Digitale Entgiftung in den Bergen

Offline-Tour auf der Schlicker Alm

Digitale Entgiftung
Digitale Entgiftung

Sie beginnt auf rund 2400m Höhe. Zur kollektiven Entgiftung geben die Teilnehmer auf dem Sennjoch ihre Mobiltelefone ab. Drei Tage ‘ohne’, drei Tage Natur, drei Tage Rückbesinnung in der Bergwelt des Stubaitals. ‘Digital Detox’ nennt sich die Tour als Kürzel des englischen “detoxication”, was viele nicht verstehen, aber eben geheimnisvoller und verlockender klingt als “Entgiftung”.

Ausgangspunkt der digitalen Entgiftungstour ist die auf 1643m liegende Schlicker Alm, ein Familienbetrieb mit eigener Käserei. Zehn Teilnehmer treffen sich, sie kommen aus Deutschland und Österreich, und wollen für eine bestimmte Zeit offline sein. Die Schlicker Alm ist kein Pritschenlager mehr wie früher, sondern ein Drei-Sterne-Hotel mit – wifi, dem drahtlosen Internet im gesamten Haus. In den Sommermonaten ist die Schlicker Alm mit dem Auto erreichbar, im Winter nur per Seilbahn (Schlick 2000).

Gewiss, offline kann man auch alleine gehen, in die Berge auch.

Gefragt ist aber durchaus eine geführte Tour, inklusive Vortrag einer Expertin.

Gesundheitscoach Birgit Venetz referiert auf der Alm über eine Stunde, stellt sich danach den Fragen der Teilnehmer und schiebt Erklärungen nach. Es sei durchaus interessant, sagt sie, dass selbst große Firmen inzwischen die Notwendigkeit der digitalen Entgiftung erkannt hätten.

So versendet VW nach Feierabend keine emails mehr an Mitarbeiter und Daimler geht noch einen Schritt weiter: mails, die Mitarbeiter im Urlaub erreichen würden, werden gestoppt, automatisch mit der Bitte beantwortet, sich an die Vertretung zu wenden und mit dem Hinweis, die mail werde nun gelöscht (!).

Es muss also mehr dran sein an der notwendigen ‘Entgiftung’.

Der symbolische Akt der bewussten Auszeit von der online Welt soll eigentlich am Anreiseabend beginnen mit einem Lagerfeuer, unweit der Schlicker Alm. Ärgerlicherweise macht die Natur einen Strich durch die Rechnung. Keine einzige App weist darauf hin, dass Gewitter und Regen Brennholz zu nass werden lässt. Schnell noch posten, dass Punkt eins der Reise ins Wasser fällt, Abgabe der Smartphones erst am nächsten Tag.

Sonnenaufgang Sonnenaufgang Sonnenaufgang Sonnenaufgang
Und der beginnt sehr früh: Um einen Sonnenaufgang in den Bergen bei herrlichs-tem Wetter erleben zu können, heißt es aufstehen um vier Uhr morgens, rein in den kleinen Pendelbus und rauf zur Sennjochhütte (2225m). Von dort aus geht es zu Fuß weiter, man läuft etwa gemütliche 40 Minuten. Der kleine Aufstieg lohnt sich! Nicht nur, weil jetzt endgültig die digitale Auszeit beginnt. Der Sonnenaufgang zeigt sich von seiner besten Seite, liefert wunderbare Farben, die sich jede Minute verändern und lässt den Wanderer tatsächlich fast schon eins werden mit der Natur. Ein unvergesslicher Ausblick am Niederen Burgstall (2436m), mitten in den Stubaier Alpen. Das Tal schläft so ‘laut’, dass man die Stille regelrecht hören kann. Eine fast er- drückende Geräuschlosigkeit. Ob man das schnell in Facebook posten sollte? Dazu ein Bild mit den von der aufgehenden Sonne orange gefärbten Gipfeln? Ach ja, das Smartphone ist weg, der Gedanke, nun ja, der ist noch da. Ein uriges Berghüttenfrühstück wartet auf der Sennjochhütte.

Sennjochhuette Schlicker Alm

Das Programm für die Teilnehmer ist straff – ‘erfahren statt klicken’ bestimmt die Tour.

Statt auf dem gemütlichen Höhenweg zum Koppeneck (1596m) auf das Smartphone einzuhacken, zeigt ‘Kräuterhexe’ Sandra Schönherr wie einfach es ist, Beeren, Pilze und Kräuter zu sammeln. Die Stubaier Fauna entpuppt sich zu einem kulinarischen Streifzug.

Im Panoramarestaurant Koppeneck wird das Gesammelte geputzt, geschnitten und sofort zubereitet. Kocher, Pfanne – alles im Gepäck, die Köstlichkeit wird auf frischem, selbstgebackenem Brot serviert.

Wer denkt, digitale Entgiftung würde nur 25-jährigen Computerfreaks gut tun, irrt. Es gibt keine Altersgrenzen, weder nach oben, noch nach unten. Auch Kinder haben sich auf der Schlicker Alm eingefunden, um die Onlinewelt für ein paar Tage hinter sich zu lassen und lieber mal eine Kuh streicheln statt mit dem Finger über eine App zu streichen. In Deutschland sollen bereits 40% der Erstklässler das Mobiltelefon sogar am Nachtkästchen liegen haben. Die Fokussierung auf die permanenten Meldungen auf dem Smartphone führen zu eingeschränkter Wahrnehmung der Umgebung bis hin zu Desozialisierung und – für Kinder besonders schädlich – zu fehlenden lebenswichtigen Erfahrungen mit entsprechenden Folgeschäden. Merkwürdig: während Kindern ‘unten, in der aufregenden Welt’ mit perfidesten Manipulationstechniken von Erwachsenen eingeredet wird, ohne Smartphone nicht mehr leben zu können, liefert die ‘Entgiftungstour’ in der Stubaier Bergwelt ein ganz anderes Ergebnis: “Nein, wir haben Telefon und Onlinewelt nicht vermisst,” sagen die Kinder ganz spontan am Ende der Reise.

Gewiss, das kinder- und familienfreundliche Stubaital macht es von Haus auf leicht, die Kleinen und Heranwachsenden mitzunehmen. Zahlreiche Aktivitäten für Kinder werden  überall angeboten, meist mit Lerneffekt, wie etwa der Scheibenweg, auf dem Kinder eine Holzscheibe auf vorgegebenen Bahnen bewegen müssen und merken, dass die Welt eben doch nicht nur auf Knopfdruck funktioniert.

Mitunter verschmelzen die Erlebnis- und Vergnügungswelten von Kindern und Erwachsenen: Vom Koppeneck könnte man zu Fuß ins Tal oder mit einer Gondel der Serlesbahn. Es geht aber auch aufregender: mit einem Einsitzer der Sommerrodelbahn Mieders heizt man mit rund 40 kmh eine ungewöhnlich lange und kurvenreiche Strecke ins Tal. Keine noch so ausgefeilte App kann dieses Erlebnis ersetzen.

Kraeuterhexe Kraeuter

Einen unvermeidbaren Nebeneffekt bringt die Tour mit sich: ganz automatisch stellen sich die Teilnehmer die Frage, in wessen Interesse überhaupt die exzessive Nutzung der Smartphones liegt. Welche nationalen oder supranationalen Regierungen stecken dahinter? Antworten müssen die ‘Entgifteten’ selbst finden. Der Tourismusverband Stubai Tirol plant bereits die nächste Tour: im kommenden Sommer, und wieder wird die Schlicker Alm Ausgangspunkt sein.


Text und Fotos:

Thomas Schreyer

Infos:
www.schlickeralm.at

 

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