Auch Biker fahren gerne Lift

Dass die Sella Ronda in den Dolomiten mit dem Mountainbike eine Gourmettour sein kann, das kann sich unsereins als Freizeitradler nur schwer vorstellen. Dank Seilbahntransport halten sich Höhenmeter in Grenzen und der kalorienreiche Einkehrschwung ist in Reichweite.

Foto_ Georg Weindl
Foto_ Georg Weindl

Der Tag beginnt etwas widersprüchlich. Beim Frühstück haben sie uns noch gewarnt. Ein gutes Frühstück als Grundlage brauchst du auf jeden Fall. So haben wir uns am Buffet mit Müsli und Obst eingedeckt, Fruchtsaft getankt und von der Speckplatte noch genascht. Wohlgenährt sind wir dann in Wolkenstein los geradelt. Zur Talstation der neuen Dantercepies Seilbahn. Der Biker fährt auch mal mit der Seilbahn. Das ist neu aber nicht ungewohnt. Wir sind ja vor dem elegant geschwungenen Vorbau der Bahn nicht allein. Die Sella Ronda Tour kannst du als Purist mit einigen tausend Höhenmetern strampeln. Du kannst sie auch mit Guide als Genusstour erfahren. Gute 50 km mit zahlreichen Liftfahrten, mit überschaubaren knapp 500 Höhenmetern und bei der Gourmettour mit sieben ausgesuchten Einkehrstationen. Eines schon mal vorweg: du wirst alle sieben Hütten nicht schaffen, weil du sonst unterwegs auf der Bergwiese oder in der Hütte nächtigen musst. Zwei werden wir dann besucht haben und die waren nicht verkehrt.

Unsere erste Zwischenstation ist das Grödner Joch, das wir nach einer kommoden Bahnfahrt erreichen. Wir schauen hinunter nach Corvara und links hinauf zu den Felswänden des Cir. Allerfeinste Postkartenmotive. Doch dann ist es mit der Idylle vorbei. Schotterwege und Single Trails beschäftigen uns hinunter nach Kolfuschg. Auch Bergabfahren kann anstrengend sein. Unten in Corvara fahren wir durch den Ort vorbei an Hotels und Shops und nehmen eine enge Gasse links zur Col Alt Seilbahn. „Hier wurde einst 1947 der erste Sessellift Italiens gebaut. Und das hat damals auch schon der Leitner aus Sterzing gemacht wie bei der Dantercepies“, verrät unser Guide und wir freuen uns, dass der längst von einer Kabinenbahn abgelöst. Bergauf geht’s wieder auf die bequeme Art. Oben am Col Alt auf 2000 m Höhe erfreut uns ein 360 Grad Panorama vom Sella Massiv bis hinüber zur Marmolada und zum Conturines. Handykameras klicken und wir starten zu einer weiteren Bergabfahrt, die ein paar Kurven weiter unten in recht knackige Bergaufpassagen durch den Bergwald münden. Das muss ja auch mal sein. Schließlich wollen die Pasta und die Schlutzkrapfen verdient werden. Wir kommen bald raus aus dem Wald, strampeln auf einem schönen Panoramaweg hinauf zur einsamen und stolz gelegenen Pralongia Hütte. Wieder so ein bezaubernder Aussichtsplatz. „Jetzt brauchen wir eine Brotzeit“, ruft der Kollege aus München mit aller Wehmut. Marende heißt das hier in Südtirol. So sitzen wir dann auf der Terrasse des stattlichen Gasthauses, das übrigens allerfeinst renovierte Zimmer hat und im Winter perfektes Ski in Ski out zu bieten hat. Die Salami und der Speck bleiben nicht lange auf der Platte liegen. Skiwasser und Apfelschorle stärken uns für den nächsten Abschnitt.

Bild Georg Weindl
Bild Georg Weindl

Auf uns warten kurvenreiche 800 Höhenmeter hinunter nach Arabba mit steinigen Single Trails, einem kurzen Ausflug auf die Campolongo Passstraße. Arabba schmiegt sich in das enge Tal zu Füßen der Porta Vescovo ein. Wir kennen das Dorf von etlichen Winterausflügen und stellen bald fest, dass auch hier etliche Seilbahnbiker unterwegs sind. In der großen Gondel schweben wir hinauf zur Bischofspforte, zur Porta Vescovo. Oben auf dem höchsten Punkt unseres Ausflugs wird’s windig und frisch. Wir holen die Jacken aus den Rucksäcken, stellen die Sättel tief und rollen auf hochalpinen Schotterwegen hinüber und hinunter zum Pordoipass, passieren letzte Schneefelder. „Schau mal, da drüben ist die Pordoischarte. Kannst dich noch erinnern?“ Klar, ich erinnere mich, schau aber nicht rüber, weil mich gerade einige schlammreiche Löcher auf dem Trail beschäftigen. Die Rückseiten unseres Bikeroutfits haben sich farblich in eine Mischung aus Baustelle und Fangopackung verwandelt, was aber keinen wirklich stört. Oben am Pordoi, den wir mit einer kurzen Sesselliftfahrt erreichen, lassen wir die Trails mal rechts liegen und nehmen zur Talfahrt nach Canazei die Straße, genießen die schönen engen Kehren und fürchten uns vor den Motorrädern, die an uns vorbei rasen. Ein idyllischer Radweg am Bachufer bringt uns nach Campitello, wo das Zwischenziel, die Col Rodella Seilbahn, unübersehbar in der Landschaft steht. Mittlerweile ist es halb Vier und wir verstehen, dass unser Plan, ein spätes Mittagessen in der berühmten Comici Hütte, sich dezent Richtung Abendessen verschoben hat. Ein Müsliriegel aus dem Automaten in der Talstation lindert die Sehnsüchte, hat aber mit Gourmetttour nicht viel zu tun. Egal. Bei der Bergfahrt können wir die Hütte schon fast riechen, schauen oben ehrfürchtig auf die senkrechten Felsmauern des Langkofels, rollen ganz vorsichtig die steile Schotterpiste bergab und nehmen Kurs auf die Steinerne Stadt, die so heißt, weil man unzählige Felsblöcke passiert, die die Form und Größe von Wohnhäusern haben. Auf dieser kurvenreiche Passage mobilisiert jeder noch einmal seine Reserven. Noch eine Kurve und noch eine, dann ein kurzer Anstieg, ein paar Meter bergab und dann die finale Bergauffahrt direkt zur Comici Hütte, die jeden Sommer größer und vornehmer wird. Minuten später sitzen wir kurz vor fünf beim Mittagessen in dem neuen Speisesaal auf der Nordseite. Die Speckplatte als Vorspeise, der Arrosto di Vitello als Hauptgang, dann das Dessert, bei dem es den müden Bikern noch einmal die Augen verdreht. Von der Joghurt-Holunder-Mousse mit frischen Früchten bleibt kein Milligramm mehr in den Schüsseln übrig, bevor der Espresso servert wird. Mit vollen Bäuchen schwingen wir uns auf die Bikes. Vor uns liegt nur noch die Talfahrt hinunter nach Wolkenstein über Plan de Gralba. Und die geht auch mit geschätzten 3000 Kalorien als Zusatzgepäck. Wir haben es ja auch verdient.

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