Ab 23. April in Gotha und Weimar: Die Ernestiner, Fürsten einer verklärten Vergangenheit

Während Kriege und ihre Folgen an Deutschlands Küsten branden, gibt man sich tief im Innern des Landes, wo jede Küste weit ist, Spielen hin, die ans Mittelalter gemahnen. So hatte Binnenbayerns Innenminister Joachim Hermann die thüringische Stadt Sonneberg eingeladen, das Land zu wechseln. Bayern stehe “einem möglichen Übertritt der Stadt Sonneberg und ebenfalls interessierter südthüringischer Landkreise grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber”. Das konterte virtuos Binnenthüringens Innenminister Holger Poppenhäger mit einer Einladung an die Region Coburg, “mit den Kommunen der Thüringer Landkreise Sonneberg und Hildburghausen eine gemeinsame und den Herausforderungen der demografischen Entwicklung gewachsene Gebietskörperschaft” zu bilden, natürlich “innerhalb des Freistaats Thüringen”. Der bereits gebildete Poppenhäger weiß, hätte es die Novemberrevolution 1918 nach dem unglücklich verlorenen Ersten Weltkrieg nicht gegeben, und hätten die acht Thüringer Monarchen nicht abgedankt, dann wäre Coburg Thüringen und ein Teil der auf der Veste gehorteten Kunstschätze nicht Eigentum des fremden Bayern.
Acht Monarchen? Ja, sieben davon finden sich als Sterne im aktuellen Thüringer Wappen, das achte fiel leider der Volksabstimmung der undankbaren Coburger zum Opfer. Das kann jetzt alles korrigiert werden, und die Thüringer Landesausstellung, die am 23. April 2016 eröffnet wird, kann ein erster Schritt sein. Nein, das ist ein Scherz. Die Ausstellung in Gotha und Weimar gilt ohne jeden Hintersinn den Ernestinern: „Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa“. Eine Pressereise der Thüringer Tourismus GmbH erlaubte einen “Preview”. Aber ohne Scherz: Gäbe es heute einen König von Thüringen, er stammte aus diesem Geschlecht, das eine Linie der Wettiner ist, die sich in unseliger Weise 1485 mit der Leipziger Teilung in Albertiner (nach Albert) und Ernestiner ( nach Ernst) zerlegten. Ernst und Albrecht von Sachsen, die beiden Söhne des Kurfürsten Friedrich II. (1412–1464, waren als Kinder Opfer des Ritter Kunz von Kaufungen, der treu an der Seite des Kurfürsten gekämpft, aber keinen Lohn erhalten hatte. Da griff der Edle sich die Söhne. Doch es ging schief, schon eine Woche später verblich Kunz von Kaufungen durch das Schwert des Henkers. Aber die Prinzen verband das Erlebte nicht auf ewig. Hatten sie zunächst ihr väterliches Erbe gemeinsam regiert, teilten sie das Land. Albrecht und seine Nachkommen erhielten ein eigenes Territorium mit Dresden als Zentrum, das sie von nun an als Herzöge von Sachsen regierten.
Thüringen aber blieb das Land der Fürsten und Prinzen. Da gab es die Wettinern , die Ludowinger, die Grafen von Beichlingen, die Grafen von Gleichen, die Grafen von Hohnstein, die Grafen von Kevernburg , die Lobdeburger, die Grafen von Schwarzburg , von Stolberg, von Vitzthum, die Vögte von Weida, die Grafen von Reuß und die von Weimar-Orlamünde. Alle haben ihre Spuren hinterlassen, auch wenn Sowjets und SED bemüht waren, möglichst alles wegzusprengen.
Die wichtigsten in Thüringen waren indes eindeutig die Ernestiner. „Thüringen ist nur durch die Herrscherdynastie der Ernestiner zu verstehen“, sagt Martin Eberle, Direktor der Stiftung Schloss Friedenstein, der die Fürstenfamilie nun aus dem Schatten holte, gemeinsam mit der Klassik-Stiftung Weimar, und ins rechte, museale Licht rückte, “von der reichen Theater- und Museumslandschaft, die sich in den bis zu zehn ernestinischen Herzogtümern entfaltete, über eine Verwaltungsstruktur, die ganz Europa als mustergültig ansah, bis zu Gerichten und Archiven.” Nur wirtschaftlich, räumt Eberle ein, „da scheiterten sie ein bisschen.“
Wichtige Ernestiner gab es einige, beispielsweise den sächsischen Kurfürsten Friedrich der Weise, der Luther auf der Wartburg versteckte. Im Übrigen stellte dieses Haus eine Reihe europäischer Könige, so die britischen, die belgischen, die portugiesischen und die bulgarischen. Während diese nicht unbedingt immer friedfertig und Wohltäter der Menschheit waren, blühte daheim in Thüringen der Humanismus.
Ernst des Fromme von Sachsen-Gotha beispielsweise führte im Jahr 1642 als erstes Staatsoberhaupt der Welt die allgemeine Schulpflicht für alle Jungen und Mädchen bis zum zwölften Lebensjahr ein. Und dass Thüringen, als Inbegriff der deutschen Kleinstaaterei und Flickenteppich oft geschmäht, ein Zentrum deutscher Kultur im 18. und 19. Jahrhundert war, dafür stehen viele, darunter Goethe und Schiller, Bach und Liszt. Die Fürstentümerchen waren einfach zu klein, um sich in Rüstung zu präsentieren. Daher widmete man sich den schönen Künsten, baute Museen und Theater statt Kasernen. Als Nachbarn von Preußen und Lustobjekte des Habsburger und des napoleonischen Expansionsdranges konnte das allerdings nicht ewig gut gehen.
Das sind alles wunderbare Geschichten, die in Gotha und Weimar erzählt werden. Aber will man die Ausstellung genießen, sollte man sich mit den ernestinischen Linien vertraut machen, oder es zumindest versuchen: Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg, Sachsen-Coburg -Gotha, Sachsen-Gotha, Sachsen-Eisenach, Sachsen-Hildburghausen, Sachsen-Meiningen und Sachsen-Weimar. Das ist alles verwirrend, aber dieser Wirrwarr der Höfe war in Wahrheit ein Wettstreit und brachte eine Fülle geistigen, künstlerischen und architektonischen Reichtums hervor.
Die Thüringer Landesausstellung will hier, wie uns die Verantwortlichen sagten, durchaus “aufklärerisch” wirken: Wer waren die Ernstiner? Wann und wo regierte dieses über 1 000 Jahre existierende Adelsgeschlecht, wie lebten die Untertanen? Wichtigste Aufgabe der Kuratorinnen, Friedegund Freitag in Gotha, Karin Kolb in Weimar, war dabei, die zahlreichen Themen sinnvoll aufzuteilen. Gotha erzählt von territorialer Zersplitterung und nationaler Einheit, von der ausgeklügelten Heiratspolitik, mit der sich die Ernestiner mit den Fürstenhäusern Europas verbandelten, und wie sie die kulturelle Entwicklung vorantrieben. Und alles, so Freitag, “eingebunden in die Lutherdekade”. Weimar widmet sich den Ernestinern als Hüter des Glaubens, als Förderer der Wissenschaft und als Dynastie, die um Einfluss in Reich und Nation rang. Karin Kolb, Mitarbeiterin der Klassik Stiftung Weimar: “Der Erzählstrang musste zwischen Weimar und Gotha geflochten werden. So lag es nahe, etwa das Thema Glaube in Weimar zu präsentieren, denn die Bedeutung der Ernestiner als Beschützer der Reformation ist zu allererst mit dem Herzogtum Sachsen-Weimar verbunden. Die Ernestiner haben Luther vor dem päpstlichen und kaiserlichen Zugriff geschützt und damit den Beginn der Reformation überhaupt möglich gemacht. Sie haben die lutherische Lehre in ihren Gebieten eingeführt, in Weimar bereits 1525. Auch in späteren Jahrhunderten definierten sie sich noch über die Reformation und den Protestantismus.”
Drei Persönlichkeiten der Dynastie stehen im Mittelpunkt der Ausstellung : der in Gotha residierende, für sein Engagement in der Bildung europaweit berühmt gewordene Herzog Ernst I. (1601 bis 1675), der in Weimar residierende Großherzog Carl Alexander (1818 bis 1901) und der in Meiningen residierende Herzog Georg II. (1826 bis 1914).
Als Ernst I. das Herzogtum Sachsen-Gotha übernahm, tobte noch der Dreißigjährige Krieg. Zuvor lebte er 40 Jahre lang in Weimar. Am dortigen Hof gab er die vom ihm privat mitfinanzierte und später nach ihm benannte “Ernestinische Bibel” in Auftrag. sie wurde zu einem Deutsch-Lesebuch und machte den Herzog zu einem Wegbereiter für einen institutionalisierten Deutschunterricht. 1643 begann der letztlich elf Jahre währende Bau des heutigen Schlosses Friedenstein, dessen Name Programm ist. Um die verheerenden Auswirkungen des Krieges zu dämpfen, förderte der Herzog besonders Bildung und christliche Lehre, setzte die allgemeine Schulpflicht durch. Am Ende seiner 34jährigen Regierungszeit machte ein geflügeltes Wort die Runde, wonach in Gotha die Bauern gebildeter seien als anderswo die Edelleute.
Es war Großherzog Carl Alexander, der die Bedeutung der Wartburg aufgriff und dieses stolze Bauwerk mit subtilem Kunstverstand wieder aufrichtete. 1867 war es geschafft, Franz Liszt dirigierte die Festmusik. In einem Brief aus seiner Feder findet sich zudem auch dieser Satz: “… und wenn sie überall in Deutschland untergingen, in Weimar sollen die ererbten Schätze des Wissens und der Kunst bewahrt bleiben.” Eine Verpflichtung für Thüringen.
Es war ein handfester Skandal, als der bald 50jährige Meininger Herzog Georg II. in dritter Ehe Frau Helene Franz heiratete. Die Dame war eine Schauspielerin und fast 15 Jahre jünger. Der Bräutigam war von jungen Jahren an den Musen gegenüber aufgeschlossen, vor allem lebte er für das Theater. Mit Helene machte er aus Meiningen eine Theaterstadt. Das später in Europa sich ausbreitende Regietheater und auch die Orchesterkultur haben hier ihre Wurzeln. So sagte etwa Richard Wagner: “Es gibt viele Meinungen, aber nur ein Meiningen, es gibt viele , die über mich herzogen, aber nur einen Herzog”.
Nach der Cranach-Ausstellung und vor dem Abschluss der Luther-Dekade im nächsten Jahr gibt Thüringen auch in diesem Jahr wieder richtig Gas. Die “Cranachs” gehen derweil auf Reisen, in die USA, wo man sich ab März an der Ausstellung „Here I stand: Martin Luther’s Home“ in New York, Minneapolis und Atlanta beteiligt, und nach Moskau ins Puschkin-Museum. Hier treffen sie auf 17 Gothaer Cranachs, die als Beute nach Kriegsende 1945 mit Tausenden anderen Kulturgütern aus Gotha in die Sowjetunion verschleppt wurden. Diese Ausstellung sei daher auch, so Eberle, „ein Politikum.“
Die Eröffnung in Thüringen ist feierlich. Da in Deutschland kein Ernestiner mehr ein Zepter schwingen kann, kommt mit der Herrschaft des Schirms der Bundespräsident Joachim Gauck, aus Belgien dagegen eine veritable Majestät, Philippe, König der Belgier. Beide präsidieren in Gotha am 23. April 2016 einer Kulturnacht. Die Thüringer Landesausstellung wird dann in den beiden Städten an Originalschauplätzen das politische, höfische und kulturelle Leben, barocke Prachtentfaltung, reiche Kunstsammlungen und die Blüte der Wissenschaften anschaulich darstellen: im Neuen Museum und im Residenzschloss in Weimar sowie im Herzoglichen Museum und dem Schloss Friedenstein in Gotha erwarten die Besucher Exponate aus mehr als vier Jahrhunderten thüringischer und europäischer Geschichte und Kultur.
Natürlich passt eine solche, der Nostalgie verpflichtete Ausstellung in die durch globale und globalisierte Probleme geschüttelte Zeit. Aber auch in der Familie, die dafür steht, den Ernestinern, steht derzeit nicht alles zum Besten. Gewohnt durch Heiraten, tu felix Thuringia nube, sich zu verflechten, war zuletzt in Mode gekommen, das Mittel der Adoption zum Einsatz zu bringen. Nun haben die drei Oberhäupter der drei ernestinischen Wettiner Linien Alexander Prinz von Sachsen die Krone vom Haupt gestoßen. Weil der immerhin schon 62-Jährige von Markgraf Maria Emanuel von Meißen, dem Enkel des letzten Sachsen-Königs, adoptiert worden war, erklärten die Chefs der Häuser Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Coburg-Gotha und Sachsen-Meiningen: „Alexander Prinz von Sachsen gehört als adoptierter Prinz nicht dem Adel an, ist nicht Mitglied des Hauses Wettin.“ Was ist da los? Sogar um die Gruft des 2012 verstorbenen Albert Prinz von Sachsen gibt es Streit. Prinz Alberts Witwe, Elmira, hat eine Grabstätte direkt neben der von Carl Maria von Weber gekauft. Dort sollte als Name stehen: „Seine Königliche Hoheit Dr. phil. Albert von Sachsen, Markgraf von Meißen.“ Dagegen wehrt sich Markgraf Alexander: „Der Titel Markgraf steht nur mir zu.” Sogar das Amt für Kultur und Denkmalschutz der Stadt Dresden hat sich eingeschaltet und teilte der Witwe mit: „Die Namensfolge Ihres verstorbenen Herrn Gemahls lautet in juristisch exakter Form Dr. phil Albert Prinz von Sachsen. Die Ehrenanrede Seine bzw. Eure Königliche Hoheit hat auf einer Grabtafel zu unterbleiben.“ Die Ernestiner sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Aber in den Museen von Gotha und Weimar erstrahlen sie in altem, hellen Glanz.
Information:

  • Landesausstellung Thüringen „Die Ernestiner“ in Gotha und Weimar vom 24. April bis 28. August 2016. Tickets: Stadtschloss Weimar 7,50 € ; Neues Museum Weimar 5,50 €; Schloss Friedenstein Gotha 10 € ; Herzogliches Museum Gotha 5 €; Kombiticket 16 €; freier Eintritt mit der ThüringenCard
  • Angebotspakete für Gruppen- und Individualreisende
  • Gemeinsamer Katalog der Kuratorinnen Friedegund Freitag in Gotha und Karin Kolb in Weimar: von der Leipziger Teilung 1485 bis 1918. Subskriptionspreis bis 24. April 2016: 34,90 €, ab 25. April 2016: 48 €
Geschrieben von
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