Am Fuß der blauen Berge – Wild-West-Abenteuer in Montana

Wildwestflair und viel Natur bietet die Region rund um den Glacier National Park im Westen Montanas, wo sich die Rocky Mountains unvermittelt aus den endlosen Prärieebenen erheben. Hier warten zahlreiche Gelegenheiten für Abenteurer, sei es im Wildwasser, hoch zu Ross oder bei der Beobachtung wilder Tiere.

Am Ufer des Saint Mary Lake am Ostabhang der Rocky Mountains

Rechts und links stechen Paddel in das schäumende Nass, um in der Strömung mitzuhalten. Dann eine leichte Drehung und das Kajak gleitet ins ruhige Wasser des Flathead-River an der Grenze des Glacier Nationalparks in Montana. Allerdings stürzen hin und wieder schäumende Zuflüsse aus Seitentälern herein. Das Boot kommt den aus dem Wasser ragenden Felsbrocken beängstigend nahe. In letzter Minute schwenkt es an der Gefahrenstelle vorbei. Wasser schwappt über die Spritzdecke. Beim seitlichen Blick nach unten tut sich eine scheinbar grundlose Tiefe auf. An anderen Stellen sind die Steine zum Greifen nah. „Das Wasser ist mir viel zu ruhig. Ihr hättet mal im Frühjahr nach der Schneeschmelze mit mir unterwegs sein müssen. Da ging richtig was ab! So etwa wie bei dem Abenteurer, der vorher an der Mündung des Gebirgsbaches geübt hat.“ Josefs Augen leuchten bei der Erinnerung an abenteuerliche Fahrten. Er begleitet die Kajakgruppe als Guide. Nun steuert er eine Sandbank an. Die Bootsfahrer werden hier mit Steaks und Salat verwöhnt.

Ein Profi nützt die in den Flathead River hereinströmenden Wildwasser zum Training

An der Grenze zu Kanada schließt sich nahtlos der Waterton Nationalpark an. Er ist um ein Vielfaches kleiner. Aber zusammen mit dem Glacier Nationalpark in Montana bilden sie den International Peace Park. So soll immer daran appelliert werden, dass beide Nationen nie einen Krieg gegeneinander beginnen. Dem ca. 381.000 Quadratkilometer großen Bundesstaat Montana mangelt es wahrlich nicht an Kontrasten. Einerseits endlose Prärien, Weizenfelder, soweit das Auge reicht. Dann zeigen sich über 3000 Meter hohe Berge. Dazwischen liegen ausgedehnte Grassteppen und einsame Farmen, breite Täler, durch die sich wilde Flüsse schlängeln und lange, schmale Seen mit einsamen Ufern.

Nahe der Passhöhe auf der “Going to the Sun Road”

Eine gute Gelegenheit sich nach alternativen Straßen durch die Berge zu erkundigen sind Tankstellen, auch hier in West Glacier. Im Gebäude werden alkoholfreie Getränke, kleine Ersatzteile, Sandwiches, Kartoffelchips und Souvenirs verkauft. An der Decke hängen Flachbildschirme und zeigen das neueste Sportgeschehen, dazu ertönt Country Musik. Drinnen und draußen herrscht emsiger Betrieb. Ein gewaltiger, chromblitzender Truck auf 18 Rädern parkt davor in zweiter Reihe hinter den Tanksäulen. Der Motor läuft, obwohl das Führerhaus leer ist. Jetzt kommt der Fahrer zurück. Seine Cowboystiefel sind schon etwas ausgelatscht und staubig. Am Bauch prangt der typische Westerngürtel mit einer glänzenden Schließe, darüber das gestreifte Westernhemd, auf dem Kopf über dem sonnengebräunten Gesicht ein breitkrempiger Cowboyhut. Erinnert er nicht an einen Charakterdarsteller der ersten legendären Westernserien: „Am Fuß der blauen Berge“, die schon vor 50 Jahren zu sehen waren. „Nimm die Going to the Sun Road“, meint er und hält mit der linken Hand die Hutkrempe, da gerade ein Windstoß aufkommt. „Da findest du viele tolle Aussichtspunkte, “ und schwingt sich damit hinauf in die Fahrerkabine. Das Zeitalter der Kutschen ist schon lange vorbei.

Riesige Lastwagen sind auf den Hauptstraßen unterwegs

Also morgen soll es losgehen über die Rocky Mountains. „Habt ihr auch eine gute Regenjacke? In den Bergen ändert sich das Wetter oft unerwartet.“ Im Geschäft für Outdoor-Bekleidung in West-Glacier herrscht Hochbetrieb. Bequeme Bergschuhe, Rucksäcke, funktionelle Oberbekleidung – hier werden Bergwanderer mit nötiger Ausstattung versorgt, wertvolle Tipps für Touren inklusive. Jetzt gilt es noch eine Entscheidung zu treffen: Soll es über die abenteuerliche Going to the Sun Road mit großartigen Ausblicken auf der Passhöhe bei 2026 Metern und zahlreichen Wandermöglichkeiten gehen, wie der Cowboychauffeur es empfohlen hat, oder die eher gemäßigte Strecke über den nur 1588 Meter hohen Marias-Pass?

Dickhornschafe sichten die Lage an der Baumgrenze

Ein wolkenloser Himmel hilft bei der Entscheidung. Erstere, im Winter von Oktober bis Juni gesperrte Querung durch die Berge, gehört sicher zu einer der schönsten Gebirgsstraßen des Kontinents. Wer möchte sich schon den Zweikampf der graubraunen Dickhornschafe entgehen lassen, wenn ihre stabilen Hornplatten mit lautem Knall aufeinanderprallen? Und auf den Wiesen lassen sich Bergziegenmütter mit ihren Jungen beobachten, zwischen Wildblumen grasend.

Eine Mountain Gott mit ihrem Nachwuchs

Hinter der Passhöhe führt die Teerstraße ostwärts allmählich bergab. Ein roter Oldtimerbus am nächsten Aussichtspunkt zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Die Fahrerin freut sich gerade über eine Pause, solange ihre Gäste die Panoramaaussicht genießen. „Jammer“ heißen die Chauffeure im Volksmund. Es braucht Kraft um bei der Handschaltung die richtigen Gänge hinein zu „jammen“. Von Studierenden sind diese Jobs sehr gefragt.

Ein begehrter Ferienjob für Studenten ist es, die Oldtimerbusse zu chauffieren

Schließlich wird der Wald nach Osten hin lichter und die Landschaft geht allmählich in eine Grassteppe über. Rinderherden suchen im trockenen Gestrüpp nach etwas Fressbarem. Darüber ein wolkenloser Präriehimmel. Nach endlosen staubigen Kilometern das Erlösung versprechende Schild am Wegrand: „Roadside-Inn“. Das Restaurant ist klein, aber gemütlich. Der richtige Rahmen für „homemade soup“ und Burger nach Art des Hauses. An der spartanischen Einrichtung, Plastikstühle und einfache Holztische, scheint sich niemand zu stören. Es ist am frühen Abend, Hauptessenszeit in Nordamerika. Nur wenige Plätze sind nicht besetzt. In der Küche zischt und dampft es. Köche leiten über das Gebrodel hinweg Bestellungen weiter. Selbstverständlich landet erstmal ein Glas Wasser mit Eiswürfel vor den Besuchern, egal ob draußen plus oder minus 20° C herrschen.  „Unser Tagesgericht ist heute Bison-Burger mit Salat. Aber auch unsere Spareribs kann ich empfehlen“, preist die freundliche Bedienung ihre Tagesgerichte an.

Wieder betritt ein Gast das Lokal. Nein Wyatt Earp kann es nicht sein. Die hoch gewachsene Gestalt lässt ihren Blick über die Anwesenden schweifen. Der mit ihm verabredete Freund ist wohl noch nicht eingetroffen. Auf dem Kopf ein verbeulter Stetson, zerschlissene Jeans, dazu Stiefel mit Absatz, vorne spitz zulaufend: Diese Person ist es gewohnt über Rinderherden zu befehlen. Sein Arbeitstier steht vor dem Eingang. Es ist einer dieser prachtvollen, Benzin fressenden, amerikanischen Trucks mit Zwillingsbereifung, stark genug schwere Anhänger über lange Strecken zu ziehen. Hier gelten andere Maßstäbe.

Hier lässt sich gut Stöbern und man erfährt das Neueste aus der Region

„Antiques for sale“ – immer ein Grund für Durchreisende auf jeden Fall einen Stopp einzulegen. Das bunt bemalte Holzschild hängt an einer urigen Blockhütte, vor der eine ältere Dame im Schaukelstuhl auf Kunden wartet. Die weißen Haare sind zu zwei schütteren Zöpfen geflochten, das freundliche Gesicht mit zahlreichen Falten durchzogen, zwei strahlende Augen heißen die Neugierigen willkommen. „Come in, take your time“, eine Einladung, die gerne angenommen wird. Dann das vorsichtige Vortasten, wie es einem geht, woher man kommt, weshalb man gerade hier in dieser gottverlassenen Gegend unterwegs ist. „Ja, diese Hütte ist schon 100 Jahre alt und diente früher als Unterkunft der Minenarbeiter“, erklärt sie bereitwillig. Kaum jemand verlässt diesen Ort, ohne eine Kleinigkeit erstanden zu haben. Und hier findet sich sogar eine der glänzenden Gürtelschließen, die einen echten Westerngürtel ausmachen. „Jetzt verdiene ich mir noch ein paar Dollar mit dieser eigenartigen Sammlung. Eigentlich brauche ich das Geld nicht, aber es macht einfach Spaß all die Menschen zu treffen.“ Mit einem wohlgemeinten „have a nice trip und „take care“ im Ohr lassen die Besucher den nostalgischen Ort hinter sich.

Informationen:

Montana wird von Deutschland aus nicht direkt angeflogen. Die günstigste Verbindung geht z. B. mit Condor nach Calgary in Kanada;

www.condor.com/de;

da ist allerdings die digitale Einreisegenehmigung für Kanada erforderlich. Bei der Weiterreise in die USA auf dem Landweg braucht man kein elektronisches Visum. Der Antrag wird direkt an der Grenze gestellt. Gegen eine Gebühr von US $ 6,- pro Person kann die Einreisegenehmigung für drei Monate erteilt werden.

Von dort sind es auf dem Landweg etwa drei Stunden mit dem Mietwagen nach Süden. Fahrten mit dem roten Oldtimerbus oder Bootsverleih können im Visitorcenter West-Glacier oder East-Glacier erfragt werden. Entlang der beschriebenen Strecken steht eine große Auswahl unterschiedlicher Quartiere zur Verfügung.

Beste Reisezeit sind die Monate von Ende Mai bis Anfang Oktober.

Auskünfte über ganz Montana gibt es unter www.visitmt.com,

über den Glacier National Park https://www.nps.gov/glac/index.htm

Text: Monika Hamberger

alle Fotos: Rainer Hamberger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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