Neuer Roman von Reise-Stories Autor!

VON REISE-STORIES NEWS-REDAKTION ///
Unser Gesprächspartner heute: Hans-Herbert Holzamer (74) lebt mit seiner Frau in Gräfelfing, die drei Kinder sind aus dem Haus. Journalist und Schriftsteller, er legt nun einen neuen deutsch-italienischen Roman vor, das Ergebnis von vielen Recherche-Reisen. „Mafalda, der zweifache Tod einer italienisch-deutschen Prinzessin“.

ISBN 978-3-942138-65-9, GRÄV-Verlag 2020, Preis: 18,90 Euro.

 

Sie haben 34 Reisen gemacht, um einer Toten nachzuspüren?
Ja, nicht genau 34, aber ungefähr.

Und haben Sie sie gefunden?

Ich wollte sie nicht finden.

Sondern?

Die Antwort auf einige Fragen wollte ich finden. Vielleicht darf ich in einem Zusammenhang antworten?

Gerne.

Als ich für das Buch „Zerrissene Leben“ recherchierte, stieß ich in Buchenwald…

Im KZ?

Ja, auf eine Prinzessin von Savoyen und Hessen, namens Mafalda.

Wo genau?

Auf einer Gedenktafel, die ein italienischer Präsident im Krematorium hatte anbringen lassen, für die „sorella italiana“. Aber das stimmte nicht. Mafalda fühlte sich nicht als italienische Schwester, sondern als Deutsche und war dies gerne, wie sie sagte. Sie war mit einem Prinzen von Hessen verheiratet, hatte vier Kinder, die Tochter lebt noch. Und Mafalda wurde auch nicht im Krematorium verbrannt.

Wieso kennt die hier niemand?

Das ist genau der Punkt. Ich wollte mit dem Fürstenhaus der Hessen reden, aber es lehnte ab. Das machte mich neugierig. In einer Fernsehsendung der italienischen RAI hörte ich den Satz ihres Sohnes Moritz, man wollte über Mafalda „kein Wort mehr hören“, neanche una parola. Ja, dann fing ich an zu recherchieren. Ich schrieb wieder Briefe und Mails und bekam zur Antwort, man wünsche nicht, dass ich über sie schriebe.

Aber warum nicht, Mafalda ist seit mehr als 75 Jahren tot?

Ja. Sie starb in Buchenwald, bei einem Bombenangriff, dem auch der SPD-Abgeordnete Breidscheid zum Opfer fiel. Sie hausten in der gleichen Baracke, suchten im gleichen Graben Schutz.
Der Mann, nach dem der Breidscheid-Platz in Berlin benannt wurde?
Ja, der. Er bekam ein Denkmal, sie, die als „Frau von Weber“ von Rom nach Buchenwald verschleppt wurde, erhielt in Weimar ein Grab als unbekannte Frau, und dies nur, weil ….

Sie werden das ganze Buch jetzt nicht erzählen.

Nein, aber nur so viel, ich ging auf Reisen, weil ich wissen wollte, warum man sie in Deutschland totschweigt, sie ein zweites Mal sterben lässt.

Heißt deswegen Ihr Buch „Mafalda, der zweifache Tod einer italienisch-deutschen Prinzessin?

Ja.

Und haben Sie Antworten bekommen?

Ja. Erwartete und überraschende.

Aber Mafalda starb 1944. Wer kann da noch reden?

Die Orte ihres Lebens und ihres Leidens sind noch da. Geschichte stirbt nicht.

Aber alle Zeitgenossen sind tot.

Ja. Aber sie haben zu Lebzeiten geredet, und das habe ich verwendet. Und dann traf ich auch lebende Menschen, die mir Auskunft gaben. Obwohl es ein Roman ist, keine Figur wurde erfunden.

Wo führten Sie Ihre Recherche-Reisen hin?

Nach Weimar, Rom, Bühl, Capri, Padua, Berlin. Viele Orte habe ich besucht.

Kann man sagen, Sie haben Vergangenes in die Gegenwart geholt?

Das tut doch jede Erinnerung. Sie versucht eine Versöhnung dessen, was war, mit dem, was ist.

Das stellen wir uns kompliziert vor beim Stand der Beziehungen zwischen Deutschland und Italien.

Ja, und es ist komplizierter als man vermutet. Weil es unterschiedliche Narrative gibt. Insofern ist Mafalda, die Tochter eines italienischen Königs und Frau eines führenden deutschen Nationalsozialisten, ihr Mann Philipp rangierte bei den Alliierten auf Platz 56 der NS-Verbrecher, ein Symbol.

Das hätten wir gerne genauer.

Einverstanden. Es gibt das private Narrativ, eine liebevolle Tochter, eine verständnisvolle Ehefrau, Philipp war bisexuell, eine aufopferungsbereite Mutter, eine furchtlose Frau bis in den Tod. Dann zwei politisch-historische Narrative. Bis zum 8. September, dem Tag des italienischen Waffenstillstandes mit den Alliierten, die Geschichte des imperialen Italien mit Landgewinn im Balkan, in Afrika. Und selbst für Spanien war ein König aus dem Haus der Savoyer vorgesehen. Darüber redet man nicht mehr.

Das wussten wir nicht.

Dann das Narrativ für die Zeit der deutschen Besetzung. Italien als Opfer, die Helden im Widerstand. So finden Sie das auch in italienischen Biografien Mafaldas. Das ist bis auf den heutigen Tag die gültige, allgemeine Darstellung in Italien: Der Krieg beginnt am 8. September 1943, mit dem Waffenstillstand mit den Alliierten.

Vielleicht waren die Hessen deswegen so sauer, dass sie sagten: kein Wort mehr.

Lesen Sie das Buch!

Aber was ist denn nun wahr?

So banal es klingt, jeder hat seine Wahrheit, selbst ein wissenschaftliches Buch könnte keine absolute Wahrheit schaffen. Deshalb biete ich in einen Roman zusammengefügte Reisereportagen. Philipp wurde nach mehreren Verfahren als Mitläufer eingestuft. Was Hitler mit ihm verband, basiert auf Gerüchten. Lernten sie sich am Kreuz von Bühl kennen? Warum wollte Göring auf Capri die Villa von Axel Munthe kaufen? Gehen Sie mit dem Buch auf Reisen, auch wenn ich gelegentlich vor versperrten Toren stand, es wird sich Ihnen einiges eröffnen.

Dann verraten Sie wenigstens, was aus der Prinzessin wurde.

Jetzt ist Mafalda in der Kronberger Burg auf einem Friedhof eingesperrt, den niemand ohne Erlaubnis betreten darf.

Sie nennen sie ein deutsch-italienisches Symbol? Das heißt, Sie denken über Ihr Buch hinaus?

Ja, das tue ich.

Und wenn jemand aus dem Hause Hessen sein Schweigen brechen würde?

Damit rechne ich nicht.

Und wenn doch?

Ich würde mich freuen, würde anregen, den Friedhof mit dem Grab Mafaldas für die Öffentlichkeit zu öffnen und mich bei der Initiative eines Denkmals auf dem Frauenplan in Weimar zu unterstützen.

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