Eine wunderschöne, historische und lebendige Stadt und ein feines Festival: Leuven Jazz

In Leuven ist nicht nur das Jazzfestival einen Besuch wert, die Stadt selbst ist zauberhaft und bietet zahllose Entdeckungen. Etwa das wunderschöne Rathaus, die Universitätsbibliothek mit ihrem Lesesaal und ihrem Turm, der einen Rundumblick auf Leuven offeriert, der Große Beginenhof, längst UNESCO-Weltkulturerbe, mit einem Eintauchen in die Stille und ein längst vergangenes Jahrhundert. Oder der Oude Markt, Herz des Ausgehviertels der Stadt, den die Leuvener die längste Theke Europas nennen.   

Von Christoph Giese

Und wer vielfarbige Musik hören möchte, ist beim Leuen Jazz genau richtig. Zehn Jahre gibt es das inzwischen zehntägige Jazzfestival nun. Und die Jubiläumsausgabe hatte einige zu bieten. Wie man Jazzstandards auch mal spielen kann, zeigt Tigran Hamasyanauf seinem letzten Album StandArt. Mit dieser Platte im Gepäck schaute der armenische Pianist im Trio mit dem kanadischen Bassisten Rick Rosato und US-Drummer Jonathan Pinson beim Leuven Jazz in der historischen Studentenstadt, die Belgiens größte und bedeutendste Universität aus dem 15. Jahrhundert beherbergt, vorbei. Der kleine Armenier ist an den Tasten ein ganz Großer. Quirlig, komplex, kantig, vor Ideen nur so sprudelnd ist sein Klavierspiel, oft auch durchzogen von Melodien seiner Heimat. Letzteres ist bei StandArt nicht der Fall, aber spannend ist das Projekt dennoch. Geschickt verfremdet das Trio die bekannten Melodien, variiert sie in Tempo, nimmt sie auseinander, um sie mit flirrenden Klaviernoten neu zusammenzusetzen. Da bekommt ein Standard wie I Didn´t Know What Time It Was auch schon mal schleppende HipHop-Grooves untergerührt. Wirklich cool – auch wenn Hamasyan bei seinem ganzen Konzert nicht eine Silbe sprach, nicht einmal seine Musiker vorstellte.

Wesentlich kommunikativer präsentierte sich da Lakecia Benjamin mit ihrem Quartett in der altehrwürdigen Schouwburg im Herzen Leuvens. Goldfarben gekleidet startete die plauderfreudige US-Saxofonistin und Komponistin ohne großes Warmspielen ihre Tour de Force, mit Coltrane-Stücken und Material ihrer von Terri Lyne Carrington produzierten neuen Scheibe Phoenix. Drummer E.J. Strickland pushte die Altsaxofonistin unermüdlich nach vorne in einem Auftritt wie ein Energie-Booster. Intensiv, mit schneidenden Altsax-Linien, aber auch mit Musik mit Haltung. Etwa wenn Benjamin gleich zu Beginn gekonnt von Selbstbestimmung, Freiheit oder Frieden rappte.

Das Finale des Nachwuchswettbewerbes B-Jazz 2023 für junge belgische Jazztalente findet zwar erst im Sommer in Gent statt, aber in Leuven gab es beim Festival eine interessante Vorrunde mit vier jungen Bands, von denen eine nach Gent fahren wird. Es wird das belgisch-niederländische Quartett Anti-Panopticon des belgischen Saxofonisten und Komponisten Lennert Baerts sein. Im Jahre 2019 gegründet, besticht der Vierer durch melodieverliebtes, emotional gespieltes Material, das sich zwar im Fahrwasser des Mainstream-Jazz bewegt, sich aber durch seine ausgereiften kompositorischen Strukturen und wirklich schönen Melodien wohltuend abhebt. Auch der erst 19-jährige belgische Gitarrist Eliott Knuets wusste mit seinem mit dem französischen Pianisten Noé Sécula neuformierten Quartett zu überzeugen. Das Festival gab ihm am ersten Festivalwochende zusätzlich sogar eine Carte Blanche für ein Konzert, das er dann mit dem US-Pianisten Aaron Parks bestritt. Und eine Band wie das in Brüssel beheimatete KAU trio zeigte wie sehr junger, hipper Brit-Jazz in der Machart eines Kamaal Williams auch in Belgien seine Anhänger gefunden hat.

Die lokale und hörenswerte LUCA Bigband, aus Studenten der LUCA School of Arts in Leuven, unterhielt am letzten Festivalabend mit einem sehr unterhaltsamen Programm mit Südafrika-Schwerpunkt. Eine prima Vorlage für lebensfrohe Momente für die in Belgien lebende südafrikanische Sängerin Tutu Puoane, die aber auch einen eindringlichen Protestsong wie Nina Simones Four Women so zu singen wusste, dass er direkt unter die Haut ging. Mit der Sängerin Adja Fassa und ihrem Projekt Adja endete das besuchenswerte Festival mit einer gerade erst durchstartenden Stimme der belgischen Musikszene. Mit einer locker zusammengerührten, lässigen Mixtur aus Neo-Soul, R&B und Jazz, ein wenig Spiritualität und speziell für diesen Abend noch ergänzt mit ein paar Nina Simone-Songs zeigte die junge Belgierin mit üppiger Band inklusive zweier allerdings ein wenig unterbeschäftigter Backgroundsängerinnen durchaus ihr großes Potenzial.

Fotos: Gieke Merckx, Tom Herbots & Patrick Van Vlerken, Erard Swannet, Rob Stevens, David Degelin & Visit Leuven

Infos:

Leuven Jazz: https://www.leuvenjazz.be/en/home

offizielle Tourismusseite für Leuven: https://www.visitleuven.be/de

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Christoph Giese

Autor Kurzvorstellung:

Der Journalist interessiert sich schon immer für die Kulturszene und berichtet mit Freude darüber. Musik und Reisen sind seine große Leidenschaften, die er auch gerne miteinander verbindet.

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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