Die Fischer von Calpe: Wo das weiße Gold der Costa Blanca an Land kommt

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Jeden Nachmittag verwandelt sich der Hafen von Calpe in ein lebendiges Spektakel: Fischerboote kehren mit frischem Fang zurück, und in der Lonja beginnt eine Auktion, bei der um die begehrte Gamba Blanca geboten wird. Ein Besuch bei den Fischern, die seit hundert Jahren das Herz der Costa Blanca am Schlagen halten.

Wenn die Boote zurückkehren

Es ist kurz vor fünf Uhr nachmittags, und der Hafen von Calpe erwacht aus seiner Mittagsstarre. Paco Catalá steht am Rand des Kais und schaut aufs Meer hinaus. Sein Blick ist geübt – nach einem Leben auf dem Wasser erkennt er schon von weitem, ob die Boote gut beladen zurückkommen. Heute sieht es gut aus. Sehr gut sogar. Die «Santa María» liegt tief im Wasser, und das bedeutet: Die Gamba Blanca war da, wo sie sein sollte. In 400 Metern Tiefe, zwischen Felsen und Schlamm, dort wo das perlmuttfarbene Gold der Costa Blanca auf seine Netze wartet.

Fischer in Calpe – Alexander Gresbek

“Man braucht Jahre, um die Gründe zu kennen”, sagt Catalá, während er den Motor des ersten Bootes hört. Der 60-jährige ist Patrón Mayor der Cofradía de Pescadores de Calpe – ein Amt, das in Calpe mehr Gewicht hat als jeder politische Posten. Seit 1924 vertritt die Bruderschaft die Interessen der Fischer, und 2024 feierte sie ihr hundertjähriges Bestehen. Catalá ist der 20. Mann, der dieses Amt innehat. “Im Winter ziehen sich die Gambas näher an die Küste, auf 170 bis 190 Brazas. Im Sommer gehen sie tiefer, manchmal bis 300 Brazas. Man muss wissen, wo man sie findet. Und man muss sie respektieren.”

Die Lonja von Calpe: Wo Tradition auf Moderne trifft

Gegen 17:00 Uhr legen die ersten Boote in Calpe an. Aus dreizehn Schiffen besteht die Flotte heute noch – in den Neunzigerjahren waren es 35, in der Glanzzeit sogar 40. Die Besatzungen arbeiten schweigend. Gelbe Plastikkisten stapeln sich am Kai, gefüllt mit dem Fang des Tages: Pescadilla, Salmonete, Calamar, Pulpo, Mero. Und natürlich die Gamba Blanca. An guten Tagen kommen 2.000 Kilo zusammen. Zweitausend Kilo eines Produkts, um das sich Michelin-Sterne-Köche aus ganz Europa reißen.

Die Kisten wandern ins Innere der Lonja, des Auktionshauses, das 1991 am Hafen errichtet wurde. Von außen wirkt es unspektakulär – ein rechteckiges Gebäude aus Beton und Glas. Aber wer die schmale Treppe hinaufsteigt zur Besuchergalerie im ersten Stock, der wird Zeuge eines Rituals, das sich seit Generationen kaum verändert hat: der Subasta, der Fischauktion.

Die Gamba Blanca de Calpe: Das weiße Gold der Costa Blanca

Unten im Saal sind die Kisten auf langen Tischen aufgereiht. Jede hat eine Nummer, jede wird gewogen, jede wird begutachtet. Die Händler stehen mit ihren elektronischen Handgeräten bereit – Restaurants aus Alicante, Valencia und Madrid, Großhändler aus Frankreich und Barcelona. Manche fahren jeden Tag hierher, manche schicken ihre Einkäufer. Die Gamba Blanca de Calpe, seit 2025 als offizielle Marke registriert, ist ein Exportschlager.

Das System ist simpel und gnadenlos: Die Preise laufen auf einer digitalen Anzeigetafel von oben nach unten. Wer zuerst auf den Knopf drückt, bekommt den Zuschlag. Die Cofradía legt einen Mindestpreis fest – darunter wird nicht verkauft. “Früher haben die Leute mit Handzeichen geboten”, erzählt ein älterer Händler, der seit dreißig Jahren zur Lonja kommt. “Heute geht alles elektronisch. Aber die Spannung ist die gleiche geblieben. Wenn ein Boot besonders große Gambas angelandet hat, dann wird es hektisch hier drin.”

Die Gamba Blanca ist nicht einfach nur eine Garnele. Sie ist das Aushängeschild Calpes, die Königin der Speisekarten an der Costa Blanca. Ihr Fleisch ist süßer als das der roten Schwester, zarter, fast cremig. Die drei Michelin-Sterne-Restaurants der Stadt – Audrey’s, Beat und Orobianco – servieren sie als Hauptdarstellerin auf ihren Tellern. Bei der Firacalp, der jährlichen Gastronomiemesse im Mai, gibt es seit 2023 einen eigenen Wettbewerb: die beste Tapa mit Gamba Blanca für zwei Euro.

Fischerei an der Costa Blanca: Ein Leben mit dem Meer

Wer Fischer werden will an der Costa Blanca, braucht heute mehr als nur Liebe zum Meer. “Früher sind die Jungen mit zwölf, dreizehn Jahren aufs Boot gegangen”, sagt Catalá. “Sie haben von ihren Vätern gelernt, von ihren Onkeln. Heute muss man erst einen Kurs machen, Zertifikate erwerben, Prüfungen ablegen. Das schreckt viele ab.” Von den 160 Personen, die bei der Cofradía arbeiten, sind nur wenige unter dreißig. Die meisten Crews bestehen aus Männern in den Vierzigern, Fünfzigern, die schon als Kinder wussten, dass sie ihr Leben auf dem Wasser verbringen würden.

Der Rhythmus des Fischerlebens folgt dem Meer. Morgens um vier oder fünf Uhr geht es raus, je nachdem, wo gefischt werden soll. Die Arrastre-Boote, die mit Schleppnetzen arbeiten, fahren weiter hinaus als die kleineren Trasmallo-Schiffe mit ihren Stellnetzen. Acht, zehn, manchmal zwölf Stunden sind sie unterwegs. Im Januar, September und Dezember ruhen die Netze – Schonzeiten, in denen sich die Bestände erholen sollen.

“Das Meer gibt uns alles, was wir brauchen”, sagt Catalá. “Aber nur, wenn wir es pflegen.” Die Cofradía hat ein Projekt ins Leben gerufen, das in ganz Spanien Aufmerksamkeit erregt: Beim Fischen mit dem Schleppnetz sammeln die Fischer automatisch auch den Plastikmüll vom Meeresboden auf. Kostenlos. 40.000 Kilo Plastik holten die Fischer der Provinz Alicante allein im letzten Jahr aus dem Wasser. Eine Recyclingfirma verwandelt es in Kleidung. “Wir sind die Ersten, die ein Interesse daran haben, dass das Meer sauber bleibt”, sagt Catalá. “Ohne sauberes Meer gibt es keine Fische. Und ohne Fische gibt es keine Fischer.”

Calpes Weißes Gold – Alexander Gresbek

Frischer Fisch aus Calpe: Das Qualitätssiegel «Peix de Calp»

Was in der Lonja von Calpe über den Tresen geht, trägt seit Jahren das Siegel «Peix de Calp» – Fisch aus Calpe. Es ist ein Versprechen: Dieser Fisch wurde heute Nacht oder heute Morgen gefangen, keine 20 Kilometer vor der Küste, von Booten, die hier in diesem Hafen registriert sind. Er wurde nicht tiefgefroren, nicht von Zwischenhändlern hin- und hertransportiert. Um 17:00 Uhr lag er noch im Netz, um 19:00 Uhr wurde er versteigert, und um 21:00 Uhr liegt er auf einem Teller.

Das Restaurant Baydal, direkt gegenüber der Lonja, serviert seit 1941 genau diesen Fisch. Die Besitzer haben enge Kontakte zu den Fischern, kaufen manchmal direkt auf der Auktion, bevor die Großhändler zuschlagen können. “Unsere Sopa de Pescado ist seit 80 Jahren dieselbe”, sagt der Wirt. “Weil wir dieselben Zutaten verwenden. Frischer Fisch aus Calpe, nichts anderes.”

Fischerhäfen der Costa Blanca: Von Calpe bis Dénia

An der gesamten Costa Blanca – von Calpe über Altea und Moraira bis Jávea und Dénia – gibt es Lonjas und Cofradías, jede mit ihrem eigenen Charakter, ihren eigenen Produkten. Jávea hat eine lange Tradition im Fischfang, der Hafen liegt geschützt unter dem Cabo de San Antonio. Auch hier gibt es eine Lonja, auch hier landen Boote aus Cádiz an, um ihre Ware zu verkaufen. Dénia ist berühmt für seine Gamba Roja, die rote Garnele, die bei Feinschmeckern als noch delikater gilt als die weiße. Doch nirgendwo ist die Verbindung zwischen Stadt und Meer so stark wie in Calpe, wo jeder dritte Einwohner auf die ein oder andere Weise von der Fischerei lebt.

Der Hafen von Calpe: Wo das Herz der Stadt schlägt

Wer verstehen will, was Calpe ausmacht, muss zur Lonja kommen. Nicht als Tourist, der schnell ein Foto macht und weiterzieht, sondern als jemand, der sich Zeit nimmt. Der Eintritt kostet einen Euro, das Geld geht direkt an die Cofradía.

Von der Besuchergalerie aus kann man zusehen, wie die Männer die Kisten sortieren, wie die Händler begutachten und bieten, wie binnen zwei Stunden der Fang eines ganzen Tages verteilt wird an Dutzende Abnehmer. Es riecht nach Meer und Salz, nach Fisch und Arbeit. Die Stimmen hallen durch die Halle, Spanisch und Katalanisch durcheinander, dazwischen das Piepen der elektronischen Geräte. Draußen geht die Sonne unter über dem Peñón de Ifach, dem Wahrzeichen der Stadt. Die Fischer räumen ihre Netze auf, waschen die Decks, bereiten alles für den nächsten Tag vor.

Paco Catalá steht noch immer am Kai. “Manche fragen mich, ob ich nicht mal genug habe vom Meer”, sagt er. “Aber weißt du, das Meer ist wie ein alter Freund. Manchmal launisch, manchmal großzügig. Aber immer da. Und solange das Meer da ist, werden wir Fischer da sein.” Er deutet auf die jüngeren Männer, die gerade die letzten Kisten verladen. “Es werden weniger. Das ist wahr. Aber solange es Menschen gibt, die das Meer im Blut haben, wird es weitergehen. Vielleicht nicht mehr mit 40 Booten. Aber mit dreizehn guten Schiffen und Crews, die wissen, was sie tun.”

Um 19:00 Uhr ist die Auktion vorbei. Die Kisten sind leer, die Händler verschwunden. In den Restaurants wird schon gegrillt, gedünstet, angerichtet. Was heute Morgen noch in 400 Metern Tiefe schwamm, liegt jetzt auf weißen Tellern. Die Gamba Blanca de Calpe, das weiße Gold des Mittelmeers, serviert von Köchen, die ihren Wert kennen, genossen von Gästen, die ahnen, dass hinter diesem Geschmack mehr steckt als nur ein Gericht.

Es steckt ein ganzes Leben dahinter. Hundert Jahre Geschichte. Und dreizehn Boote, die morgen früh wieder auslaufen werden.

Für Interessierte: Praktische Informationen

Lonja de Calpe

  • Adresse: Avda. Virgen del Carmen, Hafen von Calpe
  • Auktionszeiten: Montag bis Freitag, ab 17:00 Uhr
  • Besuch: Eintritt 1 Euro (zugunsten der Cofradía), Zugang zur Besuchergalerie im Obergeschoss
  • Besonderheit: Elektronisches Auktionssystem, Besucher können das gesamte Geschehen beobachten

Cofradía de Pescadores de Calpe

  • Gegründet: 1924 (100-jähriges Jubiläum 2024)
  • Flotte: 13 Boote, ca. 160 Personen beschäftigt
  • Jahresfang: ca. 1.700 Tonnen
  • Qualitätssiegel: «Peix de Calp» und «Gamba Blanca de Calp» (registriert 2025)
  • Website: www.cofradiapescadorescalpe.com

Typische Fischarten und Meeresfrüchte aus Calpe

  • Fisch: Pescadilla, Salmonete, Caballa, Rape, Boquerón, Mero, Merluza, Lenguado, Atún rojo
  • Meeresfrüchte: Calamar, Pulpo, Sepia, Langosta, Langostino, Cigala, Gallera, Cangrejo, Gamba Blanca, Gamba Roja
  • Besonders: Die Gamba Blanca de Calpe gilt als eine der besten Garnelen der Welt und wird in der Haute Cuisine hoch geschätzt. Täglich kommen bis zu 2.000 kg in den Hafen von Calpe.
  • Schonzeiten: Januar, September, Dezember (variabel)

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Alexander Gresbek

Autor Kurzvorstellung:

Alexander Gresbek ist Reisejournalist, Fotograf und Buchautor mit Schwerpunkt auf der Costa Blanca. Als freier Autor schreibt er regelmäßig für Publikationen wie die Costa Blanca News, das Costa Blanca Magazin und Ippen Media. In seinen Reportagen und Reiseführern verbindet er lebendige Texte mit eindrucksvollen Fotos der Region.

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

Dieser Beitrag enthält möglicherweise Inhalte, die im Rahmen einer bezahlten Kooperation mit Marken, Hotels oder Partnern entstanden sind.

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