Es geht ständig bergauf – bergab. Wanderferien auf der sorrentinischen Halbinsel – himmlische Aussichten und paradiesische Plätze. Um den Zauber dieser Landschaft zu entdecken, sollte man sie zu Fuß erkunden

Der Ausblick ist fantastisch. Vor uns erstreckt sich, immer wieder von größeren und kleineren Buchten unterbrochen, die wild zerklüftet Felsküste. Kaum zu glauben, dass dort ein Wanderweg Platz hat. Doch es ist so: Momentan schlängelt er sich, deutlich erkennbar, an der felsigen, mit Bäumen und Büschen bewachsenen Amalfi-Steilküste entlang. Tief unten leuchtet das blaue Meer. Und in der Ferne, am Ende der Steilküste, zeigt sich – im Dunst nur schwer auszumachen – Capri, die viel besungene. Jetzt versperrte ein Felsbrocken die Sicht. In den Fels geschlagene Steinstufen führen steil nach oben. Es wird eng. Ein mit prallen, weißen Säcken beladenes Maultier kommt uns entgegen, drängt sich mit seinem Führer rücksichtslos vorbei. Gott sei Dank wird der Weg rechtzeitig etwas breiter. Auf einer kleinen Wiese haben sich einige Wanderer zum Picknick niedergelassen. Dann überrascht erneut ein prächtiger Meerblick. Und weiter vorn erstrahlen die weißen, sich in einer Felsbucht stapelnden Häuser von Positano. Dort wollen wir hin. Wir sind auf dem “Sentiero degli dei“, dem Weg der Götter, einem grandiosen, etwa acht Kilometer langen Wanderweg an der Amalfiküste, die sich auf der Südseite der italienischen Halbinsel von Sorrent erstreckt. Bekannt geworden ist diese Steilküste durch die Amalfitana; die etwa 100 Meter über dem Meer in den Fels getriebene, kurvenreiche, schmale 49 km lange Straße von Positano nach Vietri sul Mare gilt als eine der herrlichsten Panoramastraßen der Welt.

Was weniger bekannt ist – oberhalb der Amalfitana verlaufen im Fels zahlreiche Wander- und Maultierwege. Einer dieser Wege ist der rund neun Kilometer lange „Sentiero degli dei“ von der kleinen Ortschaft Bomerano bis nach Positano. Er trägt seinen Namen „Weg der Götter“ völlig zu recht. Zwar führt der Wanderweg nicht in den Himmel, aber er bietet himmlische Aussichten und paradiesische Plätze, an denen man gern länger verweilt. Es geht ständig bergauf, bergab; gute Kondition ist also Voraussetzung. Doch nie ist der Weg ausgesetzt, so dass man schwindelfrei sein müsste. Oft gibt es schattige Passagen. Manche Abschnitte eignen sich ideal für ein kleines Picknick. Der letzte Abschnitt des Wegs hat es noch mal in sich: Von Nocelle müssen rund 350 Treppen hinunter nach Positano bewältigt werden, wo sich viele kleine Cafés am Hafen für eine Espresso-Pause anbieten.

Auf der gesamten sorrentinischen Halbinsel südlich von Neapel, durch die sich die Gebirgskette der Monti Lattari zieht – der Name kommt von den Milchziegen, die mit ihren Glöckchen den Wanderer schon von weitem auf sich aufmerksam machen – hat sich seit den 1990-er Jahren ein Wander-Gebiet entwickelt, das seinesgleichen sucht. Die meisten Wege sind optimal markiert; es gibt übersichtliche Karten und ortskundige Wanderführer. Grundlage bilden die alten Versorgungswege der Bauern, Hirten und Jäger; sie sind weitgehend erhalten und werden ständig gepflegt, wie der Alta Via dei Monti Lattari. Auf diesem Hohen Weg der Milchberge erreicht man von Corpo di Cava vorbei an der mächtigen Benediktiner-Abtei und dem längsten Aquädukt Süditaliens nach etwa zwei Stunden gemütlichen Wanderns durch herrliche Mischwälder einen Platz in rund 600 Metern Höhe, der nicht nur eine prächtige Aussicht auf den Golf von Salerno bietet, sondern sich auch bestens für ein Picknick eignet, ehe man später auf einem anderen, genussreichen Weg mit niedrigem Buschwerk zur kleine Ortschaft Cetara tief unten am Meer hinabsteigt.

Initiator dieser Wanderbewegung ist Giovanni Visetti. Vor mehr als zwanzig Jahren hat der Kartograf erkannt, welche Chancen die sorrentinische Halbinsel zwischen dem Golf von Neapel und dem Golf von Salerno dem Tourismus bietet. Um den Zauber dieser Landschaft zu entdecken, sollte man sie zu Fuß erkunden. Visetti hat die gesamte Halbinsel durchwandert , entsprechende Karten erarbeitet (www.giovis.com) und sich um die wunderschönen, buntlasierten Wegweiser gekümmert, die den Wanderer bestens leiten. Mittlerweile gibt es 34 markierte, unterschiedlich lange Wanderwege nicht nur entlang der wilden, aufregenden Amalfiküste, sondern auch durch die Weinberge, Oliven- und und Zitrushaine der malerisch-beschaulichen Bauernlandschaft oberhalb von Sorrent.

Ein idealer Ausgangspunkt für genussvolle Ausflüge auf der sorrentinischen Halbinsel ist der kleine Ort Sant’ Agata sui due Golfi, dessen Höhen beim Kloster San Deserto einen Blick sowohl auf den Golf von Neapel als auch auf den von Salerno ermöglichen. Beliebt ist die Wanderung über Termini an die südwestliche Spitze der Halbinsel zur Punta della Campanella. Vis à vis liegt Capri, zum Greifen nah. Als Rückweg empfiehlt sich der Weg über Termini Richtung Sorrent zur Zitronenplantage „Il Giardino di Vigliano“ der Familie Nunziata, die den Besuchern in ihrem geräumigen Bauernhaus mit sieben komfortablen Gästezimmern hauseigene Spezialitäten anbietet. Zu den besonderen Köstlichkeiten zählt ihre Panzanella, ein köstlicher Brotsalat aus knusprigen Brotwürfeln mit Zitronenöl, Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Paprika.

Man muss nicht allein gehen. Eine Gruppe gleichgesinnter Freunde, zu denen auch Giovanni Visetti gehört, hat sich unter dem Namen „Free Ramblers Escursionisti Epicurei“ zusammengeschlossen; sie treffen sich an Wochenenden zum gemeinsamen Wandern. Gäste sind herzlich willkommen. Auch die Sektion Salerno des Italienischen Alpenvereins veranstaltet regelmäßig Wanderungen für Touristen (www.caisalerno.it). Einen optimalen Eindruck der sorrentinischen Halbinsel vermittelt die neuntägige Studiosus-Wanderstudienreise „Golf von Neapel – aktiv erleben“ (www.studiosus.com), zu der auch ein lohnender Ausflug nach Capri gehört. Im Mittelpunkt des Capri-Programms steht die Wanderung auf dem vorzüglich ausgebauten, etwa sechs Kilometer langen „Sentiero dei Fortini“ vorbei an alten Befestigungsanlagen. Rund vier Stunden dauert diese Wanderung an der atemberaubenden, felsigen Westküste vom Leuchtturm Punta Carena bis zu einem Balkon an der Via Grotta Azurra, von dem man das Gedränge der Ruderboote, die mit ihren Gästen in die Blaue Grotte wollen, vortrefflich beobachten kann.

Informationen:
Fremdenverkehrsamt Sorrent, Via Luigi de Maio, 35, 80067 Sorrento Napoli, Italien, Tel: +39 081 807 4033, www.sorrentotourism.com/de/. Siehe auch: www.amalfi-reisen.de und www.agriturismo.it/de.

Henno Heintz

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