Stendal, vom Glück, hier hängen zu bleiben

Nach Stendal wollte ich nicht, ich kannte die Stadt nicht einmal. Aber bereut habe ich den Aufenthalt nicht

Am 10.März 2026 um 9:52 Uhr blieb ein voller ICE in der Altmark liegen. Stundenlang. Da hatte ich sogar noch Glück gehabt, da war ich schon durch. Bzw da war ich auch schon hängen geblieben, in Stendal. Die Stadt gehört auch zur Altmark, ist ihre Hauptstadt. Da wollte ich nicht hin. Ich wollte von Berlin nach Hamburg. Aber die Deutsche Bahn wollte es anders. Ab Stendal bot sie mir ein Potpurri aus Bus- und Bahnstrecken an. Das wollte ich aber nicht. Hängenbleiben in Stendal ist das Eine, liegen bleiben irgendwo auf dem Land zwischen Sachsen-Anhalt und Niedersachsen ist das Andere, das größere Übel. Blieb ich eben eine Weile in Stendal und habe es nicht bereut. Vielleicht hätte man den dreihundert Fahrgästen, die am Sonntag zwischen Gardelegen und Stendal stundenlang im ICE ausharren mussten, eine Tour durch Stendal anbieten sollen.
Ich hätte nicht gedacht, dass die Strecke zwischen Berlin und Hamburg über Stendal führt und Stendal in Sachsen-Anhalt liegt. Gut, in Sachsen-Anhalt bin ich mit Halle vertraut wegen Friedrich Händel und Klaus Peter Rauen, dem ersten Bürgermeister nach den Wende, mit dem ich befreundet war. Mit Magdeburg verbindet mich das dortige Kompetenznetz, mit Naumburg der Dom und Uta, mit Gardelegen die Scheune und ihre bitterböse Vergangenheit. Da sollte jeder Wähler der Landtagswahl im Herbst vor Stimmabgabe gewesen sein. Gut, ich kenne Nebra mit der Himmelsscheibe, einige Schlösser und Burgen des Burgenlandkreises. Quedlinburg und Brocken sind mir vertraut, Wittenberg und Halberstadt kenne ich wegen Luther, dann Querfurt, Kyffhäuser, Merseburg, Bad Lauchstedt, Dessau. Da kommt doch einiges zusammen. Aber Stendal, die größte Stadt der Altmark, war terra ignota. Danke, Bundesbahn, machen wir das Beste aus dem Maleur, nutzen wir es, die älteste Stadt der alten Mark Brandenburg, ihre erste erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 1022, kennenzulernen.

Schon im Bahnhof wird man von den berühmtesten Köpfen der Stadt begrüßt. Vermutlich waren sie auf der Abreise. Johann Joachim Winckelmann, der einzige den ich kenne, sorry, wurde 1717 als Sohn eines Schuhmachers in Stendal geboren und schaffte es zum Präsidenten aller Altertümer in Rom. Winckelmanns Lebenswerk bestand in der Gründung der klassischen Archäologie und der Kunstwissenschaft. Dann hängen in den Gängen des Bahnhofs die Bürgerrechtler Erika Drees und Hans-Peter Schmidt, ferner Marie Judith Faucher, im späten 18. Jahrhundert eine Vorkämpferin für die Rechte von Frauen und Mädchen, und andere Persönlichkeiten mehr, für die ein Verweilen im Bahnhof lohnt. Evely Palla, die aktuelle Chefin der Deutschen Bundesbahn, ist nicht dabei.
Stendal hat auch einen Roland. Aber steht nicht am Bahnhof, den hat es auch nicht allein. 500 Jahre ist er alt. Er steht vor der gotischen Gerichtslaube , ist ein Zeichen für die Rechte und Freiheiten der mittelalterlichen Stadt. Und ist natürlich Mittelpunkt des Marktensembles: bestehend aus dem Rathaus mit seinen Renaissancegiebeln und der Ratskirche St. Marien. Ich bin vom Bahnhof zum Tangermünder Tor gelaufen, dort beginnt die Stendaler Backsteingotik. Seit der urkundlichen Ersterwähnung 1022 und der Verleihung des Marktrechts durch Markgraf Albrecht der Bär um 1165, hat sich Stendal zum Herzen dieser Region im Norden Sachsen-Anhalts entwickelt. Die Zeugnisse der Backsteingotik sind ihre DNA, untrennbar verbunden mit Stendals Blütezeit und der Hansemitgliedschaft, die von 1358 bis 1518 nachgewiesen ist. Ich umrunde die historische Innenstadt, ein 94 ha großes Flächendenkmal in knapp 3,5 Stunden, mit gelegentlichen Abstechern in ihr Inneres, zum Uenglinger Tor, zum Dom St. Nikolaus und zur Stadtkirche St. Marien, zum Rathaus mit ihrer profanen Schnitzwand, es ist die älteste Deutschlands und authentisches Zeugnis der Hansezeit, die für einige Städte der Altmark 2008 wieder “erneuert” wurde.

Auf dem Markt, der auch wegen der parkenden Autos lieblos wirkt, mache ich eine Pause und versuche, etwas über die heutige wirtschaftliche und soziale Lage zu erfahren. Es ist schwierig, man kennt mich nicht und will mir das Herz nicht ausschütten. Ich solle das Tourismusbüro fragen oder den Oberbürgermeister Bastian Sieler. Der sei parteilos. Immerhin erfahre ich doch, dass die Lebensmittelproduktion, etwa die Elb-Milch, und der Gesundheitsbereich mit der Saulus-Klinik für die Stadt prägend sind. “Der Bürgermeister tut einiges, die Stadt als regionales Zentrum zu verkaufen, aber eine Arbeitslosenquote von 9,7 Prozent, das sieht man der Stadt an”, sagt meine Bekanntschaft, “schauen Sie sich doch die leerstehenden Geschäfte an. Das ist deutlich über dem deutschen Durchschnitt der Arbeitslosen von 5-6 Prozent.” Er nennt die aktuelle Zahl von 5000 Arbeitslosen, “aber gleichzeitig haben wir eine Qualifikationslücke. Gesucht und gebraucht werden Fachkräfte, aber was bekommen wir? Migranten.” Die Saulus gGmbh mache große Anstrengungen, sie zu schulen, aber es reiche nicht. Das Gleiche gelte für das Baugewerbe und für die technischen Berufe. “Hinzu kommt die Armut”, eine ältere Dame hat sich zu uns gesellt. “In Sachsen-Anhalt gelten etwa 22 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet. Und mehr als 10 Prozent der Bevölkerung sind überschuldet.” “Und außerdem hinzu kommt,” meldet sich mein Erstkontakt zur Stendaler Bevölkerung, “dass viele junge Menschen für Ausbildung und Arbeit in größere Städte wie Magdeburg und Berlin ziehen, obwohl wir eine eigene Hochschule haben, und eine ältere Bevölkerung mit wenig Elan zurücklassen, die in einer von Migranten beeinflussten Umgebung sich verloren fühlt.” Ich höre schweigend zu, was er jetzt als Desinterresse mißintepretiert. “Gehen Sie besser ins Winckelmann-Museum zu Laokoon”, sagt er, “da müsen Sie sich nicht durch die Gegenwart gestört fühlen.” Welcher Priester will die Stadt und wovor warnen? Meine Laokoon-Fragen, die ich stumm stelle, werden nicht beantwortet. Das Museum beherbergt eine Laokoon-Gruppe, als Leihgabe aus Berlin. Ein Altmärkisches Museum würde mir Sammlungen zur Geschichte der Region zeigen. Aber ich habe dazu keine Lust. Jeder besuche und nehme, was er will. Mich würde ein Abfahren der Europäischen Route der Backsteingotik interessieren. Aber der Tag war lang genug, Ich verabschiede mich von den Poster-Helden im Bahnhof und nutze den nächsten ICE, um endlich nach Hamburg zu gelangen.

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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