Die Apulienreise, ein Tagebuch (2) Mafalda kam nicht bis Brindisi

Den Tag in dem Ristorante La Locanda del Porto ausklingen zu lassen, ist keine schlechte Idee. Das Lokal ist bekannt für seine Spezialitäten aus dem Meer, hat sich neben zahlreichen, kühlen Innenräumen auch auf der Via Montenegro breitgemacht, und es liegt nicht direkt am Hafen von Brindisi, was jedenfalls den anzunehmenden Vorteil bietet, dass es nicht auf schnellen Touristen-Umsatz ausgelegt ist. Den Hafen hatten wir vorher besucht, auch das von Eckart Peterich als „Motorenschlüssel“ geschmähte Marine-Denkmal Mussolinis und die Stufen, welche die  Via Appia abschließen, die über 540 Kilometer von Rom bis hierher führt. Eine Säule, die Mars, Neptun, Zeus und Pallas Athene zeigt, erklärt, dass hier die Verbindung nach Griechenland zu suchen ist. Mussolini startete von hier seine Eroberungszüge nach Albanien und Griechenland.

Auch das Castello Svevo findet man am Hafen, wenn man das Geweih, dem die Linienführung des Hafens ähnelt, weiter entlang läuft. Es erzählt Geschichten von den Schwaben, mit denen die Staufer und Friedrich II gemeint sind, und von den Aragonesen, welche die Stadt zu Zeiten des Königreichs beider Sizilien beherrschten. Vom Hafen aus erreicht das Fährschiff Montenegro, und Königin Elena, die Frau von Vittorio Emanuele III, Mutter von Mafalda, Prinzessin von Savoyen und Hessen, stammte aus diesem Land. Daher auch die Via Montenegro, wo wir bei einem Lybante und einem Marzadro Bianco, herrlichen Weißweinen, und reichlich Pescato Giorno, dem Fisch des Tages, der sich als Dorade auf dem Tisch präsentierte, die nächsten Tage diskutierten.

Natürlich drehen sich die Gespräche darum, dass Apulien nicht einfach so zu bereisen ist wie Amrum oder Sylt. Man kann die Reiseführer alle studieren, den Peterich, das Buch Cento Itinerari piu uno in Puglia, den archäologischen Führer von Nadin Burkhardt, den DuMont Kunst-Reiseführer, den Reiseführer von Michael Meyer, und man findet immer noch jemanden, der einem Dinge erzählt, die man nicht wusste. Carmen Mancarella, die seit 20 Jahren ungezählten Journalisten in „Educationals“ versucht hat, den Salento nahezubringen, der nur einen, den südlichen Teil Apuliens umfasst, und der von einem Kollegen bestätigt wurde, dass man „auf jeder Tour Neues lernt“. Sie hat jetzt ein Buch darüber geschrieben: Experience Marketing, un avventura chiamata Salento. Leonardo, ein Freund, erzählte mir auch etwas, das ich noch nicht wusste, dass der König, als er sich nach dem Armistizio, den Waffenstillstand von Cassibile, den sein  Regierungschef Badoglio mit den Alliierten mit Geltung zum 8. September 1943 abschloss, in das von den Amerikanern befreite Gebiet flüchtete, sich nie in dem neuen Regierungssitz in Brindisi, sondern immer in Landgütern seiner Freunde in der Umgebung aufgehalten hätte.

Über Apulien weiß man immer mehr nicht als das, was man sich angeeignet zu haben glaubt. Diesen Sitz, das Grande Albergo Imperiale, das in einigen Räumen noch die originale Ausstattung hat, hatten wir auch besucht, misstrauisch beäugt von Kellnern und Stubenmädchen. Man kann nicht allem auf den Grund gehen, Geheimnisse bleiben, vor allem in einem Land, das viele betraten, einige blieben, Griechen, Türken, Sarazenen, Albaner, Normannen, Spanier kamen und gingen, Franzosen, Habsburger. Es gibt noch Dörfer wo „griko“ gesprochen wird, eine Fortentwicklung des Altgriechischen, auch albanisch hört man in einigen Gemeinden, die ihre Traditionen pflegen. Die vorläufig letzten, die zu Tausenden kamen, waren Juden aus dem verwüsteten Europa, die sich in Brindisi nach Israel einschiffen wollten. Ich habe einige Gedenkplatten fotografiert, um die Geschichten, auf die sie anspielen, recherchieren zu können. Und einen Freund habe ich gesucht, Roberto, den ich aus den Augen verloren habe, ich wusste aber noch, dass seine Mutter in Brindisi wohnte, in der Viale Regina Margherita, in unmittelbarer Nähe des Hotels Imperiale, ich habe sie nicht gefunden, keiner konnte sich an sie erinnern. Vielleicht hat man auch die Hausnummern geändert,

Das Castello Aragonese in Brindisi

und ich habe an der falschen Stelle gesucht. Gegenwart und Vergangenheit sind so weit auseinander, und doch nicht zu trennen. Mafalda, der ich in dem Buch „Mafalda – der zweifache Tod einer italienisch-deutschen Prinzessin“ nachgereist bin, hatte auf der Rückreise von Sofia nach Rom mehrfach die Chance, den nationalsozialistischen Kumpanen ihres Mannes Philipp ins befreite Brindisi zu entfliehen. Sie wollte zu ihren Kindern – und landete in Buchenwald. Ihre Eltern hat sie nicht mehr gesehen, die fuhren weiter, mit dem Schiff von Brindisi nach Ägypten.

Geschrieben von
Mehr von Hans-Herbert Holzamer

Mit Goethes Blick durch Umbrien

Wir trafen Dario Tomellini in der Kellerei Cacciadiavoli. Teufelsjäger heißt das auf...
mehr lesen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.