Der Archipel La Maddalena – im Paradies aus Felsen, Sand und Meer

Der Mann sitzt auf dem Boden vor einer Kiefer. Er ist wohl schon jenseits der 60. Er trägt ein dunkles Jacket, eine dunkle Hose, abgetragene Schuhe, die Beine sind ausgestreckt. Vor ihm liegt der Hafen Cala Garibaldi auf der Insel La Caprera. Diese gehört zum Archipel di Maddalena, der ein Naturschutzgebiet ist und zur italienischen Insel Sardinien gehört. Wer hier eine Rundfahrt macht, wie wir es taten, bewegt sich in der Nähe zum französischen Korsika, das man oft zwischen den Insel des Archipels aufscheinen sieht. Seine Berge sind höher.

Overtourism

Der Mann flucht. Nicht alles ist verständlich. “Mille barche, mille navi” und immer wieder “Giorgia Meloni.” Ich denke, der Mann wirft ihr vor, an der Flut der Boote und Schiffe hier im Naturschutzgebiet schuld zu sein. Ich würde es gerne genauer wissen und bewege mich auf den Mann zu. Doch oberhalb der Kiefer befindet sich eine verwahrloste Anlage, ein lost place im Paradies, und von dort löst sich ein Polizist, der bislang darauf geachtet hat, dass dieser verlorene Platz nicht betreten wrid und geht auf den Mann zu. Da verzichte ich lieber auf eine Annäherung und die Beantwortung meiner Fragen. Und beschäftige mich lieber mit der aufgegebenen Anlage. Denn es klingt absurd: Während der Mann offensichtlich den Overtourism laustark beklagt, so nennt man es, wenn eine Flut von Touristen das natürliche Gefüge eines Ortes aus der Bahn wirft, ist der Club Med auf Caprera, um diesen handelt es sich bei dem lost place, ein Beispiel dafür, wie erfolgreich die Auslieferung einer Insel an die touristische Kommerzialisierung verhindert werden konnte. Der Overtourism im La Maddalena Archipel hat besonders Folgen für das Ökosystem vor Ort. Es geht um den Schutz der Posidonia Oceanica sowie generell der Meeresfauna und -flora, außerdem der Nistgebiete der Seevögel in einem der schönsten Naturräume des Mittelmeers. Die Posidonia an Sardiniens Stränden wird aus Unwissenheit als Alge denunziert und sich auftürmende, verrottende Matten am Strand werden als gesundheitsschädlich verschrien. Dabei ist genau das Gegenteil wahr. Die Posidonia Oceanica kommt ausschließlich im Mittelmeer vor und ist darin die vielleicht wichtigste Pflanze für die Gesundheit und die Artenvielfalt des Meeres. Sie bildet große Wiesen und Felder, die zu den artenreichsten Lebensräumen des Meeres zählen und unverzichtbar für das ökologische Gleichgewicht und die Meeresgesundheit sind.


Club Med

Der Club Med entstand dort bereits 1954, also in einer Zeit, als Sardinien touristisch noch weitgehend unerschlossen war. Das ursprüngliche Konzept war ungewöhnlich: kein klassisches Hotel, sondern ein Ferienlager aus kleinen, einfachen Hütten – den sogenannten „tucul“, mit runden Strohdächern. Es war eines der frühen „Villages magiques“ des Club Méditerranée. Bald wurde der Club zu einem Symbol des neuen, internationalen Massentourismus der 1950er und 1960er Jahre – allerdings in einer speziellen Form: Sonne, Meer, Sport, Gemeinschaft und möglichst wenig Konventionen. Das Feriendorf besaß rund 450 dieser kleinen Unterkünfte. Bis 2005 fanden dort noch Veranstaltungen, Feste und Themenabende statt. Dann der Fehler, und der Fehler hatte einen Namen: Geld-Gier. 2006 wurde der Club geschlossen, weil der Club Med aus dem alten Feriendorf ein Luxusresort mit Fünf-Sterne-Standard machen wollte. Eine Wiederholung der Costa Smeralda ein paar Kilometer weiter im Archipel.
Doch man unterschätzte das Beharren der sardischen Verwaltung auf Umwelt-, Landschafts- und Denkmalschutzauflagen. Caprera liegt schließlich innerhalb des Nationalparks und ist ökologisch sensibel. Was vielleicht an einer anderen Stelle des Stiefels geklappt hätte, rechtliche Beschränkungen mit Füßen zu treten, misslang bei den selbstbewussten Sarden. Das Ergebnis: Der Club Med schloss beleidigt das funktionierende Feriendorf. Das Luxusresort wurde nie realisiert. 2013/14 gab Club Med schließlich die Anlage an die Region Sardinien zurück. Seitdem verfällt es, die Polizei verhindert unbefugtes Betreten. Die rund 450 kleinen, strohgedeckten Unterkünfte, das Restaurant, Küchengebäude, Bars, Veranstaltungsbereich, ein Amphitheater warten … Auf was eigentlich? Dass jemand vor einem Baum sitzt und den Overtourism beklagt? Oder dass die Reichen doch mit ihren Booten Caprera und die Cala Garibaldi erobern? Die Region ist inzwischen Eigentümerin der etwa sechs Hektar großen Fläche; 2024 war von einem möglichen internationalen Ausschreibungsverfahren die Rede.


Harmonie durch Regeln

Der Archipel La Maddalena ist ein Beispiel dafür, dass Tourismus und Umweltschutz miteinander harmonieren können, wenn es Regeln gibt, und deren Befolgung durchgesetzt wird. Es liegt unmittelbar vor der Nordostküste Sardiniens, in der Straße von Bonifacio zwischen Sardinien und Korsika. Er besteht aus sieben größeren Inseln – La Maddalena, Caprera, Santo Stefano, Spargi, Budelli, Santa Maria und Razzoli – sowie zahlreichen kleineren Inseln und Felsen. Wir waren mit einem Gommone, einem Schlauchboot mit Außenbordmotor unterwegs und haben erlebt, wie einer chinesischen Reisegruppe nachhaltig bedeutet wurde, dass Fischen untersagt ist. Die wollten wohl partout nicht glauben, dass sie sich nicht in philippinischen Gewässern befanden. Viele Strände dürfen nicht betreten werden, man kann ja auch vom Boot aus schwimmen, in glasklarem Wasser und inmitten unzähliger Fischschwärme, die sich durch eine Taucherbrille wunderbar betrachten lassen.

Die Spiaggia Rosa


Wir starteten unsere Tour in der Nähe von Palau. Sie führte uns westlich von La Maddalena zur Isola Spargi, weiter zur Isola Budelli und zur Spiaggia Rosa. Hier sind die Regeln krass: Betreten des Strandes verboten, Anlanden verboten, Baden vor dem Strand verboten, Ankern und Aufenthalt von Booten im geschützten Bereich verboten.
Der Schutz macht Sinn, jahrlang wurde hier in der Cala di Roto im Südosten der Insel Sand entwendet. Dieser hat eine hellrosa Farbe, die umliegenden Gewässer sind smaragdgrün. Der Strand ist nur vom Meer aus zugänglich und kann nur mit autorisierten Führern des Parks besucht werden. Seit 1998 ist der Strand streng geschützt (Zone A, tutela integrale). Der Einsiedler von Budelli, Mauro Morandi, passte auf. Er lebte 32 Jahre lang allein auf der Insel als selbsternannter Wächter der Spiaggia Rosa. Er kam 1989 zufällig dorthin, sein Boot hatte eine Panne – und er blieb. Erst 2021 musste er die Insel verlassen, nachdem der Nationalpark ihn zum Gehen aufforderte. Die Spiaggia Rosa ist einer der bekanntesten Strände der Welt. Seine Berühmtheit ist nicht nur auf seine Schönheit zurückzuführen, sondern auch auf den Film „Deserto Rosso” von Michelangelo Antonioni. Einige Szenen wurden 1964 am Ufer von Budelli gedreht (mit Erlaubnis).
Die rosa Farbe hat einen faszinierenden Grund: Sie stammt vom Zerfall der Miniacina miniacea – einem rosa Mikroorganismus der von den Strömungen an Land gespült wird. Korallenfragmente, Muscheln und Granitpartikel mischen sich dazu – das Ergebnis ist dieser unwirkliche Rosaton.
Und die Strafen für unerlaubte “Landnahme” sind real. Eine brasilianische Influencerin betrat den Strand, postete Videos auf Instagram – und bekam einen Bußgeldbescheid über 1.800 Euro zugestellt, der ihr in Dubai überreicht wurde. Die Küstenwache des Archipels nimmt das Erbe von Mauro Morandi ernst. Überwachungskameras helfen dabei.


Ins Meer springen, wo man will

Unsere nächste Station war Porto Massimo auf La Maddalena, hier ankerten die von unserem Freund so beklagten Yachten der Reichen. Die Insel ist bewohnt von etwa 10 000 Menschen. Mit der Fähre gelangen auch Autos in die Hauptstadt gleichen Namens, ein bezauberndes Städtchen mit Bars, Ristoranti, lauschigen Plätzen, engen Gassen und Geschäften ohne Ende. Das hat Porto Massimo nicht zu bieten, und wir fuhren weiter nach Cala Garibaldi auf Caprera, dann zur Isola Santo Stefano und zurück nach Palau. Wir haben für das Gommone, Sprit extra, 420 Euro bezahlt. Es gibt natürlich auch Touren auf Motor- und Segelbooten, die preiswerter sind. Aber dann kann man nicht ins Meer springen, wann und wo man will, wenn man schon nicht überall an Land darf. Die Beschränkungen sind jeweils deutlich markiert.

Der Sieg des Domenico Millelire


Was man wegen der Fülle an Eindrucken der Natur fast übersieht: Es gibt auf dem Archipel noch einige spannende Geschichten abseits der Strände. Zuvorderst natürlich Giuseppe Garibaldi, geboren in Nizza, Söldner in Lateinamerika, Pirat vor Montevideo, dann Italiens Nationalheld,, Vaterfigur bei der Einigung. Garibaldi lebte ab 1854 bis zu seinem Tod 1882 in Caprera. Sein Anwesen ist heute ein Museum. 60 Jahre früher wollte Napoleon Bonaparte das Archipel für die junge französische Republik erobern , biss sich aber an einem heute fast völlig unbekanntem Seemann aus Maddalena die Zähne aus, Domenico Millelire. er führte 1793 seine Mitbürger in eine Schlacht, die man gegen die Franzosen gewann. Er kommandierte eine kleine Armee aus unzähligen sardischen Booten und Kähnen, die sich spontan gebildet hatte. Die Franzosen waren gezwungen, nach Korsika zu fliehen. Napoleon sollte trotz der Niederlage seinen Aufstieg zum Kaiser Frankreichs beginnen, während Millelire mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde. Eine Büste in La Maddalena und einige Straßennamen in Italien sowie der Name eines U-Bootes aus dem Jahr 1928 und der Name des 2024 vom Stapel gelaufenen Patrouillenschiffs der Marine erinnern an seine Heldentat. In den Geschichtsbüchern aber wurde die kühne und erfolgreiche Aktion von Domenico Millelire, dem Sarden, der Napoleon aufhielt, vernachlässigt. Später nutzte Nelson la Maddalena während der Napoleonischen Kriege als Flottenbasis, dann Italien. Heute vielleicht noch ein Schmuggler.
Aber warum rief unser Freund am Baum lautstark nach Georgia Meloni? Wir dachten zunächst, er wollte an ihre politische Verantwortung gegen Overtourism erinnern. Aber inzwischen wissen wir, er hoffte wohl, sie selbst würde ihn hören, wenn er nur laut genug brüllte. Die italienische Ministerpräsidentin machte auf La Maddalena Urlaub. Das Ergebnis blieb offen.

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

Dieser Beitrag enthält möglicherweise Inhalte, die im Rahmen einer bezahlten Kooperation mit Marken, Hotels oder Partnern entstanden sind.

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