Augsburg, squeeze out in der Fuggerstadt

Rathausmarkt Augsburg, hier findet am 8. August die Friedenstafel statt

„Treten Sie näher, meine Damen und Herren, liebe Besucher der Stadt Augsburg. Die Ausgänge des Bahnsteigs sind zwar aktuell gesperrt wegen Bauarbeiten, wenn Sie aber sich ans östlichen Ende bemühen, das ist von Ihnen, die Sie aus Richtung München kommen, linkerhand, dann wird es Ihnen gelingen, die Stadt zu betreten.“ Keiner begrüßt derart die Reisenden, aber eine Reise in die Fuggerstadt und Stadt des Religionsfriedens lohnt gerade heute und nicht nur, weil sie unter Verwendung des 9-Euro-Tickets, das man ohnehin für die heimische Straßenbahn im Handy hat, nichts kostet. Sie lohnt sich, um sich über Kirchenaustritte, über Frieden, über Handel und wer weiß was noch Gedanken zu machen. Am zu besichtigenden Objekt gleichsam.

Mehr Brücken als Venedig

Gut, Augsburg zeigt am Bahnhof kein Schokoladengesicht, welche Stadt tut das schon, aber schon am Königsplatz erlebt man eine selbstbewusste mittelgroße (300 000 Einwohner) Stadt mit angenehm breiten Plätzen und Straßen, einem funktionierendem Straßenbahnnetz und zahlreichen Brunnen, darunter die Augsburger Monumentalbrunnen – Augustus-, Merkur- und Herkulesbrunnen, die das Ständesystem der Reichsstadt symbolisieren, eben den Herren-, Kaufmanns- und Handwerkerstand. Andere Brunnen stehen für die vier Flüsse Augsburgs: Lech, Wertach, Singold und Brunnenbach. Sie zu überqueren gebe es mehr Brücken als in Venedig. Wer´s glaubt. Jedenfalls ist das „Augsburger Wassermanagementsystem“ seit drei Jahren UNESCO-Weltkulturerbe. Den Weg zum Königsplatz gingen wir über die Halderstraße, um einen Blick auf die Synagoge zu werfen. Sie überstand das Novemberpogrom 1938, weil der Tankwart gegenüber beherzt den Brand löschte. Heute ist sie wieder das Zentrum einer Gemeinde, die durch Migration aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, auch aus Russland und der Ukraine, größer ist als je zuvor.

Friedensstadt

Natürlich gehen da die Gedanken an den Krieg im Osten Europas. Augsburg bezeichnet sich als Friedensstadt und hat mehr als 1100 Geflüchtete untergebracht. Frieden zwischen den Völkern, zwischen den Religionen, ist eine Vision, die man hier leben will. Inzwischen sind wir weiter gegangen zur Kirche St. Anna, einer Kirche im Übergang von der Romanik zur Gotik. Als hier Martin Luther durch den päpstlichen Gesandten Cajetan verhört wurde, und er ihm entgegen schleuderte, dass er nicht widerrufe, da drohte Krieg in Europa. Dies zu verhindern legte die Stadt Augsburg im weiteren Verlauf der Reformation fest, dass Katholiken und Anhänger der Confessio Augustana gleichberechtigt und alle Ämter in der Stadt paritätisch zu besetzen seien. Dies war die Grundlage des als „Augsburger Religionsfriede“ bekannt gewordenen Reichsgesetzes des Jahres 1555  . Es bot nur einen Aufschub, wie man heute weiß. Der Dreißigjährige Krieg änderte alles, das katholische Stadtregiment ließ am 8. August 1629 alle evangelischen Kirchen schließen und die Prediger ausweisen. Bis heute ist dies unvergessen, am 8. August sind in Augsburg die Läden geschlossen, die Menschen eilen zum Rathausplatz zur Friedenstafel, einem Riesenpicknick. Seit 1950 ist das Hohe Friedensfest ein offizieller Feiertag. Für uns sind es von der St. Anna Kirche  nur ein paar Schritt zum Rathausplatz. Wir wenden uns gen Osten, gehen zur Moritzkirche und betrachten im „Moritzpunkt“ eine Ausstellung, in der sich 20 Künstler aus der Ukraine und Augsburg mit dem Krieg und der Flucht nach Deutschland auseinander setzen, dann weiter die Maximilianstraße hinunter zu den Fuggerhäusern. Die Fugger waren eine Augsburger Kaufmannsfamilie, „die sich einen Kaiser kauften“, wie die Nachrede geht, in der sich Stolz und Scham mischen. Wir stehen vor den umbra-farbenen Häusern der Renaissance und versuchen fasziniert die Bedeutung dieser Familie zu erfassen, die als erste und das bereits im 15. Jahrhundert, global aktiv wurde. Bergbau, Erzhandel, Geldgeschäfte. Aber Jakob Fugger und seine beiden Brüder trieben auch viele Konkurrenten in den Ruin, aus Imagegründen bauten sie dann die erste Sozialsiedlung der Welt, die Fuggerei. Die Siedlung existiert heute noch im Osten der Stadt. Über ihrem Haupteingang steht, dass „aus Frömmigkeit und zum Vorbild besonderer Freigiebigkeit 106 Wohnungen mit Baulichkeiten und Einrichtung denjenigen ihrer Mitbürger, die rechtschaffen, aber von Armut heimgesucht sind, geschenkt, übergeben und gewidmet“ wurden. Und als am 28. Juni 1519 ein neuer Kaiser zu wählen war, erhielt jeder Fürst zusammen mit den Wahlunterlagen eine Bestechungssumme überreicht. So kam Kaiser Karl V. mit Fugger-Geld ins Amt. Der Kapitalismus des 16. Jahrhunderts blühte, bis der 30-jährige Krieg das Ende der Fugger einleitete und „fuggern“ schließlich mit stehlen und betrügen gleichgesetzt wurde.

Von den Fuggern zu Kuka

Auch den Kapitalismus des 21. Jahrhunderts kann man in Augsburg bestaunen. Dazu braucht man nicht in die Zugspitzstraße 140 zu gehen, unweit von den Fuggerhäusern findet man im Gabbiano einen Platz an der Sonne und liest in seinen Unterlagen, dass der chinesische Konzern Midea, der 2016 mehr als 90 Prozent der Aktien an dem Augsburger Roboter-Hersteller Kuka übernahm, die letzten verbliebenen Kleinaktionäre mit einem sogenannten „Squeeze-out“ aus dem Unternehmen drängt. Der Grund liegt auf der Hand, niemand soll mitbekommen, was das Politbüro der KP mit dem Kerngeschäft von Kuka, Fabrik-Automatisierung und Robotik, vorhat. Und Squeeze out heißt, dass jemand auch gegen seinen Willen seine Aktien los wird. Hat natürlich keiner geahnt, als die Chinesen anklopften in der Zugspitzstraße 140. Die Methoden haben sich seit der Fugger Zeiten nicht wirklich geändert, vielleicht die Motive und die Ziele.

Eine Kirche leert sich

Beim Squeeze out, dem Ausquetschen, denkt man in Augsburg natürlich auch an einen anderen Prozess des sich Entleerens, ohne Not aus eigenem Versagen. Dazu begeben wir uns nun in die entgegengesetzte Richtung zu den Fuggerhäusern, kommen wieder an St. Moritz und dem Rathaus mit dem hoch aufragenden Peerlachturm auf dem Rathausplatz vorbei, mit unserem 9-Euro-Ticket können wir auch eine Station Straßenbahn fahren und gelangen zum Dom, dem Hohen Dom Mariä Heimsuchung, der inmitten der Ruinen der ehemaligen römischen Provinzhauptstadt Augusta Vindelicum liegt und der nach romanisch-gotischer Gründung in der Neuzeit barockisierend umgebaut wurde. Der Dom ist heute fast menschenleer, symbolhaft. Die Kirche entleert sich. Wir finden eine Schrift, dass am 26. Juni 2022 drei Diakone aus dem Priesterseminar St. Hieronymus zu Priestern geweiht wurden, drei. Im Vorjahr waren es noch fünf. Sich auf den Boden zu legen als Zeichen des Gehorsams dem Bischof und der Kirche gegenüber mag Tradition sein, aber vielleicht sollte die Kirche ihre Priester den aufrechten Gang lehren. Im Bistum Augsburg gab es im Jahr 2021 wieder mehr Kirchenaustritte als im Jahr zuvor. Während im Jahr 2020 13 042 Personen der katholischen Kirche den Rücken kehrten, waren es im vergangenen Jahr 19 884 Personen. In die Kirche eingetreten sind 48 Personen. Bundesweit haben 2021 fast 360 000 Menschen ihre Kirche verlassen. Im Vergleich zu 2019 hat sich die Zahl der wöchentlichen Gottesdienstbesucher in Augsburg fast halbiert von 148 826 auf nun nur noch 78 771 Personen. Irgendwann, wenn der letzte Gläubige „ausgesqueezed“ ist, wird man sich Gedanken machen müssen, wer die leeren Kirchen unterhält. Neue werden ja ohnehin keine mehr gebaut. Das Volk strömt in andere Tempel, etwa das Stadion des FC Augsburg, die WWK-Arena. Und anders als die Kirche hält der FC die Klasse und die Fans bei Stange.

Glauben mit Berthold Brecht

Neben Jakob Fugger ist natürlich einem weiteren Sohn der Stadt die Aufwartung zu machen, Berthold Brecht. Zum Brechthaus ist es vom Dom aus nicht weit, es liegt im Lechviertel, auf dem Rain 7. Mit des Dichters Hilfe kann man sich über die Kirche, die Mächtigen, auch über Krieg und Frieden  die erbaulichsten Gedanken machen. Wir besichtigen die Lounge und die 5 Räume, die das Museum bilden. Welchen Wert hat und wie verwertbar ist Wissen, und was sind die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen von Wissenschaft? Das fragen wir uns mit Galileo Galilei, Karl Lauterbach könnte es auch interessieren. Mit Brechts Galileo glauben wir an den Sieg der Vernunft. Nun gut, am Ende ging es ihm dann doch nur noch ums Essen.

Mit der „Dreigroschenoper“ tauchen wir in Brechts Versuche ein, auf die Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Kirche hinzuweisen,  in den „Hitler-Chorälen“ in seine Bewertung der feigen und verlogenen  Vereinigung des „neuen“ und des „alten“ Deutschlands durch Bürger und Obrigkeit. Da Hitler wie ein Gott verehrt wurde, könne „die Tradition des Kirchengesangs die Ungeheuerlichkeit dieser Anmaßung offen legen und zugleich die Hirnverbranntheit deutscher Gefolgsschaftstreue entlarven und brandmarken als Verrat an der eigenen Tradition“, wie es der Brecht-Forscher Jan Knopf in einem Gespräch mit Ralf Stieber von der Evangelische Akademie Baden ausdrückt, dessen Abschrift in einem Raum des Brechthauses ausliegt.

Ein Tag in Augsburg

Damit sind die Gedanken wieder im Jetzt, denn das Versprechen, etwas Neues dem Alten gleich zu errichten, war auch der Grund für Putins aktuellen Krieg. Vielleicht fließt nicht alles, aber alles lässt sich mit allem in Verbindung bringen. Und das an einem Tag in Augsburg. Vom Brechthaus gehen wir zurück zum Bahnhof, eine Strecke in der Straßenbahn ist dabei. Die Augschburger oder Datschiburger, wie sie sich in ihrem Dialekt selbst nennen, zeigen sich als ein ruhiges, liebes Völkchen. Und Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Münchner hat keiner  geäußert. Im Gegenteil, viele aus der bayerischen Hauptstadt seien nach Augsburg gezogen, weil es sich hier billiger leben, vor allem wohnen lässt. Dazu gibt es hier einen Feiertag mehr, den 8. August. Und das kulturelle Angebot Münchens hätten sie auch, man habe Karten für die Opernfestspiele, erzählten uns Leute am Nebentisch des Gabbiano. Erreichbar mit der 9-Euro-Monatskarte, die sie eh schon hätten.

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

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