Leipzig, das Bachfest und der Wille zum Dialog

Mehr als 3000 Menschen erlebten in der Galgenbergschlucht von Halle, Bridges, den Brückenschlag von Friedrich Händels Barockmusik in die Gegenwart, zu Pop und Jazz. Alle waren begeistert, akzeptierten mit Jubel die Wandlungsfähigkeit der Musik eines ihrer größen Söhne.
Ähnliches erlebten ein paar S-Bahnstationen entfernt die Leipziger auf ihrem Marktplatz. Während des Bachfests, vom 12. bis 22. Juni, verwandelte er sich am Wochenende, vom 12. bis 14. Juni 2026, in eine große Open-Air-Bühne. Und er war ähnlich voll wie die Galgenbergschlucht. “BachStage” bot Konzerte, Crossover-Projekten und Überraschungen zwischen Klassik, Jazz und modernen Bach-Interpretationen. Und wie die Hallenser waren die Leipziger vor der Kulisse des Alten Rathauses begeistert. Und Begeisterung begleitete das Bachfest vom Anfang bis zur bewegenden Aufführung von Bachs Messe in h-Moll – musiziert von der Akademie für Alte Musik Berlin und dem Thomanerchor Leipzig unter der Leitung von Thomaskantor Andreas Reize. Mit ihr ging in der ausverkauften Leipziger Thomaskirche am 21. Juni 2026 das Bachfest Leipzig zu Ende. Für alle Veranstaltungen lag die Auslastung bei über 90 Prozent, die experimentellen Formate waren sogar ausverkauft.
Das Bachfest Leipzig 2026 stand unter dem Motto »Im Dialog« und setzte mit zwei Schwerpunkten besondere Akzente. Für weltweite Aufmerksamkeit sorgte der Zyklus »TOP 50 Bach-Kantaten«, der das Herz des Festivals bildete. Mehr als 8.000 Bach-Begeisterte aus aller Welt hatten über ihre Lieblingswerke abgestimmt. Die daraus entstandene erste Bach-Kantaten-Hitparade wurde in zwölf Konzerten von Platz 50 bis Platz 1 präsentiert und vereinte führende Ensembles und Dirigenten der internationalen Bach-Szene in den Leipziger Bach-Kirchen.

Freude über das Rekord-Bach-Fest
Einen weiteren Höhepunkt bildeten drei Konzerte mit dem Pianisten Sir András Schiff, der anlässlich des 300-jährigen Jubiläums des ersten Teils der »Clavier-Übung« zentrale Werke aus Bachs Klavierkosmos sowie die »Kunst der Fuge« interpretierte. Als »Artist in Residence« eröffnete Mahan Esfahani mit Aufführungen auf historischen Tasteninstrumenten neue Zugänge zu Bachs Klangwelt und würdigte mit seiner »Clavichord-Nacht« im Bach-Museum Leipzig Johann Sebastian Bachs Tastenwerk durch eine Vermittlung historischer Klangwelten.
Am Abend des 21. Juni war es geschafft, und Intendant Michael Maul hatte Grund genug, sich gemeinsam mit seinem Team über ein mehrfaches Rekord-Bachfest zu freuen: “Die Resonanz auf das diesjährige Bachfest hat auch meine kühnsten Erwartungen übertroffen. In den über 200 Veranstaltungen sah ich tausende leuchtende, oft mit Freudentränen benetzte Augen. Daniel Kehlmann sagte mir nach dem finalen Konzert der Kantaten-Hitparade in der Nikolaikirche: Das war, glaube ich, das schönste und bewegendste Konzerterlebnis meines Lebens – ein Eindruck, der sich im frenetischen Applaus des Publikums mehrfach widerspiegelte. Das Festivalmotto ist aus meiner Sicht vollkommen aufgegangen. Dialoge allenthalben: auf der Bühne, musiziert oder gesprochen, im Publikum, zwischen Mitwirkenden und Gästen, über Sprachbarrieren, kulturelle und Genre-Grenzen hinweg. Über 35 Prozent mehr verkaufte Tickets als jemals zuvor bei unseren eigenen Veranstaltungen, noch dazu in mindestens 56 Nationen – und dies für ein Festival, in dessen Mittelpunkt immer die Musik eines Menschen steht, der sie vor 300 Jahren hier in Leipzig weitgehend als Gebrauchsmusik für Kirche und Kaffeehaus zu Papier brachte – das ist schon eine Ansage! Bachs 27 Jahre in Leipzig sind ein Geschenk an die Stadt, das – konsequent ausgespielt, das heißt mit klarem inhaltlichen Fokus, Anspruch, Vielfalt, Kreativität und ein bisschen Größenwahn – von unermesslichem Wert ist und immer ein riesiges touristisches Potential haben wird. Wohl dem, dass wir Bach haben!«

Eine Musikstadt, die jung bleibt
Leipzig als Ort des Austauschs, der Inspiration und des gemeinsamen Erlebens. Was macht das mit Leipzig, einer Stadt, die vor allem durch ihre Messe bekannt ist? Es macht Leipzig zu einer Musikstadt, die mit der Zeit mitgeht und jung bleibt. Nicht nur auf dem Markt, auch bei den 50 Kantaten und bei “Schiff spielt Bach” spürte der Besucher, wie sehr diese Stadt durch ihre Musikgeschichte geprägt wurde. “Im Dialog” hieß das diesjährige Motto. Miteinander reden, dass verhindert das Versinken im Musealen, das schafft ein Selbstverständnis. Wenn man in der Thomaskirche eine Motette des Thomanerchor hört, ist Bach aktuell, er ist greifbar. Es sind auch nicht nur Johanne Sebastian Bach und sein Fest. Bach ist dauernd spürbar, in den Kirchen, im Gewandhaus, auf dem Markt. Bach wirkte von 1723 bis zu seinem Tod als Thomaskantor in Leipzig. Das Bach-Museum Leipzig macht dieses Erbe bis heute sichtbar. Daneben wirkten auch andere Genies wie Felix Mendelssohn und Richard Wagner in der Stadt.
Als Identität von Leipzig ist tatsächlich das musikalischen Erbe von Johann Sebastian Bach zu verorten – aber sie geht weit darüber hinaus. In seinen Kirchen überlebte Bürgergeist und Freiheitswille. Ob ohne sie die friedlichen Revolution von 1989 die Kraft gefunden hätte, über Zwang und Menschenfeindlichkeit zu triumphieren? Die Montagsdemonstrationen rund um die Nikolaikirche machten Leipzig zu einem Ausgangspunkt den für demokratischen Wandel in der DDR. Er gelang durch Dialog und somit ohne Tote.

Ohne miteinander zu reden, funktioniert es nicht
Dann Leipzig als Handels- und Messestadt. Beides funktioniert nicht, wenn man nicht miteinander redet. Das gilt ebenso für die Bereiche Bildung und Forschung.
Die Partner des Dialogs haben sich geändert, wieder einmal. Heute sind es gesellschaftliche Gruppen in einer modernen, deutschen Großstadt. Wer sich im Fernsehen die Krimis anschaut, die In Leipzig spielen, Tatort, Soko, Polizeiruf und andere bekommt einen Eindruck davon. Er sieht eine wachsende Großstadt mit historischen Wurzeln, kreativer Szene, sozialen Gegensätzen und ostdeutschen und sächsischen Traditionen. Er sieht einen der Teil der öffentlichen Wahrnehmung, aber nicht Leipzigs DNA. Das ist die Verbindung aus Musiktradition, Bürgerengagement und Handelsgeschichte. Sie erzählt mehr über Leipzig als jeder Krimi.
Utopien kommen hinzu, wenn man so will als Jungbrunnen. Etwa die Neu-Erfindungen von Leipzig‑Grünau. A us einem Plattenbau wurde eine nachgefragte Siedlung. Die Ausstellung “50 Jahre Leipzig-Grünau” erzählt die Geschichte”. Ab 21. Mai 2026 im Komm‑Haus mit Fotos von Harald Kirschner. Seine Schwarz‑Weiß‑Bilder dokumentieren Aufbau und Wandel der “betongewordenen Utopie” – wie Menschen “Schlammhausen” in Gummistiefeln eroberten, Kinder die Großbaustelle zum Abenteuerspielplatz machten und Grünau zum Lebensmittelpunkt wurde für Menschen aus allen Himmelrichtungen und sozialen Schichten, die den Mut hatten, miteinander zu reden, anstatt sich gegenseitig den Müll vor die Haustür zu legen.
Ein neues Element in Leipzigs DNA ist das Leipziger Neuseenland. Wo früher Braunkohle abgebaut wurde ist jetzt ein faszinierender Mix aus Wasser und Kultur, Action und Entspannung entstanden. Und die Leipziger haben die Verbindung ihrer Stadt mit den umliegenden neu entstandenen Seen angenommen.


Mit 5 Euro dabei

Und natürlich sind die Bachfestspiele dabei. Mit dem Johann-Sebastian-Bach-Wald. Das Umweltprojekt „Ein Wald für Bach“ soll den CO₂-Fußabdruck des Festivals ausgleichen. Nahe des Störmthaler Sees entsteht ein neuer Mischwald. Mit dem Kauf eines Klima-Passes können Besucher aktiv helfen. Bereits mit einem Betrag von 5 € kann ein Setzling gepflanzt und für drei Jahre gepflegt werden. Der Klima-Pass berechtigt zudem dazu, bis zu zwei Festivaltickets mit einem Rabatt von 15 Prozent zu erwerben.
Gefragt, was das Publikum aus diesem Bachfest 2026 mitnehmen soll, sagte der Intendant Prof. Michael Maul im “Dialog”, der hauseigenen Zeitschrift: “Nun, dass sich wieder das Gefühl einstellt: Unser Festival ist schlichtweg die schönste, internationalste Bach-Selbsthilfegruppe der Welt. Und außerdem: Die Erkenntnis, dass Bachs Musik mehr ist als bloße Kunst – sie ist auch ein Modell für ein gutes Miteinander. Zumal in einer Zeit, in der uns auf so vielen Feldern die Fähigkeit und der Wille zum Dialog verloren zu gehen scheint, wir die gemeinsame Basis nicht mehr finden (wollen). Bach zeigt uns, wie ein gutes Gespräch funktionieren kann. Es besteht nicht darin, dass eine Stimme die andere übertönt, ignoriert oder zum Schweigen bringt. Vielmehr braucht es das gegenseitige Zuhören und den konstruktiven Austausch , um zu echter Harmonie zu gelangen.”


Leipzig hat seinen Bach verstanden.

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

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