Tunis nachhaltig entdecken: Recycling als Chance für den Tourismus

Wer an Tunesien denkt, hat vor allem weiße Strände, heiße Tage und laue Nächte vor Augen. Wüstensafaris, Kamelreiten und vieles Mehr stehen jedes Jahr bei Urlaubern auf dem Programm. Das Tunesien und vor allem die Hauptstadt Tunis viel mehr Dinge und nachhaltige Erlebnisse zu bieten hat, ist bislang den meisten Reisenden noch unbekannt.

Lebhaft, laut und bunt geht es zu in den Souks, den Marktstraßen, der Medina von Tunis, durch die ich mich an diesem heißen Vormittag schiebe. Dabei ist die Medina, die historische Altstadt, das Zentrum der Stadt, die im Jahr 698 um die Zitouna Moschee herum gegründet wurde, bis heute in einem sehr sehenswerten Zustand. Sie endet am Bab-el-Bhar, dem Stadttor im Osten des Zentrums, der Grenze zum neuen Stadtteil.

Die Massen an Bevölkerung, die in der historischen Medina leben, scheine ich heute in den völlig überfüllten Souks alle anzutreffen. Auf 270 Hektar wohnt hier ein Zehntel der Bevölkerung von Tunis, fast 110.000 Einwohner.

Der Erhalt der Medina als Sozialprojekt für den Tourismus

Oft können die Häuser der Medina nicht restauriert werden, weil dank des tunesischen Erbrechts der Besitz immer unter allen Verwandten aufgeteilt wird und so manchmal bis zu 35 Familien Besitzer eines Hauses sind. Die kennen sich nicht mal und können sich so auch nicht einigen, wie ein Haus zu restaurieren ist. Das erklärt mir Leyla, die Direktorin meines Dar, eines historischen Gästehauses in Altstadt. Sie hat dieses Haus 2007 erworben und bis 2013 liebevoll restauriert. So bekommen die Gäste einen Eindruck, wie in jedem der individuell gestalteten Zimmer das Leben in vergangenen Zeiten gewesen sein muss. Gleichzeitig ist das Dar auch ein Museum, das die Kultur der Tunesier eindrucksvoll zeigt. Zwei solcher Häuser besitzt Leyla mittlerweile unweit von einander entfernt in der Medina und betreibt sie als Gästehäuser. Die kleine, drahtige Frau versprüht Energie, Ideenreichtum und Lebensfreude, wie ich sie noch manchmal antreffen werde in den kommenden Tagen. Besonders interessant bei der Restaurierung und dem Betrieb des Gästehauses ist der Umstand, dass Leyla eine Hilfsorganisation hatte, die sie unterstützt. Es ist die TUI Care Foundation, die aber mit dem Reiseveranstalter nur soviel zu tun hat, als dass dieser als Door-Opener bei der Arbeit dient. Die Organisation ist völlig unabhängig. Das Dar von Lelya ist eines von 560 Projekten in verschiedenen Schwellenländern, welche von der Hilfsorganisation während Covid unterstützt wurden, um den Tourismus für Startup-Unternehmer zu erleichtern.

Bei meinem Bummel durch die Souks fällt mir vor allem auf, wie viele Waren aus Fernost von den lokalen Händlern angeboten werden, Billigwaren aus Asien statt einheimische Produkte. Keine Seltenheit heute. Wer tatsächlich etwas außergewöhnliches in den engen Gassen entdecken will, muss schon genau hinschauen. Oft sind es die älteren Händler, die augenscheinlich kleine Antiquitätengeschäfte betreiben, deren hinterer Verkaufsraum sich zu einem wahren Museum tunesischer Kultur gestaltet. Ich treffe drei bis vier solcher Lädchen in der Medina an und die Besitzer sind meist freundlich und sogar froh, dass sich jemand für die Kultur ihres Landes, statt für die Billigwaren in den Straßen interessiert.

Ich gelange hinter dem Tor Bab-el-Bhar zum lauten Zentralmarkt, auf dem es an diesem Vormittag sehr lebendig zu geht. Mohammed, ein Fischhändler spricht mich auch gleich an, will ein Foto mit mir und verkündet, dass er gerne zu mir nach Deutschland käme. Die Menschen hier im Land hätten nicht viele Perspektiven. Dass genau das ganz anders ist, werde ich in den kommenden Tagen noch eindrucksvoll erfahren. Mich zieht es weiter hinüber zur Kathedrale von Vinzenz und Paul. Wo hat man in einem muslimischen Land schon einmal eine Kathedrale? Ein Erbe der französischen Kolonialzeit, die 1956 endete. Heute wird das imposante, 1893 im neuromanischen Stil erbaute Gotteshaus von den Schwestern des Ordens des „Instituts des fleischgewordenen Wortes“, einer argentinischen Schwesternschaft, betreut und hat sogar einen Erzbischof.

Das Dorf Sidi Bou Said – Träume in Blau-Weiß

Ohne ein Besuch im Dorf Sidi Bou Said geht kein Aufenthalt in Tunis zu Ende. Zumal man in dem kleinen, mit blau-weißen Häusern gestalteten Dorf vor den Toren der Stadt auf einer Anhöhe den besten Ausblick auf die Hauptstadt genießt und hier vor allem dem Sonnenuntergang als romantisches Erlebnis frönen kann. Der Spaziergang durch das Dorf ist allerdings ein Bummel durch Touristenläden mit billigen Souvenirs aus Fernost. Amüsiert schaue ich zu, wie sich chinesische Reisegruppen durch die Gassen drängen und ihre eigenen Produkte erwerben. So geht der billige Schund wenigstens zurück nach Asien, denke ich bei mir. Auch eine Form der Müllvermeidung. Obschon das pittoreske Dorf aus dem 12. Jahrhundert, das früher der Religion geweiht war und seine Wurzeln im Fischfang hat, sicherlich ein Zeugnis der tunesischen Kultur ist, so ist es heute eher ein Beleg dafür, wie Tourismus nicht funktionieren sollte.

Die Ruinen von Kathargo – es geht nicht ohne

Mich zieht es weiter, raus aus Tunis zu den historischen Stätten der Ruinen von Kathargo, ein Muss für jeden, der die tunesische Hauptstadt besucht. Einst war Kathargo eine mächtige Metropole, es wurde von den Römern im Jahr 146 v. Chr. Endgültig zerstört. Bekannt ist der Satz des römischen Senators Cato dem Älteren, der an jede seiner Reden den Nachsatz „et ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ anhängte „und im übrigen bin ich dafür, dass Kathargo zerstört wird“. Denn die Metrolople in Nordafrika konnte Rom in jeder Hinsicht gefährlich werden. Die Punier, oder auch Phönizier, die Einwohner Kathargos waren ein sehr erfolgreiches Volk, eine Handelsmacht am Mittelmeer mit Kolonien in Sardinien, den Balearen, Malta und Sizilien. Einer seiner größten Feldherren war Hannibal, der in zwei großen Feldzügen das römsiche Reich bedrohte. Nach der Zerstörung von Kathargo durch Julius Cesar wurde ein römisches Kathargo errichtet, dessen Ruinen heute als UNESCO Weltkulturerbe noch zu besuchen sind. Auf 612 Hektar finden sich hier recht nah beieinander das Antonius-Bad, das Amphitheater, das römische Dorf auf dem Hügel Odeon, das Kryptoportikus – ein unterirdischer Gang, die Rotunde, die Zisternen und der punische Hafen. Der Vollständigkeit halber sollte, wer kann, auch das Forum Romanum im fast 250 Kilometer entfernten El Djem besuchen. Ein römisches Amphitheater in der Größe des Forum Romanum in Rom. Mitten in der Wüste ein beeindruckendes Bauwerk. Immerhin war das mit 68 Arkaden versehene Bauwerk, in dem bis zu 35.000 Menschen Platz fanden, das drittgrößte im römischen Reich und mit Ausmaßen von 120 mal 150 Metern ein weithin sichtbares und imposantes Monument, dessen Besuch in jedem Fall lohnt.

Während meiner Fahrt hinaus aus Tunis und auch einige Tage später nach El Djem im Süden des Landes, fallen mir die unglaublichen Müllberge rechts und links der Straßen auf. Flaschen aus Glas und Plastik und Reststoffe werden einfach in Gegend geworfen. Tunesien hat ein Müllproblem.

Das Destination Zero Waste Programm als Chance und touristischer Zweig der Nachhaltigkeit

Je mehr der Tourismus in Tunesien – wie auch anderen Ländern – zunimmt, um so mehr Müll entsteht, den das kleine Land in Nordafrika nicht ohne Hilfe bewältigen kann. Um so erfreulicher ist es, wenn ein Hilfsprojekt auf die Beine gestellt und von der Bevölkerung auch angenommen wird. Bislang werden nur 4-7% des tunesischen Mülls tatsächlich recycelt. Das ist sehr ineffizient. Recycling und Upcycling sind Themen, die vor allem junge Menschen begeistern.

Die TUI Care Foundation hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein solches Projekt zu unterstützen. Ich besuche eine Gruppe junger Leute vor den Toren der Innenstadt von Tunis. Hier findet das „Destination Zero Waste“ ein Zuhause und Besucher können sich in einem Workshop davon überzeugen, was sich aus Abfall alles machen lässt. Ich werde sogleich eingebunden und lerne, wie man aus einer alten Bierflasche und dem Boden einer Plastikflasche ein Trinkglas und einen Salzstreuer kreieren kann. Mittels gespendeter Werkzeuge lässt sich die Flasche auseinander schneiden, erhitzen, schleifen und schließlich zu zwei neuen Teilen zusammenbauen. Die jüngst ins Leben gerufene Initiative verbindet 15 lokale Unternehmen, die derzeit rund 17.000 kg Reststoffe aus Glas und Plastik weiterverarbeiten, in Produkte umwandeln und für die touristische Vermarktung des Projekts sorgen. Um junge Menschen für das Projekt zu gewinnen, werden Animateure ausgebildet, die für die Weiterverbreitung des Gedankens der Müllvermeidung und Abfallverwertung sorgen. Die Herstellung der ökologischen Produkte in diesem Programm unterliegt dabei dem Unternehmen Indinya, die Teil des „Destination Zero Waste“ Programms sind, unterstützt von der TUI Care Foundation.

Ein wichtiger Aspekt des Programms ist es neben der Abfallverwertung vor allem, junge Menschen in grüne Jobs zu bringen, ihr Umweltbewusstsein zu stärken, ihnen eine Aufgabe zu geben und ihnen zu verdeutlichen, wie wichtig sie für ihr Land sind. Und hier fällt mir der Fischhändler Mohammed aus Tunis wieder ein, der keine Perspektive für sich in diesem Land sieht. Dieses Programm zeigt, wie es geht, erkenne ich. Das bestätigt mir auch Hathemi, die 24-jährige Produkt-Designerin, die in der Initiative seit einem Jahr tätig ist. Sie hat schon immer Interesse an grünem Design, also Produkten aus Recycling-Stoffen, gehabt, erzählt sie. Eine sinnvolle Aufgabe und die Möglichkeit, Müll zu verhindern. Die junge Frau, die Ambitionen hat, einmal selbst ein Unternehmen zu gründen und die Kenntnisse aus diesem Programm darin zu verarbeiten. Tunesien bietet Perspektiven. Für junge Leute.

Tunesien tut was – und hat weit mehr zu bieten als Strände und Wüsten-Safaris. Mit dieser Erkenntnis und der Zuversicht, das kleine Land in Nordafrika, das ich mit völlig anderen Augen kennen gelernt habe in den vergangenen Tagen, bald wieder zu besuchen, endet meine Reise in die Region Tunis.

Kurz notiert

Wie kommt man hin? Von Deutschland aus gehen zahlreiche Flüge nach Tunesien, mit der landeseigenen Tunisair, die ihren Ruf in den vergangenen Jahren deutlich verbessert haben, hilft man der Wirtschaft des Landes und fliegt in nur 2,5 Stunden in die Hauptstadt Tunis.

Ausgezeichnet wohnt man in Tunis mitten in der Medina in einem historischen Gebäude im

Dar Ben Gacem

Restaurants

In Tunis speist man in der Medina gut im Restaurant-Hotel Dar El Jeld

In Sidi Bou Said sollte man keinesfalls innerhalb des Dorfkerns speisen. Hier empfiehlt es sich, etwa 200 Meter die Straße hinab zu gehen. Dort erwartet einen das Restaurant El Barkoun und die lebhafte Besitzerin Souad, die eine authentische, frische Küche serviert.

Museen

Wer in Tunis unterwegs ist, kann zahlreiche Museen besuchen, das bedeutendste ist das weltgrößte Mosaik-Museum Bardo.

Wer in den Süden des Landes fährt, sollte dort das Amphitheater in El Djem besuchen https://www.tunisiepatrimoine.tn/accueil/

Soziales

Das Destination Zero Waste Programm Tunis ist für Reisende ab Ende 2024 für das kommende Jahr buchbar und eine Teilnahme am Workshop möglich.

https://www.indinya.com/book-online

Die Produkte aus dem Programm können im Shop Indinya Aromes & More erworben werden in Tunis https://www.instagram.com/indinya_aromes/?hl=en

Diese Reise wurde teilweise unterstützt von TUI Care Foundation

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Philip Duckwitz

Autor Kurzvorstellung:

Der „Journeylist“ Philip Duckwitz arbeitet als freier Journalist und Autor in Remscheid, vormals in Köln. Auf seinen Reisen um den Erdball, die er am liebsten in wenig bekannte Länder und Regionen unternimmt, öffnet er seinen Lesern Türen zu unerschlossenen Blickwinkeln. Bekanntes neu entdecken und Neues bekannt zu geben, unter dieser Prämisse reist der Journeylist auf der Suche nach den Schätzen dieser Welt und berichtet darüber, um seine Leser für einen einzigartigen Urlaub in der Ferne zu begeistern.

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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