Bratislavas versteckte Seen

Versteckte Perle in Bratislavas Umland

Der See liegt stumm, von Wald umgeben, kleine Sandstrände zwischen Kiefern. Keine Welle kräuselt seine Oberfläche, denn da weht kein Wind, das Wasser in Wallung zu versetzen. Doch da, in der Ferne, treibt ein gelbes Plastikteil auf dem See. Es kommt näher, es ist ein schwimmender Ballon, mit dem ein Langstrecken-Krauler auf sich aufmerksam machen will.

Foto: Versteckte Perle in Bratislavas Umland

Neben ihm ein junger Mann, der ihn begleitet. „Mein Freund trainiert für den Triathlon, und ich begleite ihn. Ich wohne in der Nähe, aber glauben Sie es oder nicht, ich war noch nie hier.“ Es ist wirklich nicht zu glauben. Der paradiesische See heißt Čunovské (jazerá). Er liegt knapp 17 Kilometer südlich von Bratislava, der slowakischen Hauptstadt, zwischen der Donau, dem österreichischen Deutsch Jahrndorf und dem ungarischen Rajka. Die Beschaffenheit des Sees mit seinem klaren Wasser, seiner ursprünglichen, naturbelassenen Umrahmung, seine wunderbare Lage, die es erlaubt von ihm aus die Donau-Auen und den majestätischen Strom selbst zu erreichen, müssten ihn zu einer Attraktion für Bratislava und Wien machen, das auch nur eine Stunde entfernt ist. In den sozialen Netzen suchen wir die Bewertung von Besuchern, einer meint „it could get crowded in summertime“, aber bei unserem Besuch im Spätsommer war außer uns, dem Triathleten und seinem Begleiter niemand zu sehen. Crowded? No way. Und wem die unberührte Landschaft zwischen dem Čunovské jazerá und der Donau nicht genügt, keine 10 Auto-Minuten entfernt auf einer Donau-Insel liegt das neuste der größeren Kunstmuseen Bratislavas, das im September 2000 eröffnet wurde, das Danubiana Meulensteen Art Museum, benannt nach dem Strom und nach seinem Mäzen, dem holländischen Kunstsammler Gerard H. Meulensteen. Es besteht aus einem Corona-unempfindlichen Außengelände, von dessen Spitze man im Norden Bratislava sieht und einem Gebäude, das einer Römischen Galeere nachempfunden und durch dessen seitliche Fenster der Fluss zu sehen ist.
Es zeigt Ausstellungen internationaler Künstler, welche periodisch wechseln. Zur Zeit sind es die Werke von Lako Terens, Jozef Jankovič und Albín Brunovský, die zu bewundern sind. Auch hier war es relativ ruhig, nur viele Kunststudenten mit Zeichenblöcken auf den Knien bevölkerten die Halbinsel mit ihrem Skulpturen-Park.
Dass ein solcher See mit dieser Umgebung so verloren in der Gegend herumliegt, hat uns schon überrascht. Überraschung gebiert Neugierde, aber die Tourismusbehörde hat die Seen rund um Bratislava nicht im Fokus. Es gibt keinen Hinweis. Die Hauptstadt selbst, klar. Daneben wird auf die Berge, die Hohe Tatra, die Burg Zips, die Kulturhauptstadt Košice (Koschau) und einige, von der UNESCO gewürdigte Reiseziele hingewiesen. Das bedeutet im Umkehrschluss, was nicht international gehypt wird, bleibt der eigenen Entdeckungslust vorbehalten – oder dem Insider-Tipp eines interessierten Einheimischen.
Und so begeben wir uns zu einem anderen See, Pieskovňa ( jazerá) genannt. Er liegt 30 Kilometer nördlich von der Hauptstadt, Richtung tschechische Republik, in der Nähe der Stadt Malacky und ist etwa genauso groß wie der Čunovské jazerá, beide vielleicht so groß wie der Pilsensee in Bayern. Auch hier ist nichts los, ein Ufer des Sees besteht aus einem langen Sandstrand unter Kiefern, aber auch an den anderen Seiten finden sich Bademöglichkeiten, allerdings ohne irgendeinen touristischen Service. Es kann sogar sein, dass man zu ihm ein gutes Stück laufen muss, weil keine Parkplätze vorhanden sind. Aber der See lohnt diese kleine Mühe. Gleichsam als Zugabe gibt es wenige Minuten entfernt die Biofarma Príroda Salaš Stupava. Hier warten Esel darauf gestreichelt, Hühner darauf gefüttert und in einem Restaurant mit Plätzen im Freien slowakische Spezialitäten darauf gefuttert zu werden.
Wer also mit Rücksicht auf Covid 19 die großen Städte und das Innere von Gebäuden meiden will, der findet an beiden Seen aerosolfreie Reviere.
Von Pieskovňa aus bietet sich eine Tour über die nahe Grenze an, zuerst zur Burg Devin, dann zur Hainburg und zur Ausgrabungsstätte Carnuntum. Alle drei Ziele lohnen ein vorheriges Studium in einschlägiger Lektüre oder Suchdiensten.
In Carnuntum halten wir uns länger auf. Es ist nicht Pompeji und nicht Herculaneum. Nicht der Vesuv hat es zerstört, sondern es wurde kampflos an die Hunnen übergeben, weil Rom im Inneren zerbrochen war. Es wurde geplündert und zerfiel. Aber es „war vom 1. bis 4. Jahrhundert n. Chr. eine bedeutende römische Weltstadt an der Grenze des Römischen Reichs. Durch die militärisch wichtige Lage zur Grenzsicherung und die Nähe zu großen Handelsrouten, entwickelte sich Carnuntum zur Hauptstadt der Provinz Oberpannonien mit rund 50 000 Einwohnern.“ So schreibt die Information.
Weltstadt mag überraschen, aber hier wurde Lucius Septimius Severus zum Kaiser ausgerufen. Und was besonders fasziniert, Carnuntum wurde teilweise wieder aufgebaut, nicht als römisches Disneyland, sondern nach wissenschaftlichen Vorgaben und detailgetreuer Akkuratesse. „Das Römische Stadtviertel mit wiederaufgebauten antiken Häusern, die Amphitheater und das Museum Carnuntinum als Schatzhaus von Carnuntum lassen die Antike wiederauferstehen“, schreibt die Information. Das kann man so stehen lassen.
Natürlich hätte man die beiden versteckten Seen auch in eine größere Tour mit Exkursionen nach Ungarn und Tschechien einbauen können. Aber wegen Corona empfehlen sich in diesen Tagen Touren in kleinerem Maßstab, die man guten Gewissens mehrtägig auch mit dem Fahrrad bewältigen kann. Mit Badestopps zur Erfrischung.

Geschrieben von
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