Rom, das Menetekel der Möwe

Blick zurück zum Colosseum

Der Flug war normal. Man muss das sagen, weil in diesen Tagen fast nichts normal ist. Mit der Maske auf Mund und Nase reisten wir nach Rom. Und nichts passierte. Fiebermessen, ohne dass man es merkte, nichts Aufregendes zu vermelden.

Foto: Blick zurück zum Colosseum

Rom präsentiert sich leer. Von unserem Apartment aus, das mitten in der Altstadt liegt, gehen wir die wenigen Schritte zur Piazza Novana. Sie ist weitgehend ohne Besucher. Die Verkäufer von in die Luft zu schießendem, buntem Schund vertreten sich die Füße. Im „Tre Scalini“ brauchen wir nicht mehr zu warten, um mit köstlicher Eiscreme bedient zu werden. Auf der Piazza della Rotonda vor dem Pantheon finden wir unbeschränkt Platz, um uns mit unserem Moretti-Bier gemütlich hinzusetzen. Das gab es noch nie! Drinnen bewachen, wie üblich, die Ritter des Malteser-Ordens die königlichen Gräber.

Am nächsten Morgen dann die nächste Überraschung. Ein Geschrei weckt uns. Gewohnt an das Gurren der römischen Tauben, an die liebliche, weil vertraute Melodie eines Krankenwagens im Einsatz, reagieren wir geradezu erschreckt. Dass die Möwen sich in der Stadt breit gemacht haben, das war uns bekannt. Aber jetzt haben sie die Stadt geradezu erobert. Unsere Vermieter, Cinzia und Corradi, werden uns am Abend sagen, dass sie Angst um ihre kleine Bulldogge haben, dass es keine Tauben mehr gebe, dass Hunde und Katzen bedroht seien. Nicht nur, dass die Wirtschaft am Abgrund stehe, ihre Kinder keine Einnahmen mehr hätten, ihre eigenen Mieterlöse weggebrochen sein. Auch noch die Haustiere! Eine Apokalypse! Wir hören der Möwen Gekrächze, von dem die einen sagen, es klinge wie Hundebellen, andere wie Babygeschrei. Unser Eindruck ist, es klingt, als hätte man einen Käfig voller Narren unter Starkstrom gesetzt.

Natürlich gehen wir der Sache nach. Denn selbst der  Vatikan sieht sich an das Gebot von Franziskus  von Assisi nicht mehr gebunden. Dieser sah in den Tieren „die Weisheit des Schöpfers, dessen Macht und Güte“, sein Namensbruder Papst Franziskus sieht in ihnen, jedenfalls den Möwen, einen Feind, der den schönen Marmor in seinem Stadtstaat verkote und den er mit einer Laserwaffe loswerden will.

Am Abend, als wir mit Cinzia und Corradi in der Via degli Ammiragli ein Lokal aufsuchen, sehen wir, was der heutige Franziskus Finsteres befohlen hat: Ein grüner Strahl huscht über die Fassaden der Stadt, über die Basilika.

Er soll Larus michahellis, die Mittelmeermöwe, verscheuchen. Dabei ist sie mein Lieblingstier: Eleganter Flug, stolze Haltung, edles Weiß, mächtiger Schnabel, große Spannweite der Flügel. Und ein Überlebenskünstler, dem alles, was essensmöglich auf seinen Tisch kommt, recht ist.

Gut, Franziskus sieht es anders. Aber auch die Römer haben ihre eigene Meinung dazu. Für Cinzia und Corradi und  vermutlich viele andere, und das sind nicht nur Hunde-, Katzen- und die Liebhaber der nicht mehr vorhandenen Tauben, sind die Möwen ein Menetekel. Ein Zeichen der Corona-Zeit. Die Möwe plündert Müllsäcke, so wie die Armen der Stadt es tun, sie nistet unter den Dächern der Gotteshäuser, aber auch dort, wo die Ärmsten der Armen eine Zuflucht suchen. Gäbe es den Müll nicht, und hätten die Obdachlosen, zumeist Migranten oder Zugezogene aus Rumänien, eine Unterkunft statt ihrer in die Hunderte gehenden „micro-campi abusivi“, gäbe es keine Plage. „Die einzige Lösung für die Möwenplage wäre eine saubere Stadt”, sagt Fulvio Fraticelli, römischer Ornithologe.

Beamte des Vatikans erinnern dagegen an ein Ereignis im Januar 2014, als eine Möwe begleitet von einer Krähe über zwei Tauben herfiel, die Papst Franziskus anlässlich des Angelus-Gebets freigelassen hatte. Waren die Raubvögel, die sich auf die Friedenstauben stürzten, Ausgeburten der Hölle? So fragen sich konfessionelle Blätter.

Die Antwort ist nicht in der Bibel zu finden, eher bei der Bürgermeisterin von Rom, Virginia Raggi, die schon vor ihrer Wahl im Jahre 2016 die Lösung der Müllprobleme versprach, aber gegen die „Mafia Capitale“, der zur Zeit der Prozess gemacht wird, versagte.

Heute, am 29 September 2020, als die Bürger Roms ängstlich auf konstant steigende Infektionszahlen und neue Hotspots, „focolai“ starren, weiht der abstürzende Stern der Partei „5 Stelle“ eine Beleuchtungsanlage eines öffentlichen Gartens in San Basilio ein. Dort wollte der Sänger Maurizio Mattioli ein Lied darbringen, wurde aber von Anhängern verscheucht, die lieber „la Raggi” hören wollten. So etwas macht Schlagzeilen. Zur gleichen Zeit wird laut in den Tageszeitungen beklagt, dass die Blumenbeete an der Piazza Venezia verrottet sein. Kein Wunder, denn die Mafia Capitale hat das für die Pflege der öffentlichen Anlagen bereitgestellte Geld für sich verwandt.

Wir besuchen die traurige Stätte vor dem Monumento Nazionale a Vittorio Emanuele II und finden eine Baustelle vor, so dass man die einstigen Anlagen nicht mehr erkennen kann. Weiter laufen wir zur Terrazza Caffarelli, Treffpunkt der römischen Jugend, nicht mehr weit ist es zum Forum Romanum. Dort bei einem Cappuccino in einem Café lesen wir, dass ein Bezahlsender eine Serie „Romulus“ in der Regie von Matteo Rovere über die Entstehung Roms plant.

Das ist versöhnend, damals lag kein Müll auf den Straßen, die Tempel und Paläste, auch das Collosseum wurden ausreichend gefegt. Und die Möwen fraßen brav am Strand von Ostia ihre Fische.

So soll es wieder sein. In Fiumicino, dem Flughafen von Rom, fragen wir in unserer Rückflugs-Maschine einen Verantwortlichen, ob Möwen eine Bedrohung für die Sicherheit unserer Reise seien. „Nein“, lautet die Antwort, „die sind doch alle in Rom, hier an der Küste gibt es für sie nichts mehr zu fressen. Das Meer ist leer.“

Geschrieben von
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