Gardelegen, die große schöne Stadt mit der großen unschönen Bürde

Gardelegen, die Isenschnibber Feldscheune

Wer gewinnt nicht gerne Wetten? Hier eine todsichere: Wie heißt die drittgrößte Stadt Deutschlands. Alles klar, nach Berlin und Hamburg folgt München. Wetten dass nicht? Die drittgrößte Stadt Deutschlands ist Gardelegen. Gardelegen what? Ja, natürlich nicht nach Einwohnern, aber nach Fläche. Und wonach bemisst sich Größe? Doch zunächst nach Fläche, Gardelegen hat gut 630 Quadratkilometer.

Dieses Gardelegen ist zudem Hansestadt! HGA wäre das passende Autokennzeichen statt GA. Das steht für den Altmarkkreis Salzwedel. Gardelegen ist dort eine Mittelstadt, die nur im Kern städtische Strukturen aufweist, die übrigen 48 Ortsteile und zahlreichen Wohnplätze liegen verstreut in einem ländlichen Raum, der eigentlich überall schöne Ansichten auf eine leicht hügelige Landschaft und eine melancholisch alte Bebauung bietet. Vor allem Kirchtürme reizen zu Aufnahmen. Eine wollten wir festhalten, vorne eine blühender Streifen an einem Feld, dahinter ein schlanker, dunkler Kirchturm aus Backstein. Zwei Männer stehen auf der anderen Straßenseite, dort wo das Dorf beginnt, und schauen uns interessiert zu. Was wir nicht wussten, es gibt in der Altmarkt das Projekt „Blühende Altmark” ins Leben gerufen von Julius Katte, einem Junglandwirt. Mit dem Abschluss einer Blühpatenschaft erhält er den Auftrag, auf eigenen Flächen Blühmischungen zu säen. Diese bleiben dann über mehrere Jahre bestehen und bieten Insekten einen Lebensraum. Blühen lassen ist mithin in – in der Altmark. „Das sieht aber schön aus“, rufen wir den beiden Männern zu. „Ja.“ „Ist das eine Initiative des Ortes?“ „Nein, den Randstreifen blühen zu lassen, wird landesweit gefördert.“ „Und Sie stehen hier, weil viele diese Ansicht aufnehmen wollen.“ „Nein, die meisten, die hier halten, wollen die Blumen, vor allem die Sonnenblumen, abschneiden. Wir gehen jetzt weiter und schauen wieder auf unserem Hof nach der Ordnung.“ „Heißt?“ „Wir trinken einen.“

Es ist eine wunderschöne Gegend, Gardelegen ist nur ein Ort unter vielen im Südwesten der Altmark, diese ist grob festzumachen zwischen Berlin, Hannover, Magdeburg. Nachbargemeinden von Gardelegen sind Klötze, Kalbe, Bismark, Stendal, Tangerhütte , Burgstall, Westheide, Calvörde und Oebisfelde-Weferlingen. Wer von ihnen noch nichts gehört hat, befindet sich in guter Gesellschaft.
Weithin sichtbares Wahrzeichen der Stadt sind die drei Türme von Nikolaikirche, Rathaus und Marienkirche. Vom Turm des Rathauses sieht man den historischen Altstadtkern, umsäumt von einer Lindenallee, man erkennt die Reste der Stadtmauer, die Türme und Fachwerkhäuser. Den Roland, Symbol für Gerechtigkeit, Bürgerstolz und Leistungskraft, sieht man auch. Er wurde erstmals 1450 erwähnt, 2002 wieder aufgebaut. Am Horizont erkennt man die bewaldeten Anhöhen der Colbitz-Letzlinger-Heide und der Hellberge.

 

Gardelegen, die Isenschnibber Feldscheune

Die erste schriftliche Erwähnung der Stadt stammt aus dem Jahre 1121 als Gardeleve. 1316 erwarb die Stadt das Schulzenamt und damit die „Hohe Gerichtsbarkeit“. Gardelegen trat 1353 dem Altmärkischen Städtebund und 1358 der Hanse bei. Im Jahr 1488 kam es zu dem im Ort immer noch bekannten „Bierziesestreit“ mit dem Kurfürsten. Eine ist eine traurige Geschichte. Mit dem „Garley”, dem Gardelegener Bier, das als Heilmittel galt und im Ruf stand, mit Wein konkurrieren zu können, gelang die Aufnahme in die Hanse. Der Kurfürst Johann Cicero merkte wohl, dass der Export brummte, bis nach Russland und Bayern, und erhob 1488 eine Biersteuer. Die Altmarkstädte weigerten sich, diese zu zahlen, aber verloren den dadurch ausgelösten, blutigen Streit. Zu den Friedensbedingungen gehörte es, dass die Städte aus Bündnissen jeder Art auszuscheiden hätten. Auch aus der Hanse. Diese Geschichte erfahren wir im „FischerHof Gahrns“, er liegt am Rande des Gardelegen-Letzlinger Forstes und züchtet nicht nur Forellen, er verkauft und verarbeitet sie auch zu wundervollen Gerichten. Es gibt viele empfehlenswerte Lokale, darunter etwa die „Güldene Pfanne“ in Havelberg, wo es nicht nur Fisch, sondern auch Lamm und Wild gibt. Wer unbedingt will, kann sich auch ein Stück Pferd auf den Teller holen.

Gardelegen, Perle der Altmark genannt, ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen und Fahrradtouren in alle vier Himmelsrichtungen. Da gibt es den Altmarkrundkurs, der etwa 500 km durch Wälder, Felder und alte Dörfer läuft. Und den Milde-Biese-Aland-Radweg, 97 Kilometer am Flussufer entlang. 16 Kilometer lang ist der Gardelegener Heideweg, den man radeln und wandern kann. Der Reformationsradweg verbindet 25 Kirchen. Kennzeichen jeder Station sind eine Stele mit einer der 95 Thesen Martin Luthers und einer Rose als Symbol der Reformation. Der Rundweg wird Stück für Stück erweitert, Ziel sind 95 Stationen, für jede These eine. Hier findet man auch Europas längstes Reitroutennetz.

Wir müssen jedoch eine Gedenkstätte besuchen, die der eigentliche Auslöser war, Gardelegen zu besuchen, eine Stadt von der wir bislang nichts wussten, die Isenschnibber Feldscheune. Zwischen 3000 und 4000 Häftlinge aus den KZ Hannover-Stöcken, Mittelbau-Dora und Neuengamme treffen bis zum 11. April 1945 im Raum Gardelegen ein, sie sollen weiter nach Bergen-Belsen. Doch die Züge enden hier. Die Gleise sind durch Bombenangriffe zerstört. Mit Unterstützung der Bürger der Stadt werden in der Scheune 1016 KZ-Häftlinge ermordet, bei lebendigem Leib verbrannt, einen Tag, bevor die Stadt der US-Armee übergeben wird.

Die Frontseite der Scheune wurde wieder aufgebaut, es gibt eine Dauerausstellungen, Tafeln, die erklären, was nicht zu erklären ist. Gerhard Thiele, der Hauptverantwortliche für dieses Verbrechen, musste sich nie vor einem Gericht verantworten. In Sichtweite ist ein Friedhof, wo auf Befehl der Amerikaner alle männlichen Einwohner Gardelegens über 16 die Opfer bestatten mussten.
Wir sind allein, zwei Fahrradfahrer machten hier kurz Halt, bevor sie weiterfuhren. Dieses Land ist so schön, denken wir, vor einer überlebensgroßen, nackten Figur stehend, welche die Opfer symbolisieren soll, aber du kannst hinfahren, wo du willst, immer triffst du die Narben, welche sich die eigene Bevölkerung schlug. Darauf kannst du immer wetten.

Diese 16-teilige Serie findet Eingang in eine Foto-Text-Ausstellung „Gesichter Deutschlands“ im öffentlichen Raum in Gräfelfing und in einen Katalog mit gleichem Namen. Der Katalog „Gesichter Europas- eine Reiseliebe“ ist mit der ISBN 978-3-942138-67-3 über die Buchhandlungen oder direkt beim GRÄV-Verlag zum Preis von 15 Euro zu beziehen.
Nächste Folge: Lutherstadt Eisleben

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