Klausen: Genussparcour durchs Künstlerstädtchen

Einmal im Jahr feiert das mittelalterliche Klausen im Südtiroler Eisacktal feiert seine ausgezeichneten Weißweine auf einer ausgedehnten Verkostungsmeile. Die heimischen Gastronomen verführen die Sinne der Gäste zusätzlich mit regionalen Köstlichkeiten.

Genießen, das können sie die Südtiroler. Und feiern auch. Und wenn sie beides zusammen tun, dann legen sie den Gästen einen feinen grünen Teppich aus, damit auch niemand verloren geht. Zumindest halten es die Veranstalter der „Sabiona18“ so, den Eisacktaler Weißweintagen im noch immer mittelalterlich geprägten Künstlerstädtchen Klausen, auf halber Strecke zwischen Brixen und Bozen gelegen. Übrigens lohnt hier immer ein Zwischenstopp auf der Fahrt durch Italien, zumal der Ort eine eigene Autobahnausfahrt hat.

Wie eine Akropolis thront das Kloster Säben über Klausen, Foto: TV Klausen

Entlang eines frischgrünen Vlieses, das sich mitten durch die Gassen von Klausen windet, findet seit fünf Jahren immer im Mai die längste Weißweinprobe Südtirols statt. Kerner, Gewürztraminer, Chardonnay und Weißburgunder warten hier ebenso auf die Verkostung wie auch Sauvignon, Müller-Thurgau, Sylvaner, Riesling und Grüner Veltliner. Es kommt den Besuchern und Weingenießern entgegen, dass die Stände nicht nach Weinkellern, sondern nach den Rebsorten sortiert sind. Jeder Stand bietet sechs bis acht Weine derselben Rebe, aber von unterschiedlichen Winzern. So ist jeweils eine lehrreiche Trinkrunde drin. Zumal die Weine allesamt ausgeschenkt werden von Weinexpertinnen und -experten der Südtiroler Sommeliervereinigung, die um keine Antwort zum jeweiligen Tropfen verlegen sind.

Bei der “Sabiona” geht es nicht nur ums Trinken

Aber wie die Südtiroler so sind – hier geht es nicht einfach nur ums Trinken. Sondern um Genuss, puren Genuss. Deshalb haben die Klausener diesmal zum einen als Gastwinzer die Kellerei Guido Berlucchi aus Borgonato am Lago di Iseo eingeladen, die ihren exzellenten Franciacorta präsentiert. Schließlich braucht es ja – insbesondere für die Damen – hin und wieder auch etwas Prickelndes im Glas. Zum anderen offerieren an allen acht Verkostungsständen des Genussparcours Klausner Gastronomen, aber auch ausgewählte Partner aus anderen Südtiroler Regionen, das passende Fingerfood zum Wein.

Zum guten Wein gehört auch das passende Fingerfood, Foto: Tiberio Sorvillo

So wird etwa beim Restaurant Walther von der Vogelweide zum Müller-Thurgau ein cremiges Tomatensüppchen mit Mozzarella-Spieß und Bruschetta gereicht. Beim Sylvaner hat sich Chocolatier Thomas Tappeiner aus Laas im Vinschgau postiert. Seine edlen Schokoladen-Pralinen der Marke „Venustis“ sind nicht nur den Südtiroler Bergen nachempfunden, sie harmonieren auch vorzüglich mit den feinen Weinen.

Feinstes Fingerfood gehört beim Weißweinfest Sabiona als Begleiter dazu, Foto: Tiberio Sorrvillo

Zum Kerner bietet die Ahrntaler Hofkäserei Eggemoa einen Teller mit sechs verschiedenen Rohmilchkäsen von ihrem eigenen Braunvieh an. Und als Höhepunkt kitzeln bei der Brauerei Gassl Bräu gebratene Garnele auf hausgemachter Limetten-Mayonnaise den Gaumen zum Gewürztraminer, ebenso wie, Spargel-Tomatensalat sowie Bressaola, gefüllt mit Frischkäse auf Schüttelbrot.

Authentisch südtirolerisch – feinste Speisen werden unterm Kruzifix imGewölbekeller zubereitet; Foto: Heiner Sieger/schönessüdtirol.de

Die unumstrittenen Helden das Abends sind natürlich die Weißweine der 19 teilnehmenden Weingüter und Kellereien aus dem Eisacktal vom Augustiner Chorherrenstift im nördlichen Neustift bis zum Rielinger Hof am Ritten im Süden des Tals. Die Weißweine haben ja ohnehin seit einigen Jahren in Südtirol die Vorherrschaft übernommen. In dem über Jahrhunderte vom Rotwein dominierten Landstrich wachsen heute rund 60 Prozent weiße Rebsorten. Tendenz steigend. Den stetig steigenden Weißweinanteil verdankt die Region nicht zuletzt dem Eisacktal. Im nördlichsten Weinanbaugebiet Italiens werden auf 91 Prozent der Rebfläche weiße Sorten ausgebaut. Im Gegensatz zu den südlicheren Lagen rund um Bozen und Meran dominiert hier die alpine Landschaft mit ihren Urgesteinsböden aus Quarz und Glimmer und bringt rassige, subtile und reintönige Weißweine von internationalem Format hervor.

Das Eisacktal – die unentdeckte Weißweinperle

Doch leider – zumindest aus Klausener Vermarktungssicht – hat die Weinwelt davon noch nicht wirklich Notiz genommen. Und das, obwohl das Eisacktal mit 90 Prozent an DOC-Weinen Top-Qualität produziert, mit 95 Prozent die anteilsmäßig meisten prämierten Weine Italiens hervorbringt und Jahr für Jahr höchste Auszeichnungen beim „Gambero Rosso“, dem bekanntesten Weinführer für italienische Weine, abräumt, wie Alexander Hamberger, seines Zeichens Tourismusdirektor von Klausen, kopfschüttelnd preisgibt. Daher sind die Eisacktaler Weine und auch das Weinfest noch wirklich so etwas wie ein Geheimtipp. Das will schon was heißen in diesen Zeiten!

An jedem Stand kann eine Weißweinsorte querverkostet werden; Foto: Heiner Sieger/schönessüdtirol.de

Mit der „Sabiona“ setzt der Tourismuschef aber alles daran, diesen Zustand zu ändern: „Wir möchten mit der Veranstaltung die Qualität unserer Weinkultur erlebbar machen und Klausen als Weinzentrum etablieren. Zusätzlich wollen wir den Gästen einen weiteren Zugang über die Genussschiene bieten, daher gibt es diese besondere Verknüpfung mit der Gastronomie. Schließlich ist Wein ja ein perfekter Begleiter zum Essen.“

Sommelliers der Südtiroler Sommelliervereinigung erklären die Weine; Foto: Heiner Sieger/schönessüdtirol.de

Der Titel „Sabiona“ hat seinen Ursprung in der lateinischen Bezeichnung für das Benediktinerkloster Säben, das wie eine Akropolis hoch über Klausen thront. Das Kloster ist einer der ältesten Wallfahrtsorte und erster Bischofssitz Tirols. Der Säbener Berg war wohl auch einer der ersten Weinberge des mittleren Eisacktals. Kein Wunder – wo Bischöfe, da auch Wein. Ein letzthin aufgetauchtes Foto einer Eisacktaler Winzer-Versammlung mit Weinkost lieferte nachträglich eine passende historische Parallele zur „Sabiona“: Um das Jahr 1900 herum gab es schon einmal Eisacktaler Weißweintage. Bereits damals hatten sich Winzer und Gastronomen getroffen, zu einer Gegenverkostung von Wein mit Speisen.

Die meisten der Eisacktaler Weinbauern persönlich dabei

Und auch 2018 sind die meisten der Eisacktaler Weinbauern persönlich dabei und mischen sich fröhlich unter das Verkostungsvolk. „Die Gelegenheit, in geselliger Runde mit vielen Kollegen die eigenen und deren Tropfen gegeneinander zu schmecken, gibt es ja sonst nicht so oft“, sagt Christoph Mock, Winzer vom Wassererhof. Er zieht seine Reben direkt unter dem wuchtigen Massiv des Schlerns auf. Und gehört zur Generation der jüngeren Winzer, die nicht mehr wie früher Masse produzieren, sondern nur noch das, was zum Boden, zur Lage sowie dem Klima passt.

Winter Florian Unterthiner vom Ebnerhof in Atzwang produziert Weine mit “Druck am Gaumen”, Foto Heiner Sieger/schönessüdtirol.de

Genauso wie Florian Unterthiner, der in Atzwang am Ritten das Weingut Ebner mit 5,5 Hektar Reben führt. Erst seit 2013 ist er mit einem eigenen Etikett am Markt. Früher lieferte die Kellerei den Wein an die Winzergenossenschaft ab. „Ich wollte auf meinem eigenen Boden meine eigenen Charakterweine ausbauen, sehr südliche Weine: Gewürztraminer, Sauvignon, Weißburgunder, Grüner Veltliner, aber auch Blauburgunder, Vernatsch und Zweigelt“, erzählt er.

Zum fünften Mal, also von Beginn an, ist er bei der „Sabiona“ dabei. „Der Weinparcour soll auch dazu dienen, vor allem bei unserer heimischen Bevölkerung den Wert der eigenen Weine in den Vordergrund zu stellen. Die Leute sollen sich bewusst werden, was sie trinken. A bisserl Patriotismus gehört eben dazu. Für uns Jungwinzer ist das Fest daher wichtig, um sichtbarer zu werden. Wenn mich einer nicht kennt – warum soll er dann im Restaurant meinen Wein bestellen?“

Dabei wäre es durchaus ein Fehler, seine Tropfen zu verpassen, allen voran den Weißburgunder und den Sauvignon. „Ich mache Speisebegleiter, die auch Druck am Gaumen haben“, sagt Florian selbstbewusst. „Dabei sind meine Weine schon mineralisch, aber anders als ein Wein etwa aus Neustift. Ich habe mehr Fruchtsüße, die 200 Meter Höhenunterschied die schmeckt man im Wein recht deutlich.“

Auch Albrecht Dürer war schon hier

Ein edles Tröpfchen ist auch der Kerner von Radoarhof in Feldthurns, einem Bio-Weingut. „Der Kerner wird von mir absichtlich lieblich ausgebaut, mit rund 25 Gramm Restzucker“, erklärt Winzer Norbert Blasbichler. „Dazu muss ich die Gärung unterbrechen, damit der Restzucker erhalten und der Alkohol niedrig bleibt bei elf Prozentpunkten. Für mich ist der Kerner ein Aperitif-Wein, weil er sehr fruchtig ist.“ So hat jeder Winzer seine eigene Philosophie und als Gast lernt man ja gerne dazu, gerade beim Wein.

Künstlerische Stilleben in Klausens Gassen, Foto: Heiner Sieger/schönessüdtirol.de

Doch der einzigartige Weinabend lebt nicht nur von den Winzern und den Gaumenfreuden allein. Immerhin trägt Klausen den Beinamen „Künstlerstadt“, was dem Stadtspaziergang einen zusätzlichen Reiz verleiht. Zuerst machte vor mehr als 500 Jahren ein gewisser Albrecht Dürer hier Halt auf seiner Italienreise. Sein Portrait von Klausen verwertete er als Hintergrund unter seiner allegorischen Gestalt „Das große Glück”. Später, gegen Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 1. Weltkriegs siedelte sich eine ganze Künstlerkolonie in Klausen an.

Historische Gasthäuser prägen das Gassenbild von Klausen: Foto: Tiberio Sorrvillo

Heute noch zählt Klausen zu den schönsten Altstädten Italiens: Die zinnengekrönten Fassaden, die breiten Erker und althergebrachten Wirtshausschilder haben den Club „I borghi piú belli d´Italia” zu dieser Auszeichnung inspiriert. Über die unterschiedlichen Farben der mittelalterlichen Stadthäuser wacht noch heute eine eigene Kommission. Die hat vermutlich auch über die leicht grelle Farbe des Flanierteppichs entschieden. Die hat durchaus ihren Vorteil: Wer nach einer ausgiebigen Verkostung ein wenig die Orientierung verloren hat, kann sich nicht verirren – so lange er auf dem Rückweg nur dem Grün treu bleibt.

 

 

 

 

 

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