Den Frack tragen nur Pinguine – Expeditionsseereisen ins ewige Eis

Wer hat noch nicht davon geträumt auf den Spuren von Roald Amundsen oder Fridtjof Nansen sich den Polen zu nähern? Man muss ja nicht gerade auf der Eisplatte stehen wo es nur eintönig in gleißendem Weiß geradeaus geht: auf dem Nord- oder Südpol. Die Randbereiche der Polarregionen zeigen dagegen eine große Vielfalt an Extremen und Kontrasten. Expeditionsreisen auf modernen und eisgängigen Schiffen ermöglichen es heutzutage diese Gebiete sicher zu bereisen. Dabei müssen strenge Umweltvorschriften eingehalten werden.

Expeditionskreuzfahrten Pinguine Expeditionsseereisen ins ewige Eis
Die MS Midnatsol der Hurtigruten geht in der Antarktis vor Anker, Foto Rainer Hamberger

Abenteuerlust und ein Boom des Kreuzfahrttourismus bringen Gäste in steigender Zahl zu den entlegensten Zielen der Erde. Schon als Jugendlicher hat mancher die oft tragisch verlaufenden Geschichten der Polarexpeditionen gelesen, von Hunger, Erfrierungen, Eisbärenangriffen oder dem drohenden Bersten der hölzernen Schiffskörper im Packeis. Inzwischen lässt sich der Nordpol mit einem U-Boot, das dort auftaucht und von unten durch die Packeisdecke bricht, oder mit Flugzeugen erreichen. Zum Südpol führt kein Wasserweg, denn dieser liegt auf einem mit mehrere tausend Meter dicken Eisplateau. Während sich in der Arktis Großmächte ihre Rechte sichern, um Erze oder Öl zu fördern, ist dies glücklicherweise in der Antarktis nicht möglich. Kein Staat darf dort Besitzansprüche geltend machen, Bodenschätze fördern, Siedlungen errichten oder die fragile Natur in irgendeiner Weise stören. Der Antarktisvertrag von 1961 ist eine internationale Übereinkunft, die festlegt, dass zwischen 60 und 90 Grad südlicher Breite ausschließlich friedliche Nutzung und wissenschaftliche Forschung zugelassen sind. Alle Staaten, die vorher dort Besitzansprüche geltend machten, haben sich dem unterworfen. Genau genommen ist es ein ganzes Netzwerk von Verträgen zu Natur- und Umweltschutz, sowie auch zu Verkehrs- und Verhaltensregeln für Expeditionsschiffe.

Fast wöchentlich erfahren wir von der Belastung und den Klagen der Küstenstädte zum Beispiel am Mittelmehr, sowie des Hinterlandes, wenn wie kürzlich im Palma de Mallorca gleichzeitig fünf Megaliner vor Anker gehen. Durch das Ausschwärmen Tausender Kreuzfahrtgäste während eines Tages werden ehemals romantische Hafenstädte und dahinter liegende Regionen belastet. Die Folgen sind auch Staus oder Unfälle auf schmalen Straßen – ganz zu schweigen von der Umweltbelastung mit Abgasen, Lärm und Wasserverschmutzung durch riesige Schiffe im Hafen.

Nicht so in Grönlands Buchten oder in der Antarktis. Schon alleine die Anforderungen an Schiffe zu ihrer Wendigkeit und Sicherheit in schmalen Fjorden und zwischen Eisbergen machen den Einsatz großer Fahrzeuge mit spaßorientiertem Publikum in Polargewässern glücklicherweise unmöglich. Wie würde sich auch diese Art Disneyland auf See mit Wasserrutschen und Deckdisco während der Eisbären- oder Walbeobachtung vertragen?

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Kämpfende Eisbären an der Küste von Grönland; Foto Rainer Hamberger

 

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Jagende Wale beobachten neugierig das Zodiacboot; Foto Rainer Hamberger
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Skurille Formen gestrandeter Eisberge; Foto Rainer Hamberger

 

Von Abenteurern zu innovativen Ingenieuren – eine logische Entwicklung

Schon die Wikinger waren ein draufgängerisches Seefahrervolk, das in Holzschiffen vor 1000 Jahren den Nordatlantik überquerte und Amerika entdeckte. Ein beschwerliches Leben mit widrigem Klima auf meist felsigem Boden prägte in Norwegen Menschen mit Erfindungsgeist und in verschiedenen Disziplinen. Ein beredtes Beispiel ist der Polarforscher Fridtjof Nansen, der gleichzeitig Schiffsbauer, Geograph und Völkerkundler war, den Nansen-Pass als Hochkommissar für Flüchtlingsfragen 1922 für Staatenlose schuf und einer der berühmtesten Norweger wurde.   So auch sein Kollege Roald Amundsen, der als erster Mensch am 14. Dezember 1911 den Südpol erreichte. Das moderne Norwegen möchte aufgrund dieser Vorgeschichte darauf aufbauend ehrgeizige Ziele mit nachhaltiger Technik erreichen. Nirgendwo ist die Dichte von elektrisch betriebenen Kraftfahrzeugen so groß wie in diesem Land. So ist es nur logisch, dass die legendären Hurtigruten, früher Postschiffe genannt, hier Pionierarbeit leisten.  Sie bauen derzeit in ihrer Heimat zwei Hybridschiffe für Expeditionsfahrten. Benannt nach den Polarforschern Fridtjof Nansen und Roald Amundsen stechen sie 2019 erstmals in See, konstruiert für die höchste Eisklasse und fähig, bis zu 30 Minuten geräusch- und emissionsfrei in geschützte Buchten oder schmale Fjorde mit sensiblem Mikroklima zu gleiten.

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Exkursion zwischen Eisschollen zu kalbenden Gletschern auf Spitzbergen; Foto Rainer Hamberger

 

„Der Entdeckergeist der einstigen Abenteurer ist tief in der Hurtigruten DNA verwurzelt. Auch zukünftig möchten wir bei der Erkundung der Welt immer einen Schritt voraus sein. Mit unseren Schiffen gehen wir neue Wege für unsere Gäste, die Branche und bei der Entwicklung neuer Technologien“, kommentiert Daniel Skjeldam, CEO von Hurtigruten. Die derzeit in der norwegischen Kleven Werft im Bau befindlichen Schiffe gelten als die umweltfreundlichsten und fortschrittlichsten Expeditionsschiffe der Welt. Hauptziel der Technologie ist die Reduktion des Treibstoffverbrauchs und der CO2-Emissionen. Betriebsart, sowie Bauweise des Schiffsrumpfes und effiziente Nutzung von Elektrizität an Bord reduzieren Emissionen der Schiffe um insgesamt bis zu 20 Prozent.

„Elektrischer Antrieb ist sowohl für die Umwelt als auch für unsere Gäste ein großartiger Vorteil, da das Naturerlebnis nun noch intensiver ist. Die Vorstellung, in vollkommener Stille entlang der Eiskante in der Arktis und Antarktis oder auch an der Amazonasböschung zu gleiten, ist wirklich einzigartig und außergewöhnlich“, sagt Skjeldam. Es besteht außerdem eine Option auf den Bau zwei weiterer Expeditionsschiffe.

Ein doppeltes Jubiläum

Gerade ist es 125 Jahre her, dass Nansen im Sommer 1893 zu seiner Polarexpedition mit dem von ihm geplanten Holzschiff Fram aufbrach. Just im selben Jahr wurden als Küstenschifffahrtslinie die Hurtigruten gegründet. Sie sollten die nicht per Straße erreichbaren Küstenorte anfahren und miteinander verbinden, sowie Güter und Passagiere befördern. Es ist eine der beständigsten und ältesten Verkehrsverbindungen einer Nation weltweit. Während man bis vor Jahrzehnten noch vom Postschiff sprach, haben sich Einsatz und Auftrag im Laufe der Zeit etwas geändert. Es gibt Themenreisen mit Musik und Kunst, sowie expeditionsartige Landausflüge zu allen Jahreszeiten. Neben der Küstenschifffahrt vor einer mit Naturschönheiten gesegneten Landschaft ergänzen seit einigen Jahren andere Geschäftsbereiche die Angebote der Reederei. Das Interesse an Expeditionskreuzfahrten in süd- oder nordpolare Regionen steigt ständig. Hurtigruten ist einer der Marktführer nachhaltiger Reisen dorthin. Dabei rührt der Bekanntheitsgrad nicht nur von der Qualität dieser Touren, sondern auch vom seit über einem Jahrhundert bekannten Markennamen – die schnelle Linie –  aus der norwegischen Postschifffahrt. Schon in den Romanen des Nobelpreisträgers Knut Hamsun von August Weltumsegler ist immer wieder die Rede davon: „und dann nahm er das Postschiff nach Süden.“

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Spielende Kinder der Inuit an der Küste von Grönland; Foto Rainer Hamberger

 

Fünf Meter und eine halbe Stunde

Nicht etwa nur von den Lofoten nach Bergen ist man südwärts unterwegs. Es ist für Passagiere schon eine Leistung soweit südlich in die Antarktis zu reisen, denn es braucht Geduld und Energie. Zunächst der lange Flug nach Santiago de Chile oder Buenos Aires, der Weiterflug nach Ushuaia oder Punta Arenas, und die 40stündige Überfahrt durch die berüchtigte Drakepassage zu den South Shetland Inseln in eine andere Welt, die ersten Ziele in der Antarktis. Doch dann ist der Gast reich belohnt durch das Erlebnis einer eisigen Wunderwelt, unter Berücksichtigung strenger Vorschriften.

Schweröl als Treibstoff ist verboten. Es ist nachgewiesen, dass winzige Rußablagerungen auf dem Eis die Schmelzvorgänge unter Sonnenlicht beschleunigen, nicht zu reden vom enthaltenen Gift. Kein Schiff darf mehr als 500 Passagiere mitführen. Nur bis zu 100 Personen sind bei Anlandungen jeweils zugelassen bis zum „Schichtwechsel“.  Zur Walbeobachtung hält man sich lediglich bis zu 30 Minuten bei den Meeressäugern auf, und Anlandungen sollen nicht länger dauern als 90 Minuten. Zu Pinguinen müssen fünf Meter Abstand gehalten werden – nur die Tiere selbst wissen es nicht und haben keinerlei Scheu vor Menschen. Bekleidung muss zu Beginn der Reise ausgesaugt werden wie auch Rücksäcke und Fototaschen, damit keine fremden Samen oder Bakterien eingeschleppt werden. Nach jeder Tenderbootfahrt und jedem Landgang ist es Pflicht mit den Leihstiefeln, die alle benützen müssen, durch eine Stiefelwaschanlage zu gehen. Toilettengänge oder Müll an Land sind streng tabu. Über 200.000 Liter Trinkwasser pro Tag erzeugt z. B. die MS Midnatsol durch eigene Entsalzungsanlagen. Abwasser wird an Bord geklärt. Hier, wie auch auf der etwas kleineren MS Fram die stolz unter dem Namen des in Oslo ausgestellten Originals fährt, hat das Expeditionsteam ein Büro wo wichtige Entscheidungen getroffen werden. In Abstimmung mit der Brücke wird die genaue Tagesroute je nach Eis- und Wetterlage festgelegt. Auf Bildschirmen sind die Positionen anderer Schiffe zu sehen, um eine Entflechtung in Buchten und Fjorden zu gewährleisten.

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Pinguine machen in der Antarktis Rast auf einem Eisberg; Foto Rainer Hamberger

Vorlesungen und andere Leckerbissen

Während einer zweiwöchigen Antarktistour ist z. B. der MS Midnatsol nur dreimal ein anderes Expeditionsschiff begegnet, dafür zahllose Buckelwale und Tausende von Pinguinen.

„Um 16 h können sie auf deutsch oder um 17 h auf Englisch im Amphitheater einen Vortrag über Dunco Island hören, wo wir morgen früh Anlandungen durchführen“. Eine Lautsprecherdurchsage weist mehrsprachig auf die theoretische Einstimmung zu den Exkursionen hin. Engagierte Wissenschaftler im Alter zwischen 25 und 75 Jahren, alle mit Universitätsabschluss und Kenntnis mehrerer Fremdsprachen, erklären dem Publikum was sie erwarten wird. Auf dieser Fahrt Mitte Dezember genießt eine international gemischte Zuhörerschaft die zwanglose Atmosphäre in Jeans und Wollhemden. In den ersten beiden Reihen sitzt eine Gruppe Gehörloser. Ihre Dolmetscherin übersetzt in Gebärdensprache. Anschließend werden Fragen gestellt, wird diskutiert. Dozent Tom ist Niederländer, spricht aber auch Deutsch, Englisch und Französisch. Fritz hat fränkischen Akzent. Als Senior der Wissenschaftler an Bord und als Ornithologe ist er in einer Welt mit Albatrossen, Skuas, und vor allem den verschiedenen Piguinarten ganz in seinem Element. Seine Begeisterung überträgt sich auf die Anwesenden. „Wer kein eigenes Fernglas dabei hat, kann sich an Bord eines ausleihen,“ beruhigt er einige Zuhörer.

Im Bordrestaurant werden die  Gespräche fortgesetzt. Viele kennen sich inzwischen von wiederholten Treffen auf dem Sonnendeck, bei Spaziergängen hinter der Reling unter dicken Jacken und Wollmützen versteckt, bei Vorträgen oder Landgängen. Gelungene Völkerverständigung in staatenlosem Territorium – ohne Nansen-Pass! Demut und Neugier vor der gewaltigen Natur sind das verbindende Element. Authentische Erlebnisse statt Äußerlichkeiten. Krawatten und Zweireiher sind nicht gefragt. Nur Pinguine tragen hier einen Frack.

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Kurz vor Mitternacht am antarktischen Festland in der Paradise Bay; Foto Rainer Hamberger

Informationen:

Die eisgängigen Expeditionsschiffe der Hurtigruten MS Midnatsol (Mitternachtssonne) und MS Fram kreuzen in den jeweiligen Sommermonaten in arktischen und antarktischen Gewässern, die MS Spitzbergen nur in der Arktis. Ziele im Norden sind u. a. Island, Spitzbergen und Grönland, und auf der Südhalbkugel die Antarktis. Im Mareverlag GmbH & Co. oHG sind einige Bildbände zu polaren Regionen erschienen, das Heft No. 126 hat sich besonders mit dem Thema Antarktis beschäftigt; www.mare.de

Zum doppelten Jubiläumsjahr 2018 befährt die MS Fram erstmalig in beiden Richtungen die legendäre Nordwestpassage. Expeditionskreuzfahrten in die Antarktis ab/bis Buenos Aires oder Santiao de Chile gibt es ab Euro 5000. Darin enthalten sind Vollpension, sowie die Teilnahme an Vorträgen und Exkursionen mit Zodiacs. Es werden immer wieder Angebote aufgelegt, wo Alleinreisende ohne Aufpreis eine Doppelkabine buchen können. Die beiden neuen Hybridschiffe sind ab 2019 im Dienst. Weitere Informationen finden sich unter www.hurtigruten.de, bzw. unter Tel.: 040-87408358, oder ce.info@hurtigruten.com

Text und alle Fotos von Rainer Hamberger

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