Nach Halle zu Händel, eine wahre Reise-Story

Fast immer ist eine Reise-Story eine Geschichte über das Ziel der Reise, die angestrebte Destination, das Hotel, der Ort, das Land. Die Reise selbst kommt in dieser Story selten vor. Dabei ist der Weg doch das Ziel, und die Reise oft auch die Story. In diesem Beitrag hier gilt das besonders. Denn das Ziel, die Händel-Festspiele in Halle, kommen in ihm allenfalls am Rande vor. Dafür gibt es demnächst eine eigene – Story.

Diese Geschichte dreht sich nur um die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln und diese mit dem Deutschland-Ticket zu 49 Euro pro Monat. Dieses ist zwar noch nicht in aller Taschen, aber in aller Munde. Und die Politiker loben es und sich als umweltfreundlich, volksnah und der Zukunft zugewandt.

Meine Reise begann in einer beschaulichen Gemeinde südlich Münchens, die aber mit einer S-Bahn an die bayerische Landeshauptstadt angeschlossen ist. Also alles auf Start, hinauf zum Bahnsteig. Dort eine Ansage in Dauerschleife. „Diese S-Bahn fährt nur bis Pasing. Die Stammstrecke ist gesperrt.“ Das hieß, der Zug, der mich bis Hof in Nordbayern bringen sollte und der am Hauptbahnhof abfuhr, war nicht erreichbar. Zum Glück habe ich eine Frau und die ein Auto und ein Handy, und so brachte sie mich nach meinem Notruf zur nächsten U-Bahn-Station in Großhadern. Diese U-6 fährt zwar nicht zum Hauptbahnhof, aber zum Sendlinger Tor, von dort fahren mehrere U-Bahnen zum Hauptbahnhof. Leider ist die U-Bahn-Haltestelle Sendlinger Tor eine der zahlreichen Münchner Dauerbaustellen, an der sich täglich die Wegführung ändert, ohne dass es wesentliche Baufortschritte gibt. Doch ich erreichte eine U-Bahn und im Schweinsgalopp auch den Zug nach Hof, obwohl es auf der U-Bahnstation keinen Hinweis gab, in welcher Richtung die Fernzüge zu finden wären. Ich lief instinktiv in die richtige Richtung, sprang in den ersten Wagen – und hatte sogar einen Sitzplatz.

Die Strecke nach Hof kenne und liebe ich, sie führt über Regensburg knapp am böhmischen Bäderdreieck vorbei, vermittelt einen Eindruck von der Größe und Schönheit Bayerns – und der Regionalpunkt war pünktlich. In Hof stieg ich um in den Regionalzug nach Zeitz, der fuhr pünktlich ab. Aber er füllte sich von Station zu Station bis zum Platzen, weil ein vorherfahrender Zug nur mit einem Triebwagen angetreten war und viele Reisende nicht mitgenommen wurden, daher zwei Stunden warten mussten, darunter eine Schulklasse aus Leipzig, die aus dem Schullandheim kam, und deren Lehrerin mir ihr Missgeschick erzählte. Der Zug wurde so voll, dass er nicht nur 25 Minuten Verspätung ansammelte, sondern auch die Schaffnerin nicht mehr durchkam, die – vielleicht – über ihre Einsatzleitung den nächsten Zug, den ich nehmen musste, von Zeitz nach Weißenfels hätte bewegen können zu warten. Tat der aber nicht (um zwei Minuten), so verlor ich eine Stunde, gewann aber ein fröhliches Gespräch mit dem Schaffner, der mir Stories (sic) aus seinem beruflichen Alltag erzählte, deren Charme die Verspätung locker wettmachen. So darf er keine Betrunkene in den Zug lassen, wenn sie aber ohne seine Kenntnisnahme eingestiegen sind, darf er sie nicht mehr hinauswerfen. Bis zu neun Fahrräder sind willkommen (Achtung: nicht überall erlaubt das Deutschland-Ticket die Mitnahme von Rädern). Aber es dürfen keine E-Bikes sein. Die sind wegen ihrer (gefährlichen) Batterien verboten. Und steht ein Kinderwagen vor der Zugtür, muss ein Fahrrad (über den erlaubten 9) wieder raus. Steht alles in den Dienstanweisungen der Bahn, die der gesprächige und freundliche Schaffner aber mit „Fingerspitzengefühl“ befolgt. Von Weißenfels nach Merseburg kam ich ohne Probleme, und von dort mit dem Bus nach Bad Lauchstädt. Dort wollte ich übernachten, weil ich am Folgetag eine Veranstaltung im dortigen Goethetheater besuchen wollte. Bad Lauchstädt hat zwar einen (Schienen)-Bahnhof, aber der hat keine Funktion mehr, die Gleise sind überwuchert. Das ist ein Eindruck, der mich die ganze Fahrt begleitete: Auf dem oder neben dem Bahngelände verfallen die Liegenschaften, während die Innenstädte selbst regelmäßig liebevoll restauriert sind. Der Grund kann vermutet werden: Da die Bahn und ihr Grundbesitz privatisiert wurden, regiert dort das Gewinnstreben. Und wenn sich Investitionen nicht lohnen, wird auf Verschleiß gefahren. Bad Lauchstädt wurde einst von der Burgenlandbahn stündlich angefahren, dem industriellen Niedergang der Region folgte die Einstellung des Bahnbetriebes und der Ersatz durch eine Buslinie. Das Bahnhofsgebäude wurde zum Wohnhaus umgebaut. Geblieben ist nur eine Bushaltestelle „Bahnhof“. Was allerdings nicht ausschließt, dass, wenn die Region sich wiederbelebt – und dafür gibt es in Beuna und Bitterfeld deutliche Anzeichen, dass dann öffentliche Hilfen in Anspruch genommen werden, um die ursprüngliche Situation wiederherzustellen. Neben der Station „Bahnhof“ gibt es eine „Markt“ und eine Haltestelle „Theater“. Wichtig zu wissen ist, dass, wenn man wie ich – zum Glück reichte die Zeit, um mich in die Premieren-Garderobe zu schmeißen – weiter nach Halle will, dass es nicht genügt, im Internet nach der Verbindung Bad Lauchstädt – Halle zu suchen, sondern man muss schon einen der drei Bahnhöfe angeben, sonst kann man in Goethes „italienischem Sachsen“ (Eigenwerbung) mit Zitronen handeln.

Aber ich schaffte es zu Serses und wusste, dass ich um 22:55 Uhr am Franckeplatz den letzten Bus zurück nach Bad Lauchstädt bekommen würde. Als ich dort zeitig eintraf, stand dort an der Bushaltestelle ein größerer PKW, den ich neugierig geworden fragte, wo er hin führe. Er wartete, so sagte der Fahrer, auf einen Fahrgast für eine Tour nach Teutschenthal. Er sei ein Ruf-Bus, und der nach Bad Lauchstädt sei auch ein Ruf-Bus, und ich hätte mich vor einer Stunde telefonisch anmelden müssen. Das hatte mir keiner gesagt. Und ich hatte auch keine Telefonnummer. Ich wartete also ziemlich ratlos auf die Abfahrtszeit, und langsam wuchs in mir die Überzeugung, dass eigentlich keiner der Verantwortlichen den öffentlichen Nahverkehr wirklich will, dass nur das eigene Auto die eigene Mobilität gewährleistet. Doch der Ruf-Bus nach Bad Lauchstädt kam, der Kollege hatte in der Zentrale gemeldet, dass da ein Einsamer mit Reisewunsch am Franckeplatz steht. Dass ich in Bad Lauchstädt nichts mehr zu trinken bekommen würde, war mir klar, dass die Rezeption des Hotels geschlossen wäre, auch, deswegen hatte ich ja nicht direkt nach Halle fahren können, weil ich den Zimmerschlüssel mitnehmen musste.

Nur in der Stadtkirche Bad Lauchstädts brannte noch ein schwaches Licht. Leider war sie verschlossen, ich hätte sie gerne betreten, denn drinnen spielte jemand virtuos auf der Orgel die „Improvisatie Over Psalm 8“ von Ronald de Jong.  Es war ein Tagesabschluss, wie er kaum schöner hätte sein können.

So weit, so gut. Am Samstag brachen meine Versuche, mit Öffis il Messia von Händel im Dom zu Halle zu besuchen, völlig zusammen. Es sollte zwar einen Bus der Festspiele vom Goethetheater nach der Vorstellung des Alessando Severo nach Halle geben, aber der war angeblich ausgebucht, und auch die Kollegen von der Pressestelle konnten mir keinen Platz besorgen. Der Custos des Theater meinte zwar, am Samstag ginge stündlich ein Bus vom Markt, aber er irrte. Also blieb die Taxe. Die Rufnummer, die mir der Ruf-Bus-Fahrer gegeben hatte, „was not assigned“, die nächste Firma hatte keinen Wagen frei, die nächste wollte erst ab Montag wieder arbeiten, aber die vierte angerufene Verbindung verwies mich per Anrufbeantworter zur Genossenschaft der Hallenser Taxler, die zwar nicht im Internet registriert ist, die aber schließlich erreicht werden konnte, und Andreas brachte mich hin zum Dom und holte mich anschließend auch wieder im „Gasthaus zum Schad“ ab.

Auf die Rückfahrt war ich nun besser vorbereitet. Um 6:30 Uhr brachte mich am Sonntag der telefonisch bestellte Ruf-Bus nach Merseburg, von dort der Zug  nach Halle. Ich hatte 3,50 Euro zu zahlen. Ob  das der Ticket-Preis war und ob mein Deutschland-Ticket auch für Ruf-Buse gilt, war mir egal. Ich hätte dem Frühaufsteller ohnehin dafür Geld gegeben, nur mich als Fahrgast nach Merseburg zu bringen. Und ich hatte auf den Einsatz des Deutschland-Tickets verzichtet und mir für 23 Euro ein Senioren-Fahrschein gekauft, weil er mich mit dem ICE ohne Umstieg nach München-Pasing brachte. Die S-6 vollendete die Reise, und zu den Bach-Festspielen im Juni werde ich wieder mit dem Deutschland-Ticket fahren, nach Leipzig mit Umstieg in Hof.

BU: Industrie-Ruine am Bahnhof von Weißenfels. Copyright: hhh

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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