Elsass und Vogesen – dichte Wälder hinter Weinbergen

Das Elsass ist für seine vielfältigen Angebote bekannt, weniger die Vogesen. Aber auch hier bieten sich anspruchsvollen Gästen viele Möglichkeiten.

Ein rauer Wind fegt über die Bergkuppe des Hohneck. Mit 1363 Metern ist er der dritthöchste Berg der Vogesen. Weit reicht die Sicht über die Rheinische Tiefebene im Osten, bis in den Schwarzwald. An besonders klaren Tagen zeigt sich sogar der Mont Blanc oder die steile Wand des Matterhorns in der Schweiz. Erstaunlich wieviel Vegetation hier oben gedeiht, die gerade im Frühjahr mit bunten Blüten auf sich aufmerksam macht. Weiter unten auf den Wiesen weiden Kühe. Das Aussichtsplateau ist bequem mit dem Auto erreichbar und im Hotelrestaurant Le Sommet du Hochneck lässt sich auch bei einer Quiche Lorraine oder dem landestypischen Sauerkraut mit Beilagen der Blick auf die Alpen genießen.

Doch Hohneck ist auch Ausgangspunkt für viele Wanderungen über den Vogesenkamm. Manch einer macht sich auf den Weg zum Gran Ballon. Der höchste Punkt der Vogesen im Nordosten Frankreichs zieht schon allein wegen der weißen kugelförmigen Radarstation den Blick auf sich. Ein anstrengendes Bergauf, Bergab erwartet Wanderer bevor sie auf dem 1424 Meter hohen großen Belchen mit einem großartigen Rundumblick bis hinab ins Elsass belohnt werden.

Blick vom Vogesenkamm Richtung Gérardmer

Die elsässische Weinstraße führt östlich der Vogesen entlang zahlreicher idyllischer Dörfer. Wichtig ist hier nur eine Sache: der Weinanbau. Große und kleine Kellereien laden zur Dégustation ein. Für die Fahrt bergauf auf der Route des Crêtes sind jedoch Nüchternheit und Fahrtüchtigkeit gefragt. In zahlreichen Serpentinen geht es auf den Vogesenkamm. Während unten im Tal alles in Nebel gehüllt ist, taucht hier oben Sonnenschein die Landschaft in gleißendes Licht. Der Bau dieser Panoramastraße galt einst rein militärischen Zwecken während des ersten Weltkrieges. Heute schlängeln sich Lastwagen, Motorräder und Autos den 949 Meter hoch gelegenen Pass Col de Bonhomme bzw. den 1139 Meter hohen Col de la Schlucht hinauf.

Rechts und links der Straße gibt es ständig Ausgangsmöglichkeiten für Wanderungen. „Ich glaube, der Weg geht dort drüben weiter. Seht ihr das rote Kreuz?“ Der Wanderpfad führt durch dichten Wald, zwischen üppigen Farnbüschen, entlang eines Baches und ist dank Ausschilderung gut erkennbar. Seit Oktober 2019 hat der Wanderweg „Traversée du Massif des Vosges“ eine besondere Auszeichnung als einer der Schönsten Europas verliehen bekommen.

Ein bisschen Finnland in den Vogesen

Bauernhöfe sind zwischen den Bäumen erkennbar. Dann stoßen die Wanderer auf etwas, was sie wohl eher in Finnland als in den Vogesen erwartet hätten: eine Rentier-Farm. Die Auberge Schantzwasen ist nicht nur ein Restaurant mit elsässischen Spezialitäten, sondern beherbergt mehr als 30 Rentiere auf 6 Hektar Land. Natürlich fehlt auch nicht die Hütte des Weihnachtsmannes, der schließlich das ganze Jahr damit beschäftigt ist Wünsche der Kinder zu sortieren. Die Auberge liegt auf 1096 Meter Höhe am Süd-Osthang des Tanets, eingebettet in eine ursprüngliche Landschaft.

„Das Messer war eines der wichtigsten Werkzeuge der Samen und persönliches Eigentum. Deshalb auch die kunstvolle Gestaltung der Griffe.“ Pierre führt durch das kleine Museum, in dem Gerätschaften aus dem Ursprungsland der Rentiere zu sehen sind. Daneben erfährt der Besucher auch die spannende Geschichte vom französischen Völkerkundler Alan Borvo, der bei den Skolt-Lappen lebte und forschte. Während seiner Reisen hatte er eine beträchtliche Sammlung an Alltagsgegenständen der Sami zusammengetragen die mehrfach in Frankreich und Europa ausgestellt wurden. Alan Borvo verschwand. Es wird vermutet, dass er selbst zum Sami wurde.

Erholung pur auf dem Lac de Gérardmer

Wenn Käse gewaschen wird

Menschenmengen säumen die Straße. „Schaut da kommen sie. Ist das nicht wunderbar? Bravo, bravo!“ Der Beifall gilt den mit gelben Narzissen geschmückten Festwagen. In Gérardmer, am gleichnamigen See,  in den südwestlichen Vogesen herrscht Festtagsstimmung. Alle ungeraden Jahre veranstaltet die lothringische Stadt die „Fête des Jonquilles“. Dutzende Festwagen ziehen überlebensgroße Figuren durch die Straßen, bestückt mit den gelben Blüten wilder Narzissen.

„Probieren Sie Madame, er riecht zwar intensiv, schmeckt aber ganz mild!“ Wer kann schon der charmanten Aufforderung des Käse-Verkäufers widerstehen? Buntes Treiben herrscht am Samstag auf dem Markt in Gérardmer. An den Ständen werden Produkte aus der Umgebung angeboten: Gemüse, Kartoffeln, Nüsse und selbstverständlich auch der bekannte Munsterkäse. Der von der westlichen Vogesenseite rund um Géradmer stammende Käse trägt den Namen „Munster Gérome“. Angeblich soll sich an der Zubereitung nichts geändert haben, seit Mönche im Munstertal bereits im 7. Jahrhundert diese Delikatesse herstellten. Die typische rote Farbe außen an den Laiben erhalten sie durch das regelmäßige Abwaschen mit einer Rotschmiere-Bakterienkultur.

Schlachtplatte zwischen Fachwerkidylle

Fast unmerklich ist der Übergang vom dicht bewaldeten Mittelgebirge hinab in das Elsass, wo Weinberge die Mischwaldbestände auflockern. „Für die letzte Lese im Herbst war es nicht kalt genug.“ Winzer Fritz-Schmitt in Ottrott erzählt von Problemen, die der Anbau von Wein mit sich bringt. Klingt paradox, jedoch sind kühlere Temperaturen tatsächlich für den Reifungsprozess notwendig. Dabei erlauben gerade das milde Klima und die guten Böden in dieser Gegend der „Terre de Sainte Odile“ Weinanbau. Viele Winzer liefern an die Genossenschaft, welche die Vermarktung übernimmt. Andere geben auf und bauen Mais an. Die Rotweinsorte Rouge d´Ottrott ist über das Elsass hinaus bekannt.

Wenige Kilometer von Ottrott entfernt liegt das malerische Städtchen Obernai. Nicht nur die mittelalterliche Befestigung mit Türmen und Gräben ist sehenswert. Fachwerkhäuser in allen Variationen, enge Gässchen und gemütliche Restaurants locken Besucher aus aller Welt hierher. Der Ort, der sich am Fuße des Monte Sainte – Odile befindet, ist auch Geburtsstadt der Heiligen. „Wurde an diesem Tisch die Schlachtplatte für Vier bestellt?“ Die Kellnerin ist froh die schwer gefüllte Platte mit Fleisch, Wurst, Kartoffeln und dem beliebten Sauerkraut abstellen zu können. Nur sehr Hungrige sollten diese Bestellung wagen. Besonders schön ist ein Bummel abends über den Marktplatz, vorbei am Brunnen der heiligen Odile, vorbei an der alten Kornhalle. Geschäfte schließen, vor der Haustüre wird noch mit dem Nachbarn geplaudert, hinter den Scheiben der oft windschiefen Fachwerkhäusern gehen die Lichter an. Hier fühlt sich der Besucher nicht als Tourist, sondern eher als ein guter alter Freund, der eine ihm lieb gewordene Stätte mal wieder aufsucht.

Lebkuchenverzierung in Vorbereitung für die Festtag

Weihnachtsfreude das ganze Jahr

Schon beim Betreten des Museums steigt der Duft von Honig, Zimt und süßem Teig in die Nase. Ein Lebkuchenmann, das Maskottchen Mannele nimmt die Besucher des Palais du Pain d Épice in Gertwiller mit auf eine Reise durch vergangene Jahrzehnte der Lebkuchenbäckerei. Großmutters Küche erwacht zum Leben und damit auch zahlreiche Erinnerungen. Rezepte aller Art für die leckeren Gesellen finden sich in den Schubladen altmodischer Küchenschränke. Doch es bleibt nicht nur bei der Theorie: „Schau mal ist mein Lebkuchenmann nicht toll?“ der kleine Junge verziert mit Feuereifer sein Lebkuchenstück mit bunter Zuckerglasur. Während die jungen Besucher ihrer Fantasie freien Lauf lassen wird in der Backstube geknetet, geformt und gebacken. Kostproben liegen in einem Korb bereit. Natürlich ist die letzte Station der Souvenir-Laden. Nicht nur süße Leckereien lassen sich hier erstehen, sondern auch Spezialitäten aus der Umgebung. Prall gefüllt sind die Einkaufstaschen der Besucher, wenn sie das Geschäft verlassen. Ob bis Weihnachten wohl noch was übrigbleibt?

Dem Lebkuchen-Palast gegenüber liegt das traditionsreiche Weingut Zeyssolff, das schon seit vielen Generationen im Besitz dieser Familie ist. Gäste aus aller Welt werden hier in die Geheimnisse guter Weine eingeweiht.

Das Weingut Zeyssolff liegt an der Elsässer Weinstraße

Von Henkers-Häusern und Höllenqualen

Das Elsass hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Diese spannende Mischung aus deutsch-französischer Kultur spiegelt sich heute vor allem in der Küche und der Lebensart wider. „In dem gelben Haus rechts wohnte einst der Henker“, erklärt der „Gondoliere“ während das Holzboot mit Elektromotor auf der Lauch unterwegs ist. Eng aneinandergeschmiegt und liebevoll renoviert erinnert keines der bunten Häuser an die grausige Vergangenheit. Noch recht jung ist das romantische Viertel „Klein-Venedig“ in Colmar. Vor ungefähr 50 Jahren wurden die dem Verfall preis gegebenen Häuser saniert und sind heute eine der Hauptattraktion der Stadt. Viel Geld wurde auch in die Hand genommen, als das Museum Unterlinden umgestaltet wurde, in dessen Räumen in einer Kapelle das berühmte Werk der Issenheimer Altar von Matthias Grünewald ausgestellt ist. Grausam die realistischen Vorstellungen von Hölle aus einer Zeit in der Wikipedia noch unbekannt war. Außerdem sind Bilder aus verschiedenen Jahrhunderten von weltbekannten Künstlern zu betrachten.

Wer sich einen Überblick von all den traditionellen Spezialitäten machen möchte besucht die renovierte historische Markthalle. Käse, Wurstwaren, Brot und köstliche Kuchen stehen zum Verkauf. Hier findet jeder Geschmack etwas. Dann gilt es eine Entscheidung zu treffen. „Bitte einen typischen Elsässer Flammkuchen.“ Am Abend im gemütlichen Restaurant nach einem langen Tag voll kulinarischer Erkundungen bleibt es bei der Bestellung dieser hauchzarten mit Zwiebeln, Speck und Schmand belegten Teigplatte, die hier zuhause ist, und die nicht nur in Frankreich ihre Anhänger hat.

“Klein Venedig” in Colmar

Unterkünfte:

In Gérardmer am Südwestrand der Vogesen liegt wenige Gehminuten vom Ufer des gleichnamigen Sees das Grand Hôtel & Spa; http://www.grandhotel-gerardmer.com/ auf einem großzügigen Grundstück. Drei Restaurants bieten ihre Dienste, darunter eines für Gourmets in einem sehr stilvollen Ambiente. Seit einigen Jahren werden in einem rustikalen Nebengebäude aus Massivholz zwei luxuriöse Suiten mit offenem Kamin und Balkon angeboten.

Am Ausgang des Münstertales von den Vogesen ins Elsass gelangt man ins romantische Colmar. Direkt am Fluss im Viertel „Klein Venedig“ liegt das Hotel Le Maréchal. Das Haus wurde bereits 1565 erbaut und ist wegen seiner einmaligen Lage und seinem Gourmetrestaurant sehr beliebt. https://www.hotel-le-marechal.com/de/hotel-colmar-elsass

Weitere Angebote zu den Hotels finden sich unter https://www.lescollectionneurs.com/

Reiseführer: Im neuen Baedeker Elsass und Vogesen wird die Region ausführlich beschrieben. Dazu ergänzen Landkarten und Internetadressen die Informationen; der im Buchhandel oder unter www.baedeker.com zum Preis von Euro 22,99 erhältlich ist.

Text: Monika Hamberger

Fotos. Rainer Hamberger

 

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