Auf der Spur von tausend Geheimnissen

Mit der alten Lagunen-Bahn geht es gemächlich zum endlosen Sandstrand Barril, Foto: Heiner Sieger

Abseits der weltberühmten Felsküste ist die Algarve ein kontrastreiches Paradies für Entdecker: 200 Kilometer Sandstrände mit kaum bewohnten Inseln und Lagunen, historische Maurenpfade, Jahrhunderte alte Baudenkmäler und Dörfer wie aus einer anderen Zeit

Fischer Carlos hat den Fado. Seit seinem 9. Lebensjahr ist er morgens um halb vier von der kleinen Ilha de Culatra vor Olhao an der portugiesischen Algarveküste zum Fischen aufs Meer hinaus gefahren, jeden Tag, außer Sonntags. Mit Netz und Angel hat er mehr als 50 Jahre lang alles gefischt, was der Atlantik hergab.

Wehmütiger Blick auf ein vergangenes Fischerleben- Fischer Carlos (re.) und Freund Manuel, Foto: Heiner SiegerWehmütiger Blick auf ein vergangenes Fischerleben- Fischer Carlos (re.) und Freund Manuel, Foto: Heiner Sieger

Gestern war für den 61-jährigen Schluss. “Ich habe mein Leben lang gefischt, Netze geknüpft und wenn es gefragt war, auch Damenunterwäsche. Aber jetzt habe ich meine Papiere bei der Behörde abgegeben, es geht nicht mehr”, erzählt er mit einem Blick von abgrundtiefer Traurigkeit – einer Grundstimmung, wie sie auch die typisch portugiesische Musik, den Fado, prägt.

Zusammen mit seinen Freunden, dem Fischer Manuel und dem Skipper Ricardo sitzt er vor seiner Stammkneipe am Fischerhafen-Hafen von Culatra und ertränkt seine Wehmut mit „Sagres“, dem süffigen portugiesischen Bier, einem Grundnahrungsmittel der einheimischen Fischer. Nirgendwo in Portugal ist der pro-Kopf-Verbrauch von Sagres so hoch wie hier. Hin und wieder schenkt Manuel aus einer kleinen Flasche „Medronho“ in die kleinen Schnapsgläser, den einheimischen 47-Prozenter aus den Früchten des Erdbeerbaums. Jedesmal hebt er sein Glas zum Trinkspruch der Fischer: „Auf dass unsere Frauen nie Witwen werden!”

Fischerei ist neben der Landwirtschaft und dem Tourismus die Haupteinnahmequelle der Portugiesen, die an der Algarve leben. Allein in Olhao, dem früheren Zentrum der Fischkonserven, bringen die Fischer jeden Tag etwa 30 Tonnen Fisch und Schalentiere auf den Markt. Die Ilha da Culatra ist nicht nur eine der vielen ursprünglichen Inseln des Naturparks Ria Formosa – einem der größten natürlichen Lagunen-Schutzgebiete Europas, – sondern auch berühmt für seine Muschelbänke und als Heimat von Europas größter Seepferdchen-Kolonie. Kaum irgendwo anders an den europäischen Küsten ist das Wasser so sauber und mineralhaltig wie an der Algarve. Was kaum jemand weiß: Selbst die Franzosen schicken ihre Austern hierher zur Zucht.

Wild-romantischer Strand auf der Ilha da Culatra, Foto: Heiner Sieger
Wild-romantischer Strand auf der Ilha da Culatra, Foto: Heiner Sieger

Überhaupt sieht sich die Algarve selbst als „Europas berühmtestes Geheimnis“. Nicht, dass der 200 Kilometer lange und rund 60 Kilometer breite Küstenstreifen in Portugals Süden unbekannt wäre. Die vom Atlantik umtoste Felsalgarve zwischen Lagos und Faro mit ihren bizzaren Formationen hat längst Weltruhm. „Doch abseits davon“, sagt Martina Kerk vom Algarve Promotion Büro, „gibt es hier tausende regionale Geheimnisse zu entdecken, die nur die Einheimischen kennen und die sie gerne mit den Besuchern teilen, wenn sie danach fragen. Aber man muss selber aufbrechen, um sie zu finden.“

In der Tat ist kaum eine andere Region so voller Abwechslung und Kontraste wie die Algarve. Über fast drei Jahrtausende hinweg haben Phönizier, Karthager, Griechen, Römer, Goten, Maghrebiner den Landstrich geprägt, dem zuletzt die Mauren den heutigen Namen gaben: „Al-Gharib,“ hieß in der islamischen Welt  „Der Westen“ – bis Dom Sancho II die Region im Jahr 1249 endgültig zurückeroberte und fortan den Titel „König der Algarve“ führte.

Obwohl die maurische Besetzung längst Geschichte ist,  lässt sich vieles aus dieser Zeit heute noch an der Algarve entdecken – von Moscheen, über Befestigungsanlagen und arabisch anmutende Schornsteine bis hin zu den köstlich-süßen Nachspeisen aus Marzipan, Mandeln und Johannesbrot. Frischen Fisch und perfekte Muscheln gibt es hier sowieso an jeder Ecke. Und so ein typisches Gericht  wie „Xerem“ – Maisbrei – mit Muscheln hat ebenfalls noch maurische Wurzeln.

Mit der alten Lagunen-Bahn geht es gemächlich zum endlosen Sandstrand Barril, Foto: Heiner Sieger
Mit der alten Lagunen-Bahn geht es gemächlich zum endlosen Sandstrand Barril, Foto: Heiner Sieger

Mit der Lagunen-Bahn zum „Friedhof der Anker“

Keine maurischen Vorfahren, aber immerhin eine generationenübergreifende Tradition als „Farolero“ haben die drei Leuchtturmwärter im kleinen Nest Farol auf der Ilha da Culatra. Sie sind nicht nur für den örtlichen Leuchtturm – auf portugiesisch „Farol“ – verantwortlich, sondern für für alle 76 Lichtquellen und Leuchtbojen am rund 50 Kilometer langen Strandabschnitt zwischen Strand zwischen Fuseta und Quartaira. Und tatsächlich – Farolero Nogueira da Silva offenbart dem Besucher sein persönliches Geheimnis: „Seit fünf Jahren schreibe ich nebenbei an einer Dokumentation über 500 Jahre portugiesischer Leuchtturmgeschichte“.  Am 24. Mai, dem „Tag des Leuchtturms“ will er das Werk veröffentlichen.

Weniger ein Geheimnis, aber ein wundervoll magischer Ort, der nur in wenigen Reiseführern vorkommt, liegt ebenfalls noch im Naturpark Ria Formosa, nahe dem Städtchen Tevira: der Strand Barril. Entweder man nimmt den etwa anderthalb Kilometer langen Fußweg oder die wie aus der Zeit gefallene Lagunen-Bahn. Gezogen von einer schnucklig-kleinen Lokomotive – die der „Emma“ aus der „Augsburger Puppenkiste“ zum Verwechseln ähnlich sieht – zuckelt der knallrote Waggon auf schmalen Schienen über die Lagune. Seit 16 Jahren wird der Bummel-Zug schon vom alten Manuel gesteuert und bringt die Gäste direkt zum „Friedhof der Anker“, unmittelbar am kilometerlangen weißen Sandstrand.

Erinnerung an die Thunfisch-Fischer: Friedhof der Anker am Strand Barril, Foto: Heiner Sieger
Erinnerung an die Thunfisch-Fischer: Friedhof der Anker am Strand Barril, Foto: Heiner Sieger

Die frühere Fischersiedlung Arraial Ferreira Neto war über Generationen die Heimat der Thunfisch-Fischer und ihrer Familien. Heute steht dort ein kleines Hotel, und eine der Fischer-Unterkünfte wurde in ein Fischerei-Museum umfunktioniert, dass die Kunst des Fischfangs und die Geschichte der Thunfisch-Fischer darstellt. Die endete leider traurig. Als in den 70er Jahren der Thunfischfang gesetzlich eingeschränkt wurde, verließen die Thunfisch-Fischer nacheinander ihre Enklave und ließen mit ihren Herzen auch ihre Anker zurück. Die rosten heute als romantisches Fotomotiv zu hunderten direkt hinter dem Sandstrand in den Dünen vor sich hin.

Auf Touren und Trails durchs abenteuerliche Hinterland

Wer von der Küste ins Landesinnere der Algarve wechselt, muss sich auf einen starken Kontrast gefasst machen. Das Blau des Atlantiks geht über die roten Felsformationen über in üppiges Grün, gewürzt mit den bunten Farben der Orangen und Mimosen, Zitronen und Steinrosen. Statt Möwen kann man in den großen unberührten Naturschutzgebieten – die vielfach herrlichen Gärten gleichen – den majestätischen Flug des Adlers oder das sanfte Gleiten von Störchen beobachten. Statt Palmen prägen Schirmpinien, Korkeichen und mächtige Eukalyptusstämme das Landschaftsbild.

Imposante Formationen an der Felsalgarve bei Lagos; Foto; Heiner Sieger
Imposante Formationen an der Felsalgarve bei Lagos; Foto; Heiner Sieger

Der Schlüssel zu diesem Teil der Algarve sind die zahlreichen „Rotas“- abenteuerliche Routen durch eine Region voll unberührter Natur und beeindruckendem Kulturerbe. Je nach dem welche Geheimnisse man entdecken möchte, nimmt man die „Rota Costa Vicentina“, die oberhalb der wilden Kliffe und von der Brandung umspülten Surferstrände an der Westküste entlang führt, den „Trilho dos Pescatores“ (Fischer-Trail) an der Südküste oder macht sich auf die Spuren der Mauren, Römer und Griechen auf den „Trilho Historico“ von der Küste ins Inland. Für die Strecken gibt es geführte Landrover-Touren, aber wer sich gerne selber bewegt, kann sie dank exzellenter Karten und Beschilderungen zu Fuß ebenso gut bewältigen wie mit dem Fahrrad.

Die portugiesische Linie TAP befördert das eigene Rad für 35 Euro pro Strecke. Auch die Übernachtung ist sehr erschwinglich, erst recht, wenn man vor dem Juli unterwegs ist. Ein Doppelzimmer im „Turismo Rural“, einem Landgasthof wie der „Quinta Monte da Rocha“ etwa kostet 40 Euro, auch E-Bikes werden hier sogar verliehen. Im Bergdorf Alte, mit herrlichem Panorama-Blick bis zur Küste, kostet die Übernachtung im „Hotel Alte“, bei Buchung über den auf die Algarve spezialisierten Anbieter Olimar mit Poolbenutzung 17 Euro pro Perso

F9_Köstlich Typischer Fischeintopf der Algarve - welche Fische drin sind, bleibt Geheimnis der Köchin, Foto; Heiner SiegerF9_KöTypischer Fischeintopf der Algarve – welche Fische drin sind, bleibt Geheimnis der Köchin, Foto; Heiner Sieger

Die Geheimnisse des Johannesbrot-Baumes

Alte ist ohnehin ein lohnenswertes Ziel. In dem antiken Dörfchen am Fuße einer maurischen Burg ist eine Aufbruchstimmung zu spüren, wie man sie vielerorts im Hinterland der Algarve antrifft. Junge Leute kehren in die Heimat zurück oder ehemalige Touristen haben sich zum Bleiben entschlossen. In einst verlassenen Häusern wird gewerkelt, restauriert und gemalert. In traditionellen kleinen Cafés wie der „Pastalaria Aqua Mel“ locken süße portugiesische Spezialitäten.

Und kostenlose aber köstliche Erfrischung findet der Wanderer an der schön eingefassten „Fonte das Bicas“. Auf einem malerischen Platz kann man auf den Sitzgruppen rasten und den Flair direkt am Fluss genießen, in den die Quelle mündet. Sonntags erwacht der ansonsten ruhige und kontemplative Platz zum prallen Leben und wird zum Treffpunkt der Einheimischen – die Väter grillen, die Mütter ratschen und die Jugend vergnügt sich im Wasser.

Ebenso eine typische Hinterlassenschaft der Mauren sind die zahlreichen Johannesbrot-Bäume, die nicht nur die Landschaft zieren, sondern deren Früchte auch die Küche und die Hausapotheke der Portugiesen bereichern. Wer diese Geheimnisse erkunden möchte, der frage nach bei Fatima Galego.

Fatima Galego weiß alles über die Geheimnisse des Johannesbrot-Baumes, Foto: Heiner Sieger
Fatima Galego weiß alles über die Geheimnisse des Johannesbrot-Baumes, Foto: Heiner Sieger

Die Inhaberin der kleinen Cafes „Tesauros da Serra“ in Sao Bras de Alportel weiß nahezu alles über die „Alfarroba“, wie der mächtige Baum in der Landessprache heißt. Getrocknet und gemahlen dient Johannesbrot als Schokoladengrundstoff und ist überdies sehr wirkungsvoll gegen Magen- oder Darmverstimmung. „Nach einer halben Stunde sind die Schmerzen weg“, weiß Fatima.

Die Johannesbrotkerne, erzählt sie, wurden von den Mauren benutzt um Gold zu wiegen, da sie genau 5 Gramm schwer sind – daher auch die Bezeichnung „Karat“, was von deren Name „quilates“ abstammt.  Das Mehl aus den Zwischenkernen wird benutzt für Babynahrung, als Stabilisator für Speiseeis, als diätetischer Sirup und Zuckerersatz. „Johannesbrotbäume sterben nicht, sie brauchen zum Überleben nur ein Glas Wasser pro Jahr“, sprudelt Fatima weiter. „Und die Bäume entfalten eine Substanz, die das Klima in deren Umfeld bestens geeignet für Asthmatiker macht.“ Noch so ein Algarve-Geheimnis. Wer mehr darüber erfahren will, kann sich in Kürze bei Fatima einquartieren, die gerade den alten Hof ihrer Großmutter zu zehn Ferienwohnungen umbauen lässt. (www.fatimagalego.com)

Die Recherche von Heiner Sieger wurde unterstützt durch das Algarve Promotion Büro.

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