Sonne statt Winter – aufatmen in Alicante

Steil hinauf führen die Stufen in die engen Gassen des Stadtteils San Roque in Alicante. Nur wenige Touristen verirren sich hierher in diese Ecke neben dem als Altstadt bekannten Viertel Santa Cruz. Ich treffe auf weiße, typische mit Blumentöpfen geschmückte Hauswände kleine Gassen, in denen die Wäsche auf den Balkons aufgehängt sind, eine Katze räkelt sich in der Sonne und die Bemalung der Häuser und mutet an manchen Stellen fast wie ein griechisches Dorf an mit ihrer Blau-Weißen Kolorierung. Früher, so erzählt mir mein Reiseführer Jorge, lebten hier vor allem aber Menschen der Unterschicht und es war sehr gefährlich hierher zu gehen. Jorge ist in diesem Stadtteil aufgewachsen und kennt jede Ecke und jeden Bewohner und weiß, wie sich dieses Viertel in den letzten Jahren entwickelt hat. Vor etwa zehn bis fünfzehn Jahren änderte sich das Bild dieser Siedlungen und es zogen zunehmend junge Leute Aussteiger und Künstler hierher. Zum Glück ist es noch kein Künstlerviertel betont Jorge, denn dann würden die Preise hier kräftig anziehen und so manch ein alteingesessener Bewohner könnte hier nicht mehr leben. Längst ist es nicht mehr ganz so wie früher, denn die kleine alte Schule, die Töpferei, das marokkanische Café und andere originäre Einrichtungen sind vor einigen Jahren geschlossen worden. Dennoch hat dieses Viertel seinen urtümlichen Charme nicht verloren und es ist ein Erlebnis gerade jetzt in den Wintermonaten, in denen sich ohnehin wenig Touristen in Alicante aufhalten, eine Stadt-Tour in diesem Viertel zu beginnen. Wir schlendern vorbei an der Ermita de San Roque, hier kann man abends den Pfarrer Gitarre spielen hören am offenen Fenster erzählt mir Jorge und dort auf dem kleinen Platz oberhalb der Treppe sammeln sich abends bei schönem Wetter die Nachbarn und diskutieren und erzählen. Hier herrscht noch ein echtes Nachbarschaftsklima. Dieses Viertel geht auf eine Einsiedelei, die im 16. Jahrhundert erbaut wurde zurück und ist dem berühmten heiligen Rochus von Monte Pellier gewidmet. Kern dieser Einsiedelei ist diese Kirche mitten im Viertel.
Besonders schön, so erzählt Jorge ist es hier in der Karfreitagsnacht. Denn dann ist es in Alicante ganz still und besonders in diesem Viertel. Und zu diesem Zeitpunkt sitzen auf den Balkons alte Frauen die Klagelieder anstimmen auf den Tod Jesu Christi. Und Jorge zeigt mir ein besonders markantes Haus auf dem ein Wappen mit einem Kreuz und einer Leiter aufgemalt ist. Das ist das Haus der Prozessionsträger, die an Ostern die Christusfigur durch die Gassen tragen.

Santa Barbara – ein echter Höhepunkt
Beeindruckt wandle ich weiter durch die Stadt. Mein Blick schweift nach oben auf den Felsen auf dem die mächtige Festung Santa Barbara thront. Die wohl meist besichtigte Sehenswürdigkeit der Stadt ist dieses Kastell, das 1961 zum historisch künstlerischen Denkmal und Kulturgut erklärt wurde. Auf 166 Metern Höhe über dem Meeresspiegel genießt man von hier einen traumhaften Rundum-Ausblick über Alicante und das umliegende, sehr trockene Land. Besonders in den Abendstunden zum Sonnenuntergang versammeln sich hier zahlreiche Sonnenanbeter, die diesem erhabenen Schauspiel beiwohnen wollen. Der Berg auf dem das Kastell steht soll der Sage nach die Silhouette eines Mauren-Königs darstellen, das sogenannte “la cara del Moro”. Reste aus der Bronzezeit Spuren der Iberer, der Römer und der Mauren sind auf der Burganlage gefunden worden und deuten auf die wechselvolle Geschichte und die strategische Bedeutung der Burg hin. Der am höchsten gelegene und zugleich auch der älteste Teil der Burg trägt den Namen la Torretta und war einst Ort des maurischen Schlosses des Alcazars. Die Legende des wahren Gesichts in der Silhouette des Berges besagt dass der Kalif einst für seine einzige und schöne Tochter Prinzessin Cantara einen Gemahl suchte. Um sich zu entscheiden mussten die beiden jungen Muslime Ali und Almansor jeweils eine Aufgabe erfüllen. Almansor musste nach Indien reisen um eine seltene Pflanze zu beschaffen, während Ali ein Bewässerungskanal bauen musste, um für seine Geliebte das grüne Wasser aus Tibi nach Alicante zu transportieren. Doch während Almansor sich stark auf seine Aufgabe konzentrierte, widmete sich Ali seiner Geliebten. Dadurch verliebte Cantara sich in Ali. Dennoch war es Almansor, der nach seiner Rückkehr um die Hand der Cantara anhalten durfte. Als Ali davon erfuhr stürzte er sich von der Bergspitze und starb. Cantara, die sich ein Leben ohne Ali nicht vorstellen konnte sprang ebenfalls von der Bergspitze. Von dem Tod seiner Tochter erschüttert starb auch der Kalif und nach seinem Tod bildete sich an der Stelle, an der sich Cantara und Ali das Leben genommen hatten, ein Abbild seines Gesichts. Dieses soll bis heute zu sehen sein. Und aus der Zusammensetzung der Namen Ali und Cantara entstand der Stadtname Alicante. Zur Festung gelangt man entweder durch den darunter gelegenen Ereta-Park in einem halbstündigen Fußmarsch oder für Eilige mit dem Fahrstuhl direkt in den Innenhof der Burg.

Santa Cruz – das pulsierende Herz Alicantes

Mich zieht es weiter in den benachbarten Stadtteil Santa Cruz, oft auch El Barrio – das Dorf genannt, weil es geprägt ist für sein pulsierendes Nachtleben und seine verwinkelten Gassen mit Cocktail- und Tapas-Bars. Hier pulsiert vor allem freitags und samstags das Leben bis in die frühen Morgenstunden. Das Anfang des 18. Jahrhunderts erbaute Rathaus mit seinem ausladenden Platz, die markante Co-Kathedrale de San Nicolas aus dem Jahr 1616 mit ihrer blauen Kuppel und die Basilika Santa Maria im valencianischer Gotik des 14. Jahrhunderts sind sicherlich markante Sehenswürdigkeiten in diesem Viertel abseits des turbulenten Nachtlebens. Allerorts finden sich kleinere und größere Museen, welche die Stadtgeschichte oder auch die Kultur in Alicante wiedergeben. Zahlreiche Hostels Apartments oder kleine Hotels befinden sich in diesem sehr touristisch geprägten Stadtviertel, in dem es zu keiner Zeit ruhig zugeht.
Und während ich auf die berühmte Explanada de Espana zusteuere, die parallel zur Kaimauer am unteren Ende des Stadtteils Santa Cruz verläuft, das wellenförmige Mosaik aus blauen roten und weißen Farben und den hohen Palmenhain bewundere, der die Flaniermeile säumt, entdecke ich in den kleinen Gassen hier und da Delikatessenläden und kleine Weingeschäfte die Spezialitäten der Region anbieten.

Tour Culinar in Alicante
Mir kommt die Idee, die Stadt einmal anders kennen zulernen. Gerade jetzt im Winter ist es in den Läden und auf den Märkten nicht ganz so voll. Den ersten Delikatessenladen entdecke ich unweit der Puerta del Mar nahe dem traumhaften Stadtstrand. Hier kann ich vor allem Salz und Olivenöl, aber auch Schokolade und Wein aus der Region verkosten und erwerben. Markant ist besonders das schwarze Meersalz, das aufgrund der Zugabe von Asche besonders wertvolle Eigenschaften für die Ernährung haben soll.
Weiter zieht es mich auf der Suche nach Delikatessen durch die Altstadt und ich gelange an den berühmten Placa Gabriel Miro, an dem der markante Fontänen-Brunnen und die riesigen, aus Australien stammenden Bäume den schön angelegten Platz säumen. Hier befindet sich ein Weingeschäft, das den berühmten Fondillon-Wein anbietet, ein im Fass gereifter Rotwein der mindestens 15 Jahre gelagert sein muss um seine markante süßliche Note zu erhalten. Er erinnert stark an den in Portugal bekannten Portwein, jedoch wird dem Fondillon kein Zucker zugesetzt um den Gärprozess zu starten. Unweit dieses Weingeschäfts befindet sich die bekannte Calle de San Francisco. Früher war dies das Rotlicht und Drogenmilieu der Stadt. Damit hat man vor vielen Jahrzehnten aufgeräumt und eine lustige, besonders für Kinder geeignete Straße geschaffen die gekennzeichnet ist durch verschiedene Fliegenpilz-Figuren, an denen sich Reisende heute besonders gerne fotografieren lassen. Und schon bin ich am nächsten kulinarischen Stopp angekommen. Hier wird mir Nougat angeboten, wie er typischerweise vor allem zu Weihnachten verzehrt wird, mit Zitronenaroma, in der Konsistenz einer festen Masse, die sich in Würfel schneiden lässt.
Und noch ein Stückchen schlendere ich durch die Straßen Alicantes, vorbei am Teatre Principal d’Alacant, die lebendige Einkaufsstraße Avenida de Maisonnave lasse ich heute links liegen.
Und endlich gelange ich zu der schon fast kathedralenartig anmutenden Halle des Mercado Central de Alicante in der Straße Alfonso El Sabio. Wie in jeder Markthalle Südeuropas geht es hier besonders lebendig zu und das auf zwei Etagen. In der unteren Etage finde ich vor allem Fisch. Besonders Thunfisch und der für diese Gegend berühmte Stockfisch Bacalhau sind hier erhältlich in den köstlichsten Varianten. In der oberen Etage befinden sich Käse und Fleischwaren. Ich verkoste einen für diese Region typischen Ziegenkäse, bevor ich mich zum Stand des Metzgers begebe und dort den Speck des berühmten iberischen Eichel-Schweins verkoste. Ich treffe Viktor, der diesen Stand betreibt und mir genau erklärt auf welche Qualitätsstufen ich achten muss beim Kauf des Schinkens. Die höchste Qualitätsstufe ist dabei die schwarze, gemacht aus 100% reinrassigem iberischen Eichelschwein dass sich in Eichelhainen ernährt. Etwas schlechter ist die rote Qualitätsstufe, da es sich hier nicht um reinrassige Eichelschweine handelt die sich aber trotzdem in Eichelhainen ernähren. Die Qualitätsstufen grün und schließlich weiß kennzeichnen die iberischen Mastschweine, die nicht mal mit Eicheln gefüttert werden. Und der Unterschied ist wahrhaftig heraus zu schmecken. Während das Mastschwein einen eher trockenen Schinken produziert läuft einem das Wasser im Munde. Zusammen und fast heraus wenn man den Schinken des 100% iberischen Eichelschweins probiert.

Auf dem Platz neben dem Zentralmarkt herrscht reges Treiben, denn dort treffen sich die Einwohner und nehmen ihren Aperitif vor einem üppigen Mittagessen ein. Überhaupt ist der Platz neben dem Zentralmarkt ein guter Treffpunkt an dem man sich für einen gemeinsamen Nachmittag versammeln kann. Der Spanier in Alicante feiert weniger abends als nachmittags. Meist beginnen Partys am Nachmittag und enden um Mitternacht. Direkt hinter dem Markt verästeln sich kleine Straßen, in denen sich Einheimischen in Music-Bars, Cafés und kleinen alternative Restaurants einfinden. Touristen suchen selten den Weg hierher, doch wer bis hierhin gelangt ist, wird herzlich aufgenommen von dem meist jungen spanischen Publikum.

Wie gut, denke ich bei mir, dass es zu dieser Jahreszeit nicht völlig überfüllt mit Touristen ist und ich Alicante in seiner reinen Schönheit vor allem dort entdecken kann, wo Touristen nur selten den Weg hin finden. Mehr Alicante könnte ich erleben. Z.B. könnte ich das berühmte Hogueras de San Juan vom 20. bis 24. Juni erleben, das Feuerfest, das dem heiligen Johannes gewidmet ist, dazu werden in den Straßen aller Orts überdimensionale Pappmache-Figuren mit politisch-satirischer Ausrichtung aufgestellt und diese werden spektakulär am 24. Juni verbrannt. Eine Figur jedoch wird jedes Jahr als Erinnerung behalten und diese lässt sich dann besichtigen im Museo de Fogueres gegenüber dem Teatre Principal d’Alacant.
Der Küste vorgelagert ist die Insel Tabarca, die vor allem im Sommer ein lohnendes Ausflugsziel bietet. Diese ehemalige Pirateninsel birgt noch heute malerische Gassen und zahlreiche Sehenswürdigkeiten, die einen Besuch in jedem Fall lohnen. Auch das Umland von Alicante hat mehr zu bieten als nur trockene Gebirge. Die malerisch-traumhafte Stadt Altea mit seinem auf dem Hügel gelegenen Alt-Städtchen und der markanten Kathedrale mit blauem Dach ist einen Tagesausflug wert. Wie gut dass ich dorthin mit der Tram direkt von Alicante entlang der traumhaften Küste in nur gut anderthalb Stunden gelangen kann. Überhaupt ist Alicante sehr gut vernetzt, denn vom Hauptbahnhof, der sich ausgezeichnet von der Altstadt in einem 15-minütigen Fußmarsch erreichen lässt, gelange ich in nur einer Stunde nach Valencia. Und wie gut dass ich vom Flughafen, der mich aus aller Welt nach Alicante trägt in nur 20 Minuten rund um die Uhr mit einem Bus in die Innenstadt gelangen kann. So benötige ich gar kein Taxi, um mein Ziel zu erreichen.
Da Alicante keinen Winter kennt und es hier bereits im Februar 20 Grad und wärmer ist, die Stadt zudem eine Fülle an Sehenswürdigkeiten und Entspannung bietet und dabei keinesfalls überfüllt ist, lohnt sich ein Besuch um diese Jahreszeit ganz besonders in dieser vielseitigen Stadt an der Costa Blanca mit ihrer ruhigen See.

Kurz notiert:
wie kommt man hin?
Alicanteerreicht man von zahlreichen deutschen Großstädten aus mit dem Flugzeug, meist mit einem Billigflieger in nur zweieinhalb Stunden Flugzeit unkompliziert zu jeder Jahreszeit.
der Flughafenbus C6 fährt tagsüber im 20 Minuten Takt und nachts 22 -4 Uhr im Stunden-Takt und kostet 3,55€ (Stand Februar 2020).

Unterkunft:
Zahlreiche Unterkünfte größere und kleinere artig verschiedensten Qualitätsstufen stehen vor allem im Stadtteil Santa Cruz zur Verfügung, auch Appartements sind beliebt, hier ist jedoch mit Vorsicht zu beachten ob es das Apartment und den Besitzer auch tatsächlich gibt.
das Barrio Boutik hostal im Herzen der Stadt in der Carrer del Carmen ist ein Beispiel für eine familiäre und individuell eingerichtete Unterkunft mit zentraler Lage.
Buchen lässt sich diese und andere Unterkünfte über das Portal

www.booking.com

Wer in das Umland möchte kann dies entweder mit der Tram direkt aus Alicante heraus tun oder sich ein Auto mieten am Hauptbahnhof.
hier empfiehlt sich vor allem die Autovermietung Enterprise Car Rental die durch ihre Zuverlässigkeit und ihre Seriosität eine unkomplizierte Auto-Miete ermöglicht.
www.enterprise.de/alicante/rent-a-car

Stadtführungen sollte man direkt über das Portal von Alicante Tourismo buchen und hier auf die offiziellen Stadtführer achten.

Diese Reise wurde durchgeführt mit freundlicher Unterstützung von Alicante Turismo
www.alicantetourismo.com

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