Zwischen den Bergwelten des Dovrefjell und den Gassen Trondheims zeigt sich Trøndelag in Norwegen von überraschend vielfältiger Seite: mit urtümlichen Wildtieren, spektakulären Naturerlebnissen, kulinarischen Raffinessen und unkonventionellen Unterkünften. Vor allem aber mit einer wohltuenden Gelassenheit, die in Erinnerung bleibt.
Trøndelag ist Norwegen im Kleinen. Schroffe Berge und weite Täler treffen in dieser Provinz auf Wälder, Flüsse und eine Küste, die tief von Fjorden durchzogen ist. Dazwischen liegen geschichtsträchtige Orte, traditionsreiche Höfe und eine Küche, die sich auf die Qualität regionaler Produkte besinnt. Diese Landschaft in Mittelnorwegen kann rau und fast ein wenig abweisend wirken, im nächsten Moment aber mit warmen Herbstfarben und einer ungemeinen Schönheit überraschen.
Mich zieht es vor allem hinaus in die Natur. Moschusochsen in freier Wildbahn zu beobachten, während man entspannt dahinwandert, hielt ich alleine schon für eine formidable Idee. Und so führt mich meine Reise nach Oppdal, eine kleine Gemeinde südlich von Trondheim, die von den Bergwelten des Dovrefjell und des Trollheimen umgeben ist. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Die Begegnung mit den urzeitlich anmutenden Tieren wird nur einer von mehreren Höhepunkten sein. Die Region Trøndelag in Norwegen hat allerdings noch einiges mehr zu bieten.
Ankommen in einer anderen Welt
Nach dem Flug lande ich in Trondheim. Die Stadt ist das Tor zu Trøndelag und zugleich ein guter Ausgangspunkt, um die landschaftliche und kulturelle Vielfalt der Region kennenzulernen. Für Reisende aus Deutschland ist die Region unkompliziert erreichbar: Lufthansa bietet zwischen Frühjahr und Oktober mehrmals wöchentlich Direktflüge von Frankfurt und München an. Lange halte ich mich hier heute allerdings nicht auf. Ich hole meine niederländische Kollegin Madelon ab, mit der ich die kommenden zwei Tage unterwegs sein werde. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg nach Oppdal. Die Fahrt auf der E6 – einer wichtigen Nord-Süd-Verbindung – führt uns aus dem städtischen Umfeld hinaus in eine Landschaft, die sich mit jedem Kilometer verändert. Die Bebauung wird spärlicher, die Berge rücken näher. Es ist Herbst, und die Vegetation leuchtet in unterschiedlichsten Farbtönen. Ich bin noch nicht lange hier, aber schon angetan.
Unser erstes gemeinsames Ziel ist Bjerkeløkkja, eine besondere Unterkunft in Oppdal. Das Ensemble verbindet historische Gebäude mit zeitgemäßem Komfort. Während das Äußere an vergangene Zeiten erinnert, sind die Innenräume modern, aber auch gemütlich. Neben Zimmern im Haupthaus gibt es kleinere Hütten und größere Häuser, einige davon mit Küche zur Selbstversorgung. Unser Haus zum Beispiel. Insgesamt stehen 35 Zimmer mit 71 Betten zur Verfügung. Dass es inzwischen nieselt, ist weniger erfreulich. Die Landschaft aber konserviert meine gute Laune.





Das Bjerkeløkkja-Ensemble: schön restaurierte norwegische Blockhütten und Stelzenhäuser. Foto: rope
Zwischen Grabhügeln und Schafen
Lange halten wir uns in Bjerkeløkkja nicht auf, denn die Toten warten schon. Konkret: Das wenige Kilometer westlich von Oppdal gelegene Gräberfeld von Vang – ein eindrucksvolles Zeugnis davon, dass die Historie Norwegens in Trøndelag allgegenwärtig ist. Auf dem Parkplatz oberhalb des Gräberfelds treffen wir Guide Anna, die uns durch diese Kulturlandschaft mit den sage und schreibe rund 900 Grabhügeln aus unterschiedlichen Epochen führen wird. Die meisten stammen aus der jüngeren Eisenzeit und der Wikingerzeit. Über Jahrhunderte wurden hier Menschen bestattet. Funde wie Waffen, Schwerter, Schmuck und kunstvolle Bronzegegenstände sind es, die heute von der damaligen Gesellschaft erzählen und Handelskontakte, die bis nach Irland und in andere Teile Europas reichten, belegen. Dass Anna uns als kultureller Kompass zur Seite steht, ist erfreulich. Doch prinzipiell helfen Tafeln all jenen, die auf eigene Faust unterwegs sind. Erfreulich ist auch, dass immer wieder mal eine kleine Schafherde an uns vorbeiläuft.
Das Bild der Wikingergesellschaft, das Anna für uns zeichnet, überrascht uns. Es ist differenzierter, als es die Vorstellung von kämpfenden Männern und ihren Familien vermuten lässt. Das zeigt sich auch an der Stellung der Frauen: Sie konnten Besitz erben, Höfe verwalten und Handel treiben. Unter bestimmten Voraussetzungen war sogar eine Scheidung möglich.





Anna (mit Hut), Madelon und ich in der wunderschönen und andächtigen Grabhügellandschaft von Wang. Fotos: rope
Ein Schlüsselereignis der norwegischen Geschichte jährt sich 2030 zum tausendsten Mal: die Schlacht von Stiklestad, in der König Olav Haraldsson am 29. Juli 1030 beim Versuch, seine Herrschaft über Norwegen zurückzugewinnen, den Tod fand. Dieser markierte einen Wendepunkt für die Reichsbildung und die Christianisierung des Landes. Olav wurde in der Folge als Heiliger verehrt. Trondheim entwickelte sich mit dem Nidarosdom, der über dem Grab des Königs errichtet wurde, zu einem bedeutenden Wallfahrtsort und zum nördlichsten Pilgerziel der Welt.
Das Nationaljubiläum 2030 wird übrigens unter dem Motto „Norwegen in tausend Jahren“ stehen und die Ereignisse von damals zum Anlass nehmen, über die Entstehung Norwegens und darüber nachzudenken, wie Geschichte die Gesellschaft bis heute prägt. Im nur rund 1,5 Stunden von Trondheim entfernten Stiklestad kann man heute das historische Schlachtfeld, den mittelalterlichen Bauernhof Stiklastadir, die Stiklestad-Kirche sowie das Nationale Kulturzentrum Stiklestad erkunden. Und damit tief in die Wikinger- und Mittelaltergeschichte Trøndelags eintauchen.
Schwarzes Schaf auf dem Teller
Abends geht es nach Oppdal, dem Hauptort der gleichnamigen, weitläufigen Gemeinde. Im Restaurant Det Sorte Får, zu Deutsch „Das schwarze Schaf“, erwartet uns eine Küche, die regionale Produkte mit modernen Zubereitungsmethoden verbindet. Zum Auftakt lasse ich mir karamellisierten französischen Ziegenkäse schmecken, der mit einer in Sherry pochierten Birne und einer aromatischen Feigen-Rotwein-Konfitüre harmoniert. Als Hauptgang folgt ein Lammsteak, begleitet von samtigem Knoblauch-Kartoffelpüree, knackigem Gemüse und einer vollmundigen Rotweinsauce. Norwegen bekommt mir sehr gut – und auch Madelon strahlt Zufriedenheit aus.
Dass wir in Trøndelag so gut essen, überrascht uns spätestens dann nicht mehr, als wir erfahren, welchen Stellenwert die Kulinarik in der Region genießt. Mehr als 200 lokale Lebensmittelproduzenten prägen die gastronomische Landschaft, und 2022 wurden Trondheim und Trøndelag zudem als Europäische Region der Gastronomie ausgezeichnet. Ein Selbstverständnis, das sich offenbar auch auf unseren Tellern widerspiegelt. Den Abend lassen Madelon und ich in unserem gemeinsamen Wohnzimmer in Bjerkeløkkja bei einem Leichtbier ausklingen. Leichtbier? Tatsächlich: In norwegischen Supermärkten darf sonntags nur Bier mit geringerem Alkoholgehalt verkauft werden. Schwere Gedanken machen wir uns wegen des leichten Biers keine.
Auf Ochsentour im Nationalpark
Nach einem formidablen Frühstück verlassen wir am nächsten Tag Bjerkeløkkja, um uns zum Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark aufzumachen. Hier leben Moschusochsen, die in Norwegen nur in dieser Region in freier Wildbahn vorkommen. Die Tiere stammen ursprünglich aus Grönland und wurden im 20. Jahrhundert in Norwegen angesiedelt. Mit Hannes, einem deutschen Guide, der in der Region studiert und arbeitet, brechen wir vom schnuckeligen Bahnhof Kongsvoll Stasjon per pedes zur Safari auf. Er kennt das Gebiet und weiß, worauf es bei der Suche nach den Tieren ankommt. Eine Garantie für eine Begegnung gibt es natürlich nicht. Die Chancen stünden allerdings gut, meint der junge Guide.

Hannes scannt in einer Tour die Umgebung. Fotos: rope
Was mich zunächst im Hochgebirgsplateau Dovrefjell beeindruckt, sind die Bodenflechten, Moose und Zwergsträucher, die das Landschaftsbild prägen, sich als ungemein schöner bunter Teppich präsentieren und mich ständig an einen Johannisbeerkuchen mit Schneehaube erinnern. Apropos Schnee: Diese Flechtenteppiche erfüllen eine lebenswichtige Rolle im Ökosystem des Nationalparks und dienen den eiszeitlichen Moschusochsen und den hier ebenso lebenden Rentieren als Hauptnahrungsquelle – besonders im Winter, wenn die Tiere sie unter der Schneedecke ausgraben. Dann die ersten arktischen Riesen. Hannes hat sie mit seinem Feldstecher erspäht. Wir sehen eine Gruppe von ungefähr zehn Tieren in einem sumpfigen Gelände. Sie sind weit entfernt, doch schon aus dieser Distanz imposant. Moschusochsen können mehrere Hundert Kilogramm wiegen, haben ein dichtes, langes Fell und wirken mit ihren kräftigen Körpern, den kurzen Beinen und den gebogenen Hörnern wie Relikte aus einer anderen Zeit. Wir nähern uns vorsichtig. Die Kolosse wirken zwar gelassen, können aber gefährlich werden, wenn sie sich bedroht fühlen.






Das Dovrefjell-Sunndalsfjella-Nationalpark ist extrem kontrastreich. Sein Boden ebenso. Fotos: rope
Anders als viele Wildtiere ergreifen Moschusochsen bei Gefahr nämlich nicht die Flucht, sondern stellen sich ihr. Fühlen sie sich echt bedrängt, senken sie den Kopf und können zum Angriff übergehen, was uns relativ ungelegen käme. Daher halten wir den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von mindestens 200 Metern ein und lassen die zottelige Truppe durchs Teleskop ganz nah an uns heranrücken. Die einen liegen entspannt am Boden, andere grasen, und ein Männchen dürfte uns gerade bemerkt haben, konstatiert Hannes. Sorgen müssten wir uns aber keine machen. Die Moschusochsensafari erweist sich als spannender Ausflug in die Natur des Dovrefjell. Dass wir später nach einem Päuschen, in dem Hannes Kaffee und Tee sowie norwegische Zimtschnecken auspackt, noch eine zweite Herde entdecken, macht ihn perfekt.




Und natürlich die Hauptdarsteller der Expedition: die Moschusochsen, deretwegen wir ja hier waren. Fotos: Oppdal Safari
Herbstfarben statt Gipfelsturm
Nach der Begegnung mit den urtümlichen Paarhufern gilt unsere Aufmerksamkeit wieder der Landschaft. Auf der Rückfahrt nach Oppdal nehmen wir dafür gerne einen kleinen Umweg in Kauf: In einem Seitental tauchen Sträucher und Bäume das herbstliche Gelände in leuchtende Gelb-, Orange- und Rottöne, die in der Sonne erst so richtig zur Geltung kommen. Immer wieder ziehen auch Felsformationen und kleine Seen an uns vorbei. An einem idyllischen dieser Gewässer machen wir kurz Halt, um zehn Minuten über einen weiteren Johannisbeerkuchen mit Schneehaube zu spazieren. Es sind keine spektakulären Sehenswürdigkeiten. Vielmehr sind es die kleinen, beinahe beiläufigen Entdeckungen, die diese Fahrt zurück ausmachen. Immer wieder gibt es Motive, bei denen wir anhalten möchten. Das Dovrefjell ist generell ein Gebiet für Outdoor-Aficionados. Hier gibt es zahlreiche Wanderwege, aber auch Rad-Enthusiasten kommen auf ihre Kosten.



Wie schön kann Landschaft eigentlich sein? Und in Norwegen gibt es viel Landschaft. Fotos: rope
Abends essen wir im Turisthotell Oppdal, das seit 1924 Gäste empfängt und zu den traditionsreichsten Häusern des Ortes zählt. Im Erdgeschoß des schönen Hotels, dessen Namensgebung einst eher pragmatisch ausgefallen ist, befindet sich das Restaurant Perrongen. Bekannt ist es unter anderem für sein Skifer-Steak, das auf einem heißen Schieferstein direkt am Tisch zubereitet wird. Hier treffen wir Guide Andreas, mit dem ich am nächsten Tag zu einer Canyoning-Tour aufbrechen soll. Als er mir beim Abendessen erzählt, dass dabei Sprünge von hohen Felsen ins Wasser ebenso dazugehören wie eine nahezu senkrechte Felsrutsche aus zehn Metern Höhe, bekommt meine Begeisterung erste Risse. Oder anders: Mir geht ordentlich die Muffe. Andreas aber versteht es, mir die Bedenken zu nehmen – und so mache ich keinen Rückzieher.
Mutprobe in der Schlucht
Nach dem Auschecken also das nächste Abenteuer: Canyoning. Unser Ziel ist das Festajuv – eine malerische Schlucht nahe Oppdal. Ich bin nervös. Vor Beginn erhalte ich die notwendige Sicherheitsausrüstung und eine Einweisung. Andreas erklärt mir beim kurzen Abstieg zur Schlucht, wie ich mich im Wasser und auf den Felsen verhalten soll. Dann stellt er die entscheidende Frage: Will ich die größte Herausforderung gleich zu Beginn hinter mich bringen oder den natürlichen Zehn-Meter-Slide die beinahe senkrechte Felswand hinunter ins sieben Grad kalte Wasser lieber bis zum Ende aufschieben? Ich entscheide mich für die erste Variante. Ist die größte Mutprobe erst einmal geschafft, kann ich die hohen Sprünge, Kletter- und Abseilpassagen sowie die Via Ferrata am Ende der Tour vielleicht sogar richtig genießen.
Oben auf der Felswand schnellt mein Puls in die Höhe. Ich bin kein Draufgänger, Höhenangst ist mir nicht fremd. Andreas redet ruhig auf mich ein und macht mir erneut Mut. Zehn Meter tiefer wartet das Wasser, dazwischen die senkrechte, glatt geschliffene Rinne. Ein kurzes Zögern, ein Blick zu Madelon, die drüben mit der Kamera bereitsteht – und schon geht’s abwärts. Die Felswand wird zur Rutschbahn, das eiskalte Wasser verschluckt mich. Als ich wieder auftauche, bin ich euphorisch. Nur meine Hände, da bin ich mir sicher, werden mir wegen der Wassertemperatur in Kürze abfallen.



Zehn Meter Rutschpartie, eiskaltes Wasser und vermutlich abfallende Hände. Was folgte, war Euphorie. Fotos: Nature Travel Lab
Nach dem Rutschvergnügen geht es tiefer in die Schlucht, vorbei an glatt geschliffenen Felsen und natürlichen Wasserbecken. Wir waten durch den Fluss, klettern über Felsstufen und stürzen uns zweimal aus rund sieben Metern Höhe ins Wasser. Schließlich seilen wir uns an der engsten Stelle der Schlucht ab. Trittsicherheit ist gefragt, doch gerade der ständige Wechsel zwischen Rutschen, Springen, Klettern und Abseilen macht den Reiz der Tour aus.
Dann wartet noch die Via Ferrata: ein gesicherter Klettersteig entlang der Felswand. Das Stahlseil gibt Halt, der Blick in die Tiefe raubt ihn mir fast wieder. Zweimal bitte ich Andreas, möglichst nahe bei mir zu bleiben. Er muss allerdings voraussteigen, damit ich mich an seinen Trittbügeln orientieren kann. Einleuchtend, aber wenig beruhigend. Also konzentriere ich mich auf den nächsten Griff, den nächsten Tritt und blende den Abgrund aus. Als wir es geschafft haben, bin ich glücklich und stolz. Und Andreas freut sich sichtlich mit mir.


Der Klettersteig ist ob des Begleitschutzes auch für einen Höhenängstlichen zu meistern. Fotos: Andreas
Nach dem Canyoning heißt es leider Abschied nehmen: Madelon muss zurück in die Niederlande, während ich meine Reise durch Trøndelag allein fortsetze. Nach den Adrenalinschüben der vergangenen Stunden freue ich mich auf einen ruhigeren Nachmittag im Gjevilvassdalen, einem geschützten Tal im Trollheimen, das mit üppiger Vegetation, traditionellen Almen und einer eindrucksvollen Bergkulisse aufwartet.
Bergsee mit Strandfeeling
Mein Ziel ist Gjevilvatnet, ein klarer Bergsee, an dessen Ufer sich mit Rauøra ein überraschend weitläufiger Sandstrand erstreckt. Weißer Sand, rostrot schimmernde Steine, Birken und das von Bergen eingerahmte Wasser verleihen der Szenerie fast mediterranes Flair – wäre da nicht die frische Bergluft, die daran erinnert, dass wir mitten in Norwegen sind. An warmen Sommertagen kommen Einheimische hierher, um zu baden und einfach nur abzuhängen. Nach den Abenteuern der vergangenen Tage lasse ich hier die Landschaft auf mich wirken. Im nahen Wäldchen flanieren Schafe zwischen den Bäumen. Echte Postkartenidylle.
Gleich bei Rauøra liegt die Gjevilvasshytta, eine der ältesten und schönsten bewirtschafteten Berghütten Norwegens. Das Hauptgebäude stammt aus dem Jahr 1819, Teile des verbauten Holzes reichen sogar bis ins Jahr 1739 zurück. Die Hütte ist Ausgangspunkt für Wanderungen ins Trollheimen und verbindet auf angenehme Weise alpine Schlichtheit mit einer langen Geschichte. Ich wollte sie mir unbedingt ansehen und sitze dort mit Gastgeberin Helga Bjerke Drøyli bei heißem Kaffee und großartigen Waffeln für ein Stündchen am Kaminfeuer zusammen. Ihr Haus ist der Mittelpunkt des „Trekanten“ – einer der beliebtesten Hüttenwanderungen Norwegens – und wurde 2020 zur schönsten bemannten Hütte des norwegischen Wander- und Tourismusvereins gekürt.






Gjevilvatnet mit dem Sandstrand, der Gjevilvasshytta und Helga Bjerke Drøyli – norwegische Postkartenidylle. Fotos: rope
Eine Nacht im alten Kraftwerk
Danach wartet eine Unterkunft, die einen Kontrapunkt zur stillen Berglandschaft setzt: das ehemalige Festa Kraftverk am Fluss Driva. Das Kraftwerk ging 1951 in Betrieb und versorgte Oppdal gut zwei Jahrzehnte lang mit Strom, ehe es 1973 wieder stillgelegt wurde. Mehr als 50 Jahre stand das Gebäude leer, bevor es zu neuem Leben erweckt wurde. Heute ist der industrielle Charakter des Ortes erhalten geblieben; die ehemalige Maschinenhalle dient als Gemeinschaftsraum, während ungewöhnliche Übernachtungsmöglichkeiten wie Glamping-Zelte und kleine Unterkünfte das Areal ergänzen.
Ich verbringe die Nacht in einem Glamping-Zelt direkt am Fluss. Die Kombination aus rauer Natur, Industriearchitektur und fancy Unterkünften hat ihren eigenen Reiz. Wo einst Maschinen liefen und Strom erzeugt wurde, ist heute Platz für Begegnungen und kreative Projekte. Ein wahrlich eigenwilliger Ort und passender Abschluss meiner Zeit rund um Oppdal.






Wo einst Strom erzeugt wurde, gibt es heute fancy Übernachtungserlebnisse und Events. Fotos: rope
Zurück zum Start
Am nächsten Morgen mache ich mich wieder auf den Weg nach Trondheim. Die empfohlene Route führt über Nerskogen und durchs Orkdal, vorbei an stillen Bergseen, sanften Hügeln, bewaldeten Hängen und vereinzelten Höfen, die sich in die Landschaft schmiegen. Immer wieder öffnet sich der Blick auf die Berge, ehe die Straße ins Tal hinabführt und sich entlang der Orkla durch Wiesen, Wälder und kleine Ortschaften schlängelt. Ich genieße diese wunderbar unaufgeregte Fahrt. Verkehr? Im Grunde keiner! Obwohl es ein ganz normaler Arbeitstag ist, begegnen mir innerhalb einer Stunde gerade einmal drei Autos. Erst allmählich wird die Besiedlung dichter. In Trondheim hat mich die Zivilisation schließlich endgültig wieder.
Ich checke im Radisson Blu Royal Garden ein und erkunde die Stadt auf eigene Faust. Sie ist Heimat der Trønder – der herzlichen Einheimischen – und vereint uralte Wikingergeschichte und junges, kreatives Stadtleben. Nach den Tagen in der Natur fremdle ich zunächst ein wenig mit dem Urbanen. Doch das hält nicht lange an: Trondheims bunte historische Holzhäuser, kopfsteingepflasterte Gassen und lebendige Cafékultur wickeln mich schnell um den Finger. Einen besonderen Charme versprüht das Viertel Bakklandet, wo sich hinter der alten Stadtbrücke Gamle Bybro kleine Geschäfte und Cafés in farbenfrohen Häusern angesiedelt haben. Von der Brücke aus bietet sich zudem ein schöner Blick auf die historischen Speicherhäuser entlang der Nidelva, Trondheims Fluss.






Trondheim seinem historischen Stadtbild, dem Nidarosdom und der markanten Kristiansten Festning über der Stadt. Fotos: rope
Norwegen ohne Eile
Mein Fazit? Trøndelag hat mich ungemein überrascht. Mit dieser Mischung aus Bergwelt, einsamen Straßen, spannenden Naturerlebnissen und einer Kulinarik, die weit über Fisch und Lachs hinausgeht. Ob Moschusochsen im Dovrefjell, Canyoning in einer tiefen Schlucht, eine Nacht im umgebauten Kraftwerk oder ein Bummel durch die Universitätsstadt – die Region zeigt wirklich viele unterschiedliche Facetten. Und vor allem diese wohltuende Ruhe. Drei Autos in einer Stunde? Mehr muss man gar nicht sagen.



