Unterwegs mit 2000 Schafen über den Similaungletscher

Im Sommer sind die Almen bei Vent im Ötztal weiß – wollweiß von tausenden von Schafen.  Mitte September werden sie von Tirol nach Südtirol getrieben, einem uralten Ritual folgend über den eisigen Similaunferner.

Von Dagmar Gehm

Heute ist sein großer Tag. Gleich wird er seinen Einsatz haben – als Regisseur eine großartigen Schauspiels, für das er die Verantwortung trägt. Mit riskanten Stunts und über tausend Akteuren, die seine Sprache nicht verstehen und den Anweisungen nur bedingt folgen.
Elmar Horrer aus dem Vinschgau wird heute als „Chefschäfer“ den wohl spektakulärsten Viehabtrieb der Welt leiten.Schäfer Elmar Horrer mit neu geborenen Lamm_Foto G.Dgehm

Vor eindrucksvoller Kulisse grenzübergreifend von Österreich nach Italien, von Tirol nach Südtirol, vom Ötztal ins Schnalstal. Einer uralten Tradition folgend überwinden Schafe, Hunde und Hirten in endloser Reihe den Alpenhauptkamm. 515 Höhenmeter müssen sie über den Similaungletscher nahe der Ötzi-Fundstelle bis zur Passhöhe des Niederjochs auf 3.019 m marschieren und danach, einer uralten Tradition folgend, über gefährliche Serpentinen und auf abenteuerlich schmalen Wegen entlang steil abfallender Schluchten, 1.300 Höhenmeter wieder hinunter bis nach Vernagt am See. Zweimal im Jahr überwinden Hirten und Tiere das Niederjoch – im Juni zum Auftrieb und im Herbst zum Abtrieb.–

2011 wurde der Schafübertrieb sogar in das UNESCO-Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich aufgenommen. Den ganzen Sommer verbringen die Schafe auf den Almen, die in dieser Höhe so viel saftiger sind als im Tal. Erst Mitte September kehren sie wieder zurück in den heimatlichen Stall.
Allein mit seinen Border Collies hat Elmar den ganzen Sommer in der neuen Schäferhütte verbracht, die unterhalb der 800 Jahre alten Hütte, die den Schäfern bis vor wenigen Jahren als Unterkunft diente, errichtet wurde. Früh ist er aufgestanden und zeitig zu Bett gegangen. Hat neu geborene Lämmer mit Farbe gekennzeichnet, Salz auf Steine gestreut, gebrochene Schafsbeine gegipst, geschaut, dass keines die Räude hat. Jetzt muss er sie möglichst vollzählig und unbeschadet wieder in ihre Heimat zurückführen.
Nichts scheint den “Oberhirten” am Vortag aus der Ruhe zu bringen. Obwohl inzwischen weitere Hirten eingetroffen sind, um zusammen mit Elmar die Schafe von den entlegenen Almen in den Pferch an der Martin-Busch-Hütte zu treiben. Helfer muss er für morgen einteilen, jeder bekommt seine Aufgabe. Am Tag des Übertriebs werden sie alle die blaue Schäferschürze anlegen, mit der gestickten Aufschrift „Schafalm Niedertal.“
Laemmer_fuettern_Foto_DGehmVon etwa zwanzig Südtiroler Bauern der „Alminteressenschaft Niedertal“, denen insgesamt 2.177 Hektar im Nachbarland Österreich gehören, hat der Vinschgauer die Schafe gehütet. Dazu kommen die Tiere weiterer Bauern, die ein „Grasgeld“ an die Weidebesitzer entrichten müssen. Schon 1415 regelte eine Urkunde die Weiderechte der Schnalser Bauern. Noch heute ist sie gültig, einsehbar im Landesmuseum Innsbruck. Selbst als Südtirol 1919 italienisch wurde, blieben die alten Rechte unangetastet.
Acht Uhr morgens. Der lange Tross aus Treibern, Schafen, Hunden und Mitwanderern setzt sich in Bewegung. Unkoordiniert zuerst, dann wie durch einen unsichtbaren Trichter gelenkt, in geordneter Bahn Richtung Similaunferner. Zwischen tausend und zweitausend Schafe werden unter lauten Hoi-hoi-Rufen von Streckenpfosten durch Bachfurten geleitet, von Hirtenhunden aus Felshängen gebellt. Während die Schafe für den Anstieg die geräumten Pfade benutzen, stolpern die menschlichen Begleiter durch das unwegsame Gelände aus Felsbrocken, Grasmulden und Steinspalten. Unermüdlich sind die Hunde im Einsatz, trotz wunder Pfoten, aufgerissen von scharfen Felskanten, aufgeraut durch grobes Gletschereis.

Trotz aller Sorgfalt müssen die Schäfer Schwund in Kauf nehmen. Am Nachmittag haben sie einen Widder aus dem reißenden Wildbach gefischt, der den steilen Hang hinunter gerutscht war. Der Zuordnung halber wurde ihm die gelbe Markierung samt Ohr abgeschnitten, um sie später dem Besitzer auszuhändigen. Kein schöner Anblick, doch nach einer alten Rechnung „frisst ein Prozent der Berg, vielleicht auch zwei, das ist normal“, sagt Elmar.Schäfermarende hoch über dem See
Am Fuß des Gletschers wird die Herde gestaut, damit auch die Mutterschafe mit ihren Lämmern den Anschluss finden und die auf dem Weg geborenen in Kiepen verstaut werden können. Bald trotten alle weiter, dem Gipfel entgegen, einer Jahrtausende alten Dramaturgie folgend. Ein einzigartiges Schauspiel!
Auf dem Pass gönnen sich manche der Hirten eine kurze Einkehr in die Similaunhütte. Die übrigen begeben sich auf den Abstieg mit der Herde. Wie Perlen an der Schnur windet sie sich über die steilen Serpentinen. Schnell treiben die Männer die Herde voran, zu stark ist die Gefahr von Steinschlag und Absturz. 1979 sind auf der gefürchteten Strecke 70 Schafe im Schneesturm erstickt. Zur Belohnung von Mensch und Tier wird eine weitere Rast am Kaser eingelegt, die sogenannte Schäfermarende, schon mit Blick auf Vernagt, hoch über dem Stausee. Begleitet vom eigenen Schellenkonzert weiden die Tiere auf der Alm, während die Hirten Scheiben von dicken Brotlaibern schneiden, sie mit Speck belegen und sich dazu einen kräftigen Schluck Roten direkt aus der Flasche gönnen. Ein archaischer Anblick!

Das schönste Schaf wird geschmückt_Foto D.Gehm In Vernagt, auf rhätoromanisch „kleine Wiese“, werden die Schafe schon von ihren Besitzern erwartet und in verschiedene Gatter aufgeteilt. Auf dem zünftigen Hirtenfest des Schafzuchtvereins Schnals feiern Schafbauern und Treiber, Einheimische und Gäste mit Musik und Peitschenknallen, dem „Schnalser Schnalzen“, die gesunde Rückkehr nach dem Übertrieb.
Für Elmar Horrer bedeutet das Fest nur eine Verschnaufpause. „Morgen muss ich meine eigene kleine Herde noch übers Taschenjöchl heim treiben – das wird etwa zwölf Stunden dauern. Dann werde ich ein paar Tage später nochmals den Similaun aufsteigen, um auf den Venter Almen die restlichen Schafe zu suchen, die sich verlaufen oder versteckt haben.“ Doch für heute lehnt er den Hirtenstab zufrieden an den Zaun und feiert mit seinen Kollegen.Stolz auf die trad. Schäferschürzen. Foto D.GehmAnkunft Vernagt_Foto D.Gehm

 

 

 

 

 

 

 

Infos
Schafübertriebe 2014:
Samstag, 13. September, von der Martin-Busch-Hütte (DAV) bei Vent über die Similaunhütte nach Vernagt im Schnalstal. Gehzeit: Ca. 7 – 8 Stunden. Danach zünftiges Hirtenfest.
Sonntag 14. September, Von der Rofenberg-Alm bei Vent über die Schutzhütte Schöne Aussicht nach Kurzras im Schnalstal. Gehzeit ca. 7-8 Stunden. Danach zünftiges Hirtenfest.
Neu: Transhumanz Special Ticket mit Auffahrt mit der Schnalstaler Gletscherbahn, Weiterfahrt mit dem Sessellift Grawand, Überquerung des Gletschers mit der Pistenraupe bis zum Schafübertrieb und zurück 44 € hin und zurück, für Familien ab 42 €.
Auskunft
Tourismusverein Schnalstal, Tel. 0039-0473-67.91.48, info@schnalstal.it, www.schnalstal.com.
Oetztal Tourismus / Information Vent, Tel. 0043-(0)572.00.260, vent@oetztal.com, www.oetztal.com oder www.vent.at
Unterkunft
Martin-Busch-Hütte bei Vent, Tel. 0043-5254-81.30, info@hotel-vent.at. Gepäcktransport ab Hotel Vent in Vent. Similaun-Hütte, Tel. 0039-0473-669711, Tel. im Tal.: 0043-5254-30122, info@similaunhuette.com, www.vent-hotel-post.com.
Vernagt am See: ****Hotel & Chalets Edelweiss, Tel. 0039-0473-66.96.33, www. Chalets-edelweiss.it. Übern./Frühst. ab 75 € mit Verwöhnpension. Oder Obergamphof, Tel. 0039-0473-66.96.59, www.@obergamphof.it, Übern./Frühst. ab 27 €.

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