Córdobas Welt der Pflanzendüfte

Eine Reise durch die Stadt der drei Kulturen, zwischen duftenden Patios, maurischen Palästen und leuchtenden Nächten.

„Gestatten Sie, mein Name ist Maimonides. Ich werde Sie heute durch meine Heimatstadt führen.“ Der große Gelehrte lächelt, als hätte er nur kurz die Zeit überbrückt, die zwischen seinem Córdoba des 12. Jahrhunderts und unserer Gegenwart liegt. Er nimmt uns mit durch schmale Gassen, vorbei an weiß gekalkten Häusern, bunten Blumentöpfen und Innenhöfen, in denen sich das Sonnenlicht auf den Blättern der Orangenbäume bricht. Und während irgendwo Wasser in einem Brunnen plätschert, erzählt er von einer Stadt, die über Jahrhunderte ein Zentrum des Wissens war – und von der schwierigen Kunst, Menschen unterschiedlichen Glaubens miteinander leben zu lassen.

Im jüdischen Viertel beobachtet Maimonides noch immer die Geschicke der Stadt Córdoba.

Natürlich ist es eine gedankliche Begegnung. Moses Maimonides, 1138 in Córdoba geboren, war Philosoph, Arzt und einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters. Sein Lebensweg erzählt allerdings auch von den Grenzen jener viel beschworenen Toleranz: Als die Almohaden im 12. Jahrhundert ihre religiöse Herrschaft durchsetzten, musste seine Familie die Stadt verlassen. Córdoba war ein Ort kultureller Blüte, aber keineswegs ein konfliktfreies Paradies. Gerade darin liegt die Aktualität seiner Geschichte. Wie können unterschiedliche Überzeugungen nebeneinander bestehen, ohne dass eine die andere verdrängt? Die Antwort sucht Córdoba nicht allein in seinen Geschichtsbüchern. Sie liegt in seinen Bauwerken, in den Spuren dreier Religionen, in der Kunst seiner Gärten und in einer Gegenwart, die das kulturelle Erbe immer wieder neu interpretiert. Besonders eindrucksvoll gelingt das im Oktober, wenn das internationale Blumenfestival FLORA die Stadt in ein Labor der Fantasie verwandelt.

Wer möchte hier in den Patios in Córdoba nicht seine Dufterlebnisse erweitern?

Die Welt der Düfte

Zu den Stimmen, die den Blick auf Pflanzen über die reine Ästhetik hinaus erweitern, gehört Aina S. Erice. Die Botanikerin und Autorin beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Menschen und Pflanzen und damit, welche Bedeutung die Pflanzenwelt für unterschiedliche Gesellschaften besitzt. Im Zusammenhang mit FLORA eröffnet diese Perspektive eine weitere Dimension: Pflanzen sind nicht nur Dekoration. Sie liefern Nahrung und Heilmittel, prägen Landschaften, begleiten Rituale und Feste und tragen Erinnerungen über Generationen hinweg. Auch Düfte erzählen Geschichten. Der Geruch von Orangenblüten kann an einen andalusischen Frühling erinnern, aromatische Kräuter verbinden Küche und Heilkunde, während Weihrauch und andere pflanzliche Duftstoffe in religiösen Zeremonien eine Rolle spielen. Was Menschen als angenehm, heilsam oder heilig empfinden, ist dabei kulturell geprägt. Die Ethnobotanikerin Aina S. Erice hielt auf dem FLORA-Festival einen viel beachteten Vortrag über „Düfte einer flüchtigen Welt“: „Als man mir mitteilte, dass das Thema der FLORA 2026 ‚Vergänglichkeit“ sein würde, kam mir sofort der Gedanke, über Düfte zu sprechen. Denn das ist ein Thema, das mich schon sehr lange beschäftigt. Wir gewinnen Duftstoffe – etwa in Form von Räucherwerk –, und zwar in orientalischen und westlichen Traditionen, aber auch in amerikanischen und mesoamerikanischen Kulturen, wie zum Beispiel durch Kopal. Die gesamte Beziehung zwischen dem Menschen und duftenden Pflanzen finde ich absolut faszinierend. Es gibt nämlich bestimmte Themen, die immer wiederkehren – ganz gleich, wo man hinschaut. Man findet sie in Gräbern in China ebenso wie in Gräbern in der Karibik. Völlig unterschiedliche Orte, aber absolut faszinierend.“ Ihr ungewöhnliches Forschungsfeld beschreibt sie so: „In der Ethnobotanik erforschen wir, was geschieht, wenn Menschen und Pflanzen aufeinandertreffen.

Aina S. Erice ist Ethnobotanikerin, Autorin und Biologin. Sie untersucht die Pflanzendüfte der Kulturen der Welt.

Die Ethnobotanik untersucht genau diesen Schnittpunkt zwischen menschlicher Kultur und Pflanzenwelt. Oft verbinden wir Ethnobotanik vor allem mit Heilpflanzen – also Pflanzen, die wir zur Linderung von Beschwerden einsetzen. In vielen Dörfern greifen Großmütter auch heute noch auf Pflanzen zurück, wenn jemand Bauchschmerzen hat, Zahnprobleme oder Ähnliches. Das ist der bekannteste Aspekt der Ethnobotanik. Doch in Wahrheit gibt es so viele verschiedene Arten der Interaktion zwischen Mensch und Pflanze, dass man auch eine Ethnobotanik der Kunst, der Literatur und Poesie – oder eben der Düfte – betrachten könnte. Man könnte also von jenem Teil der Ethnobotanik sprechen, der sich mit der Beziehung zwischen Menschen und den Düften befasst, die von Pflanzen stammen.“ Und sie stellt fest: „Es ist ein Thema, das viele Menschen berührt, wenn auch nicht unbedingt aus ethnobotanischer Sicht. Hinweise darauf finden sich etwa in der Geschichte und Archäologie von Düften: in Papyri oder in alten Schriften aus dem alten Ägypten. Auch in Gräbern in China stößt man darauf. Zudem gibt es Berichte von Menschen, die indigene Stämme tief im Amazonasgebiet besuchen und fragen: ‚Was tut ihr, wenn ihr jemanden bestattet?‘ Die Antwort lautet dann oft: ‚Wir verbrennen eine bestimmte duftende Pflanze‘ oder ‚Wir pflanzen eine spezielle Art um das Grab herum‘, um den Geist zu schützen, ihn in das Land der Ahnen zu leiten oder zu verhindern, dass er vom Weg abkommt. Es gibt so viele verschiedene Arten, wie wir mit Düften umgehen; und wenn man sich mit dem Zusammenhang von Duft und Kultur befasst, ist fast immer eine spirituelle Komponente im Spiel, etwas Immaterielles.“ Dabei richtet sie sich nicht nur an Erwachsene: „Ich halte es für absolut notwendig, Kindern Pflanzen aus einer unterhaltsamen und interessanten Perspektive näherzubringen. Viele Kinder wachsen heute in überwiegend städtischen Umgebungen auf, in einem Umfeld, in dem ihnen unterschwellig vermittelt wird, dass Pflanzen eigentlich keine große Rolle spielen. Es entsteht der Eindruck, dass Wissen über Pflanzen weit weniger wichtig sei als etwa Programmieren zu können, die Funktionsweise von Robotern zu verstehen oder den Umgang mit sozialen Medien zu beherrschen. Kurzfristig betrachtet mag das so erscheinen, doch in Wahrheit ist das ein grundlegender Irrtum, denn unsere gesamte Kultur würde ohne Pflanzen schlichtweg in sich zusammenbrechen. Daher ist es für eine lebenswerte Zukunft von entscheidender Bedeutung, zu verstehen, was Pflanzen eigentlich sind, wie sie funktionieren, wie wir im Laufe der Zeit mit ihnen, gegen sie oder für sie gearbeitet haben – und wie wir diese Beziehung verbessern können. Wir dürfen Kinder keinesfalls außen vor lassen, wenn es darum geht, dieses Wissen zu vermitteln. Auch der Geruchssinn und das Sprechen darüber sind heute von großer, vielleicht sogar wachsender Bedeutung. Unsere digitale Kultur priorisiert vor allem den Seh- und Gehörsinn. Der Geruchssinn hingegen lässt sich nicht einfach abschalten. Er vermittelt uns unmittelbar, dass das, was wir vor uns haben, tatsächlich real ist, denn virtuelle Gerüche gibt es nicht. In unserer heutigen Zeit ist der Geruchssinn daher ein Sinn, der uns erdet, er dient als einer der Anker, die uns mit der nicht-virtuellen Welt verbinden.“

Die Moschee-Kathedrale in Córdoba ist ein bewegendes Zeugnis des friedlichen Miteinanders der Religionen.

Eine Stadt, viele Stimmen

Wer Córdoba verstehen will, beginnt am besten dort, wo sich die Geschichte beinahe körperlich erfahren lässt: an der Moschee-Kathedrale, der Mezquita-Catedral. Schon beim Eintritt in den gewaltigen Säulenwald scheint die Zeit ihre Richtung zu verlieren. Hunderte rot-weiß gestreifte Bögen wiederholen sich in einem Rhythmus, der den Blick in die Tiefe zieht. Das Licht fällt gedämpft auf Stein und Marmor. Man geht langsamer, spricht leiser und beginnt zu ahnen, welche Wirkung dieser Raum über Jahrhunderte entfaltet haben muss. Die große Moschee entstand ab dem späten 8. Jahrhundert und wurde unter den Herrschern des Kalifats von Córdoba erweitert. Im Mittelalter war die Stadt ein politisches und geistiges Zentrum des islamischen Westens. Mathematik, Medizin, Philosophie und Literatur fanden hier ein fruchtbares Umfeld. Nach der christlichen Eroberung Córdobas 1236 wurde die Moschee zur Kathedrale, später entstand im Inneren ein christlicher Kirchenbau. Das Ergebnis ist kein harmonisches Nebeneinander ohne Brüche, sondern ein einzigartiges architektonisches Zeugnis wechselnder Herrschaft und religiöser Deutung. Gerade deshalb lohnt es sich, länger zu verweilen. Die Mezquita erzählt nicht nur von der Schönheit islamischer Baukunst und christlicher Frömmigkeit, sondern auch davon, wie jede Epoche ihre eigenen Zeichen in bestehende Räume einschreibt. Córdoba lässt sich nicht auf eine einzige Identität reduzieren.

Die Synagoge im Jüdischen Viertel Córdobas stammt aus dem 14. Jahrhundert.

Malerisches Jüdisches Viertel

Wenige Schritte entfernt führt der Weg ins jüdische Viertel, die Judería. Zwischen kleinen Plätzen und schmalen, verschlungenen Gassen erinnern Tafeln und Denkmäler an Maimonides. In der Synagoge aus dem 14. Jahrhundert, einem der bedeutenden erhaltenen Zeugnisse jüdischer Geschichte in Spanien, sind die fein gearbeiteten Stuckverzierungen besonders eindrucksvoll. Der Raum ist klein, beinahe intim. Hier wird Geschichte nicht durch monumentale Größe erzählt, sondern durch Details. Maimonides steht für eine Zeit, in der jüdische Gelehrte, muslimische Philosophen und christliche Denker auf der Iberischen Halbinsel in vielfältigen Beziehungen zueinander standen. Dieses Zusammenleben war nicht immer gleichberechtigt und nicht immer friedlich. Dennoch entstanden aus dem Austausch Ideen, die weit über die Grenzen Andalusiens hinauswirkten. Wer heute durch die Judería schlendert, begegnet deshalb nicht nur einem malerischen Altstadtviertel, sondern einer europäischen Kulturgeschichte, die von Übersetzung, Neugier und gegenseitiger Beeinflussung geprägt ist.

Die Überreste des Römischen Tempels erinnern an die Blütezeit Córdobas unter den Römern.

Römische Spuren und der Glanz des Kalifats

Noch weiter zurück führt ein Abstecher zum Römischen Tempel. Seine mächtigen Säulen ragen zwischen den Gebäuden der modernen Stadt auf, als hätte die Antike einen Augenblick lang beschlossen, sich nicht länger verstecken zu lassen. Der Tempel entstand im 1. Jahrhundert n. Chr. und gehörte zu einem repräsentativen religiösen Bauensemble des römischen Corduba. Heute sind vor allem die rekonstruierten Säulen und Teile des Podiums zu sehen. Die Römer machten Córdoba zu einem wichtigen Verwaltungszentrum ihrer Provinz Hispania Baetica. Jahrhunderte später sollte die Stadt unter muslimischer Herrschaft eine neue Blüte erleben. Diese aufeinanderfolgenden Epochen sind keine sauber voneinander getrennten Kapitel. Sie bilden die Schichten, aus denen das heutige Córdoba gewachsen ist.

Die Medina Azahara liegt nur wenige Kilometer vor den Toren Córdobas.

Wie prachtvoll das Kalifat einst auftrat, zeigt sich außerhalb des Zentrums in Medina Azahara. Am Fuß der Sierra Morena ließ Kalif Abd ar-Rahman III. im 10. Jahrhundert eine monumentale Palaststadt errichten. Terrassen, Empfangsräume, Verwaltungsgebäude und Gärten sollten die Macht und den Rang seines Hofes sichtbar machen. Heute liegen die archäologischen Überreste in einer weitläufigen Landschaft, in der der Wind über steinerne Fundamente streicht. Zwischen den freigelegten Mauern fällt es leicht, sich das geschäftige Leben einer Residenz vorzustellen, in der Diplomaten empfangen, Entscheidungen getroffen und kostbare Gegenstände ausgetauscht wurden. Medina Azahara war nicht nur ein Palast, sondern ein politisches Statement in Stein. Seit 2018 gehört die Anlage zum UNESCO-Welterbe. Sie erinnert daran, dass Córdobas Geschichte weit über die Altstadt hinausreicht.

Die Installation “Cataclismo” des Künstlers Mas Ras gewann den 1. Preis der FLORA-Festivals 2026.

Wo Blumen zu Kunst werden

Zurück in der Stadt verändert sich der Rhythmus. Es ist Oktober, die Temperaturen werden angenehmer, und Córdoba bereitet sich auf einen seiner ungewöhnlichsten kulturellen Höhepunkte vor: FLORA, das internationale Blumenfestival. Für seine neunte Ausgabe im Jahre 2026 steht das Thema „Efímero“, das Vergängliche, im Mittelpunkt. Internationale Floralkünstler verwandeln ausgewählte Innenhöfe in temporäre Kunstwerke. Was heute blüht, duftet und überwältigt, wird schon bald wieder verschwunden sein. Das Festival spielt bewusst mit der Tradition der andalusischen Patios. Seit Jahrhunderten sind diese Innenhöfe Orte des Rückzugs, der Begegnung und der Kühlung. Pflanzen spenden Schatten, Wasser sorgt für Erfrischung, und Blüten setzen farbige Akzente vor weiß gekalkten Wänden. FLORA greift diese vertraute Architektur auf und führt sie in eine überraschende Gegenwart: Aus dem privaten Garten wird eine Bühne für internationale Kunst. Wer von Hof zu Hof zieht, entdeckt Installationen, die mit Größe, Material und ungewöhnlichen Pflanzenkombinationen experimentieren. Blüten werden zu räumlichen Skulpturen, Zweige zu Linien in der Luft, Blätter zu einer lebendigen Oberfläche. Manche Arbeiten wirken beinahe schwerelos, andere setzen auf üppige Fülle. Die historische Architektur bildet dabei nicht bloß einen Hintergrund, sondern wird Teil des Kunstwerks. Ein Garten ist deshalb niemals nur eine Ansammlung von Pflanzen. Er ist auch ein Archiv menschlicher Erfahrungen. FLORA macht diese Beziehungen sichtbar, ohne sie auf eine einzige Botschaft festzulegen. Die Werke laden dazu ein, genauer hinzusehen, die eigene Wahrnehmung zu prüfen und das Vergängliche nicht als Verlust, sondern als Teil des Lebens zu begreifen. Gerade in einer Stadt, deren Geschichte von zahlreichen Epochen und Kulturen geformt wurde, passt diese Idee besonders gut. So wird das Festival zu einem offenen Rundgang durch Córdobas Architektur und zu einer Einladung, die Stadt mit neuen Augen zu sehen.

In Córdobas Stadtviertel San Basilio gibt es romantische Innenhöfe voller Blütenpracht.

Die Patios: Córdobas blühende Seele

Wer die Blumenliebe der Stadt verstehen möchte, sollte auch das Viertel San Basilio besuchen. Hier liegen einige der schönsten traditionellen Blumenhöfe. Hinter unscheinbaren Eingängen öffnen sich kleine Welten, in denen Geranien, Nelken und andere Blüten dicht an dicht stehen. Blaue und grüne Töpfe hängen an den Wänden, während in der Mitte häufig ein Brunnen oder ein kleiner Sitzplatz liegt. Die Pflanzen bilden ein lebendiges Mosaik aus Farben und Formen. Die Patios sind Ausdruck einer Lebensweise, die an das heiße Klima Andalusiens angepasst ist. Die Innenhöfe schaffen Schatten und Luftzirkulation, Wasser mildert die Hitze, und die Begrünung sorgt für ein angenehmeres Mikroklima. Gleichzeitig sind sie soziale Räume: Orte, an denen Nachbarn miteinander sprechen, Gäste empfangen werden und die Pflege der Pflanzen zum gemeinschaftlichen Ritual wird. Im Mai, wenn das berühmte Patio-Festival zahlreiche Höfe für Besucher öffnet, zeigt sich diese Tradition besonders eindrucksvoll.

Die Blüteninstallation “El murmullo” von Hamish Powell im Palacio de Viana zog die Besucher an.

Doch auch im Oktober lohnt der Blick hinter die Fassaden. Während FLORA die zeitgenössische Floralkunst in Szene setzt, bewahren die traditionellen Höfe eine alltägliche, über Generationen weitergegebene Gartenkultur. Beides gehört zu Córdoba: die große künstlerische Geste ebenso wie die liebevolle Pflege eines einzelnen Blumentopfs. Eine andere Facette historischer Wohnkultur zeigt der Palacio de Viana. Der Palast ist für seine unterschiedlichen Innenhöfe und Gärten bekannt, die sich wie ein Rundgang durch die Geschichte der andalusischen Patio-Architektur lesen lassen. Jeder Hof besitzt einen eigenen Charakter: mal geometrisch geordnet, mal von üppigem Grün geprägt, mal mit Wasserbecken und kunstvollen Details ausgestattet. Der Palast verbindet Architektur, Gartenkunst und Wohnkultur zu einem Ensemble, das den Alltag früherer Jahrhunderte erahnen lässt.

Die imposante Brücke aus der Römerzeit überquert den Fluss Guadalquivir.

Über die Brücke in die Nacht

Am späten Nachmittag führt der Weg zur Römischen Brücke. Sie überspannt den Guadalquivir und verbindet die Altstadt mit dem südlichen Ufer. Teile ihrer Geschichte reichen bis in die Römerzeit zurück, ihr heutiges Erscheinungsbild ist allerdings das Ergebnis zahlreicher Umbauten. Am einen Ende erhebt sich die Puerta del Puente, am anderen bewacht der Torre de la Calahorra den Übergang. Wenn die Sonne tiefer sinkt, färbt sich das Wasser golden. Spaziergänger bleiben stehen, Fahrräder rollen über das Pflaster, und auf der gegenüberliegenden Seite zeichnet sich die Silhouette der Mezquita-Catedral ab. Der Blick bündelt die verschiedenen Epochen der Stadt in einem einzigen Bild. Über diese Brücke zogen Menschen, Waren und Ideen und mit ihnen veränderte sich Córdoba immer wieder.

Die Lichtershow in Córdoba taucht die Gärten der Stadt in ein magisches Licht.

Nach Einbruch der Dunkelheit beginnt eine andere Art der Reise. Bei „Naturaleza Encendida: Las Noches Iluminadas del Alcázar de Córdoba“ verwandeln Lichtinstallationen und Projektionen die Gärten des Alcázar de los Reyes Cristianos in eine leuchtende Szenerie. Pflanzen, Wege und Wasserspiele werden in farbiges Licht getaucht; Schatten scheinen sich zu bewegen, und vertraute Formen erhalten eine neue Dimension. Die rund 45-minütige Inszenierung setzt auf das Zusammenspiel von Natur, Licht und Musik. Wo tagsüber die Architektur und die Struktur der Gärten dominieren, entsteht nachts eine beinahe märchenhafte Atmosphäre. Es ist ein modernes Spektakel, das sich bewusst von den historischen Sehenswürdigkeiten unterscheidet und doch zu Córdoba passt: Auch hier werden Räume zum Erzählen gebracht. Die aktuelle Spielzeit läuft noch bis zum 10. Januar 2027.

Eine andalusische Pferde- und Reiterschau sollte man sich in Córdoba nicht entgehen lassen.

Andalusische Pferde und ein Markt voller Aromen

Am nächsten Tag wartet eine Tradition, die tief in der andalusischen Kultur verwurzelt ist: die Königlichen Reitställe, die Caballerizas Reales. König Philipp II. ließ sie im 16. Jahrhundert errichten, um die Zucht des Andalusischen Pferdes zu fördern. Die Tiere gelten als elegant, ausdrucksstark und besonders gelehrig. In den historischen Stallungen verbindet sich die Geschichte der höfischen Reitkunst mit einer bis heute lebendigen Tradition. Bei einer andalusischen Pferdeshow werden präzise Bewegungen, temperamentvolle Auftritte und die enge Zusammenarbeit von Mensch und Tier sichtbar. Die Pferde tanzen nicht im wörtlichen Sinn, doch ihre rhythmischen Schritte und kontrollierten Wendungen wirken bisweilen wie eine Choreografie. Es ist ein Schauspiel, das Können und Vertrauen voraussetzt und einen Einblick in einen Teil des kulturellen Erbes gibt, der weit über die Architektur hinausreicht.

Der Mercado Victoria in Córdoba ist ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Besucher.

Nach so viel Geschichte und Inszenierung ist es Zeit für eine kulinarische Pause. Der Mercado Victoria bietet dazu eine ausgiebige Gelegenheit. In einer historischen Markthalle laden unterschiedliche Stände dazu ein, die Vielfalt der regionalen und internationalen Küche zu entdecken. Kleine Gerichte, frische Zutaten und der Duft von Gewürzen machen den Markt zu einem Ort, an dem sich Córdoba von seiner genussfreudigen Seite zeigt. Auf den Tisch kommen etwa Salmorejo, die cremige kalte Tomatensuppe, die in Córdoba besonders beliebt ist, oder Flamenquín, eine panierte und gebratene Spezialität, die traditionell mit Schinken zubereitet wird. Dazu passen Oliven, Käse und ein Glas Wein aus Andalusien. Wer lieber probiert als sich auf ein einziges Gericht festzulegen, kann von Stand zu Stand ziehen. Essen wird hier zum kleinen Rundgang durch unterschiedliche Geschmackswelten. Auch das ist ein Teil der kulturellen Begegnung: Zutaten, Rezepte und Zubereitungsweisen wandern über Grenzen, verändern sich und werden Teil einer neuen regionalen Identität. So wie sich in Córdobas Architektur verschiedene Epochen überlagern, treffen in der Küche Tradition und Gegenwart aufeinander.

Die Kunst des Miteinanders

Am Ende der Reise führt uns der Weg noch einmal zu Maimonides. Sein Denkmal steht in der Judería, nicht weit von den Gassen, in denen sich die Erinnerung an das mittelalterliche Córdoba verdichtet. Man könnte die Stadt als Museum betrachten, als Ansammlung berühmter Bauwerke und schöner Innenhöfe. Doch das würde ihr nicht gerecht. Córdoba ist vielmehr eine Stadt, die Fragen stellt. Was bleibt von einer Kultur, wenn ihre Herrschaft endet? Wie prägen sich Religionen und Sprachen gegenseitig? Und wie lässt sich aus einer konfliktreichen Vergangenheit eine Zukunft gestalten, in der Verschiedenheit nicht als Bedrohung gilt? Die Mezquita-Catedral gibt darauf eine architektonische, die Synagoge eine historische und FLORA eine zeitgenössische Antwort. Keine davon ist vollständig. Gemeinsam aber zeigen sie, dass kulturelles Erbe nicht nur aus Steinen, Schriften und Traditionen besteht. Es lebt davon, dass Menschen es neu entdecken, kritisch hinterfragen und miteinander teilen.

Das Miteinander wird in Córdoba im Alltag und bei Festen groß geschrieben.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Schönheit der Blumenstadt. Eine Blüte muss nicht wissen, welche Religion ihr Nachbar hat. Sie braucht Licht, Wasser und Raum, um sich zu entfalten. Die Menschen müssen ihr Zusammenleben bewusster gestalten. Córdoba erinnert daran, wie viel aus Begegnung entstehen kann und wie zerbrechlich dieses Miteinander bleibt, wenn Toleranz nur ein Wort ist. Als die Abendsonne die Fassaden der Altstadt in warmes Licht taucht, liegt wieder der Duft von Blüten in der Luft. Aus einem Patio dringt Stimmengewirr, irgendwo plätschert Wasser, und über dem Guadalquivir spannt sich die alte Brücke in die Dämmerung. Córdoba hat seine Geschichten nicht abgeschlossen. Es erzählt sie weiter – in Stein, in Licht, in Düften und in jedem neuen Frühling, der seine Innenhöfe zum Blühen bringt.

Weitere Informationen

Córdoba Tourismus, www.turismodecordoba.org

Aina S. Erice, www.ainaserice.com/index-en.html

Touristische Informationen Spanien, www.spain.info/de

Übernachten:

Hotel Eurostars Palace, www.eurostarspalace.com

H10 Palacio Colomera, www.h10hotels.com

Restaurants:

Mercado Victoria, https://mercadovictoria.com/en/

La Posada del Caballo Andaluz, https://gruporosalescordoba.com/la-posada-del-caballo-andaluz/

Casa Rubio, https://restaurantecasarubiocordoba.com/

Bodegas Campos, https://bodegascampos.com/en/

Almudaina Restaurant, https://restaurantealmudaina.com/

Taberna Beatillas, https://tabernabeatillas.com/

Sehenswürdigkeiten:

Lichtershow Encendida, www.turismodecordoba.org/naturaleza-encendida-navegantes-show

FLORA Festival, https://festivalflora.com/en/

Cordobas Patios, www.turismodecordoba.org/the-patios-of-cordoba

Palace of Viana, www.turismodecordoba.org/palace-of-viana

Medina Azahara, www.turismodecordoba.org/medina-azahara-1

Kunsthandwerk aus Córdoba, www.artesaniadecordoba.com

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Jörg Berghoff

Autor Kurzvorstellung:

Jörg Berghoff führt als freier Autor und Journalist seit 1998 ein Pressebüro für Tourismus, Kultur und Sport. Als Reisejournalist spezialisiert auf Irland, Großbritannien, Europa und Australien. Studium der Kunstgeschichte und Ethnologie, Winzermeister und Buchhändler.

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

Dieser Beitrag enthält möglicherweise Inhalte, die im Rahmen einer bezahlten Kooperation mit Marken, Hotels oder Partnern entstanden sind.

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