Weinbau statt Pisten: Ein Tiroler Hotelier denkt den Wintertourismus radikal neu

Daniel Mayer, Juniorchef des Hotels Panorama Royal in Bad Häring und ausgebildeter Sommelier, stellt eine These auf, die in Tirols Tourismusbranche noch kaum jemand laut ausspricht: Schneearme Regionen sollten jetzt anfangen, ernsthaft über Weinbau nachzudenken – bevor es zu spät ist.

DARUM GEHT’S

  • Schneemangel als Tatsache: Tiefer gelegene Tiroler Skigebiete kämpfen zunehmend mit zu wenig und zu warmem Schnee – was früher „angezuckert” hieß, gilt heute schon als guter Wintertag.
  • Weinbau als Ausweg: Wo heute Skilifte stehen, könnte morgen Wein wachsen – die Infrastruktur (Straßen, Wasser, Hütten) ist vielerorts bereits vorhanden. Eine Rebe braucht vier Jahre bis zur Ernte: Wer handeln will, muss jetzt planen.
  • Vorbild Steiermark: Genusskultur und Tourismus funktionieren als Tandem – das beweist die Steiermark seit Jahren. Tirol hat die Landschaft, das Flair und den Gästeappetit dafür. Was fehlt, ist der Mut zur Transformation.

Daniel Mayer, du hast eine These, die in Tirol wohl nicht jeden begeistert: In manchen Regionen des Landes könnte Weinanbau in 10 bis 15 Jahren eine echte Alternative zum Skitourismus werden. Wie bist du darauf gekommen?

Daniel Mayer: Die Grundidee ist entstanden, weil ich glaube, dass uns in den nächsten 10 bis 15 Jahren eine ernsthafte Schneearmut heimsuchen könnte. Ich habe dann angefangen, darüber nachzudenken: Was wäre, wenn? Und bin dabei zu dem Schluss gekommen, dass viele Regionen in Tirol eigentlich die komplette Infrastruktur für eine Weinregion bereits haben – oder zumindest hätten. Wasseranschlüsse sind vorhanden, die Straßen führen hinauf zu den Hängen, und die Skihütten? Die könnten man zu Verkostungshütten umfunktionieren, zu Orten, wo man schläft, isst und genießt. Touristisch wäre das definitiv nutzbar.

Für wie wahrscheinlich hältst du dieses Szenario – wirklich, ganz nüchtern betrachtet?

DM: Wenn ich mir Fotos von mir als Kind anschaue und sie mit dem vergleiche, was wir heute in unserer Region um Bad Häring erleben, dann halte ich es für ziemlich wahrscheinlich. Wir sind aktuell schon froh, wenn es draußen ein bisschen weiß ist – was früher schlicht als „angezuckert” galt, also fast nichts, wird heute schon als brauchbarer Schnee gefeiert. Und von Jahr zu Jahr wird es nicht besser. Das betrifft nicht nur uns, sondern mehr Regionen in Österreich und Tirol. Die großen, hochgelegenen Skigebiete haben das Problem noch nicht dramatisch – die werden wohl noch länger durchhalten. Aber wir haben hier ein tiefergelegenes Skigebiet. Wir müssen uns etwas überlegen.

Betrifft das speziell eure Region rund um Hopfgarten und Bad Häring?

DM: Hopfgarten ist ein gutes Beispiel – du warst ja selbst schon dort. Die Sonnenseite dort ist schon jetzt Anfang Januar so schwierig bespielbar, dass man am Nachmittag kaum noch runterfährt, weil es einfach zu warm ist und zu wenig Schnee liegt. Das macht keinen Spaß mehr, weder für die Gäste noch für uns. Irgendwann muss man sagen: Wir haben diesen Kampf gegen die Natur verloren. Dann muss ich diese Sonnenseite aufgeben.

Hast du das schon mit jemandem besprochen – mit Tourismusverantwortlichen, mit Kollegen?

DM: Mit einigen Hotel-Kollegen in der Region habe ich bereits darüber gesprochen. Die Reaktion ist immer ähnlich: logisch, interessant – aber dann kommt sofort das große Aber. Denn es geht ums Geld. Die Frage, wem die Skihänge gehören und ab wann ein Eigentümer bereit ist zu sagen, „nächstes Jahr fährt niemand mehr auf meiner Piste Ski, ich verzichte auf diese Einnahmen” – das wird spannend. Mit Tourismusverantwortlichen offiziell? Nein, das ist noch der allererste Schritt. Aber ich glaube, die Hotelbranche in der Umgebung merkt zunehmend: Wir müssen uns was überlegen, bevor uns der nächste schneearme Winter zum Handeln zwingt.

Könnte man diese Transformation schrittweise angehen?

DM: Das muss man sogar. Niemand sagt, dass man morgen alle Pisten in Weinberge umwandelt. Das ist ein Transformationsprozess, der schrittweise läuft. Man könnte mit kleineren, tiefergelegenen und sonnenseitigen Flächen beginnen – genau solche, die im Winter ohnehin kaum noch Schnee halten. Wichtig zu wissen: Eine Rebe braucht ungefähr vier Jahre, bis sie produktionstechnisch relevante Mengen hervorbringt. Wer also wirklich Weinbau betreiben will, muss heute anfangen zu planen.

Und hier in Bad Häring selbst – das Hotel Panorama Royal hat ja eine hervorragende Südlage. Könnte man das nicht einfach angehen, zum Beispiel mit Winzern aus der Steiermark?

DM: Die unserem Hotel Panorama Royal gegenüberliegende Seite vom Tal wäre von der Fläche her durchaus ausreichend. Aber der entscheidende Faktor in Tirol ist der Platz – oder besser gesagt: die Bereitschaft der Eigentümer, ihre Flächen herzugeben oder umzuwidmen. Das ist das größte Hindernis. Nicht das Geld, nicht das Know-how – sondern die Grundstücksfrage.

Die sanften Hänge in Bad Häring rund um das Hotel Panorama Royal könnten sich auch für den Weinanbau eignen.
Die sanften Hänge in Bad Häring rund um das Hotel Panorama Royal könnten sich auch für den Weinanbau eignen.

Was hält die Tiroler deiner Einschätzung nach davon ab, schneller zu reagieren?

DM: Der klassisch österreichische Weg: Es wird schon gut gehen, war immer so, wird immer so bleiben. Das ist eine Einstellung, die nach wie vor verbreitet ist. Aber die Welt ändert sich, und wir sehen es jeden Winter deutlicher. Ich glaube, viele Menschen in Tirol denken mittlerweile anders darüber als noch vor 20 Jahren. Das Problem ist der Schritt vom Denken zum Handeln. Der kommt wahrscheinlich erst, wenn wirklich keine Gäste mehr kommen – wenn statt weißer Pisten nur kahle, braune Hänge zu sehen sind. Dann wird jeder nervös. Dann sagt jeder: Hätten wir doch früher was unternommen.

Kann Weinbau den Skitourismus wirklich ersetzen?

DM: Ersetzen? Nein, das wäre illusorisch. Skifahren ist und bleibt ein riesiger Wirtschaftsfaktor für Tirol – das ist nicht wegzureden. Aber Weinbau und die damit verbundene Genusskultur wäre eine alternative Bewirtschaftung der Region, eine Verlagerung. Die gleichen großen Zahlen wird es sicher nicht geben. Aber besser als nichts – besser als leere Hotels und brachliegende Hänge. Ich schaue nüchtern auf die Steiermark: Die haben Genuss zum Hauptthema ihres Tourismus gemacht, und das funktioniert. Hügelige, schöne Landschaften, sportliche Aktivitäten kombiniert mit Weinkultur – das zieht. Warum sollte das in Tirol nicht funktionieren?

Es gibt ja auch einen Trend zum alkoholfreien Wein – sieht du da einen Markt?

DM: Absolut. Ich habe das anfangs selbst unterschätzt. Als ich die ersten alkoholfreien Alternativen – nicht nur Wein, sondern auch Whisky und Rum – hier im Hotel ins Regal gestellt habe, dachte ich, die stehen die nächsten drei Jahre dort und ich muss sie irgendwann wegräumen. Stimmt nicht. Die werden inzwischen fast genauso oft nachgefragt wie die alkoholischen Varianten. Der Markt ist da.

Dein Vater Peter Mayer hat die Bar des Panorama Royal zu einer der ausgezeichnetsten Österreichs gemacht – ihr habt den Gault&Millau-Preis für die beste Barkarte erhalten. Welche Philosophie steckt dahinter?

DM: Die Grundidee war, eine Art Wintergarten zu schaffen, in dem alles, was wir als Österreicher und Tiroler kennen, eine neue Rolle bekommt. Wir sind ein Schnapsland – aber anstatt Schnaps einfach nur pur zu trinken, veredeln wir ihn in Cocktails. Wir haben Kiefer selbst ausgekocht, Heusirup beim Bauern nebenan gemacht, mit echtem Zirbelöl gearbeitet, Cocktails damit entwickelt. Wir haben Cocktailklassiker wie einen Negroni mit einer steirischen Trockenbeerenauslese statt mit klassischem Süßwein gebaut – und das ganz mit österreichischen Produkten. Das hat Gault&Millau überzeugt. Und was mich besonders freut: Auf der ersten Seite der Karte steht ein Bier aus Schwoich, nur ein paar Kilometer von uns entfernt. Die Brauerei Padawan hat dreimal hintereinander den europäischen Bierpreis gewonnen und macht jetzt für uns ein eigenes Helles. Das ist Heimat im Glas.

Abschließende Frage: Wann bist du selbst so weit, dass du sagst – jetzt kaufe ich da drüben den Hang und pflanze Reben?

DM: Das ist eine schöne Frage. Aber ich muss ehrlich sein: Meine erste Priorität ist das Hotel, und daneben führe ich noch eine weitere Firma. Winzer zu sein ist ein 365-Tage-Job. Die Leidenschaft dafür ist definitiv vorhanden. Kaufen? Das tue ich mir vielleicht nicht selbst an. Aber als leidenschaftlicher Unterstützer – mit Rat, mit Tat, und vor allem auch als begeisterter Abnehmer – wäre ich mit Sicherheit dabei. Denn man sieht an der Steiermark: Wer Weinbau und Tourismus klug verbindet, schafft etwas, das bleibt.

*Der Gesprächspartner

Daniel Mayer ist Juniorchef des Vier-Sterne-Superior-Wellnesshotels Panorama Royal in Bad Häring bei Kufstein in Tirol, das sein Vater Peter Mayer 2003 gegründet hat. Das Haus zählt heute zu den renommiertesten Wellness- und Gesundheitsresidenzen im Alpenraum: Auf über 7.500 m² Wellnessfläche, mit sieben Pools und einer Küche, die mit drei Gault&Millau-Hauben ausgezeichnet ist, verbindet das Panorama Royal Luxus mit dem Konzept „Our Way of Healing”. Die Barkarte des Hauses wurde von Gault&Millau als eine der besten Österreichs prämiert. Daniel Mayer ist zudem ausgebildeter Sommelier und Geschäftsführer der Profipac Verpackung GmbH. Er wohnt und arbeitet im Kufsteinerland – und beobachtet den Klimawandel vor seiner Haustür.

Peter, Daniel und Julia Mayer leiten das Hotel Panorama Royal in Bad Häring

Hotel Panorama Royal, Panoramastraße 2, 6323 Bad Häring, Tirol | www.panorama-royal.at

Interview: reise-stories.de | Alle Angaben ohne Gewähr. Das Gespräch wurde für die Veröffentlichung redigiert und gekürzt.

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Heiner Sieger

Autor Kurzvorstellung:

Seit 40 Jahren Journalist schreibe ich über aktuelle und brisante Themen in den Bereichen Digitalisierung, Wirtschaft, Gesundheit und Reise. Nach Stationen bei renommierten Tageszeitungen und Magazinen bin ich heute hauptberuflich beim WIN-Verlag in der Vogel Communications Group Chefredakteur der Magazine Digital Business Cloud, E-Commerce-Magazin und Digital Health Industry. Meine private Leidenschaft gehört dem Thema Reisen. Und irgendwann wurde ich dann auch Chefredakteur von Reise-Stories. So oft es der Beruf erlaubt, bewege ich mich Richtung Berge und Meer, stelle Restaurants und Hotels auf die Probe und entdecke Entertainment ebenso wie ruhige und unendeckte Fleckerl.

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

Dieser Beitrag enthält möglicherweise Inhalte, die im Rahmen einer bezahlten Kooperation mit Marken, Hotels oder Partnern entstanden sind.

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