen-Gemeinde im Wander- und Skigebiet „Wildkogel-Arena“ hat dieser Tage Konjunktur. Die Erstbesteigung der „weltalten Majestät“, wie der Großvenediger genannt wird, liegt 175 Jahre zurück. Das Dorf ist wegen dieses Jubiläums in Feier- und Gipfellaune und mit ihm internationale Gäste. Kein Wunder, dass die Kürsingerhütte von Alpinschul-Chef Emil Widmann mit ihren 150 Schlafplätzen gut ausgelastet ist. Von hier aus starten Gipfelstürmer über die Erstbesteigungsroute, nachdem sie tags zuvor von der Materialseilbahn im Obersulzbachtal aus etwa eineinhalb Stunden hinauf gewandert oder einen Klettersteig emporgekraxelt sind. Obwohl alle Terrassenplätze besetzt sind, wirkt die Hütte nicht überlaufen. Die Schlaflager bieten Komfort und das Dreigang-Wahl-Menü am Abend steht dem eines Top-Restaurants in Nichts nach. Nur aufpassen muss man, wenn Livemusik spielt und der Rotwein zu gut schmeckt – denn ein paar Stunden Schlaf schaden nicht. Vorausgesetzt, Höhe und Nervosität lassen dies zu.

Der Weg ist das Ziel: Gipfelstürmer, die von Neukirchen am Großvenediger im Salzburger Land losgehen, übernachten auf der Kürsingerhütte. Von dort aus geht's auf die "weltalte Majestät" über imposante Gletscherfelder. Bild: Bauroth
Der Weg ist das Ziel: Gipfelstürmer, die von Neukirchen am Großvenediger im Salzburger Land losgehen, übernachten auf der Kürsingerhütte. Von dort aus geht’s auf die “weltalte Majestät” über imposante Gletscherfelder. Bild: Bauroth

Die Tour zum Großvenediger-Gipfel gilt technisch als nicht schwierig, allerdings führt sie über spaltenreiches Gletschergelände. Deshalb ist die Begleitung erfahrener Bergführer lebenswichtig. Viereinhalb Stunden soll der Aufstieg laut Wegweisern dauern. Mit Stirnlampen geht es von der Hütte aus gut eine Stunde über felsiges Gelände. Noch reicht die Luft, um mit dem Bergführer zu plaudern: Christoph Krahbichler ist 27 Jahre alt und waschechter Neukirchner. Der Mont Blanc (4810 m) hat im Teenageralter seine Leidenschaft für Gipfeltouren geweckt. Er war einst jüngster Bergführer-Prüfling im Ort. Im Sommer führt er Touristen ins Gebirge, im Winter bietet er mit seiner Firma Helikopter-Skitouren im Kaukasus an. Und wenn er nicht beruflich in die Berge geht, klettert er mit Freunden. „Ich brauche das“, sagt der Hobbyimker, der seinen Blütenhonig passenderweise „Venedigergold“ getauft hat.

Die Gletscherzunge ist erreicht. Für zwei Frauen unserer Gruppe ist hier Schluss: Die Kondition reicht nicht, um das schwierigste Stück über den Schnee in Angriff zu nehmen. Für die Verbleibenden heißt es: Steigeisen anlegen und anseilen. Christoph prüft die Karabiner seiner vierköpfigen Seilschaft. „Achtet darauf, dass das Seil zwischen euch nicht zu lasch ist“, mahnt er an und geht voraus. Schritt für Schritt passieren wir imposante Gletscherspalten. „Trinkt mal was“, sagt der Bergführer nach gut einer Stunde. In der Morgensonne ziehen zwei Seilschaften an uns vorbei. Wir sind nicht die schnellsten. Und ein schwieriger Anstieg liegt genau vor uns. „Pack’ ma’s“, fordert Christoph auf. Die Beine sind schwer, das Gehen auf dem Schnee mühselig. Stopp. Verschnaufen. „Wenn wir jetzt alle zwanzig Meter stehenbleiben, kommen wir nimmer oben an.“ Klare Ansage des Bergführers an mich. „Es ist nicht mehr weit“, motiviert er. Tatsächlich: Der Grat ist in Sicht. Darauf reihen sich Seilschaften aneinander, die von der Osttiroler Seite her gekommen sind. Auch zwei Männer in historischer Kleidung gehen dort, sie wollen die Erstbesteigung so authentisch wie möglich nachempfinden.

Oben! Das Gipfelkreuz des Kreuzvenedigers mit Blick nach Osttirol. Bild: Bauroth
Oben! Das Gipfelkreuz des Großvenedigers mit Blick nach Osttirol. Bild: Bauroth

Endlich. Oben. Die letzten Meter zum Gipfelkreuz verlaufen eben, erfordern aber Schwindelfreiheit. Abrutschgefahr. Christoph nimmt uns ans kurze Seil. Kurz nach zehn Uhr sind wir am Ziel. Freude, Küsschen, Gratulationen – und Gipfelfotos. Alles muss flott gehen, heute ist Betrieb und die nächsten Seilschaften rücken an. Jetzt ist alles egal. Selbst die Gedanken an den mehrstündigen Abstieg können das Hochgefühl nicht trüben. „Letztlich ist doch wurscht, wie du hochgekommen bist. Hauptsache ist, du hast es geschafft“, klopft mir Christoph auf die Schulter.

Und ich weiß nicht, warum, doch in diesem Moment fallen mir Worte des österreichischen Liedermachers Hubert von Goisern ein:  „Kennst Di aus, woasst, wos i moan? A Berg is nix anders wia a mords Trum Stoan. Aba drob’n auf’m Gipfel, des sog i allemoi, is’ vui schena wie drunt’n im Toi!“ Wie recht er hat.

Schnell ein Gipfelsieg-Foto und dann wieder runter: Katja mit Bergführer Christoph aus Neukirchen am Großvenediger.  Bild: Bauroth
Schnell ein Gipfelsieg-Foto und dann wieder runter: Katja mit Bergführer Christoph aus Neukirchen am Großvenediger.
Bild: Bauroth

Infos zur Anreise und Region

  • Anreise mit dem Auto: Autobahn (A 8) München – Innsbruck, Ausfahrt Kufstein Süd (oder mautfrei vor der Grenze Oberaudorf), Richtung Kitzbühel, Pass Thurn, Mittersill nach Neukirchen.
  • Neukirchen am Großvenediger liegt im Nationalpark Hohe Tauern. Während Land- und Forstwirtschaft im vergangenen Jahrhundert die Menschen dort ernährte, ist heute der Tourismus die Haupteinnahmequelle. Der Nationalpark Hohe Tauern zählt zu den gewaltigsten Hochgebirgslandschaften der Erde mit 266 Dreitausendern, 342 Gletschern und 551 Bergseen.
  • Die „Wildkogel-Arena“ Neukirchen und Bramberg ist im Salzburger Land gelegen bietet familienfreundliches Bergvergnügen mit kinderwagentauglichen Höhenwanderwegen ab der Wildkogelbahn-Bergstation. Tragen, Buggies und Bergschuhe für Erwachsene können mit der Gästekarte (www.nationalpark-sommercard.at) gratis ausgeliehen werden. 800 Kilometer Mountainbike und 1000 Kilometer Wanderwege gehören zur Region. Im Winter reizt neben dem Familienskigebiet die längste beleuchtete Rodelbahn der Welt (14 km).
  • Tipp: Großvenedigertour ab Neukirchen am Großvenediger: 1,5 Tagestour inklusive Taxi ins Obersulzbachtal, Abendessen und Übernachtung mit Frühstück auf der Kürsingerhütte (2558 m), Leih-Ausrüstung (Steigeisen, Seil), Bergführergebühr, Venediger-T-Shirt ab 208 Euro pro Person. Diese zweitägige Hochgebirgstour wird auch mit Skiern (ab März) angeboten.
  • Infos und Buchung: Tourismusbüro, A-5741 Neukirchen am Großvenediger, Telefon 0043 720 710 730, www.wildkogel-arena.at, info@wildkogel-arena.at
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