Norwegen: das automatisierte Schnäppchen

Da wird selbst ein schwimmender Riese klein

Ein Schnäppchen. Natürlich, Norwegen ist für Reisende ein Schnäppchen. Man fliegt von München aus direkt etwa 2 Stunden 30 Minuten, über Hamburg, Dänemark und dann übers Meer. Zu einem Preis bei Norwegian von 86 Euro pro Person hin und zurück. Nach Hamburg, nicht einmal die Hälfte der Strecke, ist es deutlich teurer. Auch das Hotel HTL Karl Johann, fußläufig zum Hauptbahnhof, zum Regierungssitz Stortinget, zum Rathaus und damit zum Wasser, den Inseln und der neuen Hafencity, noch relativ preiswert, 94 ,50 Euro die Nacht, in kleinen, aber sehr modernen Zimmern. Da der Tag im Sommer sowieso 19 Stunden hat, lohnt es sich auch nicht, viel Geld für die Nacht zu investieren.

Blick auf Osloer Rathaus und Hafen
Blick auf Osloer Rathaus und Hafen

Doch jetzt hört das Schnäppchenhafte ziemlich abrupt auf. Ein Bier, über den Wein wollen wir nicht reden, 0.4 Liter nicht unter 10 Euro. Meckere noch einer einmal über die Maßpreise zum Oktoberfest! Dafür gibt es Leitungswasser umsonst. Aber ein Gericht mit der Vorspeise Soufflé solaire à l´eau naturel und dem Hauptgericht Steak vom Wasserbüffel ohne Büffel wird nicht angeboten. Essengehen in Oslo ist sündhaft teuer, wenn man nicht in das Ausländerviertel ausweicht, das aus irgendwelchen Gründen bei den Reiseführern in print oder online angesagt ist, und sich dort eine Pizza bestellt, die sich vom Döner und vom Burger nicht einmal durch den Geschmack unterscheidet. Wir haben davon und dann von dem ganzen Viertel Abstand genommen. Wenn man, in zentraleuropäischen Maßstäben gemessen, anständig essen will, muss man zu zweit 100 Euro investieren, wobei die krummen Preisangaben in Kronen überraschen, als wäre da sorgfältig kalkuliert worden. Vermutlich aber will man dem Gast nur die Umrechnung in Euro erschweren. Abgerundeter Kurs: 1 NOK = 0,116575 EUR. Es ist übrigens eine Mär, dass man „überall in Euro zahlen könne“. Die Kollegen , die das schreiben, sind vermutlich nicht auf eigene Kosten hier. Dann erlebt man in der Tat ein anderes Norwegen. Man kann allenfalls den auffallend vielen Bettlern einen Euro zustecken. Das sind alles Ausländer, denen man vermutlich das Konto leergesaugt hat und die jetzt auf der Straße liegen. Oder die nie ein Konto hatten.
Denn das ist eine norwegische Spezialität: Online zahlen. Und zugleich sorgt Oslo, und wie wir später feststellten ganz Norwegen, dafür, dass die Heimat nicht Abstand von dir nimmt. Denn da alles, bis auf die Klofrau, mit der Karte online bezahlt wird, kriegst du alle Naselang in den Kästchen, in die du den Ermächtigung-zur-Abbuchung-Code eintippst, die Nachricht auf Deutsch, dass deiner Bitte um Zahlung entsprochen wurde. Während du also in Norwegen bist, ist Norwegen auf deinem Konto und räumt es ab. Und deine heimische Bank holt sich mit der fälligen Gebühr auch noch ihren Anteil. An einen solchen Coup hätten nicht einmal die räuberischen und einfallsreichen Wikinger gedacht.

Einen vielleicht noch größeren Abzock-Coup als in der Wirtschaft erlauben sich die Nachfahren der Wikinger mit den Autos. Wer einen Wagen mietet, dies zu durchaus mitteleuropäischen Preisen, hätte eigentlich da schon Verdacht schöpfen müssen. In Oslo – und wie ich feststellen musste auch im Rest des Landes – überfällt ihn die pure Raffsucht der Stadt. Überall steht „sone“, was auf Deutsch Zone heißt. Halteverbotszone in aller Regel. Also zahlt man als leichte Beute, erwischt wird man immer, 500 Kronen, das sind bald 60 Euro, für einen Euro bekommt man rund 8 Kronen. Sucht man sich ein Parkhaus, zahlt man pro Stunde 10 Euro, soviel wie für ein Bier. Bei der Tourismusinformation am Bahnhof fragten wir, nachdem uns das Hotel HTL sagte, man hätte „nur zehn eigene Parkplätze“ (warum wohl?) wo man denn in Oslo sein Auto parken könne. „Entweder Sie kaufen sich einen Oslo-Pass, dann parken Sie kostenlos auf gekennzeichneten öffentlichen Plätzen, oder parken außerhalb der Stadt und fahren dann mit der S-Bahn zurück.“ Eine sichere Sache wäre vermutlich gewesen, das Auto beim Autoverleiher am Flughafen zu parken und mit der Bahn in die Stadt zu fahren. Denn wir fanden nirgendwo öffentliche Parkplätze und auch außerhalb der Stadt in S-Bahn-Nähe nur Schilder „Parkering Forbudt“. Selbst in Wohngegenden gab es nur reservierte Parkplätze. Vermutlich ist es der Situation am Starnberger See vergleichbar, wo es leichter ist, ein Boot zu kaufen, als einen Liegeplatz zu bekommen. Wir parkten die zweite Nacht nicht in einer „Sone“, sondern in einer ruhigen Wohnstraße. Das Ergebnis: 500 Kronen Strafe. Die spinnen die Norweger, nachts durch schlafende Straßen zu ziehen, oder der Norwegen kann wegen der Helligkeit nicht schlafen, er schleicht durchs Viertel auf der Suche nach verboten parkenden Autos, und das Unwesen der Denunzierung blüht.

Farben, Licht und Luft
Farben, Licht und Luft

Auf der Autobahn durchfuhren wir automatische Mautanlagen. 9 Kronen sollten einmal abgebucht werden. Und später signalisierten grün aufleuchtende Kreuze vor den zahlreichen Tunneln, dass erfolgreich Maut in welcher Höhe auch immer abgebucht wurde. Woher haben die meine Kontonummer? Vom Autoverleiher? Oder buchen die bei ihm ab und er stellt es mir in Rechnung? Da bin ich aber mal gespannt. Und was machen die mit einem Dänen oder sonstigen Ausländer, dessen Bankverbindung sie nicht kennen oder der überhaupt kein Konto hat? Zahlt das die Botschaft? Im Prinzip ist das aber eine Idee, die sich Herr Dobrindt mal durch den Kopf gehen lassen sollte. Er wollte ja schon das Scannen auf Mautstrecken einführen. Hier könnte der Verkehrsminister nun einige Fliegen mit einem Scan schlagen. Die norwegischen Nummernschildundmautabbuchungsleser, beispielsweise in München am Luise-Kisselbach-Tunnel eingesetzt, würden aus dem Kisselbach einen Geldstrom machen. Oder man nimmt Strecken her, welche die straßenräuberischen Österreicher ärgern, etwa die Verbindung zwischen Rosenheim und Kufstein bzw. Salzburg. Da bei allen Nummernschildbesitzern abgebucht wird, wäre es auch europakonform. Zugleich bekämen nur die eine Autozulassung, die ein belastbares Konto haben, jeder Kfz-Halter wäre erkenn- und abkassierbar. Ja, die Norwegen sind schon clever und man sollte sie als beispielshaft loben. Datenschutz hilft eh nur den Gesetzesbrechern. Dumm wurde es mit dem Abbuchen nur, als in Bergen die Schranke des Parkhauses überraschend die Ausfahrt verweigerte, wir dachten schon, das Konto wäre blank. Und da im verautomatisierten Norwegen auch kein Nothilfemensch zugegen war, mussten wir in einem Hotel unseren Stille-Reserve-500-Kronen-Schein wechseln lassen, wobei in Bergen die Nacht für das gemietete Auto mit 200 Kronen vergleichsweise geschenkt war. Es gibt Situationen im Leben, gerade dem eines Nordlandfahrers, da wünschte man sich, man hätte eine fremde Kreditkarte. Ständig hat man das Gefühl, einer flanschte den Stutzen einer Dehydrieranlage an das eigene Konto. Unseres war, wie sich später herausstellte, zum Glück noch nicht erschöpft.
Dabei scheinen die Einwohner Oslos, jedenfalls tagsüber, reizende Menschen zu sein, sie sind hilfsbereit, freundlich, wirken entspannt und modern. Auch Männer schieben Kinderwagen, und sie sind eben sehr technikaffin und datenschutzlocker. In dem Hotel HTL war die Rezeption nicht größer als ein Quadratmeter, ein Laptop drauf, der die Buchungen regelt, ein Prägefeld für den Schlüssel zur Selbstbedienung und beim Auschecken wirft man den Schlüssel in eine Kiste, die Bezahlung hat sich das Hotel längst vorab vom Konto gesaugt. Nur beim Frühstück wird von einer Angestellten kontrolliert, dass sich ja kein Nichtabgesaugter einen Kaffee zapft.

Und eine rote Hütte ist immer nah
Und eine rote Hütte ist immer nah

In den Museen legt man die Oslo-Card auf einen Scanner und erledigt ist der Eintritt, in den öffentlichen Verkehrsmitteln wartet man, bis der Kontrolleur kommt. Wir erlebten keinen, aber vermutlich sind die Strafen für Schwarzfahrer so drakonisch, dass die Kontrolleure inzwischen arbeitslos weil überflüssig geworden sind. Die Norweger, die sich der Obrigkeit datentechnisch nackt präsentieren, haben natürlich auch eine entspannte Beziehung zur körperlichen Nacktheit. Der Vigeland-Park mit seinen unzähligen Skulpturen dürfte bekannt sein, und während in Deutschland längst eine Diskussion darüber entbrannt wäre, ob unbedeckte Geschlechtsteile mit unserer Willkommenskultur in Einklang zu bringen ist, sind sie dort die Attraktion für selfieverliebte Touristen aus aller Welt und aller Religionen. Mehr als 200 Skulpturen umfasst das Lebenswerk des Bildhauers Gustav Vigeland. Vermutlich war es eine geniale Idee, sie alle an einer Stelle außerhalb des Stadtzentrums zu sammeln. Im Munch-Museum sitzen Schulklassen brav auf dem Boden unter den Fotografien der von Aids gezeichneten Gemächte des Fotografen Robert Mapplethorpe und seiner Partner aus der Sadomaso-Subkultur der Schwulenszene. Ihm ist – warum auch immer – eine gemeinsame Ausstellung mit Edvard Munch gewidmet. Dass man Munchs Bilder in einem Haufen von Penissen untergehen lässt, wird dem grandiosen Norweger nicht gerecht. Zumal auch die Homosexualität und der Respekt vor ihr nicht zu den Treibern seines künstlerischen Schaffens zählen. Die beiden Schrei-Bilder des Museum sind im Keller archiviert. Dabei hätte ich gerne meine eigene Interpretation überprüft: Der Mann auf der Brücke sieht einen freien, erlaubten Parkplatz.
Aber das ist meine persönliche Meinung, und was die Gemeinschaftsausstellung mit Mapplethorpe angeht, der Kurator muss wissen, was er tut. Ebenso die für die Schulklassen verantwortlichen Lehrer. Bei der nächsten Ausstellung Jasper Johns und Munch ab 18. Juni wird man diese Probleme nicht haben. Johns ist ein Vorläufer der amerikanischen Pop-Art der sechziger Jahre.

Keine Angst vor nackten Figuren
Keine Angst vor nackten Figuren

Da Oslo eine überschaubare Stadt ist, erreicht man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, die zudem kommen, wann sie sollen, alle Attraktionen. Das gemietete Auto ist hier wirklich ein teurer Klotz am Bein. Was man sich ansehen will, kann sich jeder nach Geschmack aussuchen. Man kann sich einen Tag lang mit den Museen, Fram-, Norsk Folke -, Ibsen-, oder dem Norges Hjemmefrontmuseum Museum befassen, das die Zeit unter deutscher Besatzung eindringlich schildert. Man kann dem Opernhaus aufs Dach steigen, einige Säle des Königspalastes oder die Festung Akershus besuchen. Und man kann Touren durch die Umgebung der Stadt machen, etwa zum Holmenkollen.
Übersichten und detaillierte Informationen erhält man überall, zur Not im Internet. Wir nutzten die Oslo-Card um mit dem Linien-Boot eine Insel-Tour zu machen und besuchten Hovedöya, Lindöya, die wir von Ost nach West durchwanderten, und Nakkolmen. Natürlich ist es chic, mit dem Drei-Mast-Segler hinaus in den Oslofjord zu schippern und sich ein – jedenfalls preislich – fürstliches Gefecht am Buffet zu liefern, wir fürchteten indes die Kontosperrung in der Heimat. Mit dem kostenlosen Boot zu den Inseln zu fahren machte zwar nicht satt, war aber mindestens so schön wie in eingeengter Gesellschaft sich die Getränkekosten abbuchen zu lassen. Obst in den Supermärkten ist übrigens kaum teurer als bei uns.
Da wir aber das Auto nun mal hatten und wir die ganzen Tage nicht in Oslo verbringen wollten, machten wir Touren ins Umland oder ins Herz von Norwegen, wo immer man das verortet. Norwegen ist wie ein Kontinent mit vielen Ländern, und jeder kann seine eigene Expedition unternehmen. Nur sei vor der bedingungslosen Hingabe an seinen Navi gewarnt. Für die Fahrt nach Bergen erhielten wir fünf unterschiedliche Variationen von 3 Stunden 30 bis 8 Stunden und einen gigantischen Umweg, der uns eine Stunde kostete. Da das Nordlicht nicht leuchtete, nehme ich an, dass es ein Softwarefehler war. Eine klassische Landkarte sollte man daher unbedingt zur Kontrolle mitführen.
Wir wählten zuerst eine Exkursion nach Stavern zu den südlichen Fjorden, was sich als gut erwies. Das Hotel verlangte zwar zusätzlich zum Zimmerpreis einen „Linnen“- Aufschlag, weil man vom Zimmer-Vermarkter so „ausgepresst“ würde, aber solange noch gesaugt werden konnte, so lange waren wir tolerant.

Wo die Berge ins Meer fallen
Wo die Berge ins Meer fallen

Dann machten wir uns nach langer Beratung von sämtlichen Navigations-Instrumenten und Softwaren mit Hilfe der Karte auf die Fahrt nach Bergen. Es dauerte – reine Fahrzeit – bestimmt sechs Stunden. Allerdings muss man die Zeit hinzunehmen, die wir ausstiegen und fasziniert die Bilder in uns aufnahmen. Fjorde, tiefblaue Seen, so sauber, dass sich der Hintergrund in ihnen spiegelte, als sei es eine Fotografie, mächtige Berge, reißende Ströme, beschauliche Städte, endlose Wälder aus Tannen, Kiefern und Birken, verschneite Hochebenen, krüppelige Birken, vereiste Wasserflächen, aus Holzhäusern bestehende Siedlungen mit Dächern voller Moos und Wiesen, die Wintersportler und Wanderer aufzunehmen. Und im ganzen Land als beruhigendes Zeichen, in einem zivilisierten Land unterwegs zu sein, die Hütten in dem überall gleichen rostigen Rot.

Und das Ende Mai
Und das Ende Mai

Wen es interessiert: Unsere Tour führte von Stavern nach Bergen über Skien, am Norsjö-Fjord entlang bis nach Seljord, dann immer die E 134 entlang, bis wir in Skare auf die E 13 abbogen, die wir in Odda verließen, um in Jondal die Fähre über den Hardangerfjord zu besteigen und Bergen zu erreichen. Von Bergen zum Osloer Flughafen zurück nahmen wir erst die E 13, um zwischen Granvin und Eidfjord den Stavangerfjord auf einer Brücke zu überqueren. Dann brachte uns die E 7 über Geilo nach Hönefoss, wo wir auf die E 16 zum Airport Gardemoen schwenkten.
Es gibt natürlich noch andere Routen durch den Südteil des Kontinents Norwegen, im “Spiegel” wurde mal von Oslo nach Bergen die “Riviera des Nordens” und auf dem Rückweg die “Abenteuerstraße” empfohlen. Jede Anregung sollte, wenn die Tour nicht vorgeben ist, in die eigene, individuelle Planung einfließen. Der unglaubliche Genuss einer unglaublich vielseitigen und unbeschädigten Natur ist in jedem Fall der reichliche Lohn, ein Schnäppchen eben.

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