Das Grüne Band – von der Natur lernen heißt siegen lernen

Zuhören
Zuhören
Zuhören, auch wenn die Tränen kommen
Zuhören

Auf Pressereise zusammen mit neun Reisejournalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Thema: „Das Grüne Band erleben“. Noch bis Sonntag geht es auf Entdeckungstour durch das Heldburgerland, die Rhön und das Eichsfeld. Das sind die Regionen Thüringens, die an der innerdeutschen Grenze lagen – zu Bayern, Hessen und Niedersachsen hin. Diese Grenze war kein logischer oder gar harmonischer Abschluss, man sprach – und spricht – auf beiden Seiten den gleichen Dialekt, kennt dieselben Spezialitäten und heiratete, wo die Liebe hinfiel. Die Grenze war ein infamer Riss durch Familien, durchs Herz.
In Ummerstadt, kurz hinter Coburg, im Gasthof Bertl treffen wir Peter Haase und Gerhardt Vogler, die hier groß und auch ein bisschen alt geworden sind. Ummerstadt lag in der 5-Kilometer-Sperrzone der DDR und blieb eine abgeschottete Welt für sich, Fachwerk an der Wand und Pflasterstein am Boden, und eine ideale Kulisse, für den hier gedrehten Lutherfilm. Doch nur Kulisse ist zu wenig. Darum, dass sich das ändert, bemüht sich die Initiative Rodachtal. Denn es gibt in Ummerstadt nur die eine Wirtschaft, in der wir sind, die Rathausgaststätte steht leer, es gibt keinen Laden, keine Sparkasse. „Von Ummerstadt bis zur Grenze war es nur ein Kilometer, wer hier wohnte, war linientreu und bekam einen Bonus von 60-80 Mark, eine Sperrzonen-Zulage“, sagt Gerhard Vogler. „Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, die LPG Tierzucht oder Landwirtschaft, waren aktiv, an Industrie gab es den VEB Pico, der Plastik-Spielzeug herstellte. Natürlich gab es keinen Tourismus.“
Die Pressegruppe lauscht andächtig. Doch nach dem Klassiker-Gericht, einem „Schäufele“ (Schweine-Schulter-Braten) ist die Romantik rasch vorbei. Denn wir fahren nach Billmuthausen, einem Ort, den es nicht mehr gibt, weil die Grenzer freies Schussfeld haben sollten. „Gezielt wurde auf alles, was keinen Ausweis hatte oder sonst auffällig war“, sagt der ehemalige Bürgermeister von Billmuthausen, Gerhard Bergdoll. Wir stehen dort, wo sich einst in einer Kirche die Gläubigen versammelten – auf freiem Feld. Und nicht nur er hat Tränen in den Augen. „1978 wurde Billmuthausen abgerissen, die NVA wollte freies Schussfeld. Die Kirche fiel schon 1963. Es folgte die Zwangsaussiedlung. Wer dann noch durch den Kontrollzaun wollte, musste bei der Nationalen Volksarmee anrufen, drei Höfe wurden geschleift. Ein Förderverein kümmert sich heute um die Erinnerung. Aktuell hat er noch 23 Mitglieder.“
„Billmuthausen“, sagt Gerhard Bergdoll, „war zunächst nach dem Zweiten Weltkrieg eigener landwirtschaftlicher Grund für Flüchtlinge aus dem Osten, ihre neue Heimat, auf der und von der sie leben konnten. Dann kam die Kollektivierung ab 1952. In den ersten 10 Jahre gab es nur die Produkte des Bodens als Lohn, dann etwa 800-900 Mark Gehalt. Es gab Urlaub, einen Trabant nach 12 Jahren, viele waren zufrieden, nicht mehr Knecht der eigenen 10 Hektar zu sein. Doch dann wurde es brutal, man fürchtete die Stasi in der eigenen Familie. Es gab den Schießbefehl.“ Bergdoll wischt sich die Augen. „Das Mistrauen ist die größte Tugend, besser als Sperrgebiet und Kontrollposten. Ab 1963 war alles dicht. ‚Ungeziefer’ musste raus. Ja, so hieß die Aktion wirklich, Ungeziefer. Nachts um 2 Uhr wurde der Ort umstellt, neun Familien wurden deportiert. Sie kamen Ins Erfurter Becken, wurden dort als asozial diskriminiert. 30 Jahre durften sie nicht zurück. Die meisten flohen über Berlin in den Westen. Die Drohung mit Aussiedlung schwebte bis in die 70er Jahre über den Gemeinden der Sperrzone.“
Am 9. Dezember 1989, genau einen Monat nach Öffnung der innerdeutschen Grenze, schlug die Geburtsstunde des Grünen Bandes. Eine Schutzresolution machte den Anfang. Und 2019, 30 Jahre später, feiert das Grüne Band ein Jubiläum, das Anwohner, Zeitzeugen und Besucher vereint. Dieses Band, über dessen Thüringer Teil uns ein Blick von der Heldburg Auskunft gibt, ist nicht nur eine zentraldeutsche oder deutsche Angelegenheit. Das Band läuft dort, wo der Eiserne Vorhang Europa fast vier Jahrzehnte teilte, vom Eismeer bis ans Schwarze Meer. Heldburg beheimatet heute das Deutsche Burgenmuseum. Es beherbergt viele einzigartige Exponate. Aber es sei noch ein weiter Weg zu gehen, um Schloss und Stadt den angemessenen Platz zu erobern Der Ort Heldburg habe heute nur noch eine Gaststätte, sagt die Direktorin Adina Christine Rösch. „Es waren mal 13.“
Was macht so eine Grenze voller Minen, Selbstschussanlagen und Soldaten mit ihrer Umwelt? Die Natur hat keine Tränen, oder sie weint so, dass wir es nicht sehen können. Sie reagiert auf die Umgebung, wie Menschen es nicht vermögen. Sie schuf sich entlang der Grenze ein Refugium für seltene Pflanzen und Tiere, auch wenn die NVA-Grenzer über dem sorgfältig gerechten Sandstreifen zwischen Patrouillenweg und grenznahem Zaun Pflanzenschutzmittel und Diesel ausbrachten. Aber heute verläuft über 12 500 km entlang des einstigen Eisernen Vorhangs, davon 1 393 km durch Deutschland, ein einzigartiger Biotopverbund. Im November 2005 wurde er zum „Nationalen Naturerbe“ ausgerufen und verbindet heute Lebensräume entlang der früheren Grenze von der Ostsee bis ins sächsisch-bayerische Vogtland. Es ist ein Querschnitt durch deutsche Landschaften, von den norddeutschen Niederungsgebieten bis zu den Mittelgebirgen und ein wertvoller Korridor in einer stark zerstückelten und landwirtschaftlich genutzten Gegend.
Abends finden wir in Römhild das Hotel Hirsch, wo uns Nicola Prediger verköstigt und beherbergt. Ein später Spaziergang lässt mich über eine Gedenktafel für die ermordeten Juden des Ortes stolpern. Es waren viele.
Am nächsten Morgen erreichen wir die Rhön und dort Noahs Segel, eine futuristische Aussichtsplattform – indes komplett im Nebel, dann mit dem Wanderführer Gerd Dietzel über den Entdeckerpfad die Arche Rhön. Die Rhön mag nur 1650 Meter hoch sein, sie ist gleichwohl ein raues Gebirge, zudem ein Eldorado für Segel- und Gleitschirmflieger. Auch ist sie heute ein UNESCO-Biosphärenreservat. Die Arche ähnelt einem Schiff. Auf dem Weidberg eröffnet sie Jung und Alt einen interaktiven Zugang zu den Geheimnissen der Rhön, einer hügeligen Zauberlandschaft weit weg vom Massentourismus, und das mitten in Deutschland. Und mitten hindurch zieht sich das Grüne Band, der Bereich zwischen dem sogenannten Kolonnenweg und der ehemaligen Staatsgrenze zwischen BRD und DDR. Dieser Streifen ist zwischen 50 und 200 m breit. Brachflächen, verbuschte Bereiche, Altgrasfluren, junger Wald, Flüsse, Feuchtgebiete und Moore, nicht immer erkennbar, aber immer gegenwärtig.
Langfristig soll nicht nur dieses Band gesichert und entwickelt werden, sondern auch die angrenzenden Schutzgebiete und die großflächigen naturnahen Bereiche, die sich im Schatten der Grenze erhalten konnten. Es ist Biotopverbund und gleichzeitig ein Symbol jüngerer deutscher Zeitgeschichte. Seltene Tiere bekam unsere Pressegruppe nicht zu Gesicht. Raubwürger, Braunkehlchen und Schwarzstorch verbargen sich in ihren Nestern, der Luchs im Wald, Fischotter und Biber im Wasser. Gerd Dietzel, der Wanderführer, und Kathrin Kupka-Hahn, die Presseverantwortliche der Rhön GmbH, meinten, wenn wir uns mehr Zeit ließen, würden wir sie bestimmt zu Gesicht bekommen, auch für Trollblume oder Küchenschelle war wohl nicht die Jahreszeit. Aber wir sehen Tannen im hellen, wehenden Gewand des Nebels, Bergeshöhen im Blitzlicht der Sonne, Wege, die im Hochmoor verschwinden, Wiesen, die von Hecken umfangen werden und auf denen sich Schafe nicht um ihre Schur und braunbunte Kühe nicht um ihren Methanausstoß scheren.
Da die naturnahen Lebensräume im Grünen Band fließend ineinander übergehen, bieten sie ein ruhiges, harmonisches Erscheinungsbild. Hügel, Berge, sanfte Kuppen, raue Höhenzüge, ausgedehnte Heiden, Bergseen, Stauseen, lärmende Bäche, Flüsse, Feuchtwiesen und -wälder. Hoch oder tief, trocken oder nass, Norden oder Süden. Die Natur lebt nach ihren eigenen Gesetzen. Als Heinz Sielmann 1988 den Film „Tiere im Schatten der Grenze“ bei Duderstadt drehte, wusste er noch nicht, dass seine Vision eines Grünen Bandes entlang der Grenze einmal Wirklichkeit werden würde.
Die Rhön hat auch eine „Botschaft“, eine Vertretung. Dort in Dermbach, es ist ein Hotel und ein Restaurant, kocht Björn Leist und verspricht „Mundart in Perfektion“. Da finden sich „Oma Elses Worschtknödel“ neben „Himmel und Erde“ und den „Rhöner Fingerspatzen“. Es ist ein ambitioniertes Unterfangen, im zweiten Anlauf. Denn die Kundschaft kommt in diese Gegend nicht von selbst. „Ich arbeite dran“, sagt Sternekoch Leist voller Zuversicht. Die Pressegruppe ist dessen begeisterter Nutznießer.
Unsere nächste Station ist Geisa und die Gedenkstätte Point Alpha. Wir laufen den Weg vom „Haus auf der Grenze“, der Kontrollstreifen läuft durchs Haus, bis zum Wachposten der Amerikaner, jeder Schritt dokumentiert die Entwicklung der Grenze in ihre menschenfeindliche Monstrosität. Wenn er passiert wäre, der Ausbruch des Krieges, „dann wäre er hier passiert, am Fulda Gap“ erklärt der Mitarbeiter der Gedenkstätte. Danny Chahbouni, „denn von hier aus ist man am schnellsten am Rhein und dann in Frankreich.“
So ist Grüne Band auch ein Symbol für die Vereinigung zwischen Ost und West – für grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der Europäischen Union und darüber hinaus. Es verbindet Menschen und zeigt, dass ein vereintes Europa nicht nur ein kulturelles Erbe, sondern auch ein gemeinsames Naturerbe hat. Denn die Natur eroberte die Grenzlinie. So entstand das „Grüne Band” mit Lebensräumen voller seltener Tiere und Pflanzen.
Tags darauf steigt unsere Gruppe aufs Rad, von Mihla bis Treffurt, an Werra und Grenze entlang auf dem Werratal-Radweg. Diese Stadt lag so hart an der Grenze, dass die Kirschbäume nur von besonders vertrauenswürdigen Pflückern abgeerntet werden konnten. Heute versucht Treffurts Bürgermeister Michael Reinz, den Charme der Fachwerkstadt zu erhalten, selbst Prinz Charles hat er zur Unterstützung gewonnen.
In Lindewerra, unserer nächsten Station, wurde zugleich mit der Brücke über die Werra das Miteinander einer Dorfgemeinschaft zerstört. Denn man feierte jahrhundertelang mit dem hessischen Nachbarort Bad Sooden-Allendorf alle Anlässe gemeinsam. „Selbst ein verstohlenes Winken war gefährlich“, erzählt der Bürgermeister Gerhard Propf, den wir an der restaurierten Brücke treffen. Wir besuchen das Museum des Ortes, das durchaus nicht museal das traditionelle Handwerk des Stockmachens pflegt. Auch Papst Benedikt XVI stützt sich auf ein Holz aus Lindewerra.
Mit der Wanderführerin Christine Keller machen wir uns am nächsten Tag auf den Premiumweg 16, der durch hessisch-thüringisches Grenzgebiet ins Eichsfeld führt. Gelegentlich laufen wir den Betonplattenweg, der für die Grenztruppen der NVA angelegt worden war, entlang. Er bietet weite Aussichten vom Rande eines Muschelkalkplateaus, botanische Schätze und geschichtsträchtige Orte am Grünen Band. Er berührt sowohl die Eichsfelder Schweiz in Thüringen als auch den Geo-Naturpark Frau-Holle-Land in Hessen. Das von dem Rundwanderweg erschlossene Gebiet ist Teil des Europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 und Bindeglied im Biotopverbund. Wir bewundern die großen Eibenbestände. Christine Keller schwärmt von „Nieswurz, Seidelbast und Maiglöckchen im Frühjahr, Wildkräuter, die seltene Türkenbundlilie und Orchideen im Sommer.“ Leider sind wir im Herbst hier, aber die Natur lässt sich mit kräftigen Grünen und bunten Farben nicht lumpen.
Nicht lange und wir erreichen das Museum Schifflersgrund in der Gemeinde Asbach-Sickenberg. Es liegt auf dem ehemaligen Grenzstreifen. Es war das erste Grenzmuseum in der wiedervereinigten Bundesrepublik und wurde am 1. Jahrestag der Wiedervereinigung eröffnet. Ziel ist, Reste der ehemaligen Grenze zu konservieren, der Nachwelt zugänglich zu machen und darüber hinaus die menschlich-persönlichen Aspekte dieser Teilung aufzuzeigen, während Point Alpha strategische und historische Themen im Fokus hat. Es stehen Fahrzeuge und Hubschrauber auf dem Gelände, an einem Zaun hängen Selbstschussanlagen in unterschiedlichen Höhen, damit auch Kriechende und Kinder erschossen werden können.
Von oben wird ein erhaltener Teil des Grenzzauns sichtbar, der sich über knapp 2,5 km am Fuß eines Hangs entlang erstreckt. Darüber war Westdeutschland. Im verwilderten Hang steht ein schlichtes Holzkreuz, das eine traurige Geschichte erzählt. Heinz-Josef Große war einer von denen, die dem offiziell nicht existierenden Schießbefehl zum Opfer fielen. Die Stelle, an der er am 29. März 1982 versuchte, mit Hilfe eines Frontladers über den Grenzzaun und den Hügel hinauf zu fliehen, ist vom Ausblick des Museums gut zu sehen. Hier mussten drei Beamte des Bundesgrenzschutzes mit ansehen, wie Große nach neun Kalaschnikow-Schüssen am Hang verblutete: Denn dieser war, obwohl jenseits des Grenzzauns gelegen, noch Territorium der DDR.
Das Museum hat sieben Abteilungen zu den Themen Kriegsende, Entwicklung der Besatzungszonen, Leben im Sperrgebiet und Entwicklungen in der DDR im Jahr 1989. In zwei weiteren Bereichen wird auf das Wanfrieder Abkommen, in dem einige hessische und thüringische Dörfer getauscht wurden, um den Amerikanern eine durchgehende Bahnlinie in ihrer Besatzungszone zu geben, und auf die Umstände des Todes von Heinz-Josef Große eingegangen. „Wir wollen“, sagt die Mitarbeiterin Rebekka Bode, unseren Besuchern ein möglichst authentisches Bild geben, da die Erinnerung sehr rasch verblasst.“ Deswegen sollen die vielen Exponate beiseite geräumt und der ursprüngliche Zustand wieder hergestellt werden. Mir ist das Kreuz für Heinz-Josef Große wenige Meter vor dem Weg, auf dem sich die Bundesgrenzschutzbeamten befanden, authentisch genug. Hätten sie ihn nicht vor dem Verbluten retten müssen? Ich bin froh, nie vor einer solchen Entscheidung gestanden sein zu müssen. Noch froher bin ich, wenige Minuten später auf dem Anwesen der Christine Bauer, dem Hof Sickenberg, einzutreffen, um von ihr zu hören, wie sie dieses Anwesen, das wenige Meter von Grenzstreifen entfernt dem Einsturz entgegen dämmerte, wieder zu einem gastronomischen Treffpunkt machte. Ebenso wie die Rhön-Botschaft von Björn Leist ist es kein Selbstläufer, aber inzwischen jagt ein Event den nächsten, die Pensionszimmer sind gut gebucht.
Wir beenden unsere Reise ans Grüne Band in Eisenach, jeder der Pressegruppe hat seine eigenen Eindrücke. Für mich ist es ein Triumph des Lebens über die Menschenverachtung. Und die Natur hat uns eine wichtige Nachricht demonstriert: Auch mit Stacheldraht und Selbstschussanlagen lässt sie sich auf Dauer nicht besiegen. Und auch der Mensch ist ein Teil der Natur, ob er will oder nicht.

Tags from the story
, ,
Geschrieben von
Mehr von Hans-Herbert Holzamer

Eisenach und die Kraft der Sprache

Wer wollte „meine liebe Stadt“ vergessen? Luthers Eisenach. Auf unserer „1. Pressesternfahrt...
mehr lesen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.