Documenta Fifteen – ab nach Kassel!

Documenta

Sie gehört geschlossen, die Documenta fifteen. Die Süddeutsche Zeitung im Chor mit anderen hört gar nicht auf, die Kasseler Kulturausstellung, die noch bis zum 25. September geöffnet ist, in die Tonne zu schreiben.

Ich fahre trotzdem hin.

Und nicht nur die aktuelle gehöre zugesperrt, diese Institution gehöre generell aufgelöst. Da gibt es in der deutschen Öffentlichkeit kaum eine zweite Meinung. Ist das Cancel Culture, ist das der Furor teutonicus, etwas wegzuradieren, wenn dessen Vernichtung en vogue ist, sozial akzeptiert oder wenn es von höheren Mächten vorgegeben ist, etwas auszulöschen?

Zugleich wird Kassel als häßlichste Stadt Deutschlands, als Relikt der DDR im Westen niedergemacht, was indes mehr über die Schmähenden als über die Geschmähte aussagt.

Was ist passiert? Die Macher der Documenta, eine Gesellschaft, an der die Stadt Kassel und das Land Hessen beteiligt sind, die Herren über die wichtigste Kulturschau auf dieser Erde (Eigendarstellung) wollten mit der „fifteen“, der 15. Aufführung, „den Süden“ nach Kassel bringen, ohne inhaltliche Vorgaben, sich auf die Finanzierung (überwiegend mit Geld des Bundes) beschränkend. Gut gemeint, und bequem gehandelt, zu bequem. Denn der Süden, dargestellt von dem indonesischen Künstlerkollektiv ruangrupa brachte eine eigene Philosophie mit, Lumbung, eine Bezeichnung auf Bahasia Indonesia für einen Getreide-Speicher, in den die Bauern ihre Ernteüberschüsse einbringen, und aus dem sich alle, die in Not sind, bedienen dürfen. Was überhaupt nicht passte, denn wenn jemand etwas einbrachte, dann die Bundesrepublik Deutschland die fast komplette Finanzierung, die dann als gado-gado unter den von ruangrupa Auserwählten verteilt wurde. Dann präsentiert ruangrupa seine Bilder, seine Symbole und Themen exklusiv, weil man sich nicht von „europäischen, institutionellen Agenden ausbeuten“ lassen wollte. In dieser Konflikstellung gegen die „europäische Ausbeutung“ geht es dann im Künstlerischen gegen das Böse, gegen Kolonialismus, Imperialismus, Kapitalismus, gegen Israel und gegen die USA. Das ist das Narrativ von ruangrupa, seit langem. Das zum Eklat führende und inzwischen entfernte Bild ist 20 Jahre alt. Wenn es gegen Israel geht, betritt man zwei Schlachtfelder, das ideologische des Antisemitismus und das politische des BDS, Boykott, Desinvestment und Sanktionen. Wusste man das in Kassel nicht? Und die Bildsprache des Antisemitismus ist in Deutschland nicht vermittelbar. Aus gutem Grund. Man will aber von deutscher Seite aus Fehlern nicht lernen, man will sie ausradieren, als wären sie nicht passiert. Man stellt die „persönlich Verantwortlichen“ wie zum Abschuss freigegebenes Wild und entfernt sie. Dann soll Ruhe sein. Das ist dumm. Das verhindert den Dialog, das Verstehen und das Lernen. Mit dem Süden, von dem Süden.

Im Pressezentrum in Kassel am Friedrichplatz belehrt man mich, dass die Arbeit des Künstlerkollektivs ruangrupa, ihr Lumbung, unter Warung Kopi zu begreifen ist, als entspanntes Miteinander. Humor gehöre auch dazu. Ist doch alles gut. Auch bei beschränkten Sprachkenntnissen. Wer sich von „ciao bello“ oder „bella“ ansäuseln lässt, muss auch kein Italienisch können.

In Indonesien, das nach der holländischen Kolonialzeit ausbeuterische Diktatoren erlebt hat und immer noch erlebt, ist Pancasila die alles, auch Lumbung, überwölbende Staatsphilosophie. Kant hätte seine Freude daran gehabt, denn sie sagt, dass jeder so leben soll und darf, wie er will, solange er andere in Ruhe lässt. Insgesamt sind es fünf Prinzipien, und über die Religion hinaus umfassen sie das gesamte private und gesellschaftliche Leben. In Theorie. Tatsächlich ist das Reich der 17000 Inseln ein korrupter und oppressiver Staat, indem vor allem die Chinesen die Wirtschaft am Laufen halten. Und ein Künstler, der kritisch sein will, nutzt Symbole und Narrative, die ihm sein Tun ermöglichen, ihm aber keine Haft einbringen. So wie ruangrupa mit ihrem Lumbung. Dass aber ihr Pancasila in der Form von Warung Kopi im freien Kassel nicht funktioniert, haben sie nicht geahnt, weil die Deutschen in Jakarta, mit denen sie ständigen Kontakt haben, die Vertreter der Wirtschaft, der Botschaft und der Entwicklungshilfe, das doppelbödige Spiel längst gut beherrschen. Für die neugewonnen sobat-sobat, die Freunde, in Kassel aber war das neu. Das ist die freundliche Variante des Verständnisses. Die unfreundliche ist, dass die blinden Hessen über den indonesischen Tisch in einen Kokon aus Begriffen der fremden Sprache und Kultur gezogen wurden. Egal, welcher Variante man zuneigt, eine „Identitätsbildung und Homogenisierung von Norden und Süden“ mit Hilfe der Kunst funktioniert so nicht.

Doch dann passiert mir etwas Seltsames, beim Betreten des ersten Ausstellungsraums, der documenta- Halle, sind alle diese Überlegungen weggewischt. Denn plötzlich geht es nur um Künstler und ihre Werke, um das was sie uns zeigen wollen. Unabhängig von jeder philosophischen Überhöhung und politischer Instrumentalisierung. Das setzt sich im Fridericianum fort und überall in der Stadt, die mit unzähligen Ausstellungsorten im Bann der documenta fifteen steht. Kunst als Bekenntnis, oft als Schrei. Dass damit gleichwohl fast immer auch eine politische Aussage verbunden ist, bei Künstlern aus Kuba, Australien, den USA und woher auch immer, wird auf den ersten Blick verständlich, und da sie persönlich zugeordnet werden kann, auch erträglich. Wie bei europäischer Street Art ist hier Kunst das Ausdrucksmedium von Menschen, die mehr als nur Schönes schaffen und mehr als nur Aufträge abarbeiten wollen. Doch ruangrupa wollte einen Schritt weitergehen und bat die ausgewählten Künstler, ihre Arbeiten in Kassel fortzusetzen. Nicht das Ergebnis sollte zählen, sondern der Prozess, dann auch die „Ernte“ des Geschaffenen durch sogenannte Harvester. Aber wie es bei jeder Ernte faule Früchte gibt, sollte man diese entfernen, wie man das Bild mit den antisemitischen Symbolen entfernt hat. Man sollte aber weder den Gärtner verdammen noch Garten und Ernte komplett unterpflügen. Hingehen, schauen, sich ein eigenes Bild machen, Kritik üben. Daher also: „ab nach Kassel“, wie schon die Alten sagten.

Kunst als Statement, die documenta fifteen; Copyright: HHH

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

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