Der Zehner im Weinberg

Luigi Valori empfängt uns mit nacktem Oberkörper, in Arbeitsschuhen und mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Er freut sich über die momentane Hitze hier in den Abruzzen und scheint mit der Sonne um die Wette zu strahlen: „Genau das brauchen die Trauben jetzt, genau diese Hitze ist so entscheidend, was die Qualität dieses Jahrgangs angeht“, erklärt Luigi seine gute Laune.

Er möge trinken oder weggehen

Unbenannt-1Er nimmt uns direkt mit in die Verkostungsstube seines kleinen Weingutes, hier in den nördlichen Abruzzen, genauer gesagt in Sant´Omero. Über dem Eingang prangt ein Schild mit seinem Namen, direkt neben der Tür hängt ein weiteres, das schnell klar macht, um was es hier geht: „Er möge trinken oder weggehen“ ist dort auf lateinisch zu lesen. Genauso schelmisch grinst Luigi und so macht er uns drinnen auch gleich einen seiner Weine auf und beginnt zu schwärmen, was einen guten Wein seiner Meinung nach ausmacht.

Es entwickelt sich ein geselliges Beisammensein. Halb auf Englisch, halb auf Italienisch, manchmal sprechen wir spanisch. Luigi war viel unterwegs, lebte ein Weilchen als Botaniker in Chile und in Südafrika und lernte dort auch die besten lokalen Winzer kennen. In den 1970er Jahren spielte Luigi Valori als Profifußballer für Ascoli Calcio in der Serie A, der ersten italienischen Fußballliga. Inzwischen hat er sein Leben und seine Leidenschaft dem Wein gewidmet und er macht keinen Hehl daraus.

Vom Profifußball zum Wein

Luigi Valori in seinen Weinbergen
Luigi Valori in seinen Weinbergen

Er selbst ist nun seit 17 Jahren Winzer. 17 Jahre die ihn sehr glücklich gemacht haben, viel mehr als der Fußball das je konnte. „An meine aktive Zeit bei Ascoli denke ich heute nur noch sehr selten zurück. Vieles von damals habe ich vergessen. Aber ein wenig dankbar bin ich meinem früheren Leben ja auch. Immerhin hat mir der Fußball ermöglicht, immer guten Wein kaufen zu können.“ Insgesamt vier Jahre spielte er in der italienischen Eliteliga, der Serie A, war der Regisseur seines Teams, trug die Nummer 10 des Spielgestalters auf dem Rücken. Nun zieht er im Weinberg die Fäden. Auf meine Nachfrage, ob denn das Gerücht stimme, dass Profifußballer  in Italien auch unmittelbar vor Ligaspielen Wein trinken würden, bekommt er sofort wieder sein typisches Funkeln in die Augen: „Natürlich, immer. Das machen fast alle italienischen Mannschaften, der Wein gibt einem ja auch Energie.“, lacht Luigi.

Valori – Theologe und Philosoph

Luigis Karriere als Winzer begann jedoch nicht unmittelbar nach der sportlichen: „Meine Eltern hatten immer gesagt, wenn ich Fußballprofi werden will, müsste ich auch noch etwas Anständiges lernen.“ Dieses Versprechen gab er ihnen und so studierte Valori, nachdem er die Fußballschuhe an den Nagel gehängt hatte, Theologie und Agronomie. Vielleicht war es gerade dieses Studium, welches ihm die Demut im Umgang mit seinen Reben lehrte. Diese Demut drückt sich aus in seiner Achtung vor den Trauben und der Akribie, mit der er sich an die Arbeit in seinem Weinkeller macht. Dort reifen die Weine, die er auf seinen inzwischen 16 Hektar Weinbergen, die er ganz alleine bestellt, erntet.

So probiert man sich mit ihm durch seine edlen Tropfen und lernt dabei immer neue Facetten seines enthusiastischen Charakters kennen, beginnt er doch plötzlich, Hegel, Kant und weitere Philosophen zu zitieren und bekennt, der marxistischen Lehre äußerst zugetan zu sein. Fußballer, Theologe und Hobbyphilosoph, seinen Weinen scheint es nicht zu schaden. Im Gegenteil. Hauptsächlich baut er den in der Region am weitest verbreiteten Montepulciano d´Abruzzo an, aber auch etwas Merlot und die weiße Traube Trebbiano wachsen auf seinen Hängen.

Ausbau in Barrique und Stahltank

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Ex-Fußballprofi Luigi Valori

Auf den Weg in die Kelterei nehmen wir unsere gut gefüllten Weingläser natürlich mit. Luigi will uns noch einmal genauer zeigen, wie seine Weine hier in den Stahltanks und den Barriques reifen. Zuvor jedoch kicke ich ihm noch rasch den Fußball zu, der in einer Ecke des Kellers liegt. So ganz vergessen hat Luigi seine fußballerischen Qualitäten offenbar wirklich noch nicht, beginnt er doch, gekonnt mit dem Ball zwischen all den Fässern und Tanks hier zu jonglieren.

Danach kommt er jedoch gleich wieder zum Wein, berichtet, dass die Arbeit und die Vergärung des Weines mit Naturhefe hier in diesem blitzsauberen Keller eigentlich nur fünf Prozent am Erfolg des späteren Weines ausmache: „95 Prozent passiert draußen, in den Weinbergen. Das Wetter muss stimmen, die Blätter und auch manche Trauben müssen an den Weinstöcken je nach Sonnenbestrahlung geschnitten werden. So reduziert man zwar den Ertrag, aber die Qualität steigt natürlich enorm“, erklärt Valori. In den vergangenen Jahren hat er sich viel Knowhow angeeignet und weiß, was seinen Weinen gut tut, wie lange sie in den Barriques und Tanks reifen müssen.

10Als wir danach wieder in die sengende Nachmittagshitze hinaustreten, bemerken wir erst, wie die Zeit hier an diesem malerischen Fleckchen Erde verflogen ist. Das lag aber weniger an den guten Weinen, die wir hier probiert haben, sondern vielmehr an Luigi selbst. Der gestenreiche und sympathische Wirbelwind verkauft seine Weine übrigens nicht selbst, sie werden vom Weingut Masciarelli vertrieben. Dessen Gründer, der 2008 verstorbene Gianni Masciarelli, war ein guter Freund von Luigi und bot ihm an, ihm beim Vertrieb unter die Arme zu greifen. Luigi Valori nahm dankend an, schließlich will er kein Verkäufer sein, sondern nur noch das tun, was ihn glücklich macht: Wein machen und darüber philosophieren. Und beides tut er so gut, dass wir garantiert wiederkommen, um auf sein Wohl anzustoßen: Cin Cin, Luigi!

Bild und Text: Derk Hoberg

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