Bratislava: Die Häutungen einer Stadt

Bratislavas Burg

Damit sind wir, ohne einen Fuß aus dem sich im raschen Tempo nähernden Zug gesetzt zu haben, mitten dabei, uns mit dieser Stadt zu befassen, die sich bemüht, über die Aufarbeitung ihrer Geschichte eine Identität und gleichzeitig eine europäische Rolle für die Zukunft zu finden. Man kann natürlich sagen, nein, so nahe will ich ihr nicht kommen, so genau es gar nicht wissen! Ich beschränke mich darauf, morgens mit dem Schiff die Donau hinab oder mit dem Zug nach Bratislava zu kommen, um abends wieder diese Tagestour in Wien zu beenden. Gut, in einen Tag „packt“ man die weithin sichtbare Burg, Bratislavský hrad, seit dem 13. Jahrhundert eine Festung, ab 1740 war sie Residenz von Kaiserin Maria Theresia für die ungarische Reichshälfte. Lange war die Burg eine Ruine, bis sie ab 1953 wieder aufgebaut wurde. Dann besucht man den gotischen Martinsdom, in dem bald drei Jahrhunderte hindurch ab 1563 die Könige Ungarns aus dem Hause Habsburg gekrönt wurden. In der Altstadt kommt man an einigen barocken Palais vorbei, das Palais Grassalkovich ist heute die Residenz des Präsidenten der Slowakei, das benachbarte Erzbischöflichen Sommerpalais der Sitz der Regierung. Das Alte Rathaus ist eines der ältesten aus Stein gebauten Gebäude, davor der Maximiliansbrunnen, auch Rolandsbrunnen genannt. Der Weg führt durch das Michaelertor, das einzige Stadttor, das von der mittelalterlichen Befestigungsanlage übrig geblieben ist. Daneben der 51 Meter hohe Miachaelerturm mit der Waffenausstellung des Städtischen Museums. Und wer sich nicht vorsieht, stolpert über Touristen, welche liegend Bronzefiguren fotografieren, etwa den „Paparazzo“ oder den Glotzer „Čumil“, der aus einem Gulli-Loch heraus den Damen unter den Rock schaut – solange das noch erlaubt ist. Dann ein Bratislaver Kipferl zum Kaffee, und „Preßburg ist gemacht“, wie man vorher andere Städte souverän touristisch abgehakt hat.

Bild ganz oben: Bratislavas Burg

Wenn man dieser Vorgabe aber nicht folgt und versucht, sich die Stadt von ihrem Zentrum aus zu erlaufen, beginnt man nicht in der Altstadt, sondern auf dem Platz vor dem Kanzleramt, und findet sich in der breiten Staromestská – Straße in einer modernen und zugleich hässlichen Umgebung von Großbanken und Hotels. Diese Stadt hat ihr Herz dem Kapitalismus geöffnet, scheint es. Aber es wirkt überstürzt, nicht organisch gewachsen, wie die Häutung einer Schlange, die sich damit keine Zeit lassen will. Denn es ist nicht die einzige Haut, die man loswerden will. Da ist das Abstreifen der sozialistischen Zeit, dann der Gemeinschaft mit der Tschechei in der Tschechoslowakei, da sind die Brandwunden aus der NS-Zeit, als die Slowakei zwischen Widerstand und Kollaboration taumelte, um sich im Unabhängigkeitskampf, dessen in diesen Tagen zum 75. Mal feierlich gedacht wird, selbst zu erlösen. Da ist die habsburgische Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als man mit der Straßenbahn nach Preßburg in Oper fuhr, wenn man für die Staatsoper am Opernring 2 nicht das Geld hatte. 45 Minuten habe die Fahrt gedauert, so recht glauben mag man es nicht. Die Straßenbahn gibt es auch nicht mehr. Preßburg das Wien für Arme?

Und tief in die Vergangenheit muss man zurück, wenn man in die ungarische Epoche will, in das Land, das heute jenseits der Donau an das Viertel Petržalka grenzt. Daher machen wir eine kleine Fahrt nach Devin oder Theben, an die Grenze zu Österreich, zugleich eine Zeitreise. Devínsky hrad ist nur eine Ruine im gleichnamigen Stadtteil, aber hoch über der Donau gelegen ist sie von dramatischer Schönheit. Sie hat für die Slowaken eine identitätsstiftende Funktion, denn hier entdecken sie ihre Wurzeln als slawische Nation. Und wenn all die Häutungen einen tieferen Sinn haben sollen, dann genau den, das Finden von sich selbst. Hier begann vieles, am Zusammenfluss von March und Donau, am Fuß des Thebener Kogels, hier beginnen gegenüber dem Hundsheimer Berg und am Donaudurchbruch die Karpaten. Früher hieß es Porta Hungarica, ungarisches Tor. Ungarn oder Slowakei, die Herkunft des Namens soll die wahre und zugleich sinnstiftende Auskunft geben. Devin, ist das Dowina die Magd oder die slawische Göttin Deva? Oder ganz prosaisch könnte es auch von dívať sa kommen, das heißt „schauen“. Bei diesem einzigartigen Ausblick über Land und Flüsse ist das gut möglich. Jedenfalls befand sich hier eine Grenzstation des Römischen Reiches zum Schutze vor den Barbaren im Norden und Osten. Von Germanisten wird auch auf das Nibelungenlied verwiesen, das den Hunnenkönig Attila als Etzel hier wohnhaft machen will. Und schon spannt sich der Bogen von Worms nach Bratislava. Von Kriemhild zu Gunther, vom Rhein zur Donau. Damit verlässt der Zeitreisende das Land der Sagen und erreicht in realer Geschichte Ungarn, zu dem die Slowakei nach dem Ende des Mährerreiches gehörte. Den Blick von der Burg auf Donau und March hatten ab dem 15. Jahrhundert ungarische Adelsgeschlechter. Ihren gegenwärtigen Zustand verdankt sie allerdings einer napoleonischen Sprengung im Jahre 1809.

Der Zustand als Ruine beflügelte den nationale Mythos und die Wallfahrten. Hatte doch schon 863 von Kyrill von Saloniki, hier die Mährische Akademie gegründet, das spätere Zentrum der slawischen Literatur. Erster Pilger war am 24. April 1836 Ludovít Štúr, der Kodifizierer der slowakischen Nationalsprache, der auf den Burgfelsen stieg – als erster von vielen. Ungarische Nationalisten wiederum weihten am 18. Juli 1896 auf dem Felsen die Árpádsäule ein, welche das tausendjährige Reich der Stephanskrone, mithin Ungarns, symbolisieren sollte. Sie wurde am 31. Dezember 1918 durch tschechische Legionäre gesprengt. Im Jahr 1961 schließlich wurde die Burgruine zum Nationaldenkmal erklärt.

Einer immer noch schmerzhaften Häutung der Slowakei hat man am 29. August, dem Nationalfeiertag, mehrere Veranstaltungen gewidmet, die nur besuchen konnte, wer von ihnen wusste und sie besuchen wollte. Die Rissstellen berühren das Verhältnis zur sozialistischen Vergangenheit, zur Gemeinschaft mit der Tschechei und auch zur Sowjetunion und ihrer Rolle bei der Befreiung der Slowakei von Hitlerdeutschland. Für die Slowaken bedeutet der „Slowakische Nationalaufstand“ vor 75 Jahren, vom 29. August bis 28. Oktober 1944, das, was der Warschauer Aufstand für die Polen bedeutet: Die Legitimation ihrer Existenz aus eigener Kraft. Auch wenn beide Aufstände scheiterten.
In den Veranstaltungen am Nationalfeiertag wurde allenfalls am Rande erwähnt, dass sich einige der bei den Kämpfen beteiligten Einheiten als „tschechoslowakisch“ bezeichneten, dass kommunistische Partisanen beteiligt waren und sowjetische Truppen Hilfe leisteten, anders als in Warschau. „Damit hat sich das slowakische Volk zu den Kräften der Anti-Hitler-Koalition eingereiht“, lautet die zentrale Aussage der Gedenkfeiern. Wichtig ist, dass damit implizit das Kapitel des Kollaborationregimes der Ludaken unter Jozef Tiso erledigt ist. Der einstige Priester war von 1939 bis 1945 Staatspräsident des Slowakischen Staates, die Nähe zu den Nazis war slowakische Staatsraison, und man fuhr gut damit – zumindest einige Jahre.

Aber während auch die Trennung von den Tschechen heute niemanden mehr aufregt, in der Europäischen Union arbeiten beide Länder eng zusammen, und während das sowjetische Ehrenmal, die 1960 zu Ehren der im Zweiten Weltkrieg gefallenen sowjetischen Soldaten errichtete „Slavin“ wie ein Relikt aus fremder Zeit gesehen und nicht beachtet wird, ist das Verhältnis zwischen Deutschen und Slowaken noch nicht im Reinen. Wohl auf staatlicher Ebene, da läuft alles in europäischer Harmonie, und die Slowakei entfernt sich langsam von ihrer Rolle, Werkbank der Automobil-Industrie zu sein. Aber in vielen Familien schmerzen noch die Narben. Viele Karpatendeutsche verloren Angehörige durch Massaker der Partisanen, vor allem im Hauerland. Und viele wurden vertrieben. Ebenso wie viele Regionen in Tschechien, die aufgrund des Münchner Abkommens zu Deutschland kamen, eine deutschsprachige Mehrheit hatten, war dies in der Slowakei der Fall, was kaum bekannt ist, Theben zum Beispiel. Nach dem Krieg galten die Vertreibungsdekrete auch für die Slowakei. Nur war – anders als Rest-Tschechien – die „Rest-Slowakei“ gegen Kriegsende nicht besetzt. Beide Länder nahmen einen unterschiedlichen Weg – der letztlich zum Ende der Tschechoslowakei führte. Der 29. August ist nur in der heutigen Slowakei ein Staatsfeiertag.

Denn nach ihrer Machtübernahme im Februar 1948 beanspruchte die kommunistische Partei der Tschechoslowakei das exklusive Recht, das „historische Erbe“ des Slowakischen Nationalaufstands zu verwalten. Die slowakische Historikerin Elena Mannová nennt es eine „Denationalisierung der Erinnerung an den Nationalaufstand“. Nach 1969 fungierte als die einzige verbindliche Interpretation des Aufstandes die „nationalkommunistische“. Erst die slowakischen Regierungen nach 1989 und 1993 akzeptierten den Aufstand als staatliche Tradition. Seit 2006 werden die Gedenkfeierlichkeiten jährlich abgehalten. Das Dilemma in den heutigen Diskussionen: Der Nationalaufstand wird als Kampf gegen den Nationalsozialismus gesehen, aber nicht gegen das Tiso-Regime, das widersprüchlicherweise von vielen positiv gesehen wird.

In vielen deutschen Familien der Slowakei kommen schmerzhafte persönliche Erfahrungen hinzu. Wir besuchen hierzu eine Veranstaltung des Goethe-Instituts in der Panenska 33. Vortragende ist Alexandra Senfft, die Enkeltochter von Hanns Ludin, des Bevollmächtigten Adolf Hitlers in der Slowakei, der nach dem Krieg gehängt wurde. Sie hat das Buch „Schweigen tut weh. Der Mythos vom guten Nazi und das Leid der Täterkinder“ geschrieben, das sich mit ihrer Familie befasst, die an der Kluft zwischen der Loyalität zum Vater und dem Grauen seiner Taten zerschellte. Er war für den Tod von mehr als 60 000 Slowaken verantwortlich. Ihr Onkel Malte Ludin hatte vorher mit dem Film „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ ein anderes Bild der Familie gezeichnet.

Es gibt in all den mühevollen und schmerzhaften Prozessen der Häutung aber auch fröhliche Momente. Um einen solchen zu erleben, gehen wir in die Ausstellung der Bilder von Arnold Peter Weisz- Kubínčan „(Schwerer) Künstlergepäck“ in die Slowakische Nationalgalerie. Diese wurde von einer Familie Curtis kontaktiert, um ihr eine Spende, und zwar die jetzt ausgestellten Bilder, von Arnold Petr Weisz-Kubínčan vorzuschlagen. Niemand in der Slowakei ahnte etwas davon, dass diese in den USA waren.
Und im Esterházyho Palast erzählt Michal Hvorecky, ein slowakischer Schriftsteller davon, wie Bratislava nach dem Ersten Weltkrieg so gerne nach Österreich oder Ungarn wollte. Es war eine von tschechischen Soldaten besetzte Stadt, die am 1. Januar 1919 wider Willen der tschechoslowakischen Republik beitrat. Drei Monate später, am 27. März 1919, wurde der neue Name bekannt gemacht: Bratislava, nach dem niederpannonischen Fürsten Braslav. Der war ein Vasall Bayerns, und als Gisela von Bayern, die Tochter Heinrichs des Zänkers vermutlich im Jahre 1002 die Ehe mit dem ungarischen König Stephan I. schloss, brachte sie die Stadt als Mitgift mit. Preßburg blieb seitdem bis 1918 ein Bestandteil des Königreichs Ungarn. Aber Braslav taugte trotzdem als Namensgeber.
Und der schnelle Versuch, eine neue Identität, ein neues Narrativ zu finden, hat zu Wucherungen geführt, die es jetzt loszuwerden gilt. Korruption und organisierte Kriminalität sind Verbindungen mit dem Staat eingegangen, die „enden müssen“, wie die neue Staatspräsidentin Zuzana Caputová fordert. Der Mord an dem Journalisten Ján Kuciak im Februar vorigen Jahres ließ das Geschwür aufbrechen. Eine Bürgerbewegung „Für eine anständige Slowakei“ brachte Caputová an die Macht. „Die Slowakei steht heute an einem Scheideweg, an dem entschieden wird, in was für einem Land unsere Kinder einst leben werden“, sagte sie.

Der Besucher wird davon direkt nicht berührt. Er kann sich in die Konditorei Kormuth in der Sedlarska 8 oder in eines der anderen traditionsreichen Cafés setzen und diese schöne Stadt genießen. Natürlich geht es auch ohne Cafébesuch, es gibt eine wunderschöne, schattige Promenade, die Pavol Országh Hviezdoslav gewidmet ist. Er war ein Poet und Übersetzer, hat Goethes Faust und andere Werke der deutschen Klassiker ins Slowakische übertragen. Zu den Füßen seines Denkmals kann man sich hinsetzen und über die Stadt nachdenken. Wer sich jedoch näher mit ihm befasst, gerät wieder in den Strudel der Geschichte. Denn Hviezdoslav war auch Rebell und Politiker. Vielleicht ist er wie das Herz der Stadt, episch und rebellisch, ständig im Umbruch, ständig auf der Suche, ständig sich häutend. Dann ist genau das der USP Bratislavas.

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