Eine Reise in die Arktis zu sich selbst

Es sind gerade von Fernweh beladene Zeiten. Eine gute Alternative zur eigenen Reise ist die literarische Einstimmung auf ein Reiseziel. Im Mare Verlag gibt es dazu regelmäßig beachtenswerte Neuerscheinungen, wie auch diesen Band über eine unvollendete Nordwest Passage.

Die Protagonistin, eine Fotografin, nimmt an einer Expeditionskreuzfahrt teil, die sie von der Südspitze Grönlands nach Alaska führen soll. Es ist eine Reise, die so gar nicht ihrem eigenen Wesen entspricht. Zu Hause hält sie jedoch nichts. Eine persönliche Tragödie überschattet ihr Leben. Aber als Fotografin ist sie gewohnt „nach vorne zu schauen“. Das Schiff ist ihr zu eng, das Büffet zu überladen und mit ihren Mitreisenden kann sie schon gar nichts anfangen, außer sie auf ironische Art zu portraitieren. Fallen sie, gekleidet in den knallroten von der Reederei zur Verfügung gestellten Jacken über die Gegend her, werden sie von ihr mit Läusen verglichen. Austauschen kann sie sich nur mit einem älteren Herrn, der sie an Alfred Wegener, Pionier der Polarforschung, erinnert und an den schwer kranken Journalisten Lewis. Immerhin gesteht sie sich ein: „Menschen sind wie Eisberge, von den meisten sieht man nur ein Siebtel!“

Doch dann ist da diese nordische Landschaft, karg, eintönig, oftmals im Nebel verschwunden, die jedoch bei Landausflügen eine erstaunlich vielfältige Pflanzenwelt aufweist, angepasst an schwierige Lebensverhältnisse. Zuviel Eis verhindert die Weiterreise nach Alaska. Über eine Alternativ-Route geht es zurück.

Beim Besuch in einem Inuit-Dorf im kanadischen Labrador erzählt Fremdenführerin Louise von ihrem Alltag, von den Schwierigkeiten unter diesen Umständen Kinder aufzuziehen, von der hohen Selbstmordrate. Sie könnte stundenlang berichten. Nach dieser Begegnung sieht die Erzählerin das vorherrschende Chaos zwischen den Häusern mit anderen Augen.

Arezu Weitholz ist eine genaue Beobachterin der Menschen und lässt es oft an subtiler Ironie nicht fehlen. In einer bildreichen, oftmals zarten Sprache beschreibt sie die Lichtverhältnisse zwischen Himmel, Meer und Eis. Treffend ein Zitat von Jackie Thomae: „Ich wusste nicht, dass man so warmherzig aus dem ewigen Eis berichten kann.“

Am Ende der Reise wird der Fotografin bewusst, was sie alles könnte, wie befreiend es ist sich mit dem Unperfekten auszusöhnen.  Zitat aus dem letzten Kapitel: „Ich könnte all dies tun, und niemand würde es beachten, und das wäre in Ordnung so. Ich wäre nicht mehr unsichtbar, das Meer würde mich anschauen und sagen, was machst du mit deinem Leben, und ich würde lachen und sagen, warte mal ab.“

In wunderbarer Sprache verfasst ist es ein empfehlenswerter Roman für erfahrene Arktisrreisende und für von Fernweh Geplagte.

Arezu Weitholz, 1968 bei Hannover geboren, ist Autorin, Illustratorin, Journalistin, u. a. für den Reiseteil der FAS und Textdichterin u. a. für Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg und andere bekannte Gruppen. Zuletzt erschienen von ihr der Roman: Wenn die Nacht am stillsten ist (2012) und Der Fisch ist ein Gedicht: Beste Fischgedichte (2017). Sie lebt in Berlin.

Arezu Weitholz.: Beinahe Alaska,  ist erschienen im Herbst 2020 bei Mare.

192 Seiten mit Illustrationen der Autorin, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen; Euro 20,- (D)/ Euro 20,60(A); ISBN 978-3-86648-640-9

Auch als E-Book erhältlich

www.mare.de

Geschrieben von
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