Glück ist nichts für Feiglinge

Leseprobe des neuen Romans von Nicola Förg, die neben wunderschönen Reise-Stories auch sehr erfolgreiche Kriminalromane schreibt.

Wenn das Glück dich sucht, findet es dich auch!

Sonjas einziger Lichtblick, ihr Ankerpunkt im Alltagstrott ist ihre Katze. Aber was macht man, wenn genau diese Katze verschwindet? Folgt man ihr an den Rand der Welt? Wo es lange Schatten zu überspringen gilt… um etwas zu entdecken, das viel größer ist.

Glück ist nichts für Feiglinge ist ein Roadmovie, ein Katzenbuch, eine Liebegeschichte, eine Krimikomödie –  und vor allem eine Hommage an Island. Krimiautorin Nicola Förg war häufig und zu allen Jahreszeiten auf Island, sie hat in den 90ern einen Reiseführer darüber geschrieben – Island ist eine lebenslange Leidenschaft

Erscheinungstermin
März 2015

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Leseprobe

 Er bog auf eine Straße ab, die schnurgerade ostwärts führte. Sie durchfuhren eine Mondlandschaft, eine schwarze Steinwüste, die sie auf einer langen Geraden durchschnitten. Sie kam sich vor wie in einem surrealen Roadmovie. Ein gewaltiger Himmel überspannte das Schwarz. Im Reiseführer war Island in den glühendsten Farben geschildert worden. Von „Mutter Erde“ war die Rede gewesen, aber hätte das nicht Wärme und Liebe bedeutet? Die Mondlandschaft, die sie draußen sah, hatte ganz andere Seiten und scheute sich auch nicht, ihre Narben und Wunden offen zu zeigen. Sonja fand es bedrohlich.

Der Mann sah zu ihre herüber. „Sie finden es nicht sonderlich hübsch hier, oder?“

„Nein … doch … Ich hatte nur ganz andere Bilder im Kopf.“

„Die werden sich auch erfüllen, versprochen! Tiefblaues Wasser vor Felsenküsten. Weiße Schneekappen. Lavaströme, die zu Skulpturen erkaltet sind. Brodelnde Erde, bläuliche Schwefellöcher, die Blasen werfen, kleine Kamine, aus denen ohrenbetäubend laut heißer Dampf zischt. Der Wind treibt ihn als Wolken über karge Hochebenen – Werden und Vergehen in einen Augenblick gebannt. Island macht alle süchtig: Nach dem unvergleichlichen Licht des Nordens, nach den unwirklichen Farben, nach Fjordküsten, nach tosenden Wasserfällen, nach Geysiren und immer wieder nach der alles beherrschenden Natur. Warten Sie den Morgen ab. Warten Sie, bis Sie den Hauptstadtbereich verlassen haben.“

Sonja schwieg. Der Mann fand so opulente Worte, dass sie sich ganz dumm vorkam.

„Island lebt, brodelt, gibt Ruhe, meldet sich wieder zu Wort. Das ist ein Teil der Faszination, denn dieses Land ist noch immer im Entstehen, erst 1963 wurde durch eine submarine Explosion im Bereich der Vestmannaeyjar, zu Deutsch Westmännerinseln, eine neue Insel geboren, die den Namen Surtsey erhielt. Auf Island ist die Natur so gegenwärtig, dass das menschliche Streben, sie zu unterwerfen, aberwitziger als anderswo erscheint. Islands Natur gewährt seinen Besuchern die Gnade, Zuschauer zu sein“, fuhr er fort. Es schien ihn nicht zu stören, dass Sonja beharrlich schwieg

(…)

Als Sonja wieder im Guesthouse eintraf, waren vier Tische gedeckt. Außer ihr schien noch niemand wach zu sein, und auch Manfred und seine Frau waren nicht zu sehen. Auf dem Tisch standen eine Thermoskanne mit Kaffee und jede Menge Tetrapaks. „Nýmjólk“, „Léttmjólk“, „Súrmjólk“, „Undanrenna“ und „Rjómi“ stand darauf. Als Sonja gerade unschlüssig Súrmjólk in den Kaffee schütten wollte, rief eine Stimme: „Stopp!“

Zur Stimme gehörte eine Frau. Sie trug Jeans, einen Islandpullover, und ihre mittellangen lockigen karottenroten Haare waren zurückgesteckt. Sie war sicher über fünfzig und sah alt und jung zugleich aus. Sonja hatte das Gefühl, als wäre irgendetwas mit dem stillen Frühstücksraum passiert. Ihr wurde auf einmal warm, und der Boden schien ganz leicht zu beben. Die Veränderung ging von dieser Frau aus, sie war pure Energie und erfüllte den Raum mit etwas Unerklärlichem.

„Du wirst doch keinen Kefir in den Kaffee schütten, oder?“, fragte die Frau.

Sonja starrte auf die Packung.

„Pass auf: Nýmjólk ist Vollmilch, Léttmjólk ist fettarme Milch, Súrmjólk ist Sauermilch, das entspricht in etwa deutschem Kefir. Undanrenna ist Magermilch und Rjómi Kaffeesahne. Die Isländer haben einen Milchtick.“ Die Frau wedelte mit den Händen und wies auf einige Tuben. „Das hier sind verschiedene Sorten Streichkäse. Schau dir immer die Abbildung auf der Tube an, dann weißt du, wie der Inhalt schmeckt. Sind Garnelen drauf, schmeckt der Käse eher fischig. Das hier ist ein Streichkäse mit Schinkengeschmack und kleinen Schinkenstückchen drin, und dieser hier hat den Geschmack einer Paprikasalami. Muss man nicht unbedingt mögen. Aber der eingelegte Hering zum Frühstück wird dir vielleicht auch nicht schmecken!“, meinte die Frau und lachte. Sie sprach sehr gut Deutsch mit einem leichten Akzent, der überaus charmant klang.

Sonja wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Ich leg dir mal Käse und Kuchen auf den Teller“, meinte die Frau. „Das mögen die meisten Deutschen. Du bist doch Deutsche, oder?“

„Ja … äh … genau. Und danke für den Tipp mit dem Kefir.“

„Kein Problem.“ In der Zwischenzeit hatte sich die Frau einen Becher schwarzen Kaffee eingeschenkt, den sie in einem Zug kippte. Sie nahm einen zweiten und setzte sich an den Tisch. Sonja goss normale Milch in ihren Kaffee, nahm den Teller und stand etwas unschlüssig da.

„Setz dich doch her!“

Sonja nahm gegenüber der Frau Platz. Irgendwas an ihren Augen irritierte sie. Auf einmal wusste sie, was es war: eines der Augen war braun, das andere grünlich.

„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Katla und bin eine gute Freundin von Sigrun.“

„Sonja, angenehm“, sagte Sonja. Was klingt das dämlich, dachte sie im nächsten Augenblick.

Katla lachte laut heraus. „Ihr Deutschen seid lustig, weil ihr so ernst seid. Was machst du hier, Sonja? Eine Reittour?“

Warum dachten nur alle, sie sei eine Reittouristin? „Nein, nicht direkt, ich …“

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht ausfragen. Es ist nur so, dass alleinreisende deutsche Frauen eigentlich immer eine Reittour machen. Das läuft dann unter Selbsterfahrung. Zwanzig Pferde zum Reiten und weitere vierzig, die frei mitlaufen. Diese Freiheit! Diese Schönheit der wehenden Mähnen! Diese Seelenprozesse! Diese Gruppendynamik! Einmal Grenzerfahrung und zurück. Einmal durchs Hochland. Im Zelt schlafen. Stinken wie ein Pferd. Und doch beseelt vom Geist der Freiheit. Ganz nah dran an den alten Wikingergöttern.“ Katla lachte schon wieder und fuhr fort: „Oder du bleibst länger und arbeitest du in der Fischfabrik. Kotzt dir die Seele aus dem Leib. So eine Arbeit hält niemand lange aus, erst recht keine Deutsche – außer du kommst zufällig von der Küste und hast den Fischgeruch mit der Muttermilch aufgesogen. Am liebsten würdest du sofort abreisen, aber du hast zu Hause allen erzählt, dass du für länger weg bist. Da willst du dir nicht die Blöße geben und früher abreisen. Also bleibst du und verliebst dich in einen Isländer. Alle deutschen Frauen verlieben sich in einen Isländer.“

„Also … ich wollte eigentlich … ich …“ Ja, was wollte sie eigentlich hier?

„Hilfe, Katla, erschreckst du schon wieder meine Gäste?“, rief Sonjas Vermieterin Sigrun und drohte Katla scherzhaft.

Dann wandte sie sich an Sonja. „Dein Rucksack ist gekommen. Ich hab ihn vor dein Zimmer gestellt. Glaub Katla bloß nicht! Sie ist eine Zynikerin, glaub ihr kein Wort. Eine Hochlandreittour ist nämlich wirklich ein großartiges Erlebnis.“

„Ja, und ein isländischer Lover auch!“, rief Katla.

Sonja nahm allen Mut zusammen. „Ich wollte weder eine Reittour machen noch einen Isländer … äh … aufreißen.“

„Wirklich?“, kam es wieder von Katla. „Isländische Männer sind doch so archaisch.“

„Jetzt hör aber auf!“, rief die Vermieterin. Und in Sonjas Richtung fuhr sie fort: „Katla ist furchtbar. Sie moderiert eine Sexsendung im isländischen Radio. Das hat sie fürs Leben und die Liebe verdorben. Katla hat den Männern abgeschworen. Stattdessen hat sie ihre Trolle und Elfen.“

Katla lächelte Sonja an. Für den Bruchteil einer Sekunde kam sie Sonja vor wie die Mutter, die sie nie gehabt hatte. Deshalb war sie bei ihrer Oma aufgewachsen. Nun wirkte Katla gar nicht mehr zynisch.

„Hör mal zu, Sonja. Ich glaube, Sigrun und ich, wir beiden alten Weiber, überfordern dich ein wenig. In der Tat habe ich eine wöchentliche Ratgebersendung zu Sex- und Beziehungsfragen im Radio. Und ich habe den Männern keineswegs abgeschworen, ich benutze immer noch ihre Körper, ich achte nur besser auf mein Herz. Und was die überirdischen Wesen betrifft: Dieser Tage gab es hier in Hafnarfjörður einen Elfenkongress. Der findet hier jedes Jahr statt. Wo auch sonst!“

Sonja schwirrte der Kopf. Sexratgeber. Fischfabrik. Elfenkongress. Offenbar sah man ihr die Orientierungslosigkeit an.

„Nun hast du sie noch mehr verwirrt“, sagte Sigrun. „Sonja, warst du noch nie auf Island?“

„Nein, wieso?“

„Pass auf. Wir Isländer kommen euch Mitteleuropäern ziemlich merkwürdig vor. Europa interessiert sich eigentlich erst für uns, seit unsere Banken sich etwas verkalkuliert haben. Wir haben sehr viele PCs und jede Menge Handys. Wir haben eine hohe Lebenserwartung und eine Buchproduktion von vierhundert bis fünfhundert Neuerscheinungen pro Jahr, was in Anbetracht unserer Einwohnerzahl phänomenal hoch ist. Wir sind sehr fortschrittlich und doch stark rückwärtsgewandt. Wir finden uns aber gar nicht so komisch. In einem Land mit langer Dunkelheit ist viel Raum für dunkle Geschichten. In einem Land, wo morgen die Erde aufbrechen kann, Landesteile unter Lava verschwinden und neue entstehen, gibt es wenig Sicherheit. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das Augenscheinliche oft nur ein Trugbild ist. Schau uns an. Mein Mann ist Computerspezialist, ich bin in der Kulturszene tätig, wir sind moderne Hauptstädter, könnte man sagen. Meine Mutter wohnt auf dem Land in den Ostfjorden, aber wir fahren nur selten hin. Als wir ein Gartenhaus bauen wollten, hätten wir fast einen gewaltigen Fehler gemacht. Dafür hätten wir nämlich einen Felsbrocken entfernen müssen, der ein Wohnsitz der Elfen ist. Wir haben woanders gebaut. Klar!“

Sonja sah die Frau an, die so handfest wirkte. Ein Gartenhaus musste dem Wohnsitz von Elfen weichen?

„Echt?“

„Wir sind so“, stimmte Katla zu. „Als die Ringstraße gebaut wurde, stand auch ein gewaltiger Felsen im Weg. Der Bautrupp versuchte zu sprengen. Doch vergeblich! Am Ende haben sie so viel Dynamit eingesetzt, dass eigentlich ganz Island hätte in die Luft fliegen müssen. Noch immer nichts! Der Fels stand, wo er stand. Ich wurde eingeschaltet, und mir war schon bald klar: Es war ein Elfenwohnsitz. Ich habe mit den Anderen verhandelt, und zum Glück waren sie bereit umzuziehen. Die Bauarbeiter haben ein weiteres Mal gesprengt, diesmal mit der normalen Menge Sprengstoff. Und diesmal ist der Felsen weggeflogen! Wumms!“ Katla lachte.

Sonja sah von der einen zur anderen. „Und das glaubt ihr?“

„Das ist keine Frage des Glaubens. Elfen und Trolle gibt es nun mal. Aber Elf ist nicht einfach Elf und Troll nicht Troll. Geist ist nicht Geist – die Wesen der Anderwelt sind in gute und böse Mächte aufgeteilt. Die Bösen gilt es nicht zu reizen, die Guten ruft man zu Hilfe an.“

„Katla gehört zu den wenigen Menschen in Island, die offiziell zu Rate gezogen werden, auch von Behörden und so“, erklärte Sigrun. „Mit Elfen reden können viele, aber Katla hat die Überzeugungskraft, sie eben auch mal zum Umziehen zu bewegen. Katla hat viele Talente. Sie verhandelt mit den Anderen, und sie kann dir im Hier und Jetzt handfeste Sextipps geben. Das erfordert eine gewisse Bandbreite.“ Sie lachte laut.

Die beiden Frauen sahen Sonja an, als erwarteten sie eine Reaktion von ihr. Sie kam sich vor wie in einem absurden Theater. Katla lächelte.

„Sonja, du Stille, wann musst du denn weiter?“

„Ich also, äh …“

„Ich entnehme deiner Rede, dass du keinen ganz klaren Zeitplan hast. Das ist gut, zieh dir eine Jacke an. Wir machen einen kurzen Ausflug!“

(…)

Die letzten Meter kletterten sie im Schritt über ein paar Felsplatten und standen schließlich oben. Von dort hatten sie einen weiten Blick bis zur Hauptstadt, übers Meer hinaus. Ein scharfer Wind trieb Sonja Tränen in die Augen. Sobald sie absprang, entspannte sich die Stute, senkte den Kopf und knabberte an dornigen Stengeln.

Katla lachte. „Sie ist ein kluges Tier. Power auf Abruf. Unterschätze nicht die Pferde des Feuers und des Eises. Auf der Koppel sehen sie aus, als würden sie dösen, aber wenn sie anfangen, übers Himmelszelt zu galoppieren, ist das Energie pur.“

Katla zauberte eine Wasserflasche und einen Schokoriegel heraus und reichte beides Sonja. Sie setzten sich auf ein paar Holzplanken, die offenbar von einer verfallenen Kate stammten. Der Wind frischte auf und nahm wieder ab. Eine feuchte Nebelschwade verdunkelte kurz den Blick, doch es wurde gleich wieder sonnenhell. Von irgendwoher kam Sprühregen und im nächsten Moment Licht. Über Hafnarfjörður spannte sich ein Regenbogen. Er begann im Hafenbecken und endete auf dem Hügel, auf dem sie saßen.

Sonjas pochendes Herz war ruhig geworden. Der Wind sang sein monotones Lied, und auf einmal lag der Weg ganz klar vor ihr: Sie würde Lady Goggo finden. Die Katze lebte. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht.

„Siehst du, du fühlst es auch“, sagte Katla, die eine ganze Weile geschwiegen hatte. „Das ist ein Elfensitz. Hierher führe ich die Ungläubigen. Wenn du hier nichts spürst, dann bist du tot. Bis eben warst du voller Angst, nun gefällst du mir etwas besser. Was ist los? Was treibt dich auf unsere wilde Insel? Liebeskummer?“

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