Andalusien: La Reconquista und die Drohung des IS

Spanien, die letzte Zeit mit durch die Fetzen der geplatzten Immobilienblase entstelltem Gesicht, erfreut sich wieder der Gunst der Reisenden. Viele derjenigen, die in den vergangenen Jahren dem Lockruf günstiger Angebote nach Ägypten, Tunesien oder in die Türkei folgten, kehren reumütig in das Land der Tortillas, Paellas, Sangrias und Salchichas zurück. Geschreckt von dem Wüten islamischer Idioten sehnen sie sich nach den ruhigen Armen andalusischer Señoritas oder der starken Brust eines verhinderten Torero.

Dabei – und deswegen wurde diese Reise, über die hier berichtet werden soll, nötig – wird dieser Teil Spaniens, der einst Al-Andaluz hieß, vom Islamischen Staat bedroht und als Teil seines Kalifats beansprucht. “Ich sage euch, Spanien ist das Land unserer Vorfahren, und wir werden es mit Allahs Macht wieder zurückerobern”, sagt ein Mann auf Spanisch in einem Video , das Anfang Juli 2015 im Internet gepostet wurde. Man werde alle “besetzten Gebiete” zurückholen und ein weltweites Kalifat errichten. “Madrid ist bis 2020 unser”. Die Islamisten beziehen sich in ihrer Drohung auch auf die zwischen 711 und 1492 muslimisch beherrschten Teile der Iberischen Halbinsel.
Und bevor die Alhambra das Schicksal Palmyras erleidet, wollten wir noch einmal beim Löwenhof und in den Gärten der Generalife vorbeischauen. Dass die Fahne des IS bald über der Alhambra weht, steht wohl nicht zu befürchten, aber da viele christliche Kirchen in Spanien, das gilt auch für die Alhambra, auf den Fundamenten von Moscheen oder gar in Moscheen, wie in Cordoba stehen, sind sie Angriffsziele. Und als solche sind sie weniger der irrsinnigen Logik entzogen als die assyrischen und römischen Tempelstätten von Palmyra, die dort stehen, wo vorher nichts war, jedenfalls nichts Muslimisches. Denn natürlich sollte in den Jahren der Reconquista, der Wiedergewinnung durch die katholischen Könige, mit der Umwidmung, der „Reinigung“, muslimischer Tempel der Triumph des Glaubens über die Ungläubigen, die man anschließend dann zusammen mit den Juden des Landes verwies, dokumentiert werden. Derartige Umwidmungen sind allerdings im Laufe der Geschichte nichts Besonderes, eher die Regel. Immer hatte es der Sieger darauf abgesehen, dem Besiegten und was von dessen Erbe übrig war, seinen eigenen Stempel aufzuzwingen. Die Hagia Sophia war auch einmal griechisch und orthodox, die Kirchen in Schlesien deutsch und evangelisch. Und natürlich konnte es sich der Sieger nicht vorstellen, dass er selbst einmal im Staub liegen könnte. Die Römer nicht im Staub der Goten, diese in dem der Araber und so weiter.

Allerdings hatten wir in den vielen Malen, in denen wir Andalusien besuchten, das Triumphale, die Erniedrigung des Gegners, die selbst in der klerikalen Kultur zum Ausdruck kommt, nicht gesehen. Wir hatten in der Alhambra das Spiel des Lichtes an Decken, Wänden und Brunnen bewundert, fasziniert betrachtet, dass man, um Aussagen über das eigene Verhältnis zu Gott zu finden, den bildlichen Ausdruck nicht braucht, dass das Ornamentik und Schrift auch gut können. Hatten von der Hochkultur der Almoraviden, Almohaden und der Nasriden erst gehört und dann geschwärmt. Hatten im Löwenhof Washington Irvins “Alhambra Tales” mit neuem Genuss gelesen. Hatten mit dem letzten maurischen König Boabdil gefühlt, der vom Felsen der Seufzer einen letzten Blick auf seine Burg warf, bevor er sich nach dem Ende der maurischen Herrschaft in Spanien 1492 mit seinen Mannen nach Nordafrika einschiffte. Hatten am Horizont die schneebedeckten Berge der Sierra Nevada gesucht und gefunden, von der die angenehm frische Luft in die Mauern und Gemäuer, in die Parks und Alleen weht. Die Gefühle und Gedanken waren leicht, vom Zauber der Mystik umgeben. Alles war friedlich und gut.
Nie hatten wir das Aggressive gespürt, obwohl es doch immer da war. Jetzt parkten wir wie bei den früheren Besuchen den Wagen vor dem Pavillon auf dem Parkplatz, gingen außerhalb der Mauern bis zur Puerta de los Carros und standen nach wenigen Schritten vor der Kirche Santa Maria de la Alhambra. Die, natürlich und in demonstrativ imperialer Absicht, auf den Ruinen der Moschee gebaut wurde, dort wo seit dem 9. Jahrhundert zunächst in einer Festung, erst Ma’qil Ilbīra, dann Al-ḥiṣn al-ḥamrā, dann in der Zitadelle auf dem Gelände der heutigen Alhambra die Muslime ihre Gottesdienste abhielten. Hier entstanden die Mythen, von denen Irvin berichtet, wie die Sage, dass Emir Abu l-Hasan Ali auf Betreiben seiner Geliebten Soraja seine Frau Aisha und den Kronprinzen, Boabdil, einsperren ließ, damit Sorajas Kinder den Thron erhielten. Den beiden gelang jedoch in einem Korb, den Helfer außen am Turm herabließen, die Flucht. Dass all diese Geschichten, ja auch die Alhambra, dem Vergessen und Verfall entrissen wurden, ist Washington Irvins großes Verdienst.

Al-Andalus war ein damals ein reiches, blühendes Land. Kunst und Wissenschaft waren berühmt, das Handwerk vorbildlich. Es gab Schulen, Krankenhäuser, Bibliotheken und Freizeitzentren. Die Straßen waren befestigt, und es gab Wasserleitungen, die man zwischen der Alhambra und der Generalife noch sehen kann. Im christlichen Europa war dies unbekannt. Es bedurfte eines Verrats, schreibt Irvin, dass Muhammad XII., der als Boabdil bekannt wurde, nach langer Belagerung die Festung am 2. Januar 1492 an die Katholischen Könige übergab. Damit fiel die letzte Bastion der Mauren in Spanien, ihre heute bestaunte Welt war Geschichte. Und Maria musste dafür herhalten, eine geistige Überlegenheit zu dokumentieren, die es nicht gab. Wir verließen ihre Kirche mit großer Nachdenklichkeit und begaben uns in den benachbarten Palast, den Kaiser Karl V. Herrscher über das Heilige Römische Reich deutscher Nation erbauen ließ, um seine Macht und den Anspruch und das Ende der Geschichte zu dokumentieren. Er hat ihn nie bezogen.
Ähnliches gilt für Ronda in der Provinz Málaga, das bezaubernde Städtchen auf beiden Seiten der Schlucht, des El Tajo Canyon, den der Rio Guadalevin bildet. Auch hier hat man die Marienkathedrale in den Korpus der Moschee gebaut. Das hatte einen architektonischen Vorteil, dass man sich um die Grundsteine nicht kümmern musste, vor allem aber den Grund, dem Besiegten zu zeigen, wer unten und wer oben ist. Hier trafen die katholischen Könige eine intakte Moschee und funktionierten sie um, im Verständnis der Muslime: Sie entweihten, sie schändeten sie. Wir stehen vor dem Bogen der ehemaligen Gebetsnische, dem Mihrab, und fragen uns, was die Touristen aus den arabischen Ländern, die sich verhüllt neben die mit Selfiestangen bewaffneten Japanern drängen von der Geschichte wissen. Die vier Kuppeln sind noch erhalten, das Minarett wurde – wie bei der Giralda in Sevilla – in den Glockenturm der Kirche umgestaltet. Als 1580 ein Erdbeben die Kirche teilweise zerstörte, bemühte man sich alte gotische Stilelemente zu erneuern. Denn – natürlich – hatten sich die Mauren ihrerseits an einer gotischen Kirche vergriffen.

Geschichte ist ein spannendes und amüsantes Fach, weil sie Wahrheit mit Mythen verbindet. Und sie ist ständig jung. Geht man vom heutigen Tag lediglich die Zeit zurück, welche die Reconquista dauerte, befinden wir uns in wieder in der maurischen Zeit. In der Kirche Santa María la Mayor findet man viele Semana-Santa- (heilige Wochen)- Ikonen, und die sonstigen sakralen Gegenstände, vor allem die Statuen (Pasos), die zu Ostern durch die Stadt getragen werden. Sie sind nicht unbedingt schön in ihrer Prachtentfaltung, dokumentieren aber eine lebendige Kirche. Und davor, auf dem Plaza Duquesa de Parcent, dem Platz vor dem Rathaus, trifft sich das Volk, wenn ihm die Touristen Platz lassen.
Muss man erwähnen, dass vor den Westgoten, die Römer hier waren? Man vermutet einen Tempel der Diana, der zu Ehren des Sieges von Julius Cäsar über die Streitkräfte von Pompeji, Cneo und Sexto in der Schlacht bei Munda im Jahre 45 vor Christi erbaut wurde. Und Munda ist der lateinische Name für Ronda.
Die Balkone an der Vorderseite der Santa Maria la Mayor, auf die wir von der Plaza aus blicken, wurden während der Regierungszeit von Felipe II, hinzugefügt – aus praktischen Gründen, dass der Adel aus höherer Warte Turniere und Stierkämpfe anschauen konnte.
Am Auffallendsten ist die Unterwerfung des Islam in der Mezquita in Córdoba. Hier hat man in der riesige Moschee eine komplette Kathedrale untergebracht, und die Sprache der Bilder und Symbole ist auch hier eindeutig. Jedenfalls so eindeutig, wie das Aufgebot an Polizei, das mit Maschinengewehren die Anlage schützt, wenn auch vermutlich nicht das Standbild, das wir in dem riesigen Komplex suchen.

Die Mezquita von Córdoba ist seit der Reconquista der Stadt deren römisch-katholische Kathedrale. Ihre architektonische Weltgeltung besitzt sie aber als ehemalige Hauptmoschee. Als Kirche heißt sie, die Sprache des Siegers wiederholt sich, Kathedrale der Empfängnis unserer Lieben Frau. Der berühmte Betsaal (Mihrab)ist durch Hufeisenbögen in 19 etwa gleich hohe Schiffe aufgeteilt. Das Bauwerk gehört mit circa 23 000 m² zu den größten Moscheebauten weltweit. Die Bögen ruhen auf 856 Säulen aus Jaspis, Onyx, Marmor und Granit und stammen – natürlich – von Gebäuden aus der Römerzeit, sowohl von dem vorher an dieser Stelle stehenden Tempel als auch anderen Gebäuden der Provinz Baetica. Dass diese zwischenzeitlich in der westgotische Kathedrale für Sankt Vincent von Saragossa Verwendung fanden, verwundert nicht, spielt aber politisch noch aktuell eine wichtige Rolle. 1236, als Ferdinand III. von Kastilien Córdoba von den Mauren zurückeroberte, wurde die Moschee zur christlichen Kirche geweiht und das Minarett mit einem Kreuz versehen. Erst 1523 begann der entscheidende Umbau, gegen den energischen Widerstand des Stadtrates von Córdoba, aber mit Billigung Kaisers Karl V. (Karl I. von Spanien). Im mittleren Teil wurden die Säulen entfernt, um Platz für ein komplettes Kirchengebäude zu schaffen. Als der Habsburger das Ergebnis bei einem Besuch in Córdoba sah, soll er gesagt haben: „Ich wusste nicht, um was es sich hier handelte. Denn wenn ich es gewusst hätte, hätte ich nicht erlaubt, dass man Hand an das alte Gebäude legt. Ihr habt etwas erbaut, was es andernorts schon gibt, und dafür habt ihr etwas zerstört, was einmalig in der Welt war.”
Wir suchten also nach einem Standbild in einer sensiblen Kirche, und fanden es in einer prominenten Nische, einen Ritter auf einem weißen Pferd, der in der Hand das Schwert schwingt, Santiago Matamoros. Es ist Jakobus der Ältere, Spaniens Nationalpatron in der Schlacht von Clavijo. Er kämpft an der Seite der Christen gegen die Muslime. Matamoros heißt übersetzt: Mohrenschlächter. Historiker sind sich einig, dass es diese Schlacht nie gegeben hat. Aber für Spaniens Nationalbewusstsein hat sie eine überragende Bedeutung. Dass dieses Standbild in der Mezquita nicht die Sprache von Toleranz und Versöhnung spricht, sagen einige Bürger der Stadt Córdoba. Und es gab sogar Stimmen, die aus ihr ein ökumenisches Gotteshaus machen wollen. Aber der Bischof von Córdoba, Juan José Asenjo, hat sich 2006 vehement gegen eine Umwandlung ausgesprochen. Er begründete das mit dem archäologischen Nachweis, dass die Moschee über den Fundamenten einer westgotischen Kathedrale erbaut wurde. Und hier wird Geschichte hochpolitisch. In einem Schreiben an die islamischen Autoritäten des Landes betonte Asenjo , “die christlichen Wurzeln Cordobas müssen auch künftig respektiert werden.” Mit den historischen Wurzeln zu argumentieren, ist gerade in Andalusien, das haben wir inzwischen gelernt, ein problematisches Unterfangen.
Wir haben versucht, von den arabischen Gästen, die zahlreich die Mezquita besuchten, eine Meinung einzuholen, vergebens. Dass sie nach ihrem Heiligtum suchten, dass sie die Schriften lesen konnten, dass sie sich durch die christlichen Symbole provoziert fühlten, kann angenommen werden, obwohl sie sich aufführten, wie sich eben Touristen aufführten, wenn sie im Clan auftreten. Aber dass sie im Zweifel den Argumenten der IS-Terroristen folgen würden, davon darf man auch ausgehen.
In Sevilla schließlich, wo der Reiseführer nicht müde wurde, den Alkazar mit seiner christlichen, muslimischen und auch gemischten Bildersprache als Beispiel einer kulturellen Versöhnung von Christentum und Islam darzustellen, fallen im Zeichen von Terror und IS-Bedrohung die kontroversen Aussagen der künstlerischen Darstellungen in Alcazar und Kathedrale ins Auge.
Die Kathedrale von Sevilla ist eine der spätesten gotischen Kirchen Spaniens und gilt als drittgrößte der Welt nach dem Petersdom im Vatikan und der St. Paul’s Cathedral in London. Wir betreten sie durch die Puerta del Perdón (Tür der Verzeihung), das ehemalige Portal der Moschee – neben dem Patio de los Naranjos (Orangengarten) und der Giralda, dem ehemaligen Minarett, eine der wenigen Spuren der muslimischen Vergangenheit. Natürlich erweisen wir den Kunstwerken von Murillo, Valdés, Leal, Zurbarán, sowie dem Grab von Christoph Kolumbus unseren Respekt.

Eine weibliche  Figur auf dem ehemaligen Minarett, eine Kopie am Eingang sprechen eine deutlische Sprache.
Eine weibliche Figur auf dem ehemaligen Minarett, eine Kopie am Eingang sprechen eine deutliche Sprache.
Jeder sucht, was er versteht, und jeder wird auch fündig.
Jeder sucht, was er versteht, und jeder wird auch fündig.
Zeugnis einer kulturell überlegenen muslimischen Gesellschaft
Zeugnis einer kulturell überlegenen muslimischen Gesellschaft

Aber auf der Suche nach der Sprache des Triumphes der Bibel über den Koran, der wir diese Reise gewidmet haben, entdecken wir oben auf dem Minarett der Moschee aus dem Jahr 1184, Giralda genannt, eine weibliche Statue als Symbol des triumphierenden christlichen Glaubens, 4 Meter hoch, 2 Tonnen schwer namens Giraldillo. Eine Kopie steht – zum leichteren Sehen und Verstehen – vor dem Eingang in die Kathedrale.
Der Alcázar von Sevilla wird bis heute von der spanischen Königsfamilie, wenn diese sich in Sevilla aufhält, als Residenz genutzt. Der Palast ist eines der am besten erhaltenen Beispiele für die Mudéjar-Architektur, die unter christlicher Herrschaft entstandenen Bauten mit islamischem Einfluss. Der Palast-Führer sah darin den Beweis einer eigenständigen christlich-islamischen Kultur und die Bestätigung, dass Harmonie und Gemeinsamkeit möglich sind. Wir haben die Zeichen und die Sprache anders gelesen, beeinflusst durch den Besuch anderer Stätten dieser Epoche.
Die Frage mag sein, wem die Unterschiede zwischen dem Realen und dem Erzählten ins Auge fallen. Die meisten westlichen Reisegruppen werden außer den Kriterien „schön“ und „alt“ wenig haben, um mit ihren Eindrücken umzugehen. Schon gar nicht wird ihnen bewusst sein, welche Bedrohung die Aussage des IS hat, Spanien in ein islamisches Kalifat verwandeln zu wollen. Einen Anschlag in Madrid hat es schon gegeben. Die Bedrohung ist real, auch wenn man den Anhängern des IS die Kraft absprechen mag, ihre Ziele zu verwirklichen. Die Geschichte bleibt nicht stehen. Und das Kraftvolle überwindet das Schwache, findet stets die Solidarität und Gefolgsschaft der Unentschiedenen. Vielleicht ist es an der Zeit, eine Andalusienreise wirklich mit anderen Augen zu machen. Sich in die Zeit Isabellas der Katholischen zu versetzen, nicht in den Mythen Boabdils und Washington Irvins zu versinken, sondern zu hinterfragen, was eigentlich der Ausgangspunkt und die Ziele der Reconquista waren, die insgesamt gut 800 Jahre brauchte, bis sie abgeschlossen war, was keine 800 Jahre zurückliegt. Und vielleicht ist es sogar angebracht, Stolz darauf zu entwickeln, denn die Geschichte hätte auch komplett anders laufen können, und nicht nur der IS träumt von ihrer Revision.

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